Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 10 (6.3.1903)
- Date
- 1903-03-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. io De» BLvch's Wochrnschrikr» Sette 147 können. Anstatt jene Wege zu gehen, welche Gott es gesandt, zieht es die Handelsschiffe vor, die nach Tarteffus gehen, "bis die Katastrophe hereinbricht. Was aber ist es mit dem Seeungeheuer, welches den Propheten Jona verschluckt hat, und mit dem Gebete des Propheten im Innern dieses Seeungeheuers? Es ist nichts anderes als der große Zusammenstoß zwischen Babel und Israel! Der Prophet Jeremias klagt über Babel wörtlich: „Es hat Israel verschluckt wie ein Seeungeheuer und hat seinen Bauch an gefüllt mit Israels ko st baren Güter n". Und dann heißt es ferner: „Ich werde Befehl ergehen lassen an Babel und werde das Verschluckte seinem Rachen entreiße n". Das ist die gesammte Erzählung des Buches Jona, wörtlich zu lesen in den Reden des Propheten Jeremias. Für die „Form des Alten Testaments in seiner jetzigen Ueberlieferung" sehen wir durch die assyrischen Grabungen weder die schnelle noch die wesentliche Aenderung voraus, die der deutsche Kaiser mit Bestimmtheit verkündet. Wir besorgen auch nicht, daß durch die Affyriologie oder eine andere Wissenschaft „viel" oder auch nur etwas „vom Nimbus des auserwählten Volkes verloren geht". Ob ein solcher Verlust „schaden" oder „nichts schaden" würde, ist eine andere Frage. Daß jedes Wort der Bibel eine Verbal-Offenbarung sei, haben gewiß manche Menschen geglaubt, mögen heute noch viele glauben. Herr Profeffor Delitzsch rennt aber offene Thüren ein, wenn er gegen solche Auffassung sich ereifert, die nicht die Auffassung der jüdischen Gelehrten und Gebildeten ist. „Hätte Aristoteles bewiesen, daß die Materie von Ewigkeit besteht, so würde ich das in die Thora hineininterpretirt haben", ist em Ausspruch Moses ben Maimon, der deswegen von Eiferern manche Anfeindung erfuhr. Des großen jüdischen Gelehrten Ausspruch ist gleichwohl berechtigt. Ist irgend etwas thatsächliche und unumstößliche Wahrheit, so k a n n es mit der Offenbarung nicht im Widerspruch, so muß es mit ihr vereinbar sein, und die neue Wahrheit bildet nur eine Stufe zum richtigeren Verständniß der Offenbarung. Eine bloße Hypothese jedoch und die geistvollste Vermuthung hat nicht den Rang einer Wahrheit, und die Delitzsch'schen Bermuthungen sind weit davon entfernt, durch die überhebliche Sicherheit ihres Vortrags solchen Rang zu gewinnen. Der deutschen Wissenschaft hat Herr Prof. Delitzsch eine Blamage zugezogen, er hat sie förmlich compromittirt. Profeffor Hilprecht, ein Deutsch-Amerikaner, der sich seit langen Jahren mit Affyriologie beschäftigt und sogar an den Ausgrabungen der Amerikaner in Babylonien (in Nippur) selbstthätig wiederholt theilgenommen, hat am 17. Jänner und später öffentliche Vorträge über die Ausgrabungen in Babylonien gehalten. Diese Borträge Hilprecht's erfreuten sich der besonderen Aufmerksamkeit der Berliner Hofgesellschaft unter Protection der Kaiserin, und auch der Cultusminister Dr. Studt fehlte nicht; der Kaiser indeß blieb fern. Hilprecht streifte in seinen Ausführungen natürlich auch die bibelfeindlichen Conjecturen und Phantasien seines Collegen Delitzsch und kennzeichnet diese als das, was sie in Wirklichkeit sind: als mehr oder minder geistreiche Einfälle und Combinationen eines in eine bestimmte Idee verliebten Gelehrten, denen jede reelle Beweisunterlage fehle. Dieses Geschehniß hat den Herrn Profeffor Delitzsch arg verschnupft und ihn zu einer Erklärung hinreißen lassen, die wir bereits publicirt haben. Er bestritt Herrn Hilpert alle wissenschaftliche Qualification und jegliche ernste Forscherarbeit. Allein im Jahre 1898 schrieb derselbe Herr Profeffor Delitzsch: „Eines der ältesten Heiligthümer auf Erden ist der Tempel des Wolkenherrn Bel in der mittelbabylonischen Stadt Nippur. Die Ruinen dieser Stadt, heutzutage Nuffar genannt, und speciell die riesigen Ueberreste dieses Tempels bildeten das Ziel und den Schauplatz der hohen (!) wissenschaftlichen Errungenschaften der drei Expeditionen von Philadelphia, welche unter der Leitung von P. Peters, Hermann Hilprecht und I. H. Hahnes seit 1886 bis heute auf jener ausgedehnten Trümmerstätte graben und unausgesetzt finden. Zwei Tempelarchive sollten binnen weniger Jahre die Arbeiten der amerikanischen Forscher belohnen . . . Bis zum Jahre 1896 waren aus den Ruinen von Nuffar nicht weniger als 2600, weiter 8000 und endlich 21.000 Thontafeln und Thontafel-Fragmente, beschriebene und gestempelte Backsteine, Stein- und Thonvasen gewonnen, aus der vorsargomschen Zeit, wie aus allen späteren Perioden der babylonischen Geschichte. — . . . Die Ausbeute an gefundenen Schriftdenkmälern wurde schon 1896 auf 12 Bände zu je 2-3 Theilen (bisher hat Professor Hilprecht drei davon herausgegeben) gerechnet." — - Mit Recht wird dagegen hervorgehoben: Im Jahre 1898 war also Hilprecht nach drei Ausgrabungs- Campagnen für den Profeffor Delitzsch bereits ein erfolgreicher Forscher und besonders sachverständiger Fachcollege, dem ja von der Expedition die Sichtung und Herausgabe der gemachten wiffenschaftlichen Funde anvertraut worden war. Seitdem hat Hilprecht sogar nach dem Zeugniß des Delitzsch von 1903 eine weitere (4.) erfolgreiche Campagne in Nippur gehabt. Trotzdem hat Delitzsch heute den verzweifelten Muth, demselben Hilprecht die Qualification eines durchaus ebenbürtigen und sachverständigen Orientalisten in einer öffentlichen Erklärung abzufprechen. Mit welchem Empfinden wird jeder ehrliche Mann den Schlußsatz der Delitzsch'schen Erklärung lesen: „Ueber die 4. Campagne liegen noch keine wissenschaftlich beglaubigten Angaben vor, doch hat Profeffor Hilprecht sicher daran nicht länger als etwa 4 bis 5 Monate theilgenommen — , in welcher Stellung ist uns unbekannt." Also auch nach Richtung des Charakters hat Herr Profeffor Delitzsch für die deutsche Wiffenschaft keine Ruhmesthat vollbracht. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgefchichle. (Die Prügelstrafe in der Schule. — Der Musterpädagoge Moser. — Die Judengefahr in Tirol.) Die Hetze gegen die jüdischen Lehrer wird fortgesetzt und der Schulleiter Mautner, welchem der Gemeinderath nach dem Anträge des Herrn T o m o l a widerrechtlich die ihm gebührende Qainquennalzulage verweigert hat, ist Gegenstand der unfläthigsten Angriffe seitens der Antisemitenpreffe. Das „Deutsche Bolksblatt" spricht von dem verdienten Schulmanne in Ausdrücken wie „dieser freche Jude", die „Arroganz dieses Juden" rc. Gegen einen Mann, der auf eine jahrzehnte lange pflichttreue Thätigkeit zurückblickt, werden die niedrigsten Verdächtigungen ohne jeden sachlichen Hintergrund geschleudert, und anläßlich der Bewerbung des jüoischen Lehrers Planer um die Stelle des Leiters einer Schule, an der er seit Jahren thätig ist, wird Himmel und Ecde ausgeboten, um seine Ernennung zu verhindern. Wie es mit den christlich-socialen Lehrern bestellt ist, das haben wir wieder einmal aus der Gerichtssaalrubrik erfahren, die eine wahre Fundgrube von Material ist, um die antisemitische Clique richtig beurtheilen zu können. Da lernen wir einen Bürgerschullehrer Eduard Malkovsky kennen, der einen 12jährigen jüdischen Schulknaben auf der Straße ohrfeigt, daß ihm die Wange anschwillt, und der Geist, von welchem die betreffende Schule erfüllt ist, spiegelt sich am besten in der Thatsache wieder, daß der jüdische Schüler beim Verlassen der Schule von seinen christlich-socialen Collegen gehänselt, beschimpft und geschlagen wurde. Herr Malkovsky, von dem Vater des mißhandelten Knaben zur Rede gestellt und ersucht, mit ihm zum Director zu gehen, beschimpfte auch den Vater, und vor Gericht nahm dieser antisemitische Lehrer das Recht in Anspruch, die Kinder zu züchtigen. Herr Malkovsky wollte aus Verordnungen das Recht ableiten, die Schulknaben zu ohrfeigen, und nun erst gab der Anwalt des klageführenden Vaters bekannt, daß ein ärztliches Parere über die dem Knaben zugefügte Mißhandlung vorliege. Es wird sich nun in den nächsten Tagen zeigen, ob das Gericht diese Handlungsweise eines Lehrers, der den abgelehnten Antrag Vergani's auf Einführung der Prügelstrafe in der Schule als Gesetz betrachtet, als zulässig erklären wird. Gewiß ist, daß, wenn ein jüdischer Lehrer sich einer solchen Handlungsweise schuldig machen würde, die Antisemitenblätter sofort verlangen würden, daß man ihn davonjage, und man könnte sich dieser Forderung nur an schließen. Das Prügeln von Schulkindern ist, abgesehen vom pädagogischen Standpunkte, gesetzlich verboten, und Lehrer, die ohne Prügel die Kinder nicht zu zügeln verstehen, sind unfähig für ihr Amt. Vom richterlichen Spruche abgesehen, dem hier nicht vorgegriffen werden soll, kann Herr Malkovsky darüber vollständig beruhigt sein, daß ihm von der christlichsocialen Verwaltung kein Haar gekrümmt werden wird, maq er noch so viele jüdische Kinder prügeln, im Gegentheil, das Ohrfeigen jüdischer Schulknaben ist vielleicht der kürzeste Weg, um unter dem Regime Lueger - Strobach die Stelle eines Schuldirectors zu erlangen.