Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 11 (13.3.1903)
- Date
- 1903-03-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 11 Vr» Skoch's Wochenschrift S.-Ue 163 In den Reden Daszynski's über die Vorgänge im Bereiche des 10. Corps kamen Dinge zur Sprache, daß jüdische Soldaten schlecht behandelt worden sein sollen, blos deshalb, weil es Juden sind, daß man jüdische Recruten, um dem Antisemitismus zu fröhnen, zum Militär affentirte, obgleich sie Physisch zu schwach waren, daß man jüdische Recruten chikanirte und mißhandelte. Ob alle diese Dinge ganz oder theilweise wahr sind, ob alle diese Behauptungen vielleicht von Anfang bis zu Ende unwahr sind oder nicht, das entzieht sich unserem Urtheil und unserer Erkenntniß. Der Landesvertheidigungsminister hat alle die von dem Abgeordneten Daszynski erhobenen Anschuldigungen eingehend besprochen und zu widerlegen gesucht. Der Landesvertheidigungsminister hat es also für nothwendig befunden, den Corpscommandanten von jeder Verantwortlichkeit für Ausschreitungen, die innerhalb seines Corpsbereiches Vorkommen, los und ledig zu sprechen, indem er nachgewiesen hat, daß jede ungerechte Behandlung eines Soldaten, jeder Willküract und jede Uncorrectheit seitens des Corpscommandanten strenge geahndet wird. Dagegen hat der Landesvertheidigungsminister es nicht für nöthig befunden, sich dagegen zu verwahren, daß Ernst Schneider den Corpscommandanten öffentlich beschuldigt, dem Antisemitismus im k. k. Dienst Einfluß einzuräutnen. Ernst Schneider faßt von seinem Standpunkte diese entehrende Anschuldigung freilich als ein Lob auf. Erregt es doch auch die Freude des Ernst Schneider, daß ein jüdischer Recrut sich »glücklich aufgehängt hat". Ernst Schneider hat auch mit einem Brief debutirt, in welchem ihm angeblich ein galizischer Geschäftsfreund schreibt, die Hetze gegen Herrn v. Galgotzy sei aus dem Grunde inscenirt, weil er verhindere, daß jüdifche Lieferanten Bestechungen und Betrügereien verüben. Die Briefe, die Ernst Schneider in Sachen der Juden zu erhalten Pflegt, sind erfahrungsgemäß noch viel gefälschter als diejenigen, die er absendet. Ein Subject, dem in öffentlicher Gerichtssitzung nachgewiesen wurde, daß er sich um falsche Zeugniffe beworben, und daß er fingirte Briefe bestellt hat, kann also auch leicht sich Briefe bestellen, in welchen beliebige Lügen über Galizien oder sonstwo enthalten sind. Er hat nicht mitgetheilt, wer ihm diesen Brief geschrieben hat, er hat nicht eine einzige Thatsache mitgetheilt, sei es, um Unterschleife jüdischer Lieferanten oder irgendwelche Bestechungsversuche zu erweisen. Er hat auch nicht den Schatten eines Anhaltspunktes dafür gegeben, aus dem hervorgehen könnte, daß irgend ein Jude Herrn Daszynsky zu den Enthüllungen über die Vorgänge im Bereiche des 10. Corps bewogen hat. Die bloße Erklärung des Ernst Schneider aber, irgend jemand habe ihm einen Brief geschrieben, wonach hinter der ganzen gegen Galgotzy gerichteten Action der socialdemokratischen Abgeordneten ein paar jüdische Lieferanten stecken, genügt der gesammten antisemitischen Preßmeute, um das, was der Trunkenbold von Sechshaus behauptet, als Enthüllungen zu hehandeln und auch auf Grund derselben nicht blos eine freche Judenhetze zu veranstalten, sondern auch die höchstgestellten Officiere der Armee in den entehrenden Verdacht antisemitischer Machenschaften zu bringen und des Mißbrauchs der Amtsgewalt zu bezichtigen. Wir finden nun, ohne daß wir auch nur im Geringsten an antisemitische Handlungen des Herrn v. Galgotzy innerhalb seines amtlichen Wirkungskreises glauben, daß eine Erklärung seitens des Corpscommandanten umso dringender und nothwendiger erscheint. Wir halten es für seine Pflicht, gegen die Zumuthung, daß er im k. k. Dienst Angehörige des Armeestandes ungerecht behandelt, weil sie Juden sind, mit aller Entschiedenheit zu protestiren, und wir halten es für Pflicht der Behörde, den künftigen Kriegscommandanten der österreichischen Armee gegen einen solchen schimpflichen Verdacht in Schutz zu nehmen. Das »Deutsche Volksblatt" sagt von Herrn v. Galgotzy, er habe die in Oesterreich leider übliche Massenbeförderung von Juden zu Officieren eingeschränkt. Er soll sich sogar zu dem Ausspruch haben hinreißen lassen, daß ein Jude kein Mensch sei. Hieran reiht das »Deutsche Volksblatt" folgende Aufforderung: »Hinaus aus der Armee mit jenen Elementen, die den Rock des Kaisers in sehr vielen Fällen doch nur deshalb lieben und schützen, weil sie sich mit ihm auf ihren Geschäftsreisen ermäßigte Fahrt erschwindeln können/ Im weiteren Verlaufe dieses infamen Artikels beschuldigt das Blatt des Mühldorfer Defraudanten die jüdischen Soldaten und Officiere des Verrathes, der Spionage und der Feigheit, und es sagt von den jüdischen Soldaten: ob sie nun in der schlichten Montur des Gemeinen oder in dem glänzenden Rocke des Officiers stecken, bleiben sie doch stets eine klägliche Caricatur des europäischen Ideals eines Soldaten. Unter Hinweis aus diesen Artikel bringt das Verzani-Blatt noch eine ganz speciell Herrn v. Galgotzy rühmende Biographie.in welcher es bemerkt, »diese Charakterzüge lassen es erklärlich finden, daß er dem Judenthum abhold ist, Soldatensinn und Judensinn find diametrale Begriffe. Daher ist die Armee aus zwingender Rothwendigkeit antisemitischer Gesinnung und wird es immer bleiben/ Welche Schmach mit diesen Ausführungen der Armee und speciell dem Commandanten des 10. Corps zugefügt wird, das ergibt sich aus dem Inhalte dieser hier citirten Sätze des »Deutschen Volksblattes" ohne jeden weiteren Commentar. Wir fragen nun und fordern eine authentische Erklärung darüber: dürfen derartige Anschuldigungen, nicht blos insoweit es sich um die infamen Verdächtigungen jüdischer Soldaten und Officiere, sondern auch um die des Commandanten handelt, widerspruchslos geduldet werden? Darf der künftige Kriegscommandant Oesterreichs es dulden, daß von ihm gesagt wird, er betrachte einen Theil seiner Soldaten als Spione und die jüdischen Officiere als Caricaturen, und er behandle fie auch danach? Wird nicht in jeder anderen Hinsicht der größte Werth daraufgelegt, daß politische, nationale und wirthschaftliche Strömungen von der Armee ferngehalten werden? Wegen des Rufes Zde oder jeslem wird die strengste Strafe verhängt, weil dadurch die Einheit der Armeesprache gestört und der militärische Dienst zum Tummelplatz nationaler Kundgebungen wird. Und nur hinsichtlich antisemitischer Gelüste sollte eine Ausnahme gemacht werden, und nur die jüdischen Officiere und Soldaten sollten vogelfrei sein? So groß die Verachtung vor E'nst Schneider und seinen publicistischen Compilern auch sein mag, hier handelt es sich nicht mehr um Ernst Schneider und die antisemitische Revolverpresse, hier handelt es sich um die Ehre der österreichischen Armee und des österreichischen Officierscoips. Wir erwarten, daß der Landesvertheidigungsminister sich über die Frage äußert und daß Herr v. Galgotzy über die ihm zugemuthete Bundesgenossenschaft mit den Annsemiten eine öffentliche Erklärung gibt. Das Bild antisemitischer Gemeinheit wäre unvollständig, würden wir nicht auch noch den Ausspruch des Ernst Schneider citiren, den er gethan, als er darauf aufmerksam gemacht wurde, daß Hkrr v. Galgotzy selbst eine Jüdin zur Frau habe. Der Sechshauser Trunkenbold bemerkte hiezu: »Dann hat der Galgotzy an der Jüdin die Juden kennen gelernt, dann thut er erst recht daran, dann spricht er als Fachmann/ Das vermeintliche Lob der Antisemiten und ihre compromittirende Anerkennung hat also die weitere Folge, daß die Gemahlin eincs der ersten Officiere Oesterreichs im Parlament in ihrer persönlichen Ehre angegriffen wird. Derselbe Ernst Schneider, der Herrn von Galgotzy ob seines Antisemitismus rühmt, sagt unter Einem von der Gemahlin des Commandanten, daß fie alle jene verächtlichen Eigenschaften einer Jüdin in sich vereine, die dazu führen, um ihren Gemahl zum Antisemiten zu machen. Wenn Galgotzy Antisemit sei, so spreche er eben vermöge seines Privatlebens als Fachmann, das ist der Sinn der Ernst Schneider'schen Ausführungen, und wenn Herr v. Galgotzy und die Armeeleitung sich derlei Dinge gefallen lassen, so haben sie es eben mit ihrem eigenen Ehrgefühl auszumachen. Isegrim. Für unsere Jugend. Ein Leser unseres Blattes schickt uns die Abschrift eines Briefes ein, den Geh. Medicinalrath Senator in Berlin an ihn gerichtet hat. Der Empfänger des Briefes glaubte die Bemerkung gemacht zu haben, daß der Tabak in jüdischen Kreisen, namentlich bei Studirenden. Verheerungen anrichte, und schrieb darüber an Herrn Geheimrath Senator. Die Antwort, zu deren Veröffentlichung der Empfänger ermächtigt wurde, dürfte bei der wissenschaftlichen Bedeutung des Briefschreibers vollste Beachtung in jüdischen Kreisen verdienen. * * * Während die Gefahren, welche der Alkoholmißbrauch für die Gesundheit herbeisührt, jetzt nicht blos den Aerzten allgemein bekannt, sondern auch in den weitesten Laienkreisen endlich anerkannt und gefürchtet find, und während die Bekämpfung dieses Mißbrauches jetzt Gegenstand vielfacher Bestrebungen und das Aiel vieler Mäßigkeits- und Enthaltsamkeitsvereine ist, gilt der Tabak als ganz oder fast ganz