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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-03-20 · 12 (20.3.1903) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
12 (20.3.1903)
Date
1903-03-20
Page
– (sequence 17)
Language
German
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-kr. 12 Vr. Vloch's Wochrnfchrifl. Sette 193 folgen, auf die Fliehenden, und viele der Räuber fielen, mit ihren Schildern klirrend und mit ihren blutigen Schwertern den Staub aufwirbelnd, auf den Straßen nieder. Und mit düster gerunzelten Brauen flüchtete auch Florus mit den Anderen, um sein Leben vor den mit dem Muthe wahnsinniger Verzweiflung kämpfenden Judäern in Sicherheit zu bringen. Auch schämte er sich vor Aulus und desien Anhängern. Und so sank die Nacht herab; aber auch des Nachts war auf den Straßen, den Märkten, über dem Tempel und auf allen Wegen und Stegen der Widerhall zahlloser Stimmen hörbar, und der Vollmond beleuchtete die Bewegungen der Empörer. Der Zorn des Volkes hatte den Kelch des Leidens zum Ueberschäumen gebracht. * * * Vor dem Palaste des Florus hatten die Römer ihre Zelte aufgeschlagen, und düster schweigend standen die Krieger auf den Marktplätzen. Angesichts des Widerstandes, auf den sie gestoßen, ward ihnen klar, daß ihr Vorgehen ein unkluges und grausames gewesen. Sie blickten zum Himmel empor und sahen daselbst ein Zeichen, das von böser Vorbedeutung: der Mond neigte sich zur Erde und war so roth, als ob er in blutige Wellen sich tauche; und die Mauern des Tempels erstrahlten ebenfalls in purpurfarbenem Licht, als ob das Blut der Erschlagenen Erde und Himmel überfluthe und zugleich mit dem Jammern des empörten Volkes zu einer schweren, über den Hügeln Jerusalems lagernden Wolke sich verdichte. Und die Legionen gedachten der Worte des vernünftigen Aulus, und seine Anhänger erhoben ihre Stimme: »Der alte Krieger war im Recht", sagten sie, »Florus hat Schande über uns gebracht". Sie sammelten sich um Aulus und schickten ihn zu Gesims, daß er demselben im Namen des Heeres melde: »Im gegenwärtigen Augenblick gehorchen wir noch deinen Befehlen, doch wiffe, du grausamer Mann, daß wir selber beim Senat dich verklagen werden. Unser Blut und das Blut der Judäer, das durch deine Schuld vergossen wurde, schreit gen Himmel". Dies waren die Worte der wenigen Vernünftigen, die jetzt im Ansehen gestiegen waren, indeß die frechen Tyrannen, die früher die Partei des Florus gehalten, kein Wort der Erwiderung fanden. So geschah es denn, daß die Mehrheit der Ansicht der Vernünftigen sich anschloß. Und die Purpurfarbe überströmte Himmel und Erde und ergoß sich weiter und immer weiter. . . . Als der Mond untergegangen, die Erde in Dunkelheit gehüllt und die zweite der nächtlichen Wachen abgelöst war, verließ Florus mit vor Beschämung gesenkten Augen das Schloß, und führte, düster schweigend, die Legionen aus der Stadt. Am Morgen, der diesem blutigen Tage folgte, war in der heiligen Stadt der Judäer kein einziger Römer zu finden. II. Ueber der Stadt Gemala ging die Sonne unter. . . . Ein sanfter Abend senkte sich über Judäa und bescheerte dem Lande die Wohlthat des Friedens. . . . Schon zitterten hie und da die abendlichen Schatten in den Thälern, doch hatte die Nacht ihre strahlenden Lichter noch nicht angezündet. Und noch war das feurige Schwert nicht sichtbar, das seit mehreren Nächten schon, aus dem blauen Aether hervorströmend, am Himmel flammte und in den Herzen der Menschen Furcht und Erwartung weckte. Wie das feurige Schwert eines Engels, so fluthete der drohende Stern allnächtlich in dem grenzenlosen Raume dahin, und die Menschen ahnten es, daß in seinem Gefolge großes Unglück und große Trauer die Welt unwandelbar heimsuchen würde. . . . Jetzt jedoch, in dieser Stunde sanften Sonnenunterganges, schien die Welt an den Unheil verkündenden Stern vergessen zu haben und genoß ohne Besorgniß die Ruhe des Friedens. Die Berge waren in bläulichen Dunst gehüllt, in einem goldig-schimmernden Purpurmantel strahlte der Westen, leise strömten in der Höhe schneeweiße Wolken dahin, die herrlichen Palmen senkten ermattet ihre Wipfel, und in einer in der Ferne aufgewirbelten Staubwolke spiegelten sich die letzten Strahlen des untergehenden Tagesgestirns wieder. . . . Nichts verkündete den Menschen das nahende Unglück.,, Und nur dort, in der Höhe, über den Sternen verhüllten die am Throne Jehovah's stehenden Engelschaaren ihre Augen mit den Händen und riefen mit für die Sterblichen unhörbaren Stimmen: »Wehe Euch, o Jerusalem und Hadara, und dir, du armes, selbstmörderisches Jotapata! . . ."*) Aber dieses Weinen gelangte nicht zu den Ohren der Sterblichen, und der Schleier, der die nächste Zukunft verhüllte, ward vor ihrem Blicke nicht gelüstet. Auf der Erde, auf der die Schatten sich ausbreiteten, kannte man nur die Gegenwart. Die Kenntniß der Zukunft hat Gott den Sterblichen vorenthalten, und sie sehen nicht das nahende Unglück; selber müffen sie ihren Lebensweg sich zu bahnen suchen, mühsam forschen, wo das Gute und wo das Böse. Und das mit Blindheit heimgesuchte Volk war voll der Freude. Die Legionen des Florus hatten die Stadt verlaffen und Cestius hatte eine Niederlage erlitten. Die Zeit der Qual schien vorüber; die Töchter Galiläa's wanden Kränze und sangen Lieder. Und in.Jerusalem verkündeten die Pharisäer baldige, vollkommene Befreiung. Gamaliel jedoch nahm nicht Theil an der allgemeinen Freude. Er wußte, daß der Krieg noch bevorstand, daß der römische Adler seine Krallen auszuspreizen beginne, und deshalb verließ er Jerusalem und wanderte im Lande umher, das Volk zu den Waffen rufend. Jetzt war er, von dieser Thätigkeit ermüdet, in sein Haus zurückgekehrt, um ein wenig der Ruhe zu pflegen. Und als er den Blick zu dem im herrlichen Sonnenuntergang strahlenden, tiefblauen Himmel emporhob, da weinte er, denn dieser Himmel sprach zu ihm von dem ewigen Gebot des Friedens, und sein Herz sehnte sich nach Frieden, und mit Abscheu wandte er sich ab von Krieg und Blutvergießen. Und ihm ward, als ob sein Herz bei dem sanften Anblick des scheidenden Tagesgestirns ruhiger werde, und in die Seele Gamaliel's senkte sich wolkenloser Friede. Um ihn herum, auf den . Stufen seines Hauses, lagerten seine Schüler und Anhänger. Sie hatten ihre Kriegertracht abgelegt und verharrten in Schweigen, denn es schwieg ihr Lehrer, über desien Haupt der Engel des Bergesiens dahingeflogen__ In diesem Augenblick dachte Gamaliel weder an die Römer, noch an seine erschlagenen Brüder, noch an seinen Vater, der sein Leben im Kampfe für die Freiheit gelaffen; er dachte nicht an das unschuldig vergosiene Blut, nicht an die Qualen und Gefahren, die seiner harrten. Aus voller Brust Athem schöpfend, sagte er: »Die Menschen sollten Brüder sein, denn Gottes Welt ist schön...." * * * Doch die aus dem Wege aufgewirbelte Staubwolke kam immer näher, und die Augen mit der Hand bedeckend, erblickte Gamaliel eine seinem Hause zuströmende Menschenmenge. Es waren Sendboten aus Jerusalem, die mit Nachrichten zu Menachem kamen, galiläische Abgesandte, Jdumäer und Effäer in weißen Gewändern. Auf dem Wege stritten sie miteinander, und der Chor ihrer lauten Stimmen bildete einen schrillen Mißton zu der sanften Stille des Abends. Und so erreichten sie das Haus Menachem's. Ihre staubbedeckten Schwerter klirrten und der laute Streit wurde nicht einen Augenblick unterbrochen. Als sie vor Menachem stehen blieben, erkundigte sich Letzterer nach der Ursache ihres Streites. * * * Zu allererst traten die Sendboten vor und sprachen: »Wir kommen mit Nachrichten aus Jerusalem; höre zuvörderst, was wir zu sagen haben." »Sprecht", erwiderte Gamaliel. Da begannen sie denn zu erzählen: »Nachdem du und mit dir viele Andere Jerusalem verlasien, um die Provinzen zu Hilfe zu rufen, kehrte König Agrippa, der vordem abwesend gewesen, in die Stadt zurück. Als er sah, daß das Volk zum Abschütteln des Joches sich anschickte, ward er besorgt, denn er dachte an seine Herrschaft.. Wird er sich dem Volke anschließen, so werden die Römer, falls sie siegen, ihn des Thrones berauben. Das Gleiche werden — wenn er die Partei der Römer ergreift — die Juden thun. Agrippa liebt den Thron und beschloß daher, lieber den Unterdrückern sich anzuschließen. Er rief das Volk zusammen und wandte sich an dasselbe mit einer Ermahnung. Das Volk stand *) Zur Zeit der Eroberung Judäa's fanden die Römer, als sie die Mauern der belagerten Stadt Jotapata erklommen, deren sämmtliche Einwohner als Leichen. Eine alte Frau, die einzige, die am Leben geblieben, berichtete, am Vorabend des letzten Sturmes hätten die Belagerten erst ihre Frauen und Kinder und dann sich selber erstochen, da sie den Tod der Sclaverei vorzogen, (Josephus FlaviuS: »Jüdischer Krieg".)

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