Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 10 (6.3.1903)
- Date
- 1903-03-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 164 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 10 Reinisch zum Rechtsanwalt der Stadtgemeinde an Stelle des jüdischen Advocaten Dr. Landsmann. In der Sitzung vom 13. v. M. srug Herr Dr. Spiegelhauer an, ob Herr Bernhard Jung seinen Antrag wegen Wahl des Herrn Doctor Reinisch zum Rechtsanwalt der Stadtgemeinde Bodenbach an Stelle des jüdischen Advocaten Dr. Landsmann schristlich eingebracht habe. Herr Jung erklärte, daß er über Ansuchen des Herrn Dr. Reinisch von der Einbringung eines Antrages abgesehen habe, weil Herr Dr. Reinisch nicht einen seiner Cvllegen verdrängen will. Herr Dr. Spiegelhauer äußerte sich sodann, daß ihn das Vorgehen des Herrn Doctor Reinisch, der wie ein gebildeter Mann nicht anders handeln könne, sympathisch berührt habe, und erklärte, gerne zugeben zu wollen, daß Herr Doctor Reinisch als Ehrenmann gehandelt habe. Ec bedauere, daß ein solcher Antrag überhaupt gestellt wurde, bezeichnete denselben als ungehörig. Die „Westböhmische Volkszeitung", deffeo Herausgeber, Verleger und verantwortlicher Schriftleiter H:rr Geo:g Tr änka in Bodenbach a. d. Elbe, der nach seinem Namen zu schließen einer slavisirten Familie angehört, fällt nun über Herrn Dr. SpiegUhauer her wegen seiner Judenfreundschaft. Der Urgermane Trnka, dessen Vater bei einem jüdischen Advocaten in Saaz sein Brod gefunden, arrangirt deswegen eine förmliche Hetze gegen die Juden. Er schreibt über den „tiefgehenden Moralunterschied zwischen der arischen und der jüdischen Race" und denkt zweifellos an die vornehmsten Repräsentanten der germanischen Moral in Oesterreich, die deutschnationalen Abgeordneten und Wortführer, K. H. W o l f, Herzog, Stein, Georg Schönerer, Ernst Schneider, Bergan i, Canonicus Rohling u. s. w., zu deren Höhe wir Juden uns kaum emporschwingen können. Gewiß gibt es bei uns Juden auch moralisch minderwerthige Elemente, allein diese verkriechen sich in den stillen Winkel, scheuen das Tageslicht und haben das Bewußtsein ihrer moralischen Bemakelung. Anders die antisemitische Partei aller Secten und in allen Ländern. Dort sind die Lumpen gerade die Wortführer, die Parteihäuptlinge, die Fahnenträger. Die Lumperei ist in den Augen der Anhänger kein Makel, beeinträchtigt durchaus nicht das Ansehen der Individuen und macht sie nicht unwürdig des öffentlichen Vertrauens. Das ist der Gradmesser der germanischen Moral, er charakterisirt, welchen Werth oder welche Werthlosigkeit die moralische Reinlichkeit in den Augen des Volkes hat. Die „Westböhmische Volkszeitung" leistet sich ferner folgende Sentenz: „Wir erinnern hier nur daran, daß die hartnmstrittene, an der Sprachengrenze gelegene Gemeinde Trebnitz bei den letzten Gemeindewahlen einzig und allein deswegen in die Hände der Ezechen übergegangen ist, weil die deutschen Juden Gans und Popper im zweiten Wahlkörper für die Czechen gestimmt haben. Der Jude ist eben kein Deutscher, sondern ein Jude. In Mähren sind die Juden, die sich bisher als Strammdeutsche ausgegeben, schaarenweise in das czechische Lager übergegangen, und in Böhmen hat eine große Reihe jüdischer Schulen, die bisher die deutsche Unterrichtssprache hatten, die czechische eingeführt. Der Jude macht eben auch aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation ein Geschäft, er ist im Deutschen ein Deutscher, im Czechischen ein Czeche, in Polen ein Pole, in Ungarn ein Vollblutmagyare u. s. w. Hier können wir uns nun demgegenüber auf das Zeugniß des Fürsten Bismarck berufen, der die historische Thatsache constatirt hat, daß die Deutschen, welche ihre Heimat verlassen, am leichtesten und am ehesten „aus der eigenen Haut springen" und ihres Deutschthums sich entledigen. An der Spitze der czechischen Partei in Böhmen stehen Führer mit urdeutschen Namen, Söhne alter deutscher Bürgerfamilien. Sollen wir an den böhmischen Feudaladel, die Schwarzenberge, die Lobkowitz u. s. w. u. s. w. erinnern? Selbst unter den Führern des polnischen Volkes in Preußen findet man Söhne polonisirter deutscher Familien, während die Juden, welche vor vielen Jahrhunderten aus Deutschland nach Galizien und Rußland eingewandert sind, bis heute ihre deutsche Muttersprache bewahrt und vertheidigt haben. Wenn aber heute die Juden in Böhmen und Mähren angesichts des deutsch-nationalen Antisemitismus und seiner bodenlos gemeinen Exceffe es ablehnen, bei politischen Wahlen für deutsche Candidaten zu stimmen und lieber einem czechischen Candidaten zum Siege verhelfen, so ist das ein Vorgehen, welches volle Billigung und Anerkennung verdient. Kein Jude darf einem verschämten oder unverschämten Antisemiten seine Stimme geben. Nur die allergrößten Kälber wählen ihre Metzger selber. Prag. Am letzten Sonntag fand hier eine Versammlung statt, welche sich mit der Darlegung der von der Cultusgemeinde- Repräsentanz angestrebten Reform des jüdischen Armenwesens in Prag befaßte. Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld besprach das Armenwesen und dessen Reorganisation nach dem Elberfelder Muster vom ethischen Standpunkte aus. Sodann erstattete Doctor Julius Popper das Referat über das Resormproject. Seinem interessanten Vortrage war zu entnehmen, daß die Cultusgemeinde das Elberfelder System nicht in allen Punkten für Prag acceptiren könne. So zum Beispiel fehle hier eines der wichtigsten Principe des Systems, nämlich die staatliche Regelung. Seine Vorschläge gipfelten in folgenden Forderungen: Principielle Centralisation des Armenwesens, Systemisirung von Armenpflegern und Ueberwachung der Armen. An das Referat, das lebhaften Beifall fand, knüpfte sich eine Debatte, an welcher sich die Herren Dr. Stein, Dr. Rosenbacher und Dr. Pick betheiligten. Prag. Der Centralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheiten, der alljährlich einen Vortrag zu Gunsten seiner Handwerkerabtheilung veranstaltet, wird heuer weiteren Kreisen Gelegenheit bieten, einen illustren Redner kennen zu lernen. Der großherzoglich-hessische Geheimrath Professor Dr. Hermann Cohen wird als Gast des Vereines am 7. März um 7 Uhr Abends im großen Saale des „Hotel Central" über „Charakteristik des Judenthums" sprechen. Der Genannte, der erst kürzlich in Frankfurt mit größtem Erfolge einen Vortrag gehalten, ist ordentlicher Professor für Logik und Geschichte der neueren Philosophie in Marburg. Ein Schüler Bernay's, Frankens, Grätz' und Branig's, hat er sich bereits in jungen Jahren durch mehrere Preisschriften bemerkbar gemacht, seinen Ruf in der Gelehrtenwelt jedoch vornehmlich als eminenter Kant-Forscher begründet, wovon seine Werke „Kant's Theorie der Erfahrungen" und „Begründung der Ethik" ein glänzendes Zkvgniß ablegen. In seinem „Bekenntniß in der Judenfrage" und „Nächstenliebe nach dem Talmud" trat er von wissenschaftlicher Warte als Bekämpfer gehässiger Vorurtheile auf und verstand es, auch in vornehmster Weise gegen den in Deutschland erwachten Antisemitismus das Wort zu führen. Professor Cohen geht als Redner ein ungewöhnlicher Ruf voraus'.''‘ Prag. Bei Constituirung des Vorstandes der Cultusgemeinde Horazdiowitz wurden gewählt: Gottlieb Kohn zum Vorsteher, Siegfried P o r g e s zum Vorsteher-Stellvertreter, Hermann K a tz zum Cassier, Moriz Steiner zum Tempel- Borsteher, M. K o h n sen., Ludwig Fischt, Josef Löwy und Karl Weiner zu Ausschüssen. — In Kuttenberg wurden bei der Wahl in den engeren Ausschuß der Cultusgemeinde gewählt: B. Beran. Jul. Rosenzweig, Moriz Blattner, Alois Baß, Josef Wohrizek aus Kuttenberg und I. Camperlik (Ovcar), B. Pick (Hilzvw), I. Freund (Zbraslavitz); in den erweiterten Ausschuß die Herren N. I. Munk, W. Lang, Dr. Otto Bondy und Friedrich Klein aus Kuttenberg, E. Schück (Roth-Janowitz), Hoffmann und Ohrenftein (Neuhof), Heim (Maleschau) und E. Lustig (Miskowitz). Zum Vorsteher wurde einstimmig der um die Gemeinde verdiente vieljährige Vorsteher Herr B. B e r a n wiedergewählt, zu seinem Stellvertreter Herr Julius Rosenzweig, zum Tempelvorsteher Herr Moriz Blattner, zum Schriftführer Herr Josef Wohrizek, zum Cassier Herr Alois Baß. — Bei der Wahl der israelitischen Cultusgemeinde K a n z i m wurden Ferdinand Freund aus Cerhenitz zum Cultusvorsteher, Em. Jedlinsky aus Zasmuk zum Stellvertreter gewählt. Effek-Oberstadt. Nach Ablauf der dreijährigen Mandatsperiode wurden die Mitglieder der Oberstädter israel. Cultusgemeinde für Sonntag um 3 Uhr Nachmittags zur ordentlichen Generalversammlung, der ersten im neuerbauten eigenen Heim, einberusen. Die Mitglieder waren zu derselben in großer Zahl erschienen. Den Vorsitz führte Herr Cultusvorsteher Dr. Hugo Spitzer. Als Schriftführer fungirte der Gemeinde-Secretär Herr N. Schwarz. Nachdem der Vorsitzende die Anwesenden wärmstens begrüßt und die Beschlußfähigkeit constatirt hatte, nominirte er die Herren Adolf Kraus jun. und Salomon Schwarz zu Verificatoren des General-Versammlungsprotokolles. Vor Uebergang zur Tagesordnung widmete der Vorsitzende den im abgelaufenen Triennium verstorbenen Gemeindemitgliedern einen warmen Nachruf. („Slava"-Rufe.) Ferner meldet er die inzwischen erfolgte Wahl des neuen Oberrabbiners, welche auf Herrn Dr. Simon Ungar entfiel. Der Schriftführer verliest sodann den umfangreichen Bericht des Cultusvorstandes für das Trien-