Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 13 (27.3.1903)
- Date
- 1903-03-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. IS Dr. Bloch's Wochrnschrifk. Sette 203 manchen christlichen Kreisen die Losung gilt: Kauft nicht bei Juden, so lautet bei uns die Losung: Lernt nicht von Juden! An sich ist Bescheidenheit eine große Tugend, aber sie darf nicht zur Selbsterniedrigung und zur Kriecherei werden. Nicht minder schön und löblich ist es, von Jedermann Lehre anzunehmen. Die jüdische Ethik hat dafür zwei bekannte Sprüche: „Wer ist weise? Der von Jedermann lernt", und: „Nimm die Wahrheit an, gleichviel, wer sie ausspricht". Aber sollen diese Weisheitssprüche nicht auch gegen Juden gelten? Warum wird Alles, was von jüdischen Gelehrten kommt, mit solchem Mißtrauen ausgenommen? Eine stehende Redensart ist es in jüdischen Kreisen: die Bibelkunde und die hebräische Sprachforschung seien von den jüdischen auf die christlichen Gelehrten übergegangen. Es gilt dies als „Thatsache", die der Eine nur zu entschuldigen, der Andere aber zu tadeln sucht. Was die Bibelkunde betrifft, wage ich die Behauptung, daß wir einen wirklich brauchbaren, lexikalisch und sachlich richtigen Commentar zur heiligen Schrift noch gar nicht haben. Fern sei es mir, das Verdienst christlicher wie jüdischer Gelehrter auf diesem Gebiete in Abrede stellen oder auch nur verkleinern zu wollen. Aber meiner Ansicht nach wird man zu einem wahren Verständniß der Bibel nur dann kommen, wenn man zuvor mit einem Haufen Vorurtheile gründlich aufgeräumt haben wird. Von christlichen Gelehrten erscheinen alljährlich Commentare zu einzelnen Schriften der Bibel. Sie leiden alle ausnahmslos an dem Hauptmangel, daß die Herren die hebräische Sprache mehr oder weniger mit Hilfe eines brauchbaren Wörterbuches beherrschen; in den Geist der Sprache ist keiner von ihnen gedrungen. Sonst könnten wir es uns nicht erklären, wie ernste Forscher Emendationen des biblischen Textes Vorschlägen, die geradezu kindisch sind. Dies habe ich bereits unzähligemale gesagt. Aber stets wird mir entgegengehalten, ich könnte mich nicht von den Vorurtheilen fteimachen, die den meisten jüdischen Bibellesern anhaften. Da hört aber Alles auf! Ich weiß mich in dieser Hinsicht von jedem Vorurtheil frei; ich lese die Bibel gar nicht mit den Augen eines Theologen. Aber ich wollte doch meinen, daß ein geborener Deutscher, der noch dazu literarisch nicht ungebildet ist, doch eher im Stande ist, sich über die Sprache in Goethe's „Faust" zu äußern, als ein Japanese, der mit einem deutsch-japanesischen Wörterbuch in der Hand die Goethe'sche Dichtung nothdürftig lesen kann. Warum also die alberne Bescheidenheit und den christlichen Gelehrten Beifall zurufen, wenn sie den biblischen Text aus Unkenntniß mißhandeln? Diese krankhafte Bescheidenheit ist leider allzusehr verbreitet. In den Collegien der christlichen Bibelforscher findet man stets jüdische Hörer, die von den „geistreichen" Emendationen des biblischen Textes förmlich entzückt sind. Ich gestehe, daß ich keine einzige kenne, die mein Sprachgefühl gutheißen kann. Wie anders steht es mit den Textverbesserungen, die beispielsweise Luzzatto vorgeschlagen hat! Auch die Bibelkritik leidet unter demselben Vorurtheil. Daß viele Juden von der Bibelkritik nichts wissen wollen, nehme ich ihnen natürlich nicht übel. Anders aber ist es mit den freisinnigen jüdischen Forschern, die Alles nachsprechen, was die christlichen Bibelkritiker in ihrer wilden Hypothesenjagd je ausgesprochen haben. Um richtig Bibelkritik zu treiben, muß man vor Allem mit dem Geist der Bibel und der hebräischen Sprache vertraut sein. In erster Reihe gehört dazu ein feines Verständniß der hebräischen Syntax, die den christlichen Gelehrten abgeht. Die Herren sind aber so verwöhnt, daß sie jeden Widerspruch als eine unverzeihliche Kühnheit aufnehmen. In der neuesten Zeit haben sie sich auch die Kenntniß der talmudischen Literatur, wo sie doch auf Schritt und Tritt stolpern, angemaßt. Kaum haben sie von einem armen polnischen Bachur gegen ein Almosen nothdürftig das talmudische Idiom lesen gelernt und schon wollen sie diese Wissenschaft für sich monopolisiren. Vor Jahren äußerte sich einer dieser Talmudgelehrten über mich, ich hätte nie den Talmud gesehen, denn ich spräche von der .poetischen Schönheit der Agada", ohne zu wissen, daß die Agada nicht in Versen sei! Diese Thatsache erwähne ich nicht etwa, weil ich mich über diese „gelahrte Kritik" gekränkt fühlte, sondern um noch hinzuzufügen, daß besagter christlicher Talmudforscher trotzdem in jüdischen Kreisen als Autorität ersten Ranges gilt. Mir sind Fälle bekannt, wo christliche Professoren, deren Gehässigkeit gegen das Judenthum Niemandem ein Geheimniß ist, bei der Wahl von Rabbinern Einfluß ausgeübt haben. Natürlich fiel auch die Wahl danach aus. So weit ist die Selbsterniedrigung bei uns bereits gediehen. Gegen die politische Zurücksetzung können wir gar nichts oder nur sehr wenig thun, wohl aber können wir viel gegen die moralische Herabwürdigung thun, die von uns selbst ausgeht. Mit der politischen Zurücksetzung kann ich mich auch leichter abfinden; meinetwegen soll mein Sohn weder Lieutenant noch Nachtwächter werden können; er wird sich sein Brot auf andere Weise ehrlich verdienen. Aber daß er vielleicht dereinst als Gelehrter bei Juden nicht für voll gelten sollte, weil er Jude ist — das kränkt mich tief. Ueberhaupt die eigene Schändung, die Ketten, die man sich selbst anlegt. Es kann dem edelsten Menschen paffiren, Sclave der niedrigsten Verhältnisse zu werden; aber freiwillig Lakailivree anzulegen und darin noch lustig herumzustolziren, das — ich gestehe es offen — verleidet mir das Judenthum. Dr. S. B e r n f e l d. Lieder des Ghetto.*) Von Morris Rosenfeld. Uebersetzt von B. F e i w e l mit Zeichnungen von E. M. Lilie n. Die Göttin der Noch trägt nur in einer Hand die Peitsche; in der andern hält sie eine silberschimmernde Schale, die sie Jenen reicht, die sie am heißesten liebt und am härtesten züchtigt. Manche trinken aus der Schale der Göttin das Vergessen des tiefsten Schlafes, Andere den bittersüßen Trank der Liebe; sehr Wenige und sehr Begnadete aber ertrinken sich in langen durstigen Zügen den Rausch der Kunst. Die Noth macht sie zum Dichter. Zu ihnen gehört Morris Rosenfeld, dessen .Lieder des Ghetto" soeben in deutscher Uebersetzung erschienen find. Das Buck ist das Buch eines Trunkenen, eines vom Leide Berauschten. Da find Worte von einer Wucht, Bilder von einer Eindringlichkeit. Verse von so wehem, zitterndem Klang, von so schluchzender Musik, wie sie kein Nüchterner fände. Alle die schrecklichen Geheimniffe seines Kummers verräth der Dichter in seiner Trunkenheit, man möchte ihm die Lippen zuhalten wie einem Kinde, das ein heiliges Mysterium auf offenem Markte ausplaudert, aber über alle Hemmungen und Hindernisse hinweg strömt in vollen Tönen das gewaltig? Lied der Noth. Und man muß ihm lauschen auch dort, wo sein Sänger nicht nur als Kind der Armuth, sondern auch als Sohn Judas gemieden wird. Was an den Liedern Rvsenfeld's am schönsten und am bezwingendsten. das ist der rauschende schmerzgetragene Rhythmus, das düstere königliche Pathos der Verse neben einer oft rührend kindlichen Unbeholfenheit des Ausdruckes. Die Uebersetzung konnte das natürlich nur unvollkommen wiedergeben, im Jargon selbst wird Manches viel einfacher und viel größer sein, die Wirkung noch intensiver, und es ist schade, daß nicht neben jeder Uebersetzung auch das Original-Gedicht steht, um die große Begabung dieses Dichter-Outfiders zu erweisen. Aber auch so empfängt man viel und genug des Schönen. Das Buch zerfällt in drei große Theile: die Lieder der Arbeit, die Lieder des Volkes und die Lieder des Lebens. In dieser Eintheilung liegt eine wunderschöne starke Tapferkeit und eine stolze Zuversicht, die den düsteren Ton all der Lieder fast vergessen macht. Von seinem eigensten persönlichen Leid fingt er zuerst; von der trostlosen, quälendsten Sklaverei an der Maschine, von dem lichtlosen Dasein des Proletariers, von der unentrinnbaren Sorge, von dem tiefsten Elend dessen, *) Verlag von S. Calvary u. Co. Berlin.