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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-03-20 · 12 (20.3.1903) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
12 (20.3.1903)
Date
1903-03-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nc. 12 Dr. Bloch's Wochrnfchrifr. Seile 184 Herr Poisl sowohl als die christlichen Fabrikanten C e r f und Stibek protesticen gegen den Mißbrauch, politische und religiöse Momente in eine wirthschaftliche Frage hineinzuzerren. Bis hieher betrasen die Aussührungen der Redner mehr den ethischen Standpunkt und die Gerechtigkeit. Was aber die materielle Gemeinschädlichkeit und die wirthschaftliche Widersinnigkeit der antisemitischen Schlagworte betrifft, die in reactionären Gesetzen Ausdruck gefunden haben, wurde von diesen und noch von anderen christlichen Rednern zweierlei constatirt. Erstens, daß das Verbot des Detailreisens ebenso viele jüdische als christliche Firmen schädigt, und zweitens, daß die von der Calamität betroffenen Arbeiterinnen sich vorwiegend aus den christlichen und deutschen Kreisen recrütiren. Man sollte glauben, daß diese Ausführungen intereffant genug sind, um von jeder Zeitung gebracht, und, wenn sie nach Anschauung des einen oder des anderen Blattes nicht richtig sein sollten, widerlegt zu werden. Diese Widerlegung wäre ja sehr nothwendig, wenn die Sachlage in jener Versammlung unrichtig und tendenziös dargestellt worden wäre. Der kennt aber unsere ehrenwerthe Antisemitenpresse schlecht, der so naiv wäre, zu glauben, daß sie die Aeußerungen christlicher Gewerbetreibender abdrucken werden, wenn diese die Gleichberechtigung aller Staatsbürger fordern. Wenn noch dazu durch klare und überzeugende Constatirungen von Thatsachen die christlich-sociale Gewerberettung als ein frivoler und gemeingefährlicher Schwindel gebrandmarkt wird, dann ist es doch am bequemsten, Berichte über eine solche Versammlung in den Papierkorb zu werfen. Dann erfährt eben der „kleine Mann", das „christliche Volk", der „seßhafte Gewerbetreibende" nichts davon, was seine intelligenten christlichen Mitbürger sagen. Das Volk in Unkenntniß zu erhalten, das ist das bewährte gemeinsame Recept des Clericalismus und des Antisemitismus. * * * „Der Jude Bodenstein und sein Freund", so lautete im „Deutschen Volksblatt" der Titel einer Gerichtsverhandlung. Nach diesem Titel sollte man glauben, daß der „Jude Bodenstein", dessen Lebensführung allerdings nicht einwandfrei ist und der hier keineswegs in Schutz genommen werden soll, ein schweres Verbrechen begangen hat. zu welchem der Charakter seines arischen Freundes in wohlthuendem Gegensätze steht. Was ist aber thatsäcdlich geschehen? Der arische Tischler Pawelka har mit einem Schuldenmacher, der in ferner Zeit eine Erbschafr zu erwarten hatte, ein Wuchergeschäft gemacht, u. zw. auf Empfehlung Bod-nstein's, der von dem Geldbedürftigen dafür 100 fl. Provision erhielt. Diese 100 fl. hat dann Bodenstein, als der Bewucherte in Noth gerieth, successive zurückgegeben. Soweit also bei einem schmutzigen Wuchergeschäfte von einem Anstand die Rede sein kann, hat Bodenstein sich als anständiger Mensch benommen. Wie verhält sich aber die Sache mit dem Arier Pawelka? Er hat seinem Schuldner sogenannte Möbel verkauft, die thatsächl'ch „altes Graffelwerk" waren und bei deren Verkauf der Bewucherte einen B-ncg von 620 Kronen erzielte. Für diese Möbel hat Herr Pawelka 20.000 Kronen erhalten und auf das dem Schuldner gehörige Erbtheil sichergestellt. In derselben Nacht, in welcher der Vater des Schuldners starb, reiste Pawelka nach dem Orte, in welchem sich das zuständige Verlassenschaftsgericht befindet, und in aller Gottesfrühe fand er sich dort ein, um buchstäblich praesente eaäavere die 20.000 Kronen sicherzustellen. Er hätte diese Summe auch bei Heller und Pfennig ausbezahlt bekommen, wenn nicht der Bewucherte die Anzeige erstattet hätte. Seit Menschengedenken ist uns kein Fall einer so unerhörten Bewucherung zur Kenntniß gekommen, weder von jüdischen noch von christlichen Wucherern. Getzel Wilkenfeld war, verglichen mit Pawelka, ein Gemüthsmensch, der bei dem Anblick eines Geldbedürftigen in Thränen ausbrach. Pawelka wurde verurtheilt, Toni Bodenstein wurde freigesprochen. Warum also „der Jude Bodenstein und sein Freund"? Fördert das auch den Antisemitismus, wenn man erzählen muß, daß der Jude die paar Gulden, die er bei einem schmutzigen Geschäfte als Provision erhielt, zurückgestellt hat, während der Arier einen beispiellosen wucherischen Raubzug unternahm? Die Judenhetze sollte, wenn man sie schon als Geschäft behandelt, doch mit etwas mehr Geschmack und Verstand betrieben werden. * * * Zwei Gauner haben im Antisemitenhok eingebrochen, und das war durchaus nicht schön von ihnen. Wo bleibt denn da die Collegialität? Isegrim. Delitzschs Forschung und das aus erwählte Bott! Von Elias Lehr-Wien. Jeder jüdische Denker muß beobachten, daß ein nichljüdischer Theologe in den allersrltensten Fällen den echten Geist der Bibel, der Compendien und der talmudischen Wissenschaft zu erfassen vermag. Die meisten ziehen Trugschlüsse und mehrere sogar — entgegen ihrem besten Willen — resumiren in ihrer Forschung gerade die entgegengesetzten Postulate der Wahrheit. Den Letzteren müssen wir auch den Profeffor Delitzsch anreihen, deffen Name in den Vordergrund trat durch feine „Babel- und Bibel"-Vorträge. Ich halte es für überflüffig, hier auf Delitzsch's Offenbarungsansichten zu reflectiren, da ohnehin in einer bald zu erscheinenden Druckschrift*) diese Frage eingehend behandelt wird. Auch die Behauptung Delitzsch's, wonach die Idee eines einzigen Gottes schon den Babyloniern bekannt gewesen sei, schmälert in keinem Falle das ureigene Verdienst des Judenthums, denn landläufig ist die proverbiale Volksweisheit: Ein Vermögen zu erhallen, sei ungleich schwerer, als ein Vermögen zu erwerben, und die Juden haben ihre idealen Güter getreulich erkalten und bewahrt. Delitzsch will — ferner — der Bibel die seltsame Behauptung entnommen haben, daß das Weib eine niedrige Stufe bei den Bekennern des Judenthums eingenommen, unter Hinweis auf die Bibelstelle: „Du sollst fröhlich sein vor dem Herrn Deinem Gott. Du und Dein Sohn und Deine Tochter und Dein Knecht und Deine Magd", ohne des Weibes Erwähnung thun. Dieser Nonsens mit seiner lächerlichen Schlußfolgerung hat bereits in diesen Blättern hinreichende Abwehr gefunden. Ich gestatte mir nur noch hinzuzufügen, daß die Bücher des Pentateuchs gewisse Züge von Ritterlichkeit dem Weiblichen gegenüber bekunden. Spricht doch die Bibel von unserem Lehrer Moses: „Er habe für uns (Frauen) das Wasser geschöpft und die Schafe getränkt." Weiters lautet eine erweisende Midrasch-Stelle : „Llseellus noseiiim zidkonioth nigalu mimizrojim.“ Nur aus dem Verdienste edler Frauen ward die Erlösung aus Egypten vollzogen. Eine der zahlreichen Talmudstellei?) lautet: „Selbst zur kleingestaltigen Frau bücke Dich herab, um ihre Meinung zu vernehmen", und sortfahrend finden wir dortselbst an gleicher Stelle: Der Mensch sei bekümmert um die Ehre seines Weibes, der Segen waltet im Hause nur um des Weibes willen, und das ist es, was Rabah den Söhnen Chuza's mittheilte: Haltet werth (theuer) Euere Weiber, auf daß Ihr reich werdet. Gleich merkwürdig klingt Delitzsch's Behauptung: „Der Gott der Juden sei ein Gott der Rache". Wer offenen Auges die Erscheinungen, innerhalb welcher die Gottheit rächend sich gibt — verfolgt, der muß selbst die rächende Gerechtigkeit als eine auf edelstem Motiv aufgebaute erkennen. Möge er sich in die allen Bekennern der Erde mundgerecht gewordenen zehn Gebote vertiefen, (II. Buch Mos., Cap. 20, Vers 5) und sich den Satz vergegenwärtigen: Denn ich bin der Ewige Dein Gott, ein Gott d e r R a ch e, der da ahndet die Schuld der Väter an Kindern bis in das dritte und vierte Glied, und übet Gnade an den Tausenden, die mich lieben und meine Gesetze hüten." Abgesehen von dem ewigen Naturgesetze, daß die Eltern auf mehrere Generationen fortzeugend vererben, erweist sich eine fünfhundertfach gesteigerte Gnade, der Ahndungsfrist bei Sünden gegenüber?) Und angesichts dieser Gnadenfülle der Gottheit — hat Herr Delitzsch noch die Kühnheit von der biblischen Gottesvorstellung als dem Gott der Rache zu sprechen?! ') „Göttliche Offenbarung im Lichte der Wissenschaft" vom Schreiber dieser Zeilen. -) Tractat Lada Lloziad, Seite 59 a. 3) Merkwürdig klingt doch die Talmudstelle (Makkoth ---- 7 d), welche ein Synhedrion durch die Bezeichnung „Würgsynhedrion" stigmatisirte, welches innerhalb s i e b e n z i g Jahren e i n Todesurtheil vollstreckte.

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