Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 12 (20.3.1903)
- Date
- 1903-03-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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«die 190 Dr. Bloch's WochvnfchrW. Nr. 12 jüdischen Glaubensprineip imputirte Vergeltungstheorie auf ihre Wahrheit zu prüfen und zu zeigen, daß gerade diese vielfach mißdeuteten Stellen der Bibel und des Talmud den Ausfluß höchster und zwar allgemein menschlicher Gerechtigkeit bedeuten und beruft sich auf Joh. Daw. Michaelis, der auf das mosaische Recht als ein streng sittliches hingewiesen. Die jüdische Religion ist aber auch eine Religion dec Hoffnung, die ihren Blick nicht auf das verlorene Jerusalem, sondern auf den stetigen Fortschritt der Zukunft, auf die Mitarbeit an der fortwährenden Weiterentwicklung der Menschheit und der Menschlichkeit gerichtet hält; deshalb liegt auch dem Realen im Wesen des Judenthums eine Rückkehr zu überwundenen Lebensverhältniffen fern, und es kann die geistige Wirksamkeit seiner Bekenner sich nur innerhalb und im Rahmen jener Gemeinschaft bewegen, der sie sich, sei es aus freier Wahl oder vom Zeitenstrom hiueingetrieben, angeschloffen haben. Das hindert jedoch nicht, daß das Judenthum als historischer Träger einer Culturmiffion sich forterhalte, und es ist daher der Abfall als Schädigung nicht nur der eigenen Religion, sondern auch des Vaterlandes und der europäischen Cultur zu bekämpfen und schon nach der sittlichen Richtung zu verurtheilen. Der schwungvolle Appell, mit dem der Vortragende schloß, ließ deutlich erkennen, daß die zuletzt angeregte Frage ihm zur Herzenssache geworden, und wenn auch der fast anderthalbstündige, auf den Gesetzen zwingender Logik und nach den Ergebnissen streng wissenschaftlicher Forschung formvollendet aufgebaute Vortrag an die geistige Mitthätigkeit des Hörers ziemlich große Anforderungen stellte, wußte andererseits die warmes Leben ausstrahlende, geradezu claffische Diction das alle Räume füllende Publicum derart mitfortzureißen, daß sich die athemlose Spannung zum Schluffe in stürmischen, aber auch vom Herzen kommenden Beifall auslöste. Nach dem Vortrage fand zu Ehren des Gastes und seiner gleichfalls anwesenden Gemahlin ein Festbankett im Restaurant Bristol statt, an dem zahlreiche Repräsentanten hiesiger gemeinnütziger Vereinigungen theilnahmen. In seiner Begrüßungsansprache hob der Obmann des Centralvereines Herr kaiserl. Rath Falkowicz in fein pointirter Paraphrase des Vortrages zum Schluffe hervor, daß wenn zwar der Jude im engen Anschlüsse an andere Völker den specifisch jüdischnationalen Charakter abstreifte, dieses Stammesgefühl doch in dem Bewußtsein der Zusammengehörigkeit angesichts solcher Leuchten der Wiffenschaft, wie Dr. Cohen, nach freudigem Ausdrucke ringe. Der Obmann-Stellvertreter Herr Liebers wußte durch eine Auslese aus den Schriften des Gefeierten zu intereffiren, während Herr Rabbiner Dr. Hirsch in schwungvollen Worten die eheliche Harmonie vries, welche bei gleichen geistiäen Interessen Frau Professor Cohen, die der illustren Musikerfamilie Lewandowski entstammt, ihrem Gatten aufs Engste verbunden hält. Mit bekannt rednerischer Wirkung beleuchtete sodann Herr Professor Dr. Kisch den an Erfolgen reichen Entwicklungsgang des Gelehrten und Herr Dr. W e l t s ch verglich die Charakterisirung des Judenthums, die der Vortragende geboten, insbesondere hinsichtlich der culturgeschichtlichen Miffion mit den ähnlichen Aussprüchen Nietzsche's, dem die modernen Juden jedoch in seiner Herr-nmoral nicht folgen können, da dieselben im Bewußtsein der Pflichten des Besitzes, wie die anwesenden Vertreter der humanitären Institutionen bezeugen können, in Organisirung ihrer Wohlfahrtseinrichtungen. das Ideale mit dem Praktischen zu verbinden wiffen. Nachdem noch Herr Geheimrath Cohen in herzlichen Worten gedankt hatte, schloß der geistig anregende Abend in bereits weit vorgerückter Mitternachtsstunde. Prag. (Die Wenzels-Borschußcasse.) Gegenüber den Bemerkungen im Artikel der letzten Nummer über die Wenzels-Borschußcassa wird uns mitgetheilt. daß zwar in dem Beamtenkörper dieser Vorschußcaffa keine Juden sitzen, daß sie aber thatsächlich alljährlich größere Beträge vielen jüdischen Wohlchätigkeitsinstituten gewidmet hat. Ein Abonnent unseres Blattes schreibt uns: Ich selbst z. B. bin Mitglied des »Israel. Nächstenliebe-Vereines ", des »Israel. Freitisch-Vereines", des »Kreuzer-Vereines zur Unterstützung israel. Waisenmädchen", des »Chanuka-Bereines" rc. rc. Alle diese und noch viele andere weisen jährlich Beträge der Böhmischen Sparcaffe von je 200 bis 600 Kronen aus. Dagegen bekommen streng arische, respective antisemitische und »deutschnationale" Vereine keinen Kreuzer Subvention, weshalb Blätter dieser Richtung schon öfters die Sparcaffe-Verwaltung angegriffen haben. Wir erfüllen gern eine Pflicht der Gerechtigkeit, indem wir diese Mittheilungen publiciren und das llrtheil über die Wenzels-Vorschußcaffe richtigstellen. WrH Nikolsburg. Der Vorstand der hiesigen Chewra-Kadischa hatte beschlossen, die Chewra-Mahlzeit, die sonst in früheren Jahren auf die Vorstandsmitglieder beschränkt war, im heurigen Jahre auf die Gesammtheit der Mitglieder auszudehnen und für den Vorabend des 7. Adar ein gemeinsames Brudermahl zu veranstalten. Dasselbe gestaltete sich zu einem wahren Feste jüdischen Gemeingeistes. Des Morgens wurde die Feier eingeleitet durch die Verrichtung der üblichen Gebete auf dem Friedhofe seitens der Chewra-Mitglieder. Um 51/2 Uhr Abends fand in der Altschul-Synagoge ein feierlicher Gottesdienst statt, bei welchem Herr Rabbiner Dr. Feuchtwang in warmen Worten der Verdienste aller im letzten Jahrzehnte dahingeschiedenen Chewra- Mitglieder gedachte, aber auch anderer um das Judenthum verdienter Männer Erwähnung that, insbesondere auch des im letzten Jahre dahingegangenen Dichters Hieronymus Lorm (Heinrich Landesmann), dessen Wiege in Nikolsburg stand. Um 7 Uhr Abends versammelten sich die Chewra-Mitglieder zur Generalversammlung. Der Vorstand Herr Nathan Oser und der Vereinssecretär Herr Josef Lederer erstatteten den Thätigkeits- und Rechenschaftsbericht, aus welchem sowohl die vielseitige und segensreiche Wirksamkeit des Vereines, als dessen musterhafte und vernünftige Cassegebahrung hervorging, was den ungetheilten Beifall der Versammelten fand. Nach der Generalversammlung fand das von ungefähr 70 Mitgliedern besuchte Brudermahl in dem mit den kostbaren Bundesladenvorhängen sämmtlicher Synagogen geradezu feenhaft geschmückten Speisesaale des »Hotel Schaffa" statt. Außer dem Chewra-Vorstande wohnten demselben die Vertretung der politischen und Cultusgemeinde, Rabbiner Dr. Feuchtwang und Rabbinatsasseffor Josef Knöpfmacher, die medieinae Doctores Baron, Fehl und Pisk und zahlreiche hervorragende Geschäftsleute bei. Die Reihe der Toaste eröffnete Herr Dr. Feuchtwang mit dem Wunsche auf das gute Einvernehmen und gedeihliche Zusammenwirken der politischen und der Cultusgemeinde; nach diesem toastirte der hochbetagte Rabbinatsasseffor Knöpfmacher in längerer geistvoller Rede auf den Chewra-Vorstand, während sodann Cultusvorsteher Herr Philipp Kohn sein Glas den beiden hochverdienten Seelsorgern widmete; Bürgermeister Herr Moriz Abeles betonte gleichfalls die Nothwendigkeit des Zusammenwirkens der politischen und der Cultusgemeinve, und so reihte sich Toast an Toast, nach dem officiellen Theile der gemüthliche, bei welchem Doctor Siegfried Fehl anregle, an dem Geburtshause des Dichters Hieronymus Lorm eine Gedenktafel anzubringen, zu deren Beschaffung sofort eine Sammlung eingeleitet wurde, welche einen erfreulichen Erfolg hatte. Seitens des Obmannstellvertreters Herrn Bernhard L. Teltscher wurde angesichts der in jüngster Zeit sich in Nikolsburg mehr und mehr fühlbar machenden antisemitischen Bewegung die Nothwendigkeit engen Zusammenschlusses und energischer Abwehr betont, welche Anregung seitens der Anwesenden freudigst begrüßt wurde. In vorgerückter Nachtstunde schloß das schöne Fest, welches dem Vorstande einen Beweis der Anerkennung seiner Thätigkeit geboten, in den Theilnehmern den Wunsch nach baldiger Wiederholung erweckte und in manchem Herzen die Hoffnung auf Friede und Eintracht in der Gemeinde und^ den Glauben an kommende bcsflre Zeiten wachrief. London. (Aus den Verhandlungen der F r e m d e n c o m m i s s i o n.) In der Sitzung vom 9. März verkündete der Vorsitzende der englischen Fremdencommission, Lord James v. Hereford, daß die Vernehmung der Zeugen, welche gegen die Fremdeneinwanderung aussagen wollten, abgeschlossen ist, und daß nunmehr die Commission zum zweiten Theil ihrer Aufgabe, zur Vernehmung der Zeugen, die zu Gunsten der Fremden aussagen wollen, schreiten werde. Es haben sich 50 solche Zeugen gemeldet, welche keineswegs alle Juden sind. Es wird sich r un zeigen, ob die englische Presse, welche den Verhandlungen vor der Commission bis jetzt lebhaft gefolgt ist, auch jetzt, da sie nun für die Juden günstig lauten werden, der Angelegenheit das gleiche Interesse widmen wird. Als erster Zeuge dieser zweiten Kategorie trat am 12. März der Vorsitzende des Londoner jüdischen »Board of Guardians", Mr. Leonard L. Cohen, auf, der unter enormen Andrang des Publicums im Aufträge seines Boards über die jüdischen Armen in London erschöpfende Auskunft gab. Die fremden jüdischen Armen werden zum kleineren Theil aus dem Fonds für vertriebene russische Juden, sonst aber vom Board unterstützt. Außer diesen beiden Institutionen und der Jüdischen Volksküche gibt es in ganz London keine andere für die armen