Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 13 (27.3.1903)
- Date
- 1903-03-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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!ttr. 13 Vr Bloch's Wvchvnschrifk. Seite 203 Jetzt muß es sich ducken, jetzt muß es sich stellen, Jetzt treibt es zurück, jetzt treibt es voraus. Jetzt ist es nur noch ein Spielzeug der Wellen, Die Wasser verschlingen's und speien es aus. Es braust die See, auffliegen die Wogen, Es dampft und kocht und siedet der Grund, Blut will der höllische Sturm, der Mörder, Ein grausiger Abgrund reißt auf seinen Schlund. Und da sitzen im Zwischendeck zwei Männer, ruhig und stumm, sie schauen dem Tode furchtl.os in's Auge. Für sie hat die Erde kein Fleckchen mehr frei. Amerika treibt sie nach Rußland zurück. „Mag's stürmen und stürzen um uns her. — Wir sind verlorene, verlassene Juden. — Unsere brennende Wunde löscht nur das Meer/ Aber auch rein lyrische Gedichte finden sich in der Sammlung, in welchen der Dichter sich seiner Jugend erinnert und von längst entschwundenen Freuden spricht. Doch trotz der tiefen Düsterkeit der Poesien werden die Lieder des Ghetto jedem verständnißvollen Leser einen hohen Genuß bieten und als die Gabe eines großen Künstlers geschätzt werden, dessen Talent über alle Hemmungen triumphirend die Aufmerksamkeit einer Welt errungen hat. Correspondenzen. Moritz Karpeles. In der Nacht vom 18. auf den 19. d. M. ist Herr Moritz Karpeles, Chef der ehemaligen Firma Schenker und Comp., im 68. Lebensjahre verschieden. Der Verblichene, ein gebürtiger Ungar, gründete vor Jahrzehnten das Speditionshaus Karpeles und Hirsch, das später in die Firma Schenker u. Comp, aufging. Dieser Firma stand er durch 30 Jahre als Mitchef vor. Erst vor kurzer Zeit zog er sich ins Privatleben zurück. Dem Judenthume widmete Herr Karpeles seine innige Anhänglichkeit und Liebe. Er war Präsident der „Chewra-Kadischa", sowie der israelitisch-theologischen Lehranstalt und Vorstandsmitglied des Bethamidrasch. Der Verblichene, welcher der Schwiegervater des Directors des Wiener Bankvereins Herrn Felix Kuranda war, erwarb sich durch sein äußerst wohlthätiges Wirken die allgemeine Achtung und Anerkennung. Eine stattliche Zahl von Leidtragenden versammelte sich im Hause Nr. 8 der Ebendorferstraße, um dem Heimgegangenen das letzte Geleite zu Grabe zu geben. Der reich mit Blumen und Kränze geschmückte Sarg, in welchem die Leiche ruhte, war im Salon aufgebahrt und am Kopfende desselben stand die Witwe Frau Emma Karpeles mit ihren Kindern und den übrigen Familienmitgliedern. Unter den Trauergästen waren zu bemerken: Präsident Theodor Ritter v. Taussig, Herrenhausmitglied Generaldirector Hofrath Ritter v. Jeitteles, Generaldirector Hofrath Eger, Director Hofrath Ritter von Ullmann, die Bicepräsidenten des Rabbiner-Seminars Moriz Edler v. K u f f n e r und Reichsrathsabgeordneter Dr. Emil Byk, Hofrath Prof. Oser, Hofräth Prof. Pollitzer, Hofrath Felix Louis Raspi, Generalinspector Dr. Calligaris, Generalrath Friedrich Sueß, Regierungsrath Frankl, Hof- und GerichtsadvocatDr. Adolf Stein, Procurist Emil Horner vom Bankhause S. M. von Rothschild, Procurist Heinrich Wiedmann von der Firma Gebrüder Gutmann, die Bankdirectoren Moriz Bauer, Gustav Bunzl, Dr. Joly, Krasni, Rechnitzer und Otto Wiedmann, der Director vom israelitischen Blindeninstitute Heller, die Gemeinderäthe Dr. Mittler und Zifferer, Architekt Fleischer, die Bauräthe Ritter v. Goldschmidt und Stiaßny, Rittmeister Gustav Ritter von Dürfeld, die kaiserl. Räthe Alexander von Engel. Dr. S. Kohnberger, Wilhelm Pollak und Naumann Schefftel, die Industriellen Wilhelm Freyberg und Fcanz Ritter Regenhart von Zapory, der Präses des Tempelvereines in der Müllnergasse Gottlieb Bettelheim mit allen Vorstandsmitgliedern, ferner der Präsident der israelitischen Cultusgemeinde kaiserl. Rath Klinger mit den beiden Bicepräsidenten Dr. Stern und Dr. Gustav Kohn mit sämmtlichen Mitgliedern des Vorstandes und dem Secretär kaiserl. Rath Dr. Lieben, das Curatorium der Israelitisch-theologischen Lehranstalt mit dem Rector Prof. Dr. Adolf Schwarz, den Professoren Dr. Ad. Büchler, Hofrath Dr. D. H. Müller, Lector Friedmann, Profeffor Kellner und dem Secretär Ortsschulrath Josef Fuchs, der Vicepräsident der Chewra- Kadischa Dr. Markus Spitzer mit dem Schriftführer S. Heit rc. Nachdem Obercantor Singer unter Assistenz des Ersten Cantor Blatt und des Chorpersonales einen Trauerpsalm in ergreifender Weise zum Vortrage gebracht, hielt Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Schmiedl im Trauerhause an der Bahre des Verstorbenen folgende Trauerrede: „Der tiefe, mächtig erschütternde Eindruck, der alle Herzen durchbebte, als plötzlich die Schreckensnachricht die Stadt durcheilte: Herr Moritz Karpeles ist t o d t! — er kennzeichnet beredter als alle gesprochenen Worte die hohe Bedeutung und den großen unersetzlichen Werth des edlen, hochherzigen Mannes, dessen Bahre hier eine so große und auserlesene Trauergemeinde in tiefster Ergriffenheit umsteht — des so frühzeitig Abberufenen, der für alles Große und Edle ein so warmes Herz, eine solch thatkräftige Hand und eine solche unerschöpfliche Ausdauer besaß, der durch seinen unternehmenden, energisch schaffenden Geist der Gründer eines Welthauses wurde, ebenso wie er in Verbindung mit seiner gleichwerthigen, hochherzigen Gattin ein Familienhaus schuf, das durch seine unermüdliche Hilfsbereitschaft und Herzensgüte, reichgesegnet von Gott und hochgeehrt unter den Menschen dasteht. Als wir gestern zur Morgenandacht im Gotteshause versammelt, aus unseren Gebetbüchern die Stelle lasen: „Was find wir, wir sterblichen Menschenkinder, was ist unser Lebensdasein mit all unserer Körperkraft und Geistesstärke?" — und da Plötzlich die erschütternde Todesbotschaft zu uns hereintönte, da concentrirten sich all unsere Schmerzensgefühle in dem einen altjüdischen Ausrufe: „Wehe um die Edlen, die von uns scheiden und die uns ebenso unvergeßlich als unersetzlich bleiben / Der Prophet Jeremia erhob einst die elegische Klage: „Der Tod ist bei uns durchs Fenster eingestiegen!* (Cap. 9, 20.) Was wollte er damit ausdrücken? Wenn der Tod, der unerbittliche, noch ehe er selber kommt, zuerst seine Vorboten, seine erschreckenden Vorläufer vor sich hersendet und uns auf die schwere Stunde, die uns droht, allmälig vorbereitet, dann sagt man: Der Tod hat zuerst an die Thür geklopft und ist dann durch dieselbe eingetreten! Tritt jedoch der Tod so unerwartet plötzlich den Menschen an, während das Herz noch so warm und innig schlägt und durch tausend Fäden unzerreißbarer Liebe mit den theuren Seinigen sich verwachsen fühlt — dann rufen wir schmerzerfüllt mit dem klagenden Propheten, daß der Tod bei uns durchs Fenster eingedrungen ist! Und doch liegt ja so viel Tröstliches und sogar Erhehebendes darin, daß der edle Menschensohn nicht wie das welkende, dorrende Blatt vom Baume herabfällt, sondern ohne hinfiechende Krankheit, schmerzlos, leidlos, wie mit einem Schritt, hinüber in die unendliche Welt der Ewigkeit gelangt. Bon Moses, dem größten und edelsten Menschen der Bibel, dessen Todestag erst jüngst von der großen Chewra- Kadischa unserer Gemeinde, mit ihrem nunmehr verewigten Präsidenten an der Spitze, gefeiert worden ist, von Moses, dessen biblischen Namen auch der Verewigte auf sich trug, wird von der Tradition Folgendes mitgetheilt: Aus den Gefilden Moab's. wo Moses noch in der Milte seines Volkes geweilt, bis hoch hinauf zu den Höhen des N-bo, wo seine große Seele aus der Körperhülle schied, führten gar viele Stufen, die jeder Andere mühevoll keuchend ersteigen mußte, von Moses wurden sie mit Einem Schritte zurückgelegt. Und so stiegest auch Du, Verewigter, aus den Gefilden irdischer Vergänglichkeit wie mit Einem Schritte hinauf zu den Höhen der Unsterblichen. Dort weilt Deine verklärte Seele nun vor dem Throne des Allvaters und erhebt ihr betendes Wort für die trauernde treue edle Gefährtin, die sein Haus durch Frömmigkeit und Mildthätigkeit geschmückt, für die trefflichen Söhne und Töchter, die er so innig geliebt und die das Andenken des edlen, frommen Vaters durch ihr Leben und Wirken ehren werden über das Grab hinaus. Dein Name und Dein leuchtendes Vorbild wird in unserer Mitte unvergessen, geehrt und gesegnet bleiben. Amen/ Der Sarg wurde sodann gehoben und auf den vierspännigen Leichenwagen gestellt. Vom Trauerhau,? bis zum