Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 10 (6.3.1903)
- Date
- 1903-03-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Delle 148 Vr. V loch's Wochvnschrifl. Rr. 10 Eine Interpellation, die der Abgeordnete Doctor Ellenbogell im Parlamente einbrachte, bietet wieder einen Beitrag, um das Wirken des christlich-socialen Agitators Moser zu beurtheilen. Dieser Schulleiter gibt den Kindern socialdemokratisch gesinnter Eltern absichtlich schlechte Sittennoten, vernachlässigt seinen Dienst, weil seine Zeit durch Agitationsreisen in Anspruch genommen wird, und der an derselben Schule wirkende Lehrer Krön st einer ergeht sich in Gesprächen mit Kindern in gehässige Aeußerungen, die ihn als christlich-socialen Agitator kennzeichnen, und verwendet Schulkinder zur Asfichirung von Placaten an den Straßenmauern. Die Interpellanten richteten an den Minister die Frage, was er zu thun gedenke, um solchen Vorgängen vorzubeugen, da eine solche politische Agitationsarbeit in der Schule nicht gestattet wcrven könne. Wir glauben nicht, daß der Unterrichtsminlster die Macht hat, ein solches Treiben in Wien zu hindern. Wir zweifeln nicht an seinem guten Willen, aber unter dem christlichsocialen Regime sind weder Gesetze noch Ministerialverordnungen ein Hinderniß dafür, auch die Schule zu Agitationszwecken zu mißbrauchen, genau so, wie die ganze Partei Aemter und Würden als antisemitische Beute betrachtet. * * * Das .Judenthum in Tirol" dünkt dem Innsbrucker Correspondenten des .Deutschen Volksblattes" überaus gefährlich, wenngleich es seinem eigenen Geständniß zufolge nur wenige Juden gibt. Obgleich also der Antisemitismus in Tirol gerade nicht sehr rentabel erscheint, beunruhigt es doch das zartbesaitete Gemüth des tirolischen Judenhassers, daß bei einigen dortigen Eisenbahnen Juden im Berwaltungsrathe sitzen, und er alarmirt förmlich das Tiroler Landschützenchor zu einem Feldzuge gegen diese jüdischen Ersenbahnvögre. lieber ihre Person weiß er nichts Nachtheiliges zu sagen, aber ihre Macht illustrirt er folgendermaßen: Die Bürgerschaft von Schwaz in Tirol strebte es lange vergeblich an, daß der Schnellzug in ihrem Orte halte. Alles Petitioniren blieb vergeblich. Da wendete sich eines Tages der Gemeindevorstand an den in Jenbach wohnenden Verwaltungsrath Dr. Bing mit seiner Bitte, und siehe da, am nächsten Tage blieb der Schnellzug in Schwaz stehen. Für so dumm hätten wir selbst Gesinnungsgenossen eines Bielohlawek nicht gehalten, daß sie die Erfüllung des Wunsches einer Gemeinde als Argument für die Niedertracht der Juden auszubeuten suchen. Isegrim. Hofrath Sigmund Tauffig. Der Kaiser hat dem Hafenbaudirector und Oberbaurath Sigmund Taussig den Titel und Charakter eines k. k. H o f r a t h e s verliehen. Aus diesem Anlasse haben die „Neue Freie Presse" und die „Wiener Morgenzeitung" in ausführlicher und sachkundiger Weise die Verdienste geschildert, die sich der Ingenieur Taussig um das große Werk der Douauregulirung und speciell um die Rettung der Stadt Wien gegen elementare Gefahren erworben hat. Wir unterschätzen diese Verdienste gewiß nicht, schließen uns vielmehr in vollstem Maaße der gerechten Würdigung derselben an. Allein wir haben doch an dieser Stelle in Beurtheilung der hohen Auszeichnung, die dem Ingenieur Sigmund Taussig zutheil geworden ist, einen anderen Standpunkt einzunehmen. Für uns kommt nicht blos seine hervorragende fachmännische Tüchtigkeit in Betracht, sondern in einem ebenso hohen, ja viel höherem Maaße seine unvergleichlichen Eigenschaften als Mensch und Jude. Ja, wir möchten sagen, weil er ein so treuer Religionsgenosse ist, weil er ein so edler Mensch ist, darum ist er auch ein so hervorragender Techniker. Denn die Erfüllung seiner Pflichten als Mensch und Religions genösse, die ihm Herzenssache ist, schließt es in sich, daß er überhaupt die Pflichterfüllung als die erste Aufgabe ansieht, der ein Jeder sich widmen soll, und so hat er diese ihm als Juden und Menschen iunewohnende Eigenschaft auch als Techniker bewährt. Nicht leicht war ihm die Erfüllung seiner Pflichten gemacht. Von Jugend aus hatte er mit Widrigkeiten zu kämpfen. Seine Energie, zähes Festhalten an seinen Vorsätzen, Geduld und Ausdauer, muthiges Ertragen von materiellen Entbehrungen und von moralischen Schmerzen, ernstes wissenschaftliches Streben führten ihn zum Ziele und verhalfen ihm zum Siege im schweren Kampf ums Dasein, der auch ihm nicht erspart blieb. So groß und schwierig die Aufgaben waren, die Taussig als Techniker übertragen wurden, er hat sie nicht blos in glänzendster Weise gelöst und war stets ein Muster an Pflichterfüllung für seine College», seine Untergebenen und Vorgesetzten, sondern er gewann immer noch Zeit, auch seinen Pflichten als Glaubensgenosse und als Mensch nachzukommen. Als ihm die Ehrenämter eines Bethausvorstandes und eines Cultusvorstandsmitgliedes übertragen wurden, hat er es mit diesen Pflichten ebenso genau genommen, wie mit denen seines staatlichen Amtes. Gleichzeitig hat er sich auch in den Dienst der Unterstützungsvereine seiner Glaubensgenossen gestellt. In den Curatorien der Stiftungen, zu denen er berufen wurde, hat er ungemein segensreich gewirkt und seiner Thätigkeit ist insbesondere der Neubau des Stiftungshauses in der Steingasse, sowie des Stiftungshauses in der Währingerstraße zuzuschreiben. Im Verein zur Unterstützung israelitischer Handwerker ist sein Streben immer auf das Wohl der Armen und die Hebung der Erwerbsfähigkeit gerichtet, und seine Anregung und Mitwirkung gab sich auch bei der Gründung des Arbeitsvermittlungsvereines kund. Die Grundsätze, die ihn in diesen Vereinen leiteten, hat er aber nicht blos in dem engeren Rahmen derselben kundgegeben, sondern sie im Leben selbst dadurch bewährt, daß er stets bemüht war, Hilfesuchenden Arbeit zu schaffen. Daß er aber auch offene Hand für Arme hatte, braucht nach der Charakteristik, die wir hier gegeben haben, kaum noch hinzugefügt zu werden. Seine Bestrebungen in culturell jüdischer Beziehung kommen im Verein zur Sammlung historischer Alterthümer und Kunstdenkmäler zum Ausdruck, seine Heimatstreue bethätigt er im Verein der Trebitscher,' dessen Präsident er ist. Wir haben Taussig's Verdienste nicht zu seinem Lobe hier angeführt. Wir kennen ihn und wissen, daß seiner Bescheidenheit ein Hervorheben seiner Person nicht genehm ist. Aber wir mußten seiner vielfachen Leistungen gedenken, damit es bekannt werde, daß nicht blos der Hofrathstitel den Mann ehrt, sondern daß ebenso sehr dieser Mann, Techniker, Jude den Hofrathstitel ehrt. In diesem Sinne dürfen wir eine besondere Freude über die Auszeichnung kundgeben, die einem der Unseren zutheil geworden ist. _ I. L. Die Juden in der konservativen Partei. Wir lesen in der „Magdeburger Zeitung": „In der conservativen Presse treten die antisemitischen Neigungen wieder einmal schärfer hervor. Es ist möglich, daß diese Erscheinung sich aus Rücksichten auf die kommenden Wahlen erklärt und auf den unbequemen Wettbewerb, den man bei ihnen von dem reinen Antisemitismus besorgt. Eine gewisse Vorliebe für den Antisemitismus hat man in conservativen Kreisen trotz aller Verehrung für die Erzväter des Alten Testaments von jeher gehabt. Schon in den ersten Jahrgängen der neugegründeten „Kreuzzeitung" ließ ein arischer Barde, Graf Schlipvenbach, feurige Kriegslieder gegen „Judas goldene Macht" erschallen. Heute läßt das conservative Blatt sich über die „Juden in der Politik" schreiben. In der That ein interessantes Thema, zumal, wenn es nach dem Grundsatz „Charity begins at home“ behandelt worden wäre. Anstatt sich mit Männern wie Oppert- Blowitz, Georg Brandes, dem „Tribune"-Korrespondenten Levi, dem italienischen Staatsmann Luzatti und Rudyard Kipling zu befassen — der letztere ist, beiläufig bemerkt, gar nicht jüdischer Herkunft — hätte es viel näher gelegen, doch einmal 'die Frage zu untersuchen, welchen Einfluß und welche Bedeutung Männer jüdischer Abstammung in der conservativen Partei erlangt haben. Es würde dann zu interessanten Ergebnissen und vielleicht auch zu einem unbefangenen Urtheil über diesen Einfluß gekommen sein. Talentvolle Männer jüdischer Abstammung finden wir in allen Parteien; in keiner aber haben sie eine so große Bedeutung erlangt wie in der conservativen. Wenn aus den Wirren, unter denen sich der Uebergeng des alten Preußens in das neue vollzog, sich eine conservative Partei mit einem politischen Programm auch bei uns aufrichten konnte, so ist das das Verdienst eines ehemaligen Juden gewesen, der obendrein aus Süddeutschland, aus Bayern, gekommen war, des Professors Stahl. Die conservative Partei hat das auch selbst dankbar anerkannt, indem sie eine bleibende Erinnerung an ihn geschaffen hat. Seine Büste ist noch heute neben