Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 10 (6.3.1903)
- Date
- 1903-03-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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9ii. 10 Dr. Bloch's Wochenlchrift. Lette 1 geleistet habe. Die Verblüffung des großen Publicums dürfte Delitzsch schwerlich beabsichtigt haben. Der zweite Vortrag habe ebenfalls wenig Neues geboren. Alles in Allem habe Delitzsch zwei sehr schöne, prächtig inscenirte Vorträge gehalten, die mchl viel Neues und das Alte mit zu großer Gewißheit sagten. Brünn. Hier fand in . solenner Weise die Weihe und Eröffnung des Max und Johanna Rose nthal's che n Stiftungshauses statt. Dieses wurde auf Grund des Testamentes der im Jahre 1898 verstorbenen Frau Johauna Rosenthal, der Witwe des im Jahre 1893 tragisch aus dem Leben geschiedenen Schuhwaarenfabrikanttn Mox Rosenthal, ins Leben gerufen, welche letztwillig einen Betrag von 300.000 Kronen zur Errichtung eines jüdischen Armen Hauses nach dem Muster der Lämel'schen Stiftung in Prag bestimmte. Der Eröffnungsfeier wohnten bei die Herren: Statt haltereirath Dr. Graf Pötting-Persing in Vertretung des Statthalters; ferner Bicebürgermeister Rohr er, Gemeinderath kais. Rath Urban und Gemeindeausschußmitglied Doctor E l l i n g e r für die Brünner Gemeindevertretung; die Regierungsijittje Landessanitätsinspcctor Dr. Spitzer und Polizeidirector Lojka, Finanzrath Löwy, Stadtrath Feld mann, Stalthaltereisecretär L e i s ch n e r, die Vorstehung der israelitischen Cultusgemeinde, Vertreter der israelitischen Mohlthätigkeitsvereine und die Hinterbliebenen Verwandten der edlen Stifterin. *" Im Namen des Kuratoriums der Max und Johanna Rosenthal'schen Versorgungsanstalt begrüßte dessen Obmann, der Präsident der Vorstehung der israelitischen Cultusgemeinde Herr Dr. Hieronymus Fialla, die Erschienenen, insbesondere die Vertreter der Statthalterei und Finanzprocuratur, denen er für die warme Fürsorge, die sie als Aufsichtsbehörde der Stiftung zugewendet haben, dankt, den Vicebürgermeister und den Vertreter der Gemeinde, die durch ibr Erscheinen ihre stets bewahrte Sympathie für jede Förderung von Wohlfahrt in unserer Stadt bekunden, die Vertreter der israelitischen Cultusgemeinde und die Vorstände ihrer Wohlthätigkeit-vereine. Redner dankt allen, die um die Activirung der Stiftung sich verdient gemacht haben, den Sanitätsorganen, den Mitgtiedern des Curatoriums, besonders den Herren Dr. E h r e n st e i n und Kraus, dem emsigen Hausverwalter, Herrn Sonnenfeld und seiner Gattin, ferner dem Stiftungsrepräsentanten Herrn Dr. Hoze für die Fülle geleisteter consultativer und conceptiver Thätigkeit, der Schwester des Erblassers, Frau Dr. H o z e und Frau Dr. H o z e jun. dafür, daß sie mit seltener Aufopferung die Einrichtung des Hauses besorgten, schließlich den Herren Baumeister Max Kohn und Möbelfabrikanten Sigmund Deutsch, deren Kunstfertigkeit diese Räume ihre tadellose Adaptirung und Einrichtung danken. Sodann fuhr Dr. F i a l! a fort: „Lxsmpla trahunt, Beispiele zünden", ist das Leitmoti.v der Geschichte unserer Stiftung. Die in Wien im Jahre 1853 verstorbene Frau Babette Edle v. L ä m e l wollte in Prag ein Versorgungshaus für alte, arme, erwerbsunfähig gewordene Israeliten errichten. Obzwar sie diesem Wunsche letztwillig nicht Ausdruck verliehen hatte, führten ihn dennoch pietätvoll ihre Söhne zur dauernden Erhaltung des Gedächtnisses der Mutter aus. Frau Johanna R o s e n t h a l, geborene G e r st l, die als Pragerin das segensreiche Wirken der Stiftung kennen gelernt hatte, ventilirte mit ihrem Gatten den Gedanken, einen namhaften Theil des in redlichem Fleiße und emsiger Betriebsamkeit gewonnenen Vermögens gleichem Zwecke zu widmen, damit auch in unserer Stadt ein Theil unserer im Alter hilflos gewordenen Glaubensgenossen der Existenzsorgen überhoben sei. Max Rosenthal gelangte nicht zur Realisirung seines Lieblingswunsches, da ihn vor einem Jahrzehnt ein jäher Tod ereilte, seine Frau ließ aber seinen Entschluß zur That ausreifen. Die Kränklichkeit ihres Mannes, sein unnatürlicher Tod hat ihr Herz nicht verbittert, der Schmerz hat es vielmehr veredelt. Ihr am II. Juli 1893 errichtetes, nach ihrem Ableben im Oktober 1898 publicirtes eigenhändig geschriebenes T e st a m e n t beginnt mit den Worten: „Ich v e r - niachezu einem Armenhause für jüdische Leute > 50.000 G u l d e n, nach dem Modelle der Lämel'schen Stiftung" und in einem späteren Nachtrage fügt sie hinzu, die Stiftung möge auf den Namen „Max und Johanna Rosenthal" lauten. Nachdem aus den dem legirten Betrage von 150.600 Gulden zugewachsenen Zinsen die Vermögensübertragungsgebühren berichtigt waren, übertrug die Statthalterei Herrn Dr. Cornelius H o z e das Evrenamt des Stiftungsrepräsentanten und im Sommer 1901 konnte sich das Curatorium constituireu. Nebst mir, dem als dem gegenwärtigen Vorstande der Cultusgemeinde eine Virilstimme zuföllt, entsendete diese in das Curatorium die Herren Vertreter Leopold Bauer und Samuel Nosenthal, und Dr. H o z e ernannte die Herren Dr. Jacob E h r e n st e i n und Dr. Emil Kraus sowie die .Herren Jonas Karp eles und Ludwig Sonnenfeld. Nach vielfachen Bemühungen um eine Unterkunft für diese Stiftung erwarben wir dieses Haus mit Garten und. um für alle Zukunft unter der Voraussetzung von Zustiftungen selbst hochgesteigertem Bedarfe entsprechen zu können, den anstoßenden Bauplatz. Wir adaptireu vorläufig das erste Stockwerk für Stiftungszwecke, die anderen Raume Miethzwecken Widmend. Nach Bestreitung der Kausichillinge für Haus und Bauplatz sowie der Kosten der Adaptirung und Einrichtung verfügen wir beute über ein Capital von 100.600 Gulden nebst einem kleinen Reservefonds, d i. über einen Zinsenertrag von mindestens 4600 Gulden jährlich und wir haben vorläufig 6 Personen, die alle das 60. Lebensjahr überschritten haben, lange Seßhaftigkeit in unserer Gemeinde, Unbescholtenheit und Dürftigkeit ausweisen konnten, untergebracht und werden vom nächsten Monate ab noch weitere 4 Stiftlinge unterznbringen in der Lage sein, die volle Verpflegung, Kleidung und noch ein mäßiges Taschengeld erhalten, alles weit reichlicher als es in einem Armenhause geboten wird, nach bürgerlichem Zuschnitte, einzig und allein verflichtet, würdig zu leben, sich der Hausordnung zu fügen, den gebotenen Gottesdienst in dem Betzimmer dieses Hauses abzuhaltrn und sich jeder gewinnbringenden Beschäftigung und jedes Werdens um Unterstützung zu enthalten. Ein mehrmonatlicher Betrieb wird lehren, )b wir nicht mehr als 10 Stiftlinge versorgen können, und die Ausgestaltung der Stiftung hängt vorwiegend davon ab, daß durch Wohltäter Zustiftungen erfolgen. So hat das Ehepaar Rosenthal durch die dauernd sichergest. Ute Stiftung sich ein Denkmal gegründet, dauernder als Erz. Die schlichte letztwillige Anordnung, welche die Stiftung ms Leben ruft, erscheint mir von Poesie durchtränkt, nicht jener Poesie, die mit Alliterationen, kunstvollen Versmaßen und klingenden Reimen sich in das Ohr einschmeichelt, nein, von der Poesie des Herzens, des mit der Noth des Nebenmenschen mitfühlenden und mitvibrirenden Gemüthes. Die einfache Frau, die nicht die Höhen landläufiger wissenschaftlicher Bildung erklommen, die aber den Edelsinn besitzt, sich nur als Verwalterin der irdischen, von Gott geschenkten Güter zu betrachten, sie erscheint uns wie die Lichtgestalt der Charitas, der reinen Menschenliebe, wie jenes herrliche Frauenbild, dessen Heimat die ganze Culturwelt rst, Orient und Occident mit gleichem Nachdrucke den Bekenrrern des Alten und Neuen Testamentes eingeschärft, des Bademecums aller Ethik „liebe deinen Nächsten wie dich selbst", eines Gebotes, das, allseits gewürdigt, allem Glaubens-, Sprachen- und Nationalitätenstreite ein gewünschtes Ende bereiten müßte. Und nun Lxempla tradnut! Möchte doch das leuchtende Beispiel von Menschenfreundlichkeit, das uns hier vor Augen tritt, zur Nacheiferung entflammen, damit noch mancher Noth gesteuert werden könnte! Wir jüdischen Bewohner dieser Stadt haben uns stets als di-nende Glieder unserem großen Gemeinwesen angeschlossen, wir wollen aber nicht verzichten auf den Wettbewerb mit unseren Mitbürgern in Werken der Menschenliebe, eingedenk dessen, daß stets die jüdische Wohltc ätigkeit, fußend auf den humanen Vorschriften der Bibel und des so wenig gekannten und darum viel verkannten und verlästerten Talmud, von Freund und Feind als nacheifernswerth gepriesen wurde. Vor zwei Jahrhunderten predigte der berühmte französische protestantische Kanzelredner Jacques S a u r i n als Refuge im Haag über Wohlthätigkeit der Juden und des Redners feurige Schilderung der mosaischen Gesetze über Wohlthun und Opfergaben übte einen so mächtigen Eindruck auf die christlichen Zuhörer, daß sie fast Alles, was sie bei sich trugen, Geld und Schmucksachen, für Linderung der Armuth spendeten. Unsere Glaubensgemeinde konnte bis nun der Pflicht werkthätiger Menschenliebe nicht vollständig Rechnung tragen. Das halbe Jahrhundert ihres Bestandes ist ein zu kurzer Zeitraum im Gemeindeleben, als daß das Solidaritätsgefühl ihrer Mitglieder schon feste Wurzeln geschlagen haben könnte. Sie gleicht noch mitunter dem Alluvialterrain, dem die Festigkeit des gewachsenen Bodens mangelt. Allein wie wir die Conglomerate des Alluviums durch Bepflanzung binden, so müssen wir unsere Gemeint eangehörigen aneinanderschließen durch Liebeswerke. So möge denn von diesem Hause der Barmherzigkeit befruchtend ein breiter, tiefer Strom von Menschenliebe fluthen durch unsere ganze Gemeinde, auf daß die mit Glücksgütern Gesegneten es erfassen, daß Geben selig sei, die vom Schicksale Verstoßenen mit ihrem Lose versöhnt werden! Mögen unsere Stiftlinge, stets dankbar gedenkend ihrer Wohlthäter, sorgenlos sich ihres Lebensabends hier erfreuen, möge von diesem Hause aus der Gedanke der Menschenverdrüderung in jedes Bewußtsein dringen, uneigennützige Liebe den Haß überwinden und so das herrliche Wort allseitiges Verstandniß finden, das der große deutsche Dichter uns von der hohen Zinne seines vorurtheilsfreien Denkens zuruft: „Todte Gruppen sind wir, wenn wir hassen. Götter, wenn wir liebend uns umfassen." Hierauf hielt Herr Religionsprofessor Dr. G r ü n f e l d eine Ansprache, nach deren Beendigung er die priesterliche Weihe des Hauses vornahm. Schließlich sprach ein Neffe des Stifterpaares» Herr Dr. H o z e im eigenen Namen und im Namen eines anderen Familienangehörigen, des Herrn Dr. Emil Kraus, dem Curatorium. insbesondere dem Herrn Tr. F i a l l a für die Durchführung des Humanitätswerkes gemäß den Intentionen der Stifter den Tank aus, worauf die Feier mit Hochrufen auf den Kaiser ihren Abschluß fand. Vor dem Verlassen des Hauses besichtigten die Festtheilnehmer die zweckentsprechenden Räume der Anstalt. Böhmisch-Leipa. Merkwürdig- Blüthen treibt unserantisemitische deutsch-nationale Journalistik. Im Bodenbachc Gemeindeausschuß hatte das Mitglied Herr Bernhard Jun; einen Antrag angekündigt wegen Wahl des Herrn D"c'vr