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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-03-20 · 12 (20.3.1903) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
12 (20.3.1903)
Date
1903-03-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 182 I « Irt. VlMtzS MmyVNfmrm» Nr. 12 klingende Wort „Uuterströmuug" ersetzt. Während die Strömung doch recht deutlich von oben ausging. Es kann demnach der Commission „der Vorwurf nicht erspart werden, den Unterströmungen, die sich geltend gemacht haben, nicht kräftig genug entgegengetreten zu sein". — Die Rettungsgesellschaft ist somit nicht gerettet, wie die Freie Presse triumphirend ausrief, sie ist gerichtet. Die Juden sollten aber umsomehr prüfen, ob sie der Gesellschaft weitere Beiträge zahlen sollen, als sie wahrlich noch anderes zu thnn haben. Mit ihrer gemeinnützigen Thätigkeit haben die Juden wenig Dank geerntet. Man läßt ihre Namen in Spendenverzeichnissen aus oder man findet es natürlich, daß sie geben, denn sie haben ja das Geld, oder man errichtet mit ihren Geldern antisemitische Futterkrippen. Und inzwischen haben andere auch Geld und geben auch Geld — aber nicht zu gemeinnützigen Zwecken, sondern um die Juden zu bekämpfen. Da ist der Moment, gemeinnützig zu sein, schlecht gewählt. Die Juden mögen weiter wohlthätig sein, auch gegen gute und schlechte Christen, selbst gegen Antisemiten, wenn es arme Teufel sind, aber sie dürsten um des Himmels willen nicht „gemeinnützig" sein. Sie machen sich doch nur unsagbar lächerlich, wenn sie klagen, wie schlecht es ihnen geht und wie schlecht sie behandelt werden, und dann doch mit Gewalt die anderen beglücken wollen — wo sie sich selber nicht zu helfen wissen. Wenn die Freiwillige Rettungsgesellschaft so gemeinnützig ist — und sie ist es, das sei zugegeben — kann und soll die Stadt sie nicht eben so unterhalten wie ein schönes Rathhaus zur Abhaltung antisemitischer Versammlungen? Oder soll der Fonds der Gesellschaft von den Juden vergrößert werden, damit später das geschieht, was jetzt mit knapper Mühe vereitelt wurde und was mit manchem anderen geschehen ist? Auf diese schönere Zukunft sind ja die Demonstranten ohnehin vertröstet worden. . . Was Gemeinnützigkeit ist, soll die Gemeinde zahlen, das sagt ja schon der Name — echte Wohlthätigkeit aber fängt zu Hause an. Vielleicht bleibt uns dann für die Zukunft die traurige Erscheinung erspart, daß Wiener Juden wegen Errichtung eines Wiener Bethauses in Berlin betteln gehen. Der Protest der dreißig Mediciner gibt uns aber wenigstens die Hoffnung, daß das junge Geschlecht, welches unter den antisemitischen Angriffen groß geworden ist, mehr Stolz und Ehrgefühl besitzt als seine Väter. 2. Die Neue Freie Presse. Die Demonstrationen in der Wiener Universität hatten einen politischen Hintergrund. Es sollte in Prof. Nothnagel die liberale Partei getroffen werden. Unter diesen Umständen gewinnen die Betrachtungen der Neuen Freien Presse, des führenden Organs dieser Partei, besondere Bedeutung. Die Auszüge, die wir aus der Freien Presse mitgethellt haben, waren durchaus nicht das geistvolle Werk eines Satyrikers; sie waren vielmehr völlig ernst gemeint. Wenn das Blatt zum Beispiel in der Erklärung des Rectors, er habe auf Prof. Nothnagels liberale Gesinnung außerhalb der Vorlesungen keinen Einfluß, ruhige Logik entdeckte, so wollte es nicht etwa in feiner Weise andeuten, daß er sich wie ein Trottel benommen habe, -sondern es wollte ihm wirklich ruhige Logik nachrühmen. Bei dieser Haltung, bei der liebevollen Weise, mit der das Blatt den studentischen Krimskrams der Demonstranten besprach, nimmt deren Uebermuth wahrlich nicht Wunder. Nach der letzten Demonstration fing es auch bei der Freien Presse an zu dämmern — im Leitartikel vom 30. Juni bemerkt sie entschuldigend: „Der Eedanke an die Eltern der jungen Leute hat uns bisher gehindert, die einmüthige Entrüstung zu schildern, die in allen geblldeten Kreisen durch diese häßlichen Ausschreitungen hervorgerufen wurde." Diese Rücksicht auf die Eltern ziert eine gute alte Tante, aber nicht ein politisches Blatt. Bezeichnender Weise trifft dann die Entrüstung in erster Linie nicht die verkehrte Welt, nicht das freche Ansinnen der Studenten, ihren Lehrer politisch zu terrorisiren — sondern hauptsächlich das verkehrte Deutschthum, das sich mit Slaven verbindet, um Nothnagel „den Mitkämpfer auf den Schlachtfeldern des französischen Krieges" zu bekämpfen. In dem Artikel kommt etwa zwanzigmal das Wort deutsch und Deutsche vor, und zum Schluß hat sich auch die Entrüstung wieder etwas gelegt. „Ein rasches Ende", so hofft sie, „könnte vielleicht noch gestatten, Milde walten zu lassen und zu verhüten, daß eine groteske Thorheit zum Lebensunglück vieler junger Leute werde." *) Aber es dämmert doch wenigstens hin und wieder in dem Artikel, so wenn es heißt: „das haben sie dem Rector der Universität gesagt, und wir haben nicht gehört, daß sie eine Antwort bekommen hätten, die sie für alle Zeit daran erinnern müßte, wo die Grenze für eine kaum zu ertragende Ueberbebung ist." Danach war die ruhige Logik des Herrn Rectors auch der Neuen Freien Presse zu ruhig geworden. Noch etwas heller ist es dann endlich im letzten Leitartikel vom 14. Juli d. I. geworden. Hier meint sie: „In einem höheren Sinne müssen die jungen Leute, welche das Opfer einer Verirrung geworden sind, y beklagt werden, denn schon im Hause der Eltern wird oft die vergiftende Leidenschaft genährt; moralisch I, herabgekommen, beziehen sie die Universität" . . . während einige Nummern vorher „der Gedanke an die Eltern der jungen Leute sie gehindert hat, die einmüthige Entrüstung zu schildern, die in allen gebildeten Kreisen .durch die. häßlichemAusschreitungen hervorgerufen wurde." So hat die Zeitung also diejenigen als Hauptschuldige entdeckt, auf die sie einige Nummern vorher Rücksicht genommen hatte. Aber mit dieser Anstrengung ist ihre Mannhaftigkeit erschöpft. Auch hier war die Gefahr kat exochen, „daß die Berührung mit der deutschen Wissenschaft für lange Zeit hätte unterbrochen werden können", während es sich doch um unendlich Wichtigeres handelte. Nämlich um die Frage der Gerechtigkeit, um die Frage, ob der unglaubliche Terrorismus, den die Studentenschaft auszuüben sich vermaß, eine entsprechende Sühne gefunden hat. Die Neue Freie Presse scheint die Frage bejahen zu wollen. Sie spricht von „den harten und schweren Strafen" der Studenten. Mit welchem Hohn müssen das die Arbeiter lesen, mit welchem Lächeln die Herren Studenten, die sicherlich auf die ertheilten Rügen gepfiffen haben. Auf die strenge Rüge sowohl als die harte Rüge — sind doch beide — nach Angabe der Freien Presse — inappellabel, da keine Rechtsnachtheile an sie angeknüpft sind.**) Und anscheinend hat das Organ kein Verständniß dafür, welche Anomalie zwischen den Freiheiten der Studenten besteht und dem § 481 des österreichischen Strafgesetzbuches, der den Arbeitern Verabredungen zur Erzielung besserer Lohnbedingungen verbietet. Man hat oft den Antisemitismus eine Sumpfpflanze genannt, und sich über die Schlechtigkeit der Antisemiten entrüstet. Aber man hätte doch auch bedenken sollen, daß Sumpfpflanzen nur da sich entwickeln können, wo ein Sumpf *) Wie steht es mit der Milde bei grotesken Thorheiten anderer junger Leute zum Beispiel des wegen Majestätsbeleidigung bestraften, noch nicht fünfzehnjährigen Zuckerbäckers Ercolessi, der allerdings keine Eltern hat, auf die Rücksicht zu nehmen ist? Gilt nicht bei denen, die solche Eltern nicht besitzen, die Jugend für ein die Frechheit steigerndes Moment? **) Auch das eine Jahr Relegirung.

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