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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-03-27 · 13 (27.3.1903) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
13 (27.3.1903)
Date
1903-03-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 Dr. Bloches Wochenschrift. Seite 198 bemerkt die „Bohemia" : „Da die czechischen Mitglieder des Landesausschusses durch leere Redensarten und verlogene Einwendungen die Vollgiltigkeit der für den deutschen Bewerber sprechenden Gründe nicht zu entkräften vermochten, suchten sie schließlich ihre unüberwindliche Abneigung gegen den Deutschen hinter der gegen den Juden zu verbergen; der deutsche Bewerber ist nämlich zufällig jüdischer Confession. Nun, an der Ehrlichkeit auch dieser Abneigung ist ja bei den fmdalen Herren nicht zu zweifeln; vielleicht auch nicht bei den jungczechischen Landesausschußbeisitzern, trotzdem diese eine sogenannte liberale Partei vertreten Aber in dem vorliegenden Falle ist der Antisemitismus doch wohl nur ein willkommener Vorwand". Wir wollen mit dem Organ des Prager deutschen Casinos nicht darüber disputiren, wie weit der „Zufall" bei dem jüdischen Glaubensbekenntniß des abgewiesenen Arztes mitspielt. Aber es ergötzt uns baß, mit welcher Entschiedenheit plötzlich das Casinoblatt gegen den Antisemitismus zu eifern beginnt und daß es ohne Scheu vor den Volklichen und Völkischen die deutsche Nationalität eines Juden mit besonderem Nachdruck betont. So war es nicht immer, ja es ereignet sich heute noch vielfach, daß die wackeren Deutsch fortschrittlichen uns Juden unter den Linden nicht grüßen wollen. Man erinnere sich doch nur, daß die Deutsche Fortschrittspartei im Abgeordnetenhause eine förmliche Krise durchmachen mußte, als es sich um die Aufnahme des jüdischen Abgeordneten Rosenzweig handelte, und daß der Abgeordnete Dr. Per gelt, einer der Führer der Partei, nur mit Mühe bestimmt werden konnte, zusammen mit einem Juden im Club zu verbleiben. Man erinnere sich ferner an die Thalsache, daß unter den Auspicien eines zweiten Führers, des Abgeordneten Dr. Funk e, der zugleich Bürgermeister der „allezeit fortschrittlichen" Stadt Leitmeritz ist, die jüdischen Mitglieder aus der dortigen Frauen-Ortsgruppe des Deutschen Schulvereines hiuausgedrängt wurden und daß an den communalen Lehranstalten der Schulstadt Leitmeritz der Antisemitismus üppig gedeiht. Auch daß ein Wanderlehrer des Deutschen Schulvereines die Gründung judenreiner Ortsgruppen mit besonderer Genugthuung hervorhob, konnte nicht bestritten werden, obwohl an der Spitze dieses auf jüdische Beiträge stark angewiesenen Vereines der „deutschfortschrittliche" Dr. Weitlos steht. Ein anderer deutschfortschrittlicher Abgeordneter, Doctor G ö tz, läßt es als Bürgermeister von Nikolsburg ruhig geschehen, daß die Krankencasse der dortigen Turnerfeuerwehr die jüdischen Aerzte förmlich boycottirt, obwohl sie unter der Controle des Stadtrathes steht und von der Gemeinde subventionirt wird. So weit man Umschau hält, zeigt sich seit Jahren in der deutschfortschrittlichen Partei eine duckmäuserische Connivenz gegen den Antisemitismus und eine feige Verleugnung des Grundsatzes der Gleichberechtigung gegenüber den Juden im praktischen Leben. Gesellschaftlich haben die Herren sich schon längst die Grundsätze der Herren Schönerer und Wolf angeeignet, aber vielfach auch schon politisch. Es berührt deshalb einigermaßen komisch, wenn das Prager Casinoblatt die Feudalen und Jungczechen aus Anlaß des eingangs geschilderten concreten Falles der Verletzung des Principes der Gleichberechtigung anklagt und ihnen den Text liest, weil sie den Antisemitismus als Vorwand gebrauchten. Plötzlich ist in den Augen der Deutschfortschrittler der Jude wieder zum Deutschen avancirt! Allerdings nur bei einer Gelegenheit, wo es sich um eine Anstellung durch die Czechen handelt. Bei Anstellungen, welche von Deutschen zu vergeben sind, sinkt die Schwärmerei der Herren für die Gleichberechtigung auf den Nullpunkt. Es gibt keine deutsche Gemeinde in Böhmen, welche bei Concursausschreibungen für Gemeindestellen die staatsgrundgesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung nicht durch die Forderung des Nachweises der „deutschen Abstammung" verletzen würde. Man weiß, was das zu bedeuten hat. Es ist eine Umschreibung des brutalen Grundsatzes : „Juden sind a u s g e s ch l o s s e n." Da wird dem Juden das Recht, sich zur deutschen Nationalität zu bekennen, ohneweiters abgesprochen; da heißt es: „Jud bleibt Jud." Nur den Czechen gegenüber rechnet man auch weiterhin auf die Bundesgenossenschaft der Juden, namentlich bei den Wahlen. Da sind sogar die Herren Pergelr, Funke und G ö tz im Stande, an ihre „deutschen Mitbürger jüdischer Confession" ehrliche deutsche Händedrücke auszutheileu. Um in Dobrzan den Ring der czechischen Aerzte zu durchbrechen, um Rikolsburg, Leipnik und Weißkirchen zu halten, dazu braucht man die Juden. Aber wo man sie nicht braucht, dort scheut sich auch die Deutsche Fortschrittspartei nicht mehr, sie die „Inferiorität ihrer Race" politisch und gesellschaftlich fühlen zu lassen. Wann werden endlich unsere Glaubensgenossen aus diesen demüthigenden Zuständen die einzig richtige Cousequenz ziehen? Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (D i e p r o t e g i r t e u I u d e n. — R e i s e r o m a n e. — Tic Interpellation Dr. Pattai's.) Dem armen „Deutschen Bolksblatt" wird es ganz „gelb" vor den Augen, wenn es mit ansehen muß, wie alle Welt aus Toleranz gegen das Judenthum geknechtet und unterdrückt wird. Schon wieder hat dieses Blatt, das sich aufopfert zur Befreiung der Menschheit von den Juden, Gelegenheit, einen „crassen" Fall zu constatiren, in dem natürlich die Juden es wieder find, die gegenüber den Nichtjuden protegirt und bevorzugt werden. In einem Leitartikel, betitelt „Juden und Deutsche", citirt das Antisemitenblatt einen Bericht der „Bohemia", in welchem es heißt: Bei Besetzung einer Secundararztstelle in einer böhmischen Landesirrenanstalt, die fast nur deutsche Patienten hätte und dabei lauter czechische Aerzte, sei einem deutschen Bewerber ein czechischer, aber ungünstiger qualificirter vorgezogen worden. Vergebens hätten sich dagegen zwei deutsche Landesausschuß beisitzer gewehrt. Die „Bohemia" kritifirt nun das Vorgehen d- .' czechischen Landesausschußbeisitzers, der dies verfügte, dahin, daß er seine Abneigung gegen den Deutschen hinter der gegen d,n Juden, denn ein solcher ist der deutsche Bewerber, zu verberge!, gesucht habe. Das „Deutsche Volksblatt" meint nun, die beider. Beisitzer, die gegen den czechischen Bewerber waren, hätten gleich von vornherein einen deutschen Bewerber aufstellen sollen, damit eine Abweisung aus nationalen Gründen ausgeschlossen sei. S:c hätten es aber nicht gethan, weil er eben ein Jude ist, u:^ einen Juden müsse man protegiren. Es ist wirklich lächerlich anmaßend, wenn ein Organ einer Partei, zu deren stärksten Kampfesmittel es gehört, alle politischen Gegner mit roher Rücksichtslosigkeit auf wirthschaftlichem Gebiete zu ruiniren und nur feilen Anhängern öffentliche Aemter zuzuschanzen, sich erfrecht, eine Behörde der Ungerechtigkeit aus rein konfessionellen Gründen zu zeihen. Kaum ist es kurze Zeit her, seitdem wir die Protectionswirthschaft der Christlich-Socialen bei der Besetzung vv:; Lehrerstellen an der Hand klar zutageliegender Fälle ins rech-e Licht rückten, und nun meint die antisemitische Preßmeute den erbärmlichen Eindruck, den diese Vorfälle auf alle gebildeten und rechtschaffenen Leute machten, einfach hinwegzutilgen, indem sic in jesuitisch entstellter Weise ihren gleichwerthigen Lesern Lügenberichte auftischt. * * * Da erschien jüngst ein Feuilleton in dem edlen Preßorgan, das begann: „Es ist wirklich eine Kunst, Reiseromane zn schreiben." Wirklich, welch schöne Wahrheit! Aber, o Welteifahrer Bergani, worin besteht die Kunst, Reiseromane abzu schreiben? * * * Die Christlich-Socialen möchten jetzt den Antisemitismus gern auch auf rein literarisches Gebiet verpflanzen. Es mag ihnen vielleicht unangenehm sein, daß die Juden nicht nur in den übrigen Cultur bestrebungen der Neuzeit, sondern auch in der modernen Literatur hervorragende Leistungen aufzuweisen haben. Thatsache ist, daß

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