Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 9 (27.2.1903)
- Date
- 1903-02-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 182 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr S die wir diesen Mmbus angeblich dazu benützten, um uns hinter ihm zu verbergen, so vermag die Antisemiten-Presse leider nichts gegen die historische Thatsache zu unternehmen, daß die Menschheit den Glauben an einen einigeinzigen Gott den Juden zu danken hat, daß das jüdische Volk der alleinige Träger der Gottesidee war, sei es nach den Babyloniern oder ohne sie. und daß der Verkünder der Christenlehre aus dem jüdischen Volke hervorgegangen ist. Und so unbequem es den Herren Anti' semiten sein mag, so ist auch der Brief des deutschen Kaisers in seinem Kern doch nur ein Document dafür, daß das Christenthum und der Antisemitismus unvereinbare Begriffe find. * * * Gewalt geht vor Recht. Es gab in Wien wieder Lehrerernennungen und damit verbunden abermals einen Act der schrankenlosesten Willkür. Die jüdischen Lehrer und Lehrerinnen wurden nämlich bei dem Avancement wieder übergangen. Man muß sich nur das gewaltsame Unrecht, das seitens der herrschenden Partei in der jetzigen Wiener Gemeindeverwaltung an diesen Lehrpersonen begangen wird, vor Augen halten. Trotz langer Dienstzeit — manche der Präterirten haben sogar 20 und mehr Dienstjahre zu verzeichnen — und trotz vorzüglicher Qualifieation und ausgezeichneter Prüfungserfolge werden die Bedauernswerthen consequent von jedem Avancement ausgeschloffen, während die dienstjüngeren Lehrpersonen, die sich eben der Protection zu erfreuen haben, rasche Carriere machen. Man muß aber das brutale Unrecht an den jüdischen Lehrkräften noch von einem anderen Standpunkte betrachten. Viele der Präterirten haben Frau und Kinder zu erhalten und sehen sich, da sie blos auf ihren Unterlehrergehalt angewiesen sind, unter Anspannung und Aufreibung aller ihrer physischen Kräfte vom ftühen Morgen bis zum späten Abend zu unausgesetzter, angestrengter Arbeit genöthigt, um ihre Familie vor der äußersten Roth zu bewahren. Für diese geplagten Lehrer gibt es keinen Acht-Stunden-Tag, selbst keine Sonntagsruhe. Schädigende Ueberarbeitung, physische Noth und seelische Gedrücktheit füllt das Leben dieser unglücklichen Lehrer aus. Sie sind im wahrsten Sinne moderne Märtyrer. Es ist aber auch so recht ein Stück gemüthsrohes Mittelalter, das durch die fortgesetzte Präterirung der jüdischen Lehrpersonen in unsere Zeit hineinragt. Und das Traurigste an der Sache ist wohl noch der Umstand, daß an maßgebender Stelle kein Mitgefühl für die Unglücklichen rege wird, daß sich Niemand findet, der der Gewalt Einhalt thut und den Unterdrückten ihr Recht werden läßt. * * * Welche Behandlung der städtische Lehrer in Wien erdulden muß, wenn er das Unglück hat, ein Jude zu sein, das zeigt der Fall des Direktors an der Mädchen-Bürgerschule in der Leopoldsgaffe, Herrn Jakob Mautner. Dieser Mann hätte nach langjähriger, verdienstvoller Thätigkeit die fünfte Dienstalterszulage erhalten sollen, allein nach einem Referate des famosen Herrn Tomola wurde ihm diese Zulage verweigert, weil er wegen eines angeblichen pädagogischen Mißgriffes eine Rüge erhalten hat. Es ist ganz unnöthig, zu untersuchen, ob Director Mautner diese Rüge wirklich verdient hat oder nicht. Es gehört aber ein beispielloses Uebelwollen und eine sophistische Auslegung des Gesetzes dazu, daraus zu folgern, daß »eine zufriedenstellende fünfjährige Dienstzeit* nicht vorliegt. Daß man einer einzelnen Rüge wegen die fünfjährige Arbeit eines Mannes einfach aus seinem Leben streicht, das ist eine Härte, wie sie einem christlich-socialen Lehrer gegenüber seitens des Stadtrathes wohl niemals begangen wurde und auch niemals begangen werden wird. Die Gehäffigkeit speciell gegenüber dem jüdischen Lehrer zeigte sich schon darin, daß Herr Doctor Lueger das Referat über diese Angelegenheit in öffentlicher Sitzung erstatten ließ, obgleich der Umstand, daß es sich um einen Lehrer handelte, deffen Ruf und dessen Ehre aus pädagogischen Rücksichten die größte Schonung verdient hätte, die öffentliche Erörterung der ihm ertheilten Rüge als gänzlich ausgeschlossen erscheinen laffen soll. Der Referent — besagter Herr Tomola — war auch so unvorsichtig, den Grund dieser Verfügung mit naiver Offenherzigkeit öffentlich bekannt zu geben. Er sagte: »Das Referat wurde im Gemeinderath behandelt, damit die Bevölkerung an dem Beispiele sehe, nach welchen pädagogischen Grundsätzen bisweilen christliche Kinder behandelt werden, wenn sie von jüdischen Lehrern unterrichtet werden*. Also nicht um das eventuelle Verschulden eines einzelnen Lehrers handelt es sich, sondern Herr Tomola, respective sein Vorgesetzter Herr Dr. Lueger benützt den Umstand, daß der getadelte Lehrer zufällig ein Jude ist, dazu, unr den Gegensatz zwischen christlichen Kindern und jüdischen Lehrern zu demonstriren. Derselbe Herr Tomola hatte unmittelbar nach dem citirten Ausspruche die Stirne, gegen die Behauptung, daß er das Verschulden eines Einzelnen generalisire, zu protestiren, und er benützte dazu das Wörtchen »bisweilen*, als ob die Einschaltung des Wortes an der tatsächlichen Gegenüberstellung von christlichen Kindern und jüdischen Lehrern, also an der böswilligen Generalisirung, auch nur das Geringste geändert hätte. Da war Herr Bielohlawek bei aller seiner Unverschämtheit und Ordinärheit doch wenigstens ehrlicher als Herr Tomola, indem er meinte: »Wenn ich Referent wäre, ich würde generalisiren, ich betrachte die Juden als einen Fluch, und sie müssen dorthin kommen, wohin sie gehören, auf die Teufelsinsel*. Damit endlich an der beabsichtigten Judenhetze, respective an der Ausbeutung des allfälligen Verschuldens eines einzigen Juden zum Nachtheil Aller nicht der geringste Zweifel obwalte, behandelt das »Deutsche Bolksblatt* den Fall Mautner unter dem Titel: »Ein jüdischer Bolkserzieher*, und es sagt darüber: »Aus dem Falle ersieht man deutlich, daß Juden über Moral und Erziehung ganz andere Anschauungen als Arier haben*. Aus dem Gesagten resumiren wir Folgendes: Der Bürgermeister Dr. Lueger hat die dem Director Mautner ertheilte Rüge anläßlich des Referates über die Gehaltszulage nur deshalb in die öffentliche Gemeinderathssitzung gebracht, weil Director Mautner ein Jude ist. Er hätte dies wahrscheinlich nicht gethan, wenn es sich um einen Politisch indifferenten christlichen Lehrer gehandelt hätte, und er hätte es ganz sicher nicht gethan, wenn der betreffende Lehrer ein christlich-socialer Parteigänger gewesen wäre. Der ganze Vorgang ist ein frivoler Mißbrauch der Macht und des Amtes zur Betätigung des Antisemitismus. * * * Ein vornehmes und freisinniges deutsches Blatt, die »Leipziger Jllustrirte Zeitung*, bringt in Wort und Bild 'eine Verherrlichung des Balles der Deutsch-österreichischen Schriftstellergenossenschaft, und wir sehen da auf dem Bilde inmitten anständiger und unbescholtener Menschen auch den Ernst B ergani. Der Bericht über den Ball bringt einige Ausfälle auf alle anderen ähnlichen Veranstaltungen. So z. B. ist da von der »auf anderen Bällen wuchernden Species der Mauernblümchen* die Rede. Auf dem Balle sei viel fleißiger dem Gedankenaustausch gehuldigt worden, als auf anderen Bällen, auf denen die Medisance das große Wort führt. Es habe eine Gemüthlichkeit und ungezwungene Heiterkeit geherrscht, wie sie „auf anderen, von Protzenthum, Hochmuth und kühler Exelufivität starrenden Elitebällen »nicht zu finden ist*. Nun gehören die Leser der »Jllustrirten Zeitung* ganz besonders jenen vornehmen Kreisen an, aus denen das Publicum der Elitebälle sich recrutirt, und es dürfte sie seltsam berühren, aus der »Leipziger Jllustrirten Zeitung* zu erfahren, daß die Wiener Elitebälle von Protzenthum, Hochmuth und kühler Exclusivität starren. Die »Leipziger Jllustrirte Zeitung* dürfte erst nachträglich erfahren, daß ihr da ein Kuckucksei in's Nest gelegt wurde und daß sie über den Charakter des Balles der Deutsch-Oesterre'.chischen Schriftstellergenoffenschaft entweder irregeführt oder in dem Jrrthume belassen wurde. Als Schriftstellerball wird nämlich die Veranstaltung regelmäßig angekündigt und als Antisemitenball wird sie nachträglich fructificirt. Die aristokratischen Damen bilden, ohne daß sie es wissen, ein gesellschaftliches Spalier für einen Ernst Bergan! und Consorten. Sogar in der Damenspende kann man holperige antisemitische Verse lesen. Die Unkenntniß der Wiener Verhältnisse hat es offenbar ermöglicht, daß die »Leipziger Jllustrirte* einem »Schriftleiter* aufgeseffen ist, der nicht blos über den Ball seiner Gesinnungsgenossen referirte, sondern die Wiener Elitebälle überhaupt als den Zusammenkunftsort des Protzenthums, des Hochmuthes. und der Gedankenarmuth schildert. An diesem Fehlgriffe des großen deutschen Blattes tragen auch einige Wiener freisinnige Zeitungen die Schuld, die es nicht über das Herz ihrer jüdischen Herausgeber bringen, diesen sogenannten Schriftstellerball zu ignoriren. Die Antisemitenblätter revanchiren sich ihrerseits damit, daß sie über den Concordiaball hämische Notizen bringen und daß sie sich an den »Knoblauch— düften*, die er, ihrer Versicherung zufolge, ausstrahlt, förmlich berauschen. Das ist der echt antisemitische Dank für die sogenannte vornehme Objectivität. Isexrira.