Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 11 (13.3.1903)
- Date
- 1903-03-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 162 Dr. Bloch's Wochonschrifk. Nr. 11 Allem von jenem Theile der katholischen Geistlichkeit, welcher die von den Antisemiten beliebte Generalisirung vereinzelter, durch Juden begangener Verbrechen gutheißt und unterstützt. Gewiß, es gibt auch jüdische Gauner, wie es entartete,, unwürdrge katholische Geistliche gibt. Aber so wenig es angeht, für bic Lumpereien des Monsignore Drozd all' seine Standesgeuoffen verantwortlich zu machen, so wenig geht es an, die Defraudation eines Jellmek oder den Betrug eines beliebigen Kohn oder Löwy dem gesammten Judenthum auf's Kerbholz zu schreiben. Die Defraudation bei der St. Wenzels-Vorschußcasse hat namenloses Unheil über Tausende kleiner Sparer gebracht. Man will größeres Unheil verhüten und dem Cvncurse, der mit dem gänzlichen Verluste der Spareinlagen gleichbedeutend wäre, Vorbeugen. Es ist nun charakteristisch, mit welchen Mitteln die SanirungSaction in Angriff genommen wird. Der hohe Clerus und der hohe Adel hätten ein dringendes, hier nicht näher zu erörterndes Interesse an der Erhaltung der Anstalt. Die großen Latifundienbesttzer, die reichen Stifte und Klöster verfügen über ausreichende Mittel, um die Sauirung durchzuführeu. Von dem Reichthum der Erzbisthümer in Prag und Olmütz wird wenig gesprochen, aber er ist nur umso solider. Die Beträge, die tum von dieser Seite dem Sanirungsfond zufließen, sind sehr geringfügiger Natur. Man wälzt die ganze Last , der Hilfsaction wieder auf das angeblich von den Juden ausgebeutete „christliche Volk". Unter polizellicher Assistenz wird den kleinen Einlegern die Hälfte ihrer Spareinlagen abgedrückt und auf solche Weise sollen 2 5 Millionen aufgebracht werden, um das durch ein ungeheures Verbrechen entstandene Deficit zu decken. Aber nicht nur mit seinen Machtmitteln, sondern auch mit seinen Geldmitteln muß der Staat beispringen, um die schrecklichen Folgen dieses Verbrechens auszutilgeu. Mit unendlicher Laugmuth schieben die Staatsbehörden die Eröffnung des Concurses auf, dulden sie Erpressungen und sonstige Terrorisiruugsversuche auf die Gläubiger oer Anstalt, bewilligten sie die Errichtung einer neuen Vorschußcaffe, die unter dem Namen „Vertrauen" dre freiwerdenden Einlagen wieder an sich ziehen und zur Einlösung der noch übrigen verwenden soll, und der Fiuanzminister hat keinen Anstoß genommen, diese neue Vorschußcaffe im Wege der Landesbank für Böhmen mit zwei Millionen zu dotiren und so durch Staatshilfe die materiellen Wirkungen des Verbrechens abzuschwächen. Auch der Run auf die Böhmische Sparcaffe stehr im Zusammenhänge mit der Sanirung der WenzelScasse. Man yetzt die Bevölkerung zur Herausnahme chrer Einlagen, in der Hoffnung, daß dieselben der Vorschußcasse „Vertrauen" zuftießeu werden. Zu dem alten Verbrechen ist ein neues, noch größeres, ein beispielloses Attentat auf eines der bestfundirren und solidest geleiteten Creditinftitute geführt worden. Die Behörden stehen machtlos diesen Wühlereien gegenüber. Die clericale Partei ist in Oesterreich mächtiger als der mächtigste Minister. Recht und Gesetz wurde erst den Juden gegenüber verleugnet und mit Füßen getreten. Die Staatsgewalt hat dies oulden müssen, ^iuii zieht die Rechtlosigkeit, die Auflehnung gegen das Gesetz weitere Kreise, nun ist es auch das christliche Volk, das unter dem Uebermuthe und der Habgier der Antisemiten und Clericalen zu leiden hat. Gegen das angeblich „jüdische Capital" ist man zuerst unter der stillen Patronanz schwächlicher Regierungen Sturm gelaufen. Heute richtet sich der Sturm auch schon gegen die stolzesten Burgen des arischen CapitalismuS, denn auch die Böhmische Sparcaffe ist ein rein arisches Institut, in dessen Verwaltung und Beamtenschaft kein Jude sitzt. Wer will dem Blitze ein Ziel, dem verheerenden Unwetter Schranken setzen? Die Juden wollte man treffen und heute wankt der gesammte öffentliche Credit in Oesterreich. Ein uubeglaubigtes Gerücht will wissen, daß sich in den Büchern der Wenzelscasse eine hohe Post für Kosten des Hilsner- Processes finde. Wenn dies richtig ist, dann ist die Nemesis für diesen niederträchtigen Mißbrauch anvertrauter Gelder schnell genug gekommen, denn die betrogenen, in ihren frommen Glauben getäuschten Einleger knirschen heute gegen ihre clericalen Betrüger. Hat die clericale Partei in Böhmen der Hilsner-Affaire wirklich eine vorbestimmte Richtung gegeben, um ihre Macht zu stärken, und hat sie hiezu Gelder zu dunklen Zwecken aufgewendet, so ist ihr der Lohn dafür reichlich zmyeil geworden in dem Hasse, den sie mit ihrer Wirtschaft in der Wenzelscasse auf sich geladen hat. Die Regierung aber mag sich die ernste Frage vorlegen: Wohin treibt dieser Staat, in dem eine mächtige Partei sich nicht blos über alle Grundsätze der Menschlichkeit, sondern auch über alles Recht und Gesetz ungestraft hiuwegsetzen und gewissenlos alle Fundamente der socialen und wirthschaftlichen Existenz erschüttern darf? Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Freiherr von Galgotzy und Ern st Schneider. — Compromittirendes Lob. — Antisemitismus in der Armee. — Die Gemahlin des Eommandanten.) Das Plaidoyer Ernst S ch n e i d e r's zu Gunsten des Feldzeugmeisters v. Galgotzy kann uns nicht daran hindern, me nichlswürdigste Campagne, die jemals von der Antisemitenpreffe unternommen wurde, zu beleuchten. Es mag unappetitlich sein, an eine Sache zu rühren, die ein Ernst Schneider mit seinen schmierigen Fingern betastet hat, allein die Angelegenheit, um die es sich handelt, ist von zu großer öffentlicher Bedeutung, und sie kann mit dem einfachen Hinweis auf den verächtlichen Charakter des Abgeordneten von Sechshaus, auf seine persönlichen Eigenschaften als eines Mannes, der mit Unrecht dem Zuchthaus entgangen ist, nicht abgethan werden. - Der^Commandanl des 10. Corps, der Feldherr, der der allgemeinen Meinung nach prädejtimrt ist, im nächsten Krieg, in welchen Oesterreich durch den Gang der politischen Ereignisse verwickelt werden könnte, an der Spitze des österreichischen Heeres zu stehen, wird von Ernst Schneider und von der ihm gleichwerthigen antisemitischen Presse als ihr Gesinnungsgenosse reclamirt. Die Frage richtet sich nun keineswegs dahin, ob Herr v. G a lgo tzy em Antisemit ist oder nicht, die Frage ist ganz anders zu fassen, und sie tangirt die persönliche Ehre des Herrn v. Galgotzy als Soldaten und Staatsbürger. Sie tangirl auch die Ehre der österreichischen Armee. Welche Gesinnungen Herr v. Galgotzy in seinem Busen hegt, ob Arier ihm sympathischer sind als Juden, ob er die Ungarn lieber sieht als die Czechen oder als die Deutschen, daß Alles interessirt uns nicht, insolange es sich um persönliche oder private Neigungen des Herrn v. Galgotzy handelt.. Nach den Ausführungen des Herrn Ernst Schneider aber und nach den entweder von ihm selbst rnspirirten oder vielleicht gar geschriebenen Artikeln der Antisemitenpresse soll der Antisemitismus des Herrn v. Galgotzy nicht etwa in einer platonischen Abneigung gegen die Juoen bestehen, sondern es sollen vielmehr antisemitische Rücksichten für ihn hinsichtlich seiner Amtsführung und seiner Behandlung der ihm untergebenen Soldaten maßgebend sein. Einen solchen Anwurf, gegen einen der höchsten Miluärs des Reiches erhoben, kann und darf dieser militärische Würdenträger unmöglich auf sich sitzen lassen, und das Merkwürdige vaber ist, daß dieser Anwurf nicht etwa von Juden erhoben wird, sondern von Antisemiten, indem sie ihn ausdrücklich als den ihrigen reclamiren, allerdings ohne das Bewußtsein zu haben, welche schmachvolle Beleidigung sie dadurch dem Felozeugmeister zufügen. Ernst Schneider citirt einen Ausspruch des Herrn v. G a l g o tz y, der gesagt haben soll, daß der Jude kein Mensch sei, und es ist überflüssig, zu sagen, wie geschmeichelt sich Ernst Schneider fühlt, daß der Corpscommandant von Przemysl mit diesem Ausspruche eigentlich nur eine Aeußerung Schneider's wiederholte. Die Priorität dieses Ausspruches gebührt unstreitig unseres Erinnerns dem Ernst Schneider, und nunmehr geht dieser so weit, daß er auf die Priorität dieses schönen Gedankens Verzicht leistet, nur um Herrn v. Galgotzy als seinen Parteigenossen erscheinen zu lassen.