Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-03-27 · 13 (27.3.1903) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
13 (27.3.1903)
Date
1903-03-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021493-3021507--12559-3037160
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

T-ite 202 Nr. 13 Dr. Bloch's Wochenschrift. der nichts kennt vom Leben als Hunger, Entbehrung und Haß. Dann wird ihm der Schmerz seines Volkes zum Liede und er erzählt von den Millionen unsagbar gemarterter Menschen die, in tiefster Erniedrigung lebend, ein Gefängniß, das Ghetto, ihre unsichere Heimat nennend, das Prunkgewand uralter Cultur nicht abwerfen und im trostlosen Dunkel an das verheißene Licht nicht vergeffen wollen. Und nach diesen Liedern ertönen die Lieder des Lebens, Lieder der Hoffnung, in denen der Traum von Frieden und Freiheit, von Stolz und Kraft, lebendig wird, Lieder, die vor dreißig Jahren nicht hätten geschrieben werden können und die wie Sturmvögel dem bedrückten Volke vorauseilen in eine ferne schöne Zukunft. Die Ausstattung des Buches ist sehr erlesen und sehr kostbar. E. M. Lilien schuf einen Buchschmuck von feierlicher Pracht und reicher Symbolik und seine Zeichnungen sind ein wundervoller eigenartiger Rahmen zu den Liedern des Ghetto-Dichters. Phantasie und Technik vereinigen sich da zu einer trefflichen Leistung. Ueber Rosenseld's Leben ist das Meiste wohl bekannt. Er ging aus Ruffisch-Polen nach Amsterdam, dann nach London, dann nach New-Iork. Ueberall arbeitete er in den berüchtigten Sweating-Shops als armer, nie rasten-könnender Schneidergeselle vom Tagesgrauen bis in die sinkende Nacht. Eine menschliche Maschine, saß er hungernd und fiebernd am Rade, kein Elend wurde ihm erspart. Aber die Göttin der Noth trägt nur in einer Hand eine Peitsche; in der anderen hält sie eine silberschimmernde Schale, die sie jenen reicht, die sie am heißesten liebt und am härtesten züchtigt. Manche trinken aus der Schale der Göttin das Vergeffen des tiefsten, des letzten Schlafes, Andere den bittersüßen Trank der Liebe. Sehr Wenige und sehr Begnadete aber den Rausch der Kunst. Morris Rosenfeld gehört zu ihnen und sein Buch ist das Buch eines vom Leide Trunkenen, voll irrer, unvergleichlicher Schönheit, die keinem Nüchternen gelingt. y. * * * Die eigenartige Schönheit und die große poetische Kraft der Dichtungen Rosenseld's wird wohl am besten durch einige Proben illustirt, die mehr als jede Besprechung diesem außerordentlichen Talente Würdigung verschaffen werden. Tiefer Peffimismus herrscht in allen Gedichten vor. Da heißt es in „Mein Lied", daß kein goldenes Instrument des Dichters Kehle zum Singen stimmt. ... der Sclave, der seufzt, und der Sclave, der stöhnt. Der weckt in mir die Lieder. Und flammend erwacht in mir ein Sang Für meine armen Brüder. Und dann fragt der Poet, was ihm die armen Leute wohl dafür geben können, daß er sein Leben für sie verbrauche, daß er vorzeitig vergehe? Antwort: Sie geben für Thränen Thränen her. Sie können nicht anders mich lohnen,^ Ich bin ein Thränen-Millionär Und beweine die Millionen. . . Packend, Grauen einflößend vor dem Moloch, der in den Werkstätten an Menschenleibern zehrt und menschliche Gehirne schlürft, malt der Dichter das Loos der Ausgebeuteten. Die Maschinen sausen und brausen um den Arbeiter, um ihn rauscht und schwirrt und surrt es, der Taumel verschlingt ihn, sein Ich geht unter, er selbst wird Maschine, Maschine, — nichts mehr. Todt jedes Gefühl, tobt jeder Gedanke: Die blutig-grausame Arbeit erschlägt Das Edelste, Beste, das Reichste, das Höchste, Das Schönste, was Menschenherzen bewegt. Die Uhr in der Werkstatt, die steht nicht stille, Zeigt an und tickt und schlägt und weckt. Mir sagte einst Einer die eigne Bedeutung, Die in dem Ticken und Schlagen steckt. Fast traumhaft kommt mir ein seltsam Erinnern: Die Uhr weckt Geist und Lebensbegehr Und lehrt — doch was? — Ich Hab' es vergessen, O fragt nicht, — ich bin nur Maschine, — nichts mehr. Es tickt und schlägt, es kreisen die Zeiger . . . Doch horch — was klingt dort her von der Wand? „Rege Dich!" ruft der ruhlose Pendel, „Rascher, rascher rühre die Hand!" Die Zeiger gleichen zwei bösen Augen, Die lauernd auf mich herunterseh'n, Und jeder Schlag ist wie Meisters Schelten: „Maschine", schreit es, „Du hast zu näh'n!"- Das ist nur ein Theilchen, ein Accord aus der Symphonie der Verzweiflung, die Morris Rosenfeld aus den bitteren Erfahrungen seines Lebens in dichterische Form gießt. Die Note erschütternden Jammers klingt noch oft genug, aceompagnirt von trostlos wehmüthiger Resignation. Wer könnte die tiefste Ergriffenheit abwehren, wenn der Mann im „Sieb der Noth" die Gedanken seines wunden Herzens vor uns enthüllt: Mein krankes Weib liegt im Bette Und schläfert den Kleinen ein. Sie summt ganz leise, leise Dem Kind eine Schlummerweise, Mein Husten klingt heiser darein. Ich denk' mir — und möchte weinen: Wenn heut' mich trifft der Tod, Was soll aus ihnen werden» Wen haben die Armen auf Erden, Wer schafft ihnen Bett und Brod? Die Beiden, wo nehmen sie morgen Auch nur das kleinste Geld» Wer wird ihnen leihen und borgen, Wer schützt sie vor Noth und Sorgen, — Wer schert sich um sie in der Welt? Ich denke und denke, — da faßt mich Der Schlummer. . . Ein kurzes Glückt . . ♦ Im Osten lichteUs sich wieder» Ich schleppe die zitternden Glieder Zur dumpfen Werkstatt zurück. Solche peinigende Gefühle der Abhängigkeit und Unfreiheit, düs Bewußtsein, für karges Brvd alle Menschenrechte verkauft oder doch in Miethe gegeben zu haben, finden noch in gar manchem Gedichte bewegenden Ausdruck. Der Geliebten ruft der Dichter Gruß und Segen zu; er versichert sie, daß er sein Glück, seinen Trost, seinen goldenen Schein in ihr erblicke, daß ervhn'e sie wie todt sei; dennoch heißt er sie gehery denn „Hand und Aug und Zeit und Kraft" sind in der Werkstätte nicht sein. Erst wenn die Nacht herabgesunken, dann möge die Geliebte kommen, um seine Beichte zu hören: was ihm der Tag an Leid gebracht» dann will er ihr all sein Vermögen geben: seine Küsse, seiner Thränen heiße Fluth und sein schönstes Lied, sein größtes Gut-. Und noch tiefer an's Herz greift uns der Dichter, wenn er Uns von seinem Kinde spricht (das Original: „Mei Jingel" ist ein Meisterstück würzigster Poesie), von dem süßen kleinen Knaben, der noch schläft, wenn Vater zur Arbeit geht und schon schlummert, wenn der müde Arbeiter heimkehrt. Dem „Pa" ist cs versagt, seinen: Kinde in die lieben Aeuglein zu schauen und das Kind fragt vergeblich nach seinem „Pa". Wer fühlt nicht mit dem übervollen Baterherzen» wenn es aufschreit: Mir ist so bitterweh zu Muth, So Weh. — mein Herz wird schwer : -„Mein Kind, mein Kind, einst wachst Du auf Und findest Pa nicht mehr!" — — So durchaus subjectiv Rvsenfeld in diesen Gedichten erscheint, aus jedem einzelnen Stücke klingt es wie ein Chorus Derer, die Aehnliches gefühlt und erduldet haben. Das Solidaritätsgefühl spricht sich noch viel stärker aus in den eigentlichen Ghetto-Liedern, in der brennenden Ausmalung der Leiden verbannter, in der Fremde umherirrender, ruhelos von Ort zu Ort getriebener Juden. In dem Gedichte „Die Landstreicher" erhält man solch ein farbiges Gemälde, unverschuldetes menschliches Unglück steht auf der einen Seite des Bildes, bewußte, unmenschliche Grausamkeit hüllt sich auf der anderen Seite in den Mantel des geschriebenen Rechtes, im Namen der Gerechtigkeit trennt der Richter Eltern und Kinder und wenngleich ein Mutterherz darob bricht: das Gesetz der Unmenschlichkeit siegt! Zu imposanter Kraftentfaltung rafft der jüdische Dichter sich empor, wenn er im „Sturm" die Majestät der Elemente schildert. Ein Schiff mit Auswanderern, die das freie und humane Amerika nach Europa zurücksendet — „Wir sind ja nur Juden und haben kein Geld" — wird unterwegs vom Sturme überrascht. An Schiller muß man denken, wenn Morris Rosenfeld beginnt: Der höllische Sturm rast öber's Meer. Hoiho! Wie er nach Beute lechzt! Ein Schiff! Drauf los! Doch das setzt sich zur Wehr, Es biegt sich und bäumt sich und stöhnt und ächzt. Es krachen die Masten, wild flattern die Segel, — Jetzt fliegt es vorbei an dem tödtlichen Riff — Sie kämpfen und streiten und raufen und ringen Auf Leben und Tod, der Sturm und das Schiff.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.