Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 10 (6.3.1903)
- Date
- 1903-03-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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- Homer 1× ep/1025156
- Isaiah 1× ep/1005097
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iiu, r.. Sette 146 „Völkern des Ostens"' wie „ein Flucht, sondern auch aus den meisten Culturvölkerv. In Deutschland zum Beispiel wird nicht nur vorsätzlicher Mord, sondern auch Hochverrath unter Umständen mit dem Tode bestraft. Nur eine einzige richtige Bemerkung findet man in dem Vortrag, daß durch die babylonischen Denkmäler die zoologische Rubricirung des Reem-Thieres möglich wird, allein diese Aufsaffung des Reem-Wortes ward in jüdischen Kreisen seit je bekannt und in allgemeiner Uebung. Mit Recht bemerkt die „Jsr. W." in einem Artikel von Klausner: Delitzsch findet allüberall mehr oder weniger bedeutsame Uebereinstimmungen des Alten Testaments mit dem Schriftthum der Babylonier und Affyrer „nach Sprache und Styl, Denk- und Vorstellungsweise". Es verlohnt sich, auf die „bedeutsamen Uebereinstimmungen"' einzugehen, die Delitzsch besonderer Erwähnung werth erachtet. In beiden Literaturen, meint Delitzsch, bezeuge sich „die Heiligkeit der Siebenzahl wie der Dreizahl". — Mit Verlaub! Bei uns Juden gibt es eine heilige Zahl überhaupt nicht. Der einzige Gott ist heilig, aber nicht die Zahl eins; der Sabbath ist heilig, aber nicht die Zahl sieben, der Decalog ist heilig, aber nicht die Zahl zehn; wir zählen dreizehn Attribute des heiligen Gottes, doch die Zahl dreizehn ist nicht heilig. Die Zahl drei als heilig zu erachten, kann uns nicht einmal ein Mißverständr.iß verleiten. Delitzsch leitet die Heiligkeit der Dreizahl daraus her, daß der Prophet Jirmijahu ruft: „Land, Land, Land, höre die Rede Gottes!" und daß der Prophet Jesaja den Chor der Engel dreimal „heilig" sagen läßt. Danach wäre den Griechen die Zweizahl heilig, weil Homer den Kriegsgott mit zweimaligem Namensruf anredel, und weil des Lenophon Schaaren das Meer mit den Worten: „Thalatta, Thalatta!" begrüßen. Die biblisch-babylonische Verwandtschaft aber besteht darin, daß affyrische Briefe mehrfach mit „Heil, Hell, Heil dem König" und affyrische Tempel-Liturgien mit dreimaligem „asur" beginnen! — Man kann kaum anspruchsloser sein. Einen zweiten Berwandtschastsbeweis findet Delitzsch darin, daß nach babylonischer Anschauung „dem Speichel des Menschen in hervorragender Weise Zauberkraft eignet". — „O Marduk, dein ist der Speichel des Lebens!" heißt es in einem Gebet an den Stadtgott von Babel, und Delitzsch erkennt die nämliche Anschauung in der ncutestamentlichen Erzählung von der Heilung des Taubstummen, dem Jesus mit Speichel die Zunge berührt. Hier hätten wir also eine gemeinsame babylonisch-christliche Vorstellung ohne alttestamentliches Zwischenglied. Profeffor Delitzsch ist nur consequent, wenn er in der Beurtheilung des „sittlichen Monotheismus" Israels eine „gewiffe Mäßigung" empfiehlt und es besonders unklug nennt, „wenn etliche Heißsporne das sittliche Mveau Israels, auch das der vorexilischen Zell, als hoch erhaben über dem der Babylonier hinstellcn". Die Babylonier hätten grausam, mitunter barbarisch Krieg geführt, aber auch die Eroberung Kanaans sei „von einem Strom unschuldig vergoffenen Blutes begleitet" gewesen. — Angenommen, das wäre so gewesen, — wäre mit der unwandelbaren Barbarei der Kriegführung etwas gegen die Differenzirung des Sittlichkeitsniveaus Babylons und Israels bewiesen? Wie müßte bei solchem Maßstab Professor Delitzsch's Urtheil über das Sittlichkeitsniveau Karls des Großen und seines Christenthums lauten, der 54.000 Sachsen hinrichten und den Rest des Sachsenvolkes mit. Peitschen zur Taufe ut den Strom treiben ließ, desselben Karl, den eben Kaiser Wilhelm als einen Träger der göttlichen Offenbarung angesprochen hat — und zwischen der Eroberung Kanaans und der Christianisirung der Sachsen liegt ein Zellraum von fast zweitausend Jahren, in deren zweiter Hälfte das Christenthum feine sittigende Kraft auf die Menschhell berells ausgeübt hatte! Die fortgesetzten Sttafreden des Propheten Israels und Judas wider dre Bedrückung der Armen, meint Delitzsch, ließen in eine schwere Corruption der Könige wie des Volks blicken, während der fast zweitausendjährige Bestand des Reichs Hammurabis es rechtfertigen dürfte, aus ihn das Wort anzuwenden: „Gerechtigkeit erhöhet ein Volk." — Nein, Herr Delitzsch, wo ist noch ein Volk, deß Sittlichkeitsgefühl bei allen Verirrungen so unausrottbar war, daß es mit seinen Königen die fortgesetzten Strafteden der Propheten ertrug! In Bcüaylon, sagt Delitzsch habe die Frau eine sehr hohe, bei den Hebräern dagegen eine sehr unwürdige Stellung eingenommen. „Der babylonische Noah", ruft er aus, „wird mit- Nr. 10 sammt seiner Frau zu den Göttern versetzt — auch das wäre in Israel nicht denkbar". In der Thal nicht denkbar. In Israel wurde eben Niemand „zu den Göttern" versetzt, absolut Niemand, weder Mann noch. Frau! Wie beweist aber Delitzsch die untergeordnete Stellung der Frau bei den Juden? Sie wurden zur Ausübung des Cultus nicht zugelaffen, während es bei den Babyloniern der Fall war. Ob Professor Delitzsch wirklich glaubt, daß die Zulassung der babylonischen Frauen zur Theilnahme an den Astartegräueln in den babylonischen Tempeln der Ausdruck der Verehrung gewesen? Auch das Christenthum läßt die Frauen zur Ausübung des Cultus nicht zu. Will Herr Delitzsch behaupten, daß im Christenthum die Frauen minder hoch gehalten werden, als in Babylonien der Fall gewesen, .wo es nach feiner Versicherung „anders und besser" war? — Delitzsch citirt die Pentateuchstelle: „Du sollst fröhlich sein vor dem Herrn deinem Gott, du und dein Sohn und deine Tochter und dein Knecht und deine Magd", und fragt dann: „Wo bleibt die Frau?" Herr Delitzsch kann das gar nicht ernsthaft fragen denn er weiß, daß zu dem erstangeredeten „du" auch die Frau gehört, die mit dem Mann Eins ist. Es müßte ihm doch ausgefallen sein, daß auch das Sabbathgebot die Frau nur im ersten „du" einbegreift und nicht gesondert nennt, und daß die Ausschließung der jüdischen Frau von der Pflicht der Sabbathheiligung noch niemals theoretisch behauptet worden, daß die Frau in der Praxis der Sabbathfeier voranstand. Herr Delitzsch weiß ebenso, daß das fünfte Gebot lautet „du sollst Vater und Mutter ehren", und daß in dem ersten Heiligungsgebot die Ehrfurcht vor der Mutter sogar der vor dem Vater vorangestellt wird. Delitzsch kennt aus dem Alten Testament „kaum einen einzigen Mädchennamen, der in herzhafter Weise, wie das bei den Knaben der Fall ist, freudigen Dank bei Jehova für die Geburt eines Kindes bezeugte." Jeder Bibelkenner wird ihm einige nennen: Abigajil des Vaters Frohlocken; Bath-Schua Tochter des Heils; Hanna die Begnadete; Nachama ----- Trost; Sara -- Fürstin; Jeruscha --- Erbtheil (Gottes). — Herrn Profeffor Delitzsch ist sicher das biblische Loblied auf das Biederweib bekannt. Delitzsch klammert sich an den Buchstaben der biblischen Berichte ängstlicher, als je es die Orthodoxie gethan, lediglich um kein Auge für die innere Bedeutung haben zu müssen. „Wann werden wir endlich lernen, ruft Delitzsch aus, auch innerhalb des Alten Testaments die Form zu unterscheiden vom Inhalt! Es sind zwei hohe Lehren, welche der Verfasser des Büchleins Jonas uns predigt: daß Gott Niemand entrinnen kann und daß kein Sterblicher sich unterfangen dürfe, Gottes Barmherzigkeit und Langmuth Vorschriften zu machen oder gar eine Grenze zu setzen; aber die Form, in welche diese Wahrheiten gekleidet sind, ist menschlich, so recht phantastisch - orientalisch, und wollen wir heute noch glauben, daß Jonas im Bauche des Fisches eine Mosaik von Psalmstellen gebetet habe, die zum Theil erst etliche Jahrhunderte nach Ninives Untergang gedichtet worden, oder daß der König von Ninive so tief Buße gethan, daß er auch Ochsen und Schafen Befehl gegeben, sich mit einem Sack zu bekleiden, so würden wir uns versündigen gegen den uns von Gott verliehenen Verstand". Herr Profeffor Delitzsch hat sich ohne Noth um seinen Verstand geängstigt. Man verlangt weder von ihm noch von uns, an des Propheten Jona vorahnendes Gebet im Fischbauch zu glauben. Die Canonsammler, welche die Schriften des Alten Testamentes zusammengestellt haben, reihten das Buch Jona nicht in den historischen, sondern in den didaktischen Theil der Bibel ein; diese Männer waren also der Meinung, das Schriftchen enthalte nicht den Bericht über historische Geschehnisse, sondern behandle ein moralisches Problem in poetischer Form. Wer den Namen des Propheten Jona ben Amitai auf den sprachlichen Gehalt prüft und in den tiefen Sinn der Worte sich vertieft, dem kann es nicht entgehen, daß man es hier mit einer Symbolisirung Israels zu thun hat. Als „Taube" erscheint auch sonst Israel im Alten Testament und „Wahrheit" ist das „Gottessiegel". Wenn es also in der Schrift heißt: „Mein Erstgeborener ist Israel", so ist Israel der eigentliche Jona den Amitai. Uns Juden hat Gott die große und schwere Mission auferlegt, feiner Erkenntniß Missionare zu sein. Diese Last zu ertragen, die erdrückend sein müßte, wenn sie nicht zugleich erhebend wäre, sind wir „auserwählt" worden. Daß wir uns dieser Mission nicht immer willig unterzogen haben, das geißelt das Buch Jona mit scharfer Satyre, daß Israel glauben konnte, der Macht Gottes entfliehen zu Dr. Bloch's Wochonschrifk.