Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 10 (6.3.1903)
- Date
- 1903-03-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 10 Dr. Bloch's Wmtzenfttzrist. Sette 151 rischer, kulturgeschichtlicher, theologischer und biographischer Art hier zum ersten Male in umfassendem Ueberblicke ermessen, was den ununterbrochenen Zusammenhang im äußeren und im inneren Leben des Judenthums seit Tausenden von Jahren ausmacht. Am nächsten liegt freilich dem heutigen Interesse der weiteren Kreise die Biographie und es muß gestattet sein, bei der großen Heerschau über diejenigen Juden, welche nicht blos in der Geschichte des Judenthums, sondern auch in der allgemeinen Geschichte sich ein Recht auf ehrenvolle Erinnerung und Erwähnung erworben haben, auch manche Lücke anzudeuten, welche nachträglich auszufüllen sein wird. Dabei kommt naturgemäß, daß die jüdische Geschichte in der Diaspora wesentlich nur Cultur- und Wissenschaftsgeschichte ist. vor Allem die Wissenschaft und seit einem halben Jahrhundert das öffentliche Leben in Betracht. Wenn beispielsweise in knappem Umrisse der Lebenslauf eines Jakob Bernays dargestellt wird, so wäre es bei der wahrhaft splendiden Fülle des Jllustrationsmaterials wünschenswerth gewesen, auch ein Bildniß dieses unvergeßlichen Gelehrten einzuschalten. Jakob Bernays war einer der größten Philologen des vorigen Jahrhunderts und dazu ein muthiger Bekenner seines Glaubens. Wie aufrichtig und tief die Verehrung und Bewunderung war, welche ihm auch von nichtjüdischen Zeitgenossen erwiesen wurde, kann man unter Anderem aus den Lebenserinnerungen Paul Heyse's und den Briefen des unlängst gestorbenen Latinisten Otto Ribbeck ersehen. Er wurde schon in seinen jungen Jahren als ein Wunder der Gelehrsamkeit und der Genialität angestaunt; dann, nachdem er als Lehrer am Breslauer Rabbinen-Seminar und als Docent an der dortigen Universität ein Jahrzehnt verbracht hatte, ward er keinem Geringeren als dem gefeierten Schulhaupte Ritschl in Bonn zum Nachfolger gesetzt. Leibhaftig steht - der schlanke, fast wie gebrechliche Mann mit dem tiefbleichen, von einem dichten schwarzen Vollbart umrahmten Gesicht und dem braunen runden Calabreserhute auf dem lockigen Haupte in meiner Erinnerung, scheu und in sich gekehrt, aber voll fröhlichen, unerschrockenen Muthes auf der Jagd im philologischen und philosophischen Urwald nach kostbarer Beute. Ein großer deutscher Kritiker hat von ihm gesagt, daß er auch die deutsche Sprache wie bildsamen Thon geknetet habe. Fehlt mir aber in der de^visb Unedelopsdia nur das Bildniß dieses Unvergeßlichen, so bedauere ich noch mehr, daß ich einige namhafte Juden überhaupt nicht finde, über die gewiß nicht hätte hinweggesehen werden sollen. Der wilde Freiheitspoet August Braß, der dann ein Werkzeug der Reaction und nach seinem Glaubenswechsel an die Spitze des Berliner Regierungsblattes gestellt wurde; der Geheime Legationsrath Wilhelm Cahn, der als Mitglied der baierischen Gesandtschaft während der Commune in Paris lebte, sodann als einziger Jude der Berliner Reichskanzlei unter Bismarck angehörte und jetzt den Nachlaß Eduard Lasker's herausgibt. Sebstverständlich fallen bei der ungeheueren Masse des zu bewältigenden Stoffes solche geringfügige Auslassungen nicht eben sehr ins Gewicht, und ich bin weit davon entfernt, auf sie das „Zlinima uou enrat praetor" in abfälliger Deutung anzuwenden. Aber wie man etwa an dem Gegenstände feiner Liebe auch das kleinste entstellende Pünktchen wegwünscht, so möchte ich von diesem großen Werke, das schon jetzt, nachdem es kaum bis zum vierten Theile seines Umfanges gediehen ist, eine der imponirendsten Leistungen der jüdischen Literatur darstellt, mit einer Art eifersüchtiger Unerbittlichkeit jede leiseste Unvollkommenheit abgestreift sehen. Weniger noch der jüdischen, als der nichtjüdischen Kreise wegen, in welche die Jewish Encyelopedia Eingang zu finden bestimmt ist. Denn das ist zuletzt doch ihr großgedachter und mit großem geistigen und materiellen Aufwande angestrebter Zweck, nicht blos die Juden mit dem Boden, in dem sie wurzeln, vertraut zu machen, sondern auch die Nichtjuden darüber zu unterrichten, was jene trotz des ungeheueren Druckes, der auf ihnen lastete, zu Stande gebracht haben, um sich selbst existenzfähig zu erhalten und zugleich auch ihre Existenz für die allgemeine Civilisation nutzbar zu machen. Um dies in ganzem Umfange, ohne Voreingenommenheit zu ermessen, dazu genügt es begreiflichermaßen nicht, blos den biographischen Inhalt der Jewish Eneyclopedia zu überblicken. Man muß schon tiefer in die gelehrten Bezirke eindringen, und cs ist geradezu erstaunlich, was hier an gründlicher Verarbeitung fast unübersehbaren wissenschaftlichen Materials, an unbefangener Darstellung geleistet wird, von den prachtvollen Textillustrationen und Kunstbeilagen zu schweigen, die ein bisher nur wenig betretenes Gebiet der Cultur-, Wissenschafts- und Religionsgeschichte auch der sinnlichen Anschauung erschließen. Nur andeutungsweise mag insbesondere auf die Artikel über die Kabbala, über die Bibel, über Bibel-Editionen und Bibelübersetzungen hingezeigt werden. Und daneben auf Alles, was zur Geschichte der jüdischen Gemeinden und hervorragender jüdischer Familien gehört. Wenn je davon gesprochen werden kann, daß ein Weltbild sich vor dem Auge aufthut, freilich nur ein Weltbild indem Lichte der Geschicke des Judenthums, so ist es hier der Fall. Diese Geschicke waren immer von der Entwicklung der Völkergesammtheit abhängig und unzertrennlich, das prägt ihnen ihren unvergleichlichen Universalcharakter auf. Mag man daneben still und nachdenklich ins Einzelne sich vertiefen, an der merkwürdigen Abbildung eines Exlibris aus der Zeit Moses Mendelssohn's, einer alten Synagoge in einer nordafrikanischen Stadt, an der Reproduction erster Bibeldrucke oder des Titelblattes der ersten Ausgabe des Schnlchan-Aruch haften bleiben, die Hauptsache ist doch die wundersame Fernsicht, die sich eröffnet in die Tiefen einer schwerbedrängten und doch so ausdauernden Volksseele, eines Volksgeschickes, deßgleichen die Geschichte nimmer aufzuweisen hat. Es hat nie eine ergreifendere Tragik, aber nie vielleicht auch ein stilleres Heldenthum gegeben. Daneben, wie sich von selbst versteht, mangelt es auch nicht an Dunkel und Verfinsterung. an Nothdurft, die, um mit dem Dichter zu sprechen, durch keine Anmuth gewürzt wird. So ist in Wahrheit diese dovisb Eueyel opsdia, je weiter sie der Vollendung entgegenrückt, ein Mikrokosmus, in welchem sich die Welt- und Culturgeschichte von Jahrtausenden spiegelt, nicht blos, soweit Juden an ihr Antheil hatten, sondern auch soweit deren Reflexe am Judenthum sich fühlbar machten. So Großes und so Kleines ist sonst nicht neben einander zu finden. Daß von der neuen Welt über dem Atlantischen Ocean dieses große Werk ausgeht, das hat außer materiellen Gründen wohl auch einen sehr ideellen, einen psychologischen Sinn. Da drüben gibt es keine historischen Leidensstätten, auf welche die Juden zaghaft und trauernd zu blicken brauchen, keine lähmenden Erinnerungen an Bedrängniß und Verfolgung. Dort drüben hat man noch Anlaß, bei den Nichtjuden vorurtheilslose Theilnahme und ungetrübtes Verständniß für das Judenthum und seine Schicksale zu gewärtigen. Und aller fremden Unduldsamkeit, allem Fanatismus und Jndifferentismus im eigenen Lager zum Trotze darf der Jude jenseits des Oceans mit dem jungen Uriel Acosta sagen: „Ihr dürft mir fluchen, denn ich bin ein Jude." Wilhelm Goldbaum. Correspondemen. Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde in Wien vom 1. März 1903 unter dem Vorsitze des Vieetzräsidenten Dr. Alfred Stern. Beginn der Sitzung halb 11 Uhr Vormittags. Im Einlaufe werden bekanntgegeden: Spenden: Bon Herrn kais. Rath Moriz Hirsch aus Anlaß des Ablebens seiner Gattin zur Bertheilung an mehrere von ihm bezeichnete Wohlthätigkeitsinstitute.. K 2080.— Von Frau Jenny Adler, Mitglied des Ehrendamencvmitßs der Versorgungsanstalt, für das Siechenhaus.. 100.— Bon Herrn Alois Hofmann.. . » 50.— und zwar für den israelitischen Waisenverein K 25.—, für die Verköstigung armer israelitischer Schulkinder in der Brigittenau K 25.—. Von Herrn Nathan Löffler zur Bertheilung von Heizmateriale an arme Israeliten.. . 5.— Ferner wird zur Kenntniß gebracht die von Herrn kaiserl. Rath Hirsch zum Andenken an seine sel. Gattin mit K 1000.— errichtete Seelengedächtniß-Widmung. Im Präsidialberichte gibt der Vorsitzende einen Ueberblick über die Einnahmen der Cultusgemeinde in der Zeit vom 1. Jänner bis Ende Februar 1903 im Vergleiche mit den vorjährigen Eingängen desselben Zeitraumes. Weiters theilt der Vorsitzende mit, daß das Bertretercollegium sich in der letzten Znt eingehend mit der Frage des Wirkungskreises der Bezirkscowmiffionen beschäftigt und beschlossen habe, behufs Erzielung eines befriedigenden Abschlusses dieser Angelegenheit zu den weiteren Berathungen jene Vorstandsmitglieder, welche ein besonderes Interesse in dieser Frage bekundeten, und zwar die Herren Eltbogen, Kauders und kais. Rath Pollak, sowie sämmtliche Obmänner der Bezirkscommiffionen heranzuziehen. Herr k. k.Baurath Theodor Ritter v. Goldschmidt referirt namens des Vertretercollegiums über das mit dem Vereine zur Unterstützung armer, kranker Israeliten zu schließende Uebereinkommen, betreffend die rituelle Verköstigung armer Glaubensgenossen in den Spitälern. Das Uebereinkommen wird genehmigt und wird dem Vereine pro 1903 eine Subvention von K 5000.— zuerkannt. Weiters referirt Herr Baurath von Goldschmidt über das Subventionsgesuch deß Vereines zur Gründung und Erhaltung eines Heimes für obdachlose Familien. Dem Vereine wird für das Jahr 1903 eine Subvention von K. 200.— bewilligt. Ueber Referat des Herrn k. k. Baurathes S t i a ß n y werden im Sinne der Anträge des Stiftungscomites und des Vertretercollegiums auS der Dr. Adolf Sacks'fchen Stiftung für Techniker ohne Unterschied der Confession 13 Plätze mit je