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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-03-27 · 13 (27.3.1903) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
13 (27.3.1903)
Date
1903-03-27
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 200 Dr. Bloch's Wochrnfthrifk. Nr IS die Interpellation Dr. Pattai's im Parlamente über die Verleihung des Bauernfeld-Preises an Schnitzler zeigt, wie gefährlich der Antisemitismus ist, und wie er allen Sitten des modernen Culturlebens Hohn spricht. Die Interpellation beschuldigt den Unterrichtsminister und mehrere hervorragende Gelehrte, durch die Verleihung des Preises die nichtjüdischen Dichter zu verletzen. Es steht einem Jeden frei, literarische Producte zu beurtheilen und sie eventuell geringzuschätzen, wenn sie keinen literarischen Werth besitzen. Daß aber bei dieser Kritik, wie es in der Interpellation geschieht, die Confession der Maßstab für den Werth der Dichtung ist, hat noch kein Lessing, kein Goethe, noch sonst ein Dichter oder Kritiker gefordert. Freilich, im Geiste der „Deutschen Zeitung" ist diese Interpellation gehalten, trotzdem wir meinen, daß einer, wenn er auch nicht das confessionelle Moment als wichtig für die Kritik erachtet, die sogenannte „Deutsche Zeitung" sammt ihrem literarischen Kren gewiß nicht zu den ordentlichen deutschen Zeitungen zählen wird. Die dummen Bemerkungen des Blattes darüber zielen im Ganzen dahin, daß das Blatt in der Ausbreitung des semitischen Geistes in der Literatur eine Gefahr für diese erblickt, trotz der schamlosen Heuchelei, mit der gegen die Juden zu Werke gegangen wird, kann nicht in Abrede gestellt werden, daß die Weltliteratur und so auch die deutsche durch das Judenthum beeinflußt und gefördert wurde. Die Juden sind es, von denen die Bibel stammt, das Buch der Bücher, aus dem bis auf den heutigen Tag die größten Dichter als aus einem nie versiegbaren Born schöpften. Von den Juden stammen alle die anderen heiligen Bücher, die voll Weisheit und Poesie sind. Von hervorragenden deutschen Dichtern, die Juden waren, wie z. B. Heine, wollen wir hier gar nicht reden, ihr segensreicher Einfluß auf die deutsche Literatur ist offenkundig. Dle größten Dichter der Vergangenheit haben den Antisemitismus als culturfeindlich, als hohnsprechend der Lehre Christi verworfen, die hervorragendsten Dichter der Gegenwart sehen in der Judenverfolgung, in dem Haffe gegen sie nur den Ausfluß der Verworfenheit des Pöbels, und da ist es ganz natürlich, daß die Antisemiten in ihrer gemeinen Weise gegen alle edlen Bestrebungen zu Felde ziehen. Die erwähnte Interpellation Dr. Pattai's und Genoffen bietet das beste Beispiel hiesür. Is e g r i m. Altes und Neues Testament.*) I. Baden-Baden, 20. März. Im gestrigen Abendblatt der „Frankfurter Zeitung" habe ich mit lebhaftem Interesse, ja, mit Verwunderung, die Worte gelesen, die Sie aus der neuesten Vorrede des berühmten Vortrages „Babel und Bibel" anführen. Diese Worte, namentlich die dem Buche Jesaja entnommenen, haben mich an eine ganze Reihe neutestamentlicher Stellen erinnert, die, wie es scheint, dem Gedächtniß auch theologisch gebildeter Christen leicht entschwinden. Im Buche der Offenbarung Johannis — also in einer wahrscheinlich echten Schrift des Lieblingsjüngers Jesu — wird der zur Bestrafung „Babels", d. h. Roms, zurückkehrende Christus dargestellt, wie er an der Spitze eines himmlischen Heeres auf einem weißen Roffe reitet. Sein Gewand ist mit Blut bespritzt, denn er hat „die Kelter des göttlichen Zornes getreten" (gerade so wie Jahwe in jener Jesajanischen Rede) und das aus jener Kelter fließende Blut, das Blut des Thieres (d. h. Neros) und seiner Verehrer umfluthet die Stadt in einem Umkreise von 1600 Stadien und reicht den Rossen des meffianischen Heeres bis an die Zügel. (Cap. XIV und XIX.) Jesus von Nazareth selbst, der geschichtliche Christus, nennt gelegentlich die Heiden „Hündlein", „Hunde", vielleicht gar „Schweine". Den Heiden, die gar viel um das tägliche Brod sorgen und lange Gcbete plappern, stellt er seine Israeliten gegenüber, „deren Vater weiß, was sie bedürfen, ehe sie ihn darum bitten", und die deshalb, als seine Kinder, „vor Allem nach Gottes Reich trachten sollen". (Matth. Cap. VI. VII. XV.) Am Schluß des Evangeliums des Marcus und an gar vielen Stellen des „zartesten" und wie man sagt, liebevollsten Evangeliums des Johannes erklärt Christus (allerdings nicht der geschichtliche), daß Alle, die nicht an ihn glauben, dem Gerichte, dem Tode, dem Zorne Gottes rettungslos verfallen sind. Nur in ihm, nur in „seinem Namen" ist Heil zu finden. Außer ihm ist nur ewiger Tod und Berdammniß. Nur die *) Aus der „Frankfurter Zeitung". Christen sind Kinder des himmlischen Vaters. Das lehren, genau besehen, alle neutestamentlichen Schriftsteller. Ob diese neutestamentliche Haupt- und Grundlehre unseren Idealen besser entspricht und zur religiösen und ethischen Bildung unserer Kinder sich besser eignet als die von Professor Delitzsch gebrandmarkten Stellen des Alten Testamentes, dürfte doch zum Mindesten fraglich sein. Hier gilt am Ende doch das von Professor Delitzsch selbst erwähnte Sprichwort: „Wer in einem Glashause wohnt, soll nicht mit Steinen um sich werfen." Dankbar wäre ich Ihnen, Herr Redacteur, wenn Sie diese Zeilen veröffentlichen wollten. Moriz Schwalb, Dr. theol. Pastor emeritus. II. Mannheim, 20. März. Herr Red acteur! Die „Frankf.-Ztg." hat mit Recht hervorgehoben, daß Prof. Delitzsch durch seine neueste Veröffentlichung den Weg der wissenschaftlichen Forschung verlassen hat und zum Tendenzschriftsteller geworden ist. Diese Tendenz tritt allerdings auch schon in seinem Vortrag zu Tage; denn seine Angriffe richten sich lediglich gegen den Offenbarungscharakter des Alten Testaments, während er doch consequenter Weise den Glauben an die Göttlichkeit des Neuen Testaments ebenso bekämpfen müßte. Aber noch mehr, Delitzsch ignorirt fast gänzlich diejenigen Stellen der Bibel, welche geeignet sind, die reine Ethik derselben zu erweisen und seine Behauptungen von dem national-particularistischen Geistesbegnff derselben zu widerlegen. Er citirt den mit der Farbenpracht orientalischer Poesie ausgeschmückten „beduinischen Schlacht- und Triumphgesang" aus Jes. 63, um daraus den leidenschaftlichen Haß gegen die andern Völker zu erweisen; aber er verschweigt, daß derselbe Prophet auch Stellen enthält, wie: „Wendet euch zu mir, und es wird euch geholfen werden, alle Enden der Erde, denn ich bin Gott und keiner mehr" (45.22). Und ferner wenige Abschnitte vor jenem „haßerfüllten" Schlachtlied: „Und ich werde sie (die Fremden) bringen, nach meinem heiligen Berge und sie erfreuen in meinem Bethause, ihre Ganzopfer und ihre Wahlopfer werden zum Wohlgefallen sein auf meinem Altäre, denn mein Haus wird ein Bethaus genannt werden für alle Völker" (66.7). Wenn man ein Welturtheil über die Ethik eines Werkes abgebcn will, muß man den Gesammtcharakter desselben in Betracht ziehen. Wenn man aber eine Stelle aus dem Zusammenhang reißt und daran Folgerungen knüpft, so entsteht leicht der Verdacht, daß es einem nicht um die Wissenschaft, sondern um die Verfechtung einer Tendenz zu thun ist. Dr. I s a k Unna Rabbiner. Die innere Kefreiung. Vor einiger Zeit, es war gleich nach dem zweiten Vortrag über „Babel und Bibel" von Friedrich Delitzsch, saß ich in einem Kreis jüdischer Publicisten, von denen sich einer über die Herabsetzung der Bibel durch Delitzsch besonders aufgeregt zeigte. Man dürfe Solches nicht unerwidert lassen, und zwar sollte ein populärer Vortrag über dasselbe Thema gehalten werden, um Delitzsch's Jrrthümer klarzulegen. Dieser Gedanke gefiel Manchen, aber man war sich darüber einig, daß zu diesem Zwecke ein christlicher Gelehrter gewonnen werden müsse. Aehnlich erging es mir einige Wochen früher. In einer öffentlichen Versammlung wurde der Gedanke angeregt, daß eine populäre Schrift über die jüdische Ethik, leicht verständlich und kurz, auf Kosten eines Vereines gedruckt und verbreitet werden sollte. Auch dieser Vorschlag fand Beifall — als Verfasser wurde jedoch ein christlicher Gelehrter genannt, der übrigens ein recht braver Mann ist, aber vom Judenthum blutwenig weiß. Ich bin davon fest überzeugt und ich bitte, dies ja nicht als ein Paradoxon gelten zu lassen, daß wir in manchen Gemeinden christliche Rabbinen gehabt hätten, wenn nicht das Assimilationsstreberthum und die mit ihm aufs Innigste verknüpfte geistige Knechtschaft durch die antisemitische Bewegung eine Störung gefunden hätte. Wie zur Zeit in

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