Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 9 (27.2.1903)
- Date
- 1903-02-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 9 Dr. Blrntz's Wmtzensttzrifk. Seite ISS Die antisemitischen Vertheidiger Rumäniens. Im antisemitischen Blätterwald rauscht es gar gewaltig. Siegeshymnen erschallen. Rumänien hat wieder einmal einen Pump ausgeführt! Fast wäre man versucht, zu glauben, es sei davon etwas für die Antisemiten abgefallen, so stark klingt ihr Jubelgeschrei nach Münze! Und was ist denn geschehen? Hat Rumänien Dank seinen „endlosen Hilfsquellen" seine Schulden bezahlt? Nein! Es hat nur die alten Schulden mit neuen gedeckt! Loch auf, Loch zu! Die auf fünf Jahre aufgenommene Schuld von 175 Millionen Francs ist nicht zurückgezahlt worden, sie ist nur aus einer schwebenden Schuld in eine Rentenschuld umgewandelt worden. Die Gläubiger Rumäniens, die innerhalb ihrer eigenen Staaten keine vier Percent mehr für ihr Geld bekommen und für das baare Geld doch Verwendung haben müssen, begnügen sich mit einen kleinen Gewinn, den ihnen Rumänien bietet. Sie laufen zwar Gefahr, einmal ihr Capital zu verlieren, aber was thuts? Inzwischen beziehen sie die höheren Zinsen und assecuriren damit ihr Capital bei sich selbst. Es ist nicht Vertrauen zu Rumänien, das sie veranlaßt, diesem Staate, dessen Wortbrüchigkeit notorisch ist, Geld zu leihen, sondern Mangel anderweitiger Verwendung für das Geld. Die wirthschastliche Depression kommt in diesem Geldgeschäfte zum Ausdruck, weiter nichts! Zwar möchten die Antisemiten dieses Pumpgeschäft Rumäniens als einen finanziellen Sieg ausposaunen, allein das gelingt ihnen umsoweniger, als ja der von ihnen so patronisirte Staat bisher und auch jetzt seine finanzielle Ehrlichkeit ebensowenig erwiesen hat, wie feine politische und seine Finanzminister nichts Anderes gethan haben, als proLter äs l’occasion, d. h. sie haben sich den Geldüberfluß Europas, der in eigenen industriellen Unternehmungen keine Verwendung findet, schlauerweise zu Nutzen gemacht, um für das geborgte Geld weniger Interessen zahlen zu müssen. Daß sie raffinirte Geschäftsleute sind, hat ja auch Niemand bezweifelt; daß sie aber deshalb ehrliche Politiker sind, wird wohl Niemand behaupten. Dieses Finanzgeschäft Rumäniens mit der Judenfrage in Zusammenhang zu bringen, ist ehrlichen Politikern auch nicht eingefallen, nur die antisemitische Presse bemüht sich, diesen Connex herzustellen und wieder einmal dem Berliner Vertrag eine falsche Auslegung zu geben. Wenn verschiedene Blätter gegen die Creditgewährung an Rumänien ihre Stimme erhoben haben, so thaten sie es ganz gewiß nur auf Grund ihrer Kenntniß des rumänischen Nationalcharakters und ihrer Beurtheilung rumänischer Creditwürdigkeit, resp. -Unwürdigkeit. Mit der Judenfrage haben die Warnungen vor Rumänien nichts zu schaffen, oder nur so weit, als das Sprichwort gilt, „wer einmal lügt, dem glaubt man nicht". Daß diese Warnung eine berechtigte ist, kann man ja aus der Finanz- und Eisenbahngeschichte Rumäniens hundertfach Nachweisen, und wenn auch „Judenblätter" vor diesem verlogenen Staatswesen gewarnt haben, so haben sie damit nur ehrlichen Leuten einen Dienst zu erweisen sich bemüht. Selbst wenn von dieser Seite wirklich die Forderung gestellt würde, Rumänien solle erst sein Wort einlösen, bevor es Anspruch auf Vertrauen machen dürfe, so wäre dies nur eine menschlichgerechte Forderung. Da ist doch ganz gewiß die jüdische Rechtsüberzeugung zugleich die eines jeden anständigen Menschen, ein Attribut, das man allerdings Antisemiten nicht beilegen darf. Daß aber Rumänien die Bedingungen seiner staatlichen Selbstständigkeit nicht erfüllt hat, das zu leugnen vermögen auch nur wieder die Antisemiten, deren Verlogenheit sich gerade dieser Frage gegenüber am eclatantesten offenbart. Mit demselben Athemzuge, mit dem sie auf Grund dieses Vertrages den Sultan seiner Souveränetätsrechte in den europäischen Vilajets, die man fälschlich Macedonien nennt, berauben wollen, wenn sie ihm die Pille auch noch so sehr versüßen, und sich in die inneren Angelegenheiten der Türkei einmischen, stellen sie die von ehrlichen Vertretern des Berliner Vertrages aufgestellte Forderung, daß auch Rumänien den Berliner Vertrag pur et simple erfülle, als eine unberechtigte Einmischung in die inneren Angelegenheiten Rumäniens, oder wie die neueste Lügenphrase lautet, „als eine bewußte Irreführung der öffentlichen Meinung" in Bezug auf den Berliner Vertrag dar. Da berufen sie sich sofort darauf, daß jetzt Rumänien ein souveräner Staat sei, und lassen absichtlich außer Acht, daß seine Souveränetät an Bedingungen geknüpft wurde, die denen ganz gleich sind, die der Türkei um Macedoniens willen auferlegt wurden. Während man aber Enqueten veranstaltet, um die Türkei zu Reformen in Macedonien zu zwingen, und sich zu einer Einmischung in ihre Angelegenheiten für berechtigt hält, obwohl es nach Aussage von christlich-antisemitischen Kennern des Landes den Christen daselbst gar nicht schlecht geht, und ganz gewiß nicht so schlecht, wie den von Haus und Hof gejagten, entrechteten, des Erwerbes beraubten, ja, um ihre Heimat betrogenen Juden in Rumänien, hat man nicht nur kein Wort gegen die „ronmanian atrocities“, die den Juden viel ärgere Qualen auferlegen, als sie die Christen in Macedonien zu erdulden haben, sondern stützt sich auf die Souveränetät Rumäniens, um jede Geltendmachung der Rechte, die der Berliner Vertrag gegen Rumänien verleiht, der Pflichten, die es ihm auferlegt, abzuwehren. So sieht christliche Wahrheit und Gerechtigkeitsliebe aus. So wird mit zweierlei Maß gemessen. Kurt Breyfig. Professor der Geschichte an der Berliner Universität in seiner Culturgeschichte der Neuzeit (Vergleichende Entwicklungsgeschichte der führenden Völker Europas und ihres socialen und geistigen Lebens, Berlin, G. Bondi 1900/1901) kommt auch auf den jüdischen Kern des Christenthums zu sprechen und wir entnehmen ihm folgende Stellen. (Band II, Seite 678 ff.): „Das Christenthum ist aus dem Geiste des jüdischen Volkes heraus geboren, ist sein Erzeugniß, seine größte Leistung. Jesus ist so ganz erfüllt gewesen von den letzten und tiefsten Gedanken seines Volkes, daß er uns Nachgeborenen erscheint wie der fleischgewordene Genius des Judenthums. Alles, aber auch Alles, was den Christenglauben hinaushebt über die anderen Religionen, ist jüdischen Ursprungs, so vor allem andern die unerhörte Inbrunst der Gottesverehrung und die Schöpfung des persönlichen Einen Gottes. Beides war Jahrtausende alter Besitz der jüdischen Nationalreligion, und Jesus hat an ihm nichts geändert, hat nichts dazu gethau, noch etwas davon entfremdet. Nicht Griechen, nicht Römer, nicht Germanen haben je den Gedanken eines einzigen, höchsten und doch persönlichen Gottes gefunden, und noch weniger hat eines von diesen Herrenvölkern der Weltgeschichte es über sich gewonnen, sich so tief vor den Gestalten seines Glaubens zu demüthigen, wie dieser grüblerische Hirten- und Bauernstamm schon in seinem frühen Mittelalter gethan hat. Neben den großen Befitzthümern des Christenthums aber stammten auch die meisten seiner geringeren Glaubenssätze aus dem jüdischen Erbe: so der ganz eigenthümliche Gedanke eines zur Erde niederfinkenden GotteSreiches und der eines menschlichen, aber besonders heiligen Vermittlers zwischen dem Gott und den Gläubigen, so auch die Idee eines himmlischen Fortlebens der gerecht Befundenen. Und mit dem Hauptinhalt ging auch der wesentlichste Charakterzug der äußeren Form von der alten auf die neue Religion über. Weder Griechen, noch Römer, noch Germanen haben aus ihrem Glauben eine Literatur gemacht wie die Juden, deren gesammte geistige Thätigkeit sich von je auf diesen einen Punkt eoncentrirt hatte/ „Und wenn das Schwergewicht von Jesus Lehre auf seinem Sittengebot ruhte, so war doch auch dessen innerster Kern jüdischen Ursprungs; kein Europäervolk hat den ethischen Kern seiner Religion so klar und deutlich herausgeschält, wie die Juden, und keines anderen Volkes Sittenlehre war so ganz auf dem Grundsatz der N ä ch st e n l i e b e aufgebaut wie diese. Unzweiflhaft hat Jesus eben in diesem Stück am meisten gesteigert und aufgehöht, was er vorfand. Aber wie viel ist nicht damit schon gesagt, daß dieser Verkünder aller Selbstentäußerung und Hilfsbereitschaft eine Sittenlehre vorfand, die er nur zu potenziren brauchte, um aus ihr seine „frohe" Botschaft zu gewinnen/