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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-02-27 · 9 (27.2.1903) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
9 (27.2.1903)
Date
1903-02-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette m Dr. Bloch's Wochsnfchrrfk. Nr. 9 fischen Reiche ausgeschlossen und in dem um einen längs der Grenze laufenden, 50 Werst breiten Gürtel geschmälerten Ansiedelungsrayon zusammengepfercht, müssen daselbst die Juden umso eher verkümmern, als sie auch in diesem beengten Wohnsitze sich außerhalb des Weichbildes der Städte dauernd nicht aufhalten dürfen. Der Erfolg aller dieser barbarischen Maßregeln konnte auf die Dauer natürlich nicht ausbleiben und äußert sich nunmehr in einer schreckenerregendenVerarmung. Als untrüglicher Maßstab dieser Verarmung dienen die als »Mors Chitim" bekannten Spenden, welche jeder Jude kurz vor dem Paffahfeste zum Ankäufe von Weizen zu Mazzoth beanspruchen darf. Vor dem Passahfeste des Jahres 1898 haben nicht weniger als 32.855 Familienväter diese Unterstützung in Anspruch genommen. Diese armen Familienoberhäupter repräsentirea mit ihren Angehörigen 710.000 jüdische Seelen 18*8% allerimAnsiedelungsrayonwohnenden Juden. Eine nähere Berücksichtigung der einzelnen Bezirke des Ansiedelungsroyons läßt leicht auf die Quelle dieser auf dem russischen Judenthume schwer lastenden Armuth schließen. Der Percentsatz der der Unterstützung bedürftigen Juden ist nämlich im Königreich Polen, wo die Juden auch auf dem platten Lande wohnen und Grundbesitz sowohl pachten, wie kaufen dürfen, weit geringer als im eigentlichen Ansiedlungsrayon, wo unsere unglücklichen Glaubensbrüder in ihrer Freizügigkeit vollständig gehemmt und durch das Zusammenpferchen in einer Anzahl Städte in ihrem Erwerb völlig lahmgelegt werden. Der Percentsatz der Bedürftigen belief sich in Polen auf 16 9 Percent, in Nordwestrußland aus 19 Percent, in Südrußland auf 19'4 Percent und in Südwestrußland auf 20 Percent. Von den einzelnen Gouvernements sei nur angeführt, daß die Zahl der armen Juden in Wilna 23 3 Percent und in Poltawa gar 24'5 Percent beträgt. Da die Juden durch die Maigesetze vom platten Lande nunmehr fast völlig verdrängt sind und ausschließlich in den Städten wohnen, so bilden sie in diesen durchwegs 38'5 Percent der Gesammtbevölkerung. Die enorme Zahl der jüdischen Armen hat nun bewirkt, daß die Gesammtzahl der städtischen Armen in den 25 den Juden als Wohnsitz angewiesenen Gouvernements auf nicht weniger als 7 Percent der gesammten Stadtbevölkerung angeschwollen ist. Was diese Ziffer bedeuten will, ergibt sich aus einem Vergleich mit den anderen Culturstaaten. So beträgt der Percentsatz der armen, einer Unterstützung bedürftigen städtischen Bevölkerung in der Schweiz 5 5 Percent, in Oesterreich 4 Percent, in England 2'9 Percent und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika gar 0'14 Percent der gesammten städtischen Bevölkerung. Die Statistik führt auch Zahlen aus den früheren Jahren auf, aus denen zu ersehen ist, daß die allgemeine Verarmung der ruffischen Juden in fortschreitender rascher Zunahme begriffen ist. Aus der Menge des vorliegenden Materials wollen wir nur hervorheben, daß die Zahl der armen Juden in den 6 Städten Cherson, Dwinsk, Elisabethgrad, Kowno. Minsk und Wilna in den letzten 5 Jahren von 8853 auf 12.175 gestiegen ist. Dasselbe läßt sich von den Städten Warschau, Odeffa und Lodz sagen, wo die Zahl der jüdischen Armen auf 92.000 Seelen angeschwollen ist. Dieser entsetzlichen Armuth gegenüber haben unsere tapfern ruffischen Brüder in echter Bruderliebe ein erstaunliches Hilfswerk organisirt, das ihnen die Bewunderung aller edeldenkenden Menschen eintragen muß. Im gesammten Ansiedelungsrayon gibt es weit über 20.000 Wohlthätigkeitsvereine, von denen allerdings nur 66 von den Behörden bestätigt sind. Mitglieder dieser Vereine sind alle Juden in Rußland, die nicht selber die Hand ausstrecken müssen. Trotz dieser beisvüllosen Wohlthätigkeit ist die Armuth in steter Zunahme begriffen und sie wird nicht eher wieder abnebmen, als bis die verruchten Maigesetze, die die Armuth Hervorrufen, in die Versenkung verschwinden werden. Petersburg. (Die Ansiedelung der Juden in r u s s i s ch - C b i n a.) Der in Port-Arthur in russischer Sprache erscheinende „Norm Krai" bestätigt die bereits gemeldete Nachricht, wonach es den Juden gestattet ist, sich in der vor wenigen Jahren von den Russen in Kwan-Tung errichteten Stadt D a l n i niederzulaffen und daselbst Grundeigenthum zu erwerben. Diese generelle Erlaubniß bedarf aber — die den Juden in Rußland ertheilten Erlaubnisse haben immer ein Aber, das eventuell die ganze Erlaubniß wieder illusorisch macht — noch stets und in j'dem einzelnen Falle einer Bestätigung des Gouverneurs von Kwan-Tung, der sie jedesmal ohne Angabe von Gründen ablehnen darf. Ist aber diese Aufenthaltserlaubniß einmal ertheilt, so bedarf der so glücklich privilegirte Jude zum Erwerb von Grundbesitz keiner besonderen Erlaubniß mehr. Der Jude darf jedoch — wieder ein Aber! — das von ihm erworbene Grundstück nur an einen Nichtjuden weiter verkaufen. Der „Nowi Krai" gibt auch ungenirt den Grund an, der den Finanzminister zu der in Rußland so seltenen Judenfreundlichkeit veranlaßt hat. Es ist das derselbe, durch den im Mittelalter Fürsten und Städte gezwungen waren, die vor wenigen Jahren vertriebenen Juden wieder zurückzurufen. Sie konnten nämlich ohne die Juden nicht fertig werden. Dies ist jetzt auch in Dalni der Fall, das durchaus zu einem großen Handelsplatz gemacht werden soll. Ist aber einmal das Ziel erreicht, so können die Juden wieder gehen. Petersburg. Wie mehrere Tageszeitungen berichten, beabsichtigt das Ministerium des Innern die Dörfer Smerenka und Ljuban an der russischen Südwestbahn in Städte umzuwandeln. Ferner wird der „Nowoje Wremja“ aus Riga tele* graphirt, daß die Regierung beschlossen hat, die Stadt Riga in den Ansiedlungsrayon einzubeziehen, so daß es fortan jedem Juden gestattet sein soll, sich daselbst niederzulassen. „Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube." Wahrscheinlich handelt es sich um einen Gallon d’essai, durch welchen die Hintermänner des antisemitischen Hetzblattes die vielleicht an maßgebender Stelle vorgeschlagene Milderung ebenso vereiteln wollen, wie sie kürzlich den Plan einer Erleichterung des Landankaufs für Juden vereitelt haben. — Der Senat hat das für die Juden Rußlands folgenschwere Urtheil gefällt, daß es denjenigen Glaubensgenossen, welche vor Erlaß der Maigesetze (1882) innerhalb der 50 Werst- Zone längs der russischen Grenze gewohnt haben, verboten ist, innerhalb derselben ihren ständigen Wohnsitz zu wechseln. Die von dieser Entscheidung Betroffenen sind dadurch genau so wie die vielen Zehntausende jüdischen Bewohner des flachen Landes definitiv an die Scholle gefesselt und in ihrer materiellen Existenz schwer geschädigt. — Das Gouvernement Shitomir zählt unter insgesammt 2.600.000 Einwohnern 400.000 Juden, unter insgesammt 78.000 Handwerkern 40.000 Juden. Während somit unsere Glaubensgenossen nur 13% Percent der Bevölkerung ausmachen, stellen sie nicht weniger wie 52 Percent der Gesammtzahl aller Handwerker. Dabei faselt man noch immer von der Scheu der Juden vor productiver Arbeit! Trotzdem in Rußland und namentlich in dem wenig wohlhabenden Gouvernement Shitomir das Handwerk alles eher wie einen goldenen Boden hat. vielmehr mit einer furchtbaren Nothlage ringt, weist die Zahl der jüdischen Handwerker eine stetige Steigerung auf. In dem genannten Gouvernement hat sie sich seit 1897 relativ wie absolut vermehrt, sodaß jetzt 10 Percent der jüdischen Bevölkerung Handwerker sind, während er vor fünf Jahren nur 9'7 P rcent waren. Petersburg. (Rumänische Antisemiten in Petersburg.) Seit einiger Zeit sind in gewissen Localen von Petersburg rumänische Capellen in Mode, deren in rumänischer Nationaltracht costümirte Mitglieder der Petersburger Lebewelt rumänische Tänze Vorspielen. Es stellte sich nun heraus, daß unter diesen Musikanten auch zahlreiche rumänische Juden sich befinden, ein- Thatsache, welche ihre christlichen Landsleute derart verdrossen hat, daß sie deswegen beim Petersburger Polizeipräsidenten vorstellig wurden. Die christlichen rumänischen Musikanten wähnten offenbar, nicht in Petersburg, sondern in Bukarest zu sein, denn sie mutheten der Petersburger Polizei zum Schutz der Rumänien a?gen die „Fremden" zu, diesen das Tragen der rumänischen Nationaltracht zu verbieten. Die Polizei wies das seltsame Ansinnen kurz ab. Aus den Gehcimniffen der russischen Censur. Es ist für jeden Kenner der ruffischen Presse keine Neuigkeit mehr, daß sowohl die gesammte russische Intelligenz, als auch der größte Theil der in Rußland erscheinenden Blättcr mehr oder weniger lebhaft mit den Juden sympathisirt. Daher ist es schon längst aufgefallen, daß, während die antisemitische Presse tagtäglich über die Juden herfällt, die liberalen Blätter die in Rußland brennende Judenfrage todtschweigen, noch für die Verfolgten niemals lebhaft Partei ergreifen. Das Räthsel findet nun durch ein im „Woschod" Nummer 5 d. I. veröffentlichtes Schreiben des Herrn A. Petritschew, Redacteur der Z'itung „Baku", ihre ganz natürliche Lösung. Derselbe schreibt unter Anderem:

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