Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 12 (20.3.1903)
- Date
- 1903-03-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 186 Dr. Bloch's Wochvnschrift. Nr. 12 Und nun noch ein Wort über die Bezeichnung „auserwähltes Volk"', welche uns seit undenklichen Zeiten bald im Ernst, bald mit bitterer Satyre entgegengehalten wird. Jeder Vater betont seinem Lieblingskinde gegenüber die höhere Veranlagung, um die Vorzüge des Kindes durch die väterliche Anerkennung steigernd zu festigen; von ähnlichen Empfindungen war Moses durchglüht, als er sein Israel durch die Würdigung jüdischer Ethik und Moral zum Vorbild sür alle andern Völker kühren wollte. Und legen wir unserem Gewissen die Frage vor: Hat Mose seine Miffion, die auf Horeb's Höhen ihre erste Weihe empfing, wirksam erfüllt, so lehren uns Gebilde, Gestalten und Ereignisse — und die wirkungsvolle Gegenüberstellung der anderen Bölkerschicksale, daß die vor tausenden Jahren geoffenbarte Heilslehre Mosis fortwrrkte in den Stürmen der Jahrtausende, im Drange der Verfolgung, im Wüthen feindlichen Grimmes, im Branden der Schicksale — im Wandel der Zeiten!! Die Fehler des Judenthums sind allgemein menschliche... Die Ethik jedoch leuchtet, wie ein funkelndes Diadem als hohe Errungenschaft traditioneller Ueberlieferung vom Sinai — bis zu dieser Stunde, bis auf den heutigen Tag. .Tief wurzelt das Judenthum in seiner Familie" ist in der mosaischen Satzung begründet: „Zähle meines Volkes Häupter nach Familien* (ll. Buch Moses) und der bibelgeheiligte Familiensinn fügte die klaffenden Gegensätze aneinander, milderte die thierischen Jnstincte, zügelte und hielt nieder die bösen Triebe, die allmälig entschwanden auch der Brust aller Enterbten des Glückes, im Schoße des Judenthums.. . . Hier finden wir weder Trunksucht, noch Böllerei, die sich an der Familie strafend rächen. Der ärmste Jude bürdet keuchend unter Selbstkasteiungen des Lebens sauer schwere Lasten auf seine Schultern, um -seinem Weibe, seinen Kindern einen Dämmerschein von Wohlfahrt zu bieten, einen rosigen Hauch leiblichen Wohles, einen Schimmer geistigen Lebens mühselig zu erringen, den Geist zu wecken, die seelischen Kräfte zu heben, während eine überreiche Anzahl der Arbeiter anderer Bekenntniffe des Lebens Bitterniffe, des Daseins Schwere in Schänken und Spelunken erträntt und verträumt, der Ihrigen ganz vergeffend. . . . Oder zeugte etwa das Judenthum entmenschte Gestalten, welche ihre Kinder durch langsamen qualvollen Martertod verröcheln laffen, über zerstückle Kindesleichen schretten, wie wir dies in unseren Tagen schaudernd miterlebt. . . . Ja, wir wollen trotz der Ironie sein ein a u s e rwähltes Volk, denn das Judenthum ist ein aus Bausteinen von Gedanken und Empfindungen errichteter Riesenbau, der allen Zeitenstürmen trotzt. Klären wir in fortgesetzter Steigerung unsere Gedanken, veredeln wir stetig unsere Empfindungen, fassen wir im Zauberringe unserer herrlichen Lehre das köstliche Juwel ethischer Moral, und wir bleiben in des Wortes auszeichnend st er Bedeutung das auserwählte zum Vorbild würdige Volk für alle unsere Brüder nicht jüdischen Bekenntnisses, trotz Babel, trotz Delitzsch — für kommende Jahrhunderte! Bibel und Babel. Herr Redacteur! Am selben Tage, da ich in den Journalen das vernichtende Anathema Delitzsch gegen die Bibel las, finde ich zufällig in den Denkwürdigkeiten Johannes von Müller's, eines schußfesten Protestanten, folgende Stelle (Cotta'sche Ausg. Bd. 31, p. 117): „Die Neologen verirren sich auf einen Weg, von welchem nicht Orthodoxie, aber Menschenkenntniß fie zurückrufen sollte. Sie reden immer von der Kindersprache der Bibel als einer für uns gar nicht mehr schicklichen Form, die in den Ton des XVIll. Jahrhunderts übersetzt werden müsse; und diese Herren vergessen, daß der größte Theil der Menschen immer aus Kindern besteht, daß dieser kostbare Kindersinn sie eben für das Schöne und Gute empfänglich macht. Sie sehen sich in ihrer Einbildung für die Welt an; weil sie beklascht, gut bezahlt in der Mitte ihrer Bibliotheken jene Seelenbedürfnisse nicht fühlen, so verwerfen sie den Rath Gottes in der Erziehung der Menschen. Da will ich lieber ein Athenienser oder ein alter Römer, als so ein Christ sein. Sokrates halte weit mehr Christensinn, als diese seinsollenden Verkünder seines Namens."' Diese Stelle stammt aus einem Briefe des berühmten Historikers vom 4. Februar 1795. Es scheint also schon damals der Delitzsch'e gegeben zu haben, ohne daß sie dem Nimbus der Bibel wesentlich Eintrag zu thun vermocht hätten. Dr. M. St. Zur Frage der Krankeupfiegerinnen. Unter der Spitzmarke „Ein Hilferuf sür unsere Kranken" wird in Ihrer Nummer vom 13. März d. I. dem Wiener Cultusvorstand vorgehalten, daß er es verabsäumt habe, das von ihm selbst geplante „Krankenpflegerinnen-Jnstitut" zu activiren. Demgegenüber sei constatirt, daß die seit vielen Jahren aufgewendeten Bemühungen des Cultusvorstandes an dem vollständigen Mangel geeigneter Candidatinnen gescheitert sind. Es wurde auf jedem Wege, durch Inserate und persönliche Suche, auf junge Frauen gefahndet, welche sich solchergestalt einen ausreichenden Erwerb schaffen könnten — alle Versuche blieben vergeblich. Dieses negative Ergebniß — ein bezeichnender Contrast gegen die analogen Verhältnisse in den deutschen Judengemeinden — war durch die zu Rathe gezogenen Experten: die Professoren Gersuny und Oser, vorhergesagt worden. Daran wird durch Monographien oder Geldspenden nichts geändert. Sobald sich ein Stock von 12—15 geeigneten Candidatinnen finden wird, soll es an der Activirung des Krankenpflegerinnen-Jnstituts nicht fehlen. Ein Mitglied des Cultusvorstandes. Die Juden in Meran. Wir müssen es uns gestehen und nicht ohne Selbstbewunderung, daß wir ein zähes Volk sind. Wir bewiesen dies im zermalmenden Laufe der Jahrtausende, die so viele Völker wegspülten, uns aber nur wenig abbröckeln konnten, obschon die Menschen der Zeit sehr eifrig nachhalfen, indem sie so Viele von unserem Volke im Feuer rösteten, im Wasser ersäuften oder im Kerker verhungern ließen. Wir aber, die Gott zu weiteren Leiden aussparte, widerstanden der Ueber-- macht, den Scheiterhaufen, der Meerestiefe, der Tortur und den von menschlichen Raubthiereu ersonnenen Verfolgungen und stehen nun da, gehaßt aber beachtet, verfolgt aber beneidet, beschimpft aber gleichzeitig bewundert. Und selbst wenn der moderne Antisemitismus die ganze christliche Menschheit durchseuchen, die Moral noch mehr verwildern würde, wenn Humanität und Cultur noch tiefer sänken — vernichten werden sie uns eben so wenig als die Römer, die Spanier, die Deutschen, die Kreuzfahrer, die Inquisitionen und die Pfaffen es vermochten; als sie uns aus der ältesten und neuesten Geschichte aussperren und verhindern können, daß wir in zähem Widerstand unsere Hasser und Verfolger überdauern! Diese Betrachtungen steigen in mir aus, wenn ich die jetzige Curbevölkerung Merans ausehe. Ich erinnere mich der Zeit, wo in Tirol kein Jude lebte, denn Hohenembs gehört zu Vorarlberg. Und wenn Einer einmal in die Tiroler Gebirgsthäler geschäftlich stieg, um hier Häute oder Rinder zu kaufen, so war es ein verborgenes Unternehmen, das rasch abgethan wurde, obschon hier in Ermanglung von Juden nicht der geringste Antisemitismus herrschte. Dann wagten sich einige deutsche Juden mit Capitalien nach Bozen und einige russische Juden mit Husten nach Meran, wo sie die Locken und die Kaftans beschnitten, um sich unkenntlich zu machen. Trotz dieser Metamorphose hielten sie die Meraner nicht für Bischöfe, aber sie gewöhnten sich an sie und nahmen ihre Curtaxe. Non ölet. Nach Mizraim und nach Meran kamen sie als kleines Häuflein und wurden da zu großem Volke. Die wenigen brustkranken polnischen Juden, die sich vor den Unbilden ihres rauhen Winters in das südliche Tirol flüchteten, wuchsen alljährlich mehr an und bilden jetzt die Mehrzahl der internationalen Curgäste, nehmen eine fast dominirende Stellung und den breitesten Platz, sowohl in jenen Pensionen ein, wo der Mensch bei zehn Gulden täglich beginnt, als auch dort, wo eine Brotsuppe und ein Glas Milch die Nahrung, ein dürftiges Bett die Wohnung bildet. Nach der Sclaverei Rußlands und Rumäniens, welche Freiheit! Hier muß man sich nicht vor jeder Uniform bücken,