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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-03-20 · 12 (20.3.1903) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
12 (20.3.1903)
Date
1903-03-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 184 Dr. Bloches Wochsnfchrrst. Nr. 12 Nothnagel erhobenen Vorwurf der Gefühlsrohheit und ähnlichen Vorwürfen nichts Unehrerbietiges gefunden wird. Im Gegentheil, die Herren werden eingeladen, die Vorwürfe näher zu präcisiren. Köstlich ist der erste Absatz des Erlasses an die Demonstranten. Die Herren stellen an den Senat das Ansinnen, auf das außeramtliche Leben des Professors Einfluß zu nehmen. Wenn irgend etwas zur Disciplinirung herausfordert, so war es doch dieses Verlangen. Der Senat antwortete aber, das sei ein Verkennen seiner Competenz. Sollte Jemand an den hohen Senat die berühmte ungezogene Aufforderung aus Götz von Berlichingen richten, so wird der Senat jedenfalls auch antworten, das sei ein Verkennen seiner Competenz und deshalb würde er sich mit dieser Aufforderung nicht weiter befassen. Das Vorgehen der Kadimah hat unseren Beifall durchaus nicht. Aber zweierlei muß man ihr jedenfalls zu Gute halten: Einmal, daß die akademischen Behörden durch ihr Verhalten doch den Schein erweckt haben, man müsse mit ihr als gleichberechtigte Macht verhandeln, um gehört zu werden und sein Recht zu erlangen. Und dann hat sie vor den Universitätsbehörden das größere Quantum gesunden Menschenverstandes voraus. Da sie an die Behörden das Ersuchen gestellt hat, Universität und Kliniken nicht zu schließen, weil hierdurch gerade die ruhigen Elemente geschädigt würden, hat sie ungleich mehr Einsicht bewiesen, als der „hohe" Senat. Gänzlich verfehlt ist endlich die Bestrafung der beiden jüdischen Studirenden Benedict und Schön. Es ist einfach nicht wahr, daß sie gehetzt haben, ihre Haltung ist durchaus nicht zum Gegenstand der Angriffe der antlliberalen Studenten geworden, was unzweifelhaft geschehen wäre, wenn sie einer verhetzenden Thätigkeit sich schuldig gemacht hätten. Sie haben viel mehr nur ihr Recht ausgeübt, indem sie mit den anderen betheiligten Studenten gegen die Vorgänge in der Rettungsgesellschaft Protest eingelegt haben. Aber tragen sie damit nun Schuld an den folgenden Demonstrationen? Doch nicht mehr und nicht weniger als — zum Beispiel die Eltern Nothnagel's, ohne deren Verehelichung er weder geboren, noch in Folge dessen Gegenstand einer Demonstration hätte sein können. Endlich erfolgte der Protest der relegirten beiden Studenten in einer Angelegenheit, die der Cognition der Universitätsbehörden gar nicht unterlag. Derselbe Senat, der eine beschimpfende Petition nicht zum Gegenstand einer Disciplinaruntersuchung macht, weil das gestellte Petitum die Grenzen der Universitätscompetenz verkennt, derselbe Senat bestraft zwei Studenten wegen einer berechtigten Erklärung, die mit der Universität nichts zu thun hat. Das ist in der That ein Räthsel, dessen Lösung die Frankfurter Zeitung gefunden zu haben scheint. Der Senat wollte, wie sie meint, unparteiisch sein und nach beiden Seiten hin strafen. Da aber nur auf der einen Seite grobe Ungehörigkeiten erfolgt waren, hat dieses Streben nach Unparteilichkeit die schlimmste Parteilichkeit gezeitigt. Daß der Senat schließlich Hofrath Tschermak wegen seiner Haltung belobt, sei nur nebenher erwähnt, die angeführten Thatsachen genügen zum Erweise, daß der Senat ebenso wenig wie der Rector seiner Aufgabe gerecht geworden ist. Schluß. Au sich sind diese Vorgänge kleinlich, als Symptom sind sie bezeichnend: In den Universitätskreisen Mangel an Rechtsgefühl, in der liberalen Partei und bei den Behörden Schwäche. Wenn den Behörden „die Wacht am Rhein" unsanft in den Ohren geklungen hat, mögen sie prüfen, ob mit der Schadenfreude, daß die Juden etwas abbekommen haben, die Anarchie nicht zu theuer erkauft war. Justitia est fundamentum regnoriim. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgefchichte. (Die Früchte christlich-socialer Gewerberettung. — Was christliche Kaufleute dazu sagen. — Das clerical-antisemitische System. — Der Einbruch im Antisemitenhof«) Die brodlosen Arbeiterinnen der Wiener Wäscheconfectionsbrauche haben ihr trauriges Los der Wiener christlich-socialen Partei zu verdanken, deren Terrorismus es gelungen ist, in der gewerblichen Gesetzgebung die verderblichsten und reactionärsten Bestimmungen durchzusetzen. Das Verbot des Detailreisens in der Provinz hat zahlreiche Wiener Wäscheconfectionäre ihrer Kundschaft beraubt, und da sie keine Bestellungen erhalten, können sie auch die Weißnäherinnen und Stickerinnen nicht beschäftigen. Die Folge davon wird sein, daß diese Firmen, um ihren Geschäftsbetrieb aufrecht zu halten, in der Provinz Filialen errichten werden, so daß die Näherinnen und Stickerinnen, die bisher in Wien von ihrer Arbeit leben konnten, dem Elend preisgegeben sind, und die sogenannten seßhaften oder, wie die Antisemiten so schön sagen, »bodenständigen" Gewerbsleute in der Provinz eine viel intensivere Concurrenz als bisher zu erleiden haben werden. Geholfen ist also, wie durch alle reactionären Gesetze, Niemanden; geschadet wird dagegen Allen, und die Aenderungen der §§ 59 und 60 der Gewerbeordnung sind ein lehrreicher Beweis, wie der Antisemitismus, abgesehen von seiner ethischen Verwerflichkeit, unabsehbare wirthschaftliche Verheerungen anzurichten vermag. Massendeputationen brodloser Näherinnen und Stickerinnen sind bereits im Parlament erschienen, aber ihre Klagerufe verhallen ungehört, übertönt von dem Schlagworte, daß nur ein paar jüdische Firmen hinter der ganzen Bewegung stecken. Nun wurde in Aussicht gestellt, daß alle die brodlos gewordenen Frauen Straßendemonstrationen veranstalten, und nun wird von christlich-socialer Seite einerseits die angedrohte Demonstration als eine Pression bezeichnet, der die Behörden entgegentreten müssen, andererseits wird das Vorhandensein arbeitsloser Näherinnen und Stickerinnen rundweg abgeleugnet. Dieser Widerspruch wäre komisch, wenn es sich nicht um eine sehr traurige Sache handeln würde, denn das Schicksal hungernder Arbeiterinnen kann höchstens den dick und fett gewordenen antisemitischen Parteigrößen und Würdenträgern gleichgiltig sein. Entweder gibt es keine brodlosen Arbeiterinnen, dann ist es unmöglich, mit ihnen einen Aufsehen erregenden Aufzug zu veranstalten, oder es sind Arbeiterinnen durch das Verbot des Detailreisens um .die Arbeitsgelegenheit gekommen, dann ist ihre öffentliche Beschwerde berechtigt, denn so weit ist es noch nicht gekommen, daß die armen Frauen aus Begeisterung für den christlich-socialen Gedanken zu verhungern bereit sind. Die Hindus werfen sich in religiöser Verzückung vor den Wagen des Dschaggernaut, um sich von ihm todträdern zu lassen. Der Dschaggernaut von Wien hat zwar einen Theil der Bevölkerung hypnotisirt, aber so weit ist die Verblendung noch nicht gediehen, daß Tausende von Menschen bereit sind, den Hungertod für ihn zu erleiden. Herr Bielohlawek, der Staatsmann, Philosoph und Nationalökonom, wünscht, daß mit Rücksicht auf die »von einer kleinen Anzahl zumeist jüdischer Confectionäre" geleitete Bewegung eine »Enquete der interessirten Kreise" einberufen werde. Wenn Herr Bielohlawek unter den interessirten Kreisen die Kostgänger der großen christlich-socialen Futterkrippe und jene Gewerbetreibenden versteht, deren commercielles Wissen in dem Lehrsätze besteht, daß die Juden an Allem schuld sind, dann ist von einer solchen Enquete eine Klärung der Situation wohl schwerlich zu erwarten. Sollen aber die Wäscheconfectionäre und ihr Arbeitspersonal befragt werden, dann wird Herr Bielohlawek wieder sagen, daß es »meist jüdische Firmen" oder »Judensoci" sind, die den »seßhaften" Handels- und Gewerbetreibenden den Erwerb vor der Nase wegschnappen. Was soll also derzeit bei einer solchen Enquete herauskommen? Uebrigens ist dem Herrn Bielohlawek und seinen Gesinnungsgenossen rascher, als er erwarten konnte, die Antwort von einer Seite zutheil geworden, die er selbst vielleicht als »interessirte Kreise" anzuerkennen die Gnade haben wird, nämlich in einer großen Versammlung von Feinwäsche-Erzeugern, in welcher die christlichen Chefs angesehener christlicher Firmen das Wort führten. Herr Poisl von der Firma Theodor Gunkel u. Co. erklärte, er sei zumindest ein ebenso guter Christ wie jeder Christlich-Sociale, aber er wolle die Gleichberechtigung aller Menschen, und es gehe nicht an, daß man dem einen Staatsbürger das Recht auf Erwerb nimmt, um den anderen zu schützen.

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