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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-02-27 · 9 (27.2.1903) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
9 (27.2.1903)
Date
1903-02-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 9 Dr, BIvch's WochrnsüMt» Seite 181 verdiente historische Strafe betrachtet werden müsse, erwidert er mit flammender Begeisterung: „Ja, tausend Zungen möchte ich haben, es mit allen in die Welt hinauszurufen: Ein Volk, welches einer achtzehnhundertjährigen Verachtung und Schmähung widerstanden hat, ein Volk, welches nach tausendachthundert Jahren des Hasses, der Verfolgung und Heimatlosigkeit, der Mißhandlung, Beschimpfung und Demüthigung noch unverändert existirt — ist eines besseren Lohnes würdig!" Dieser selbstbewußte, von der erhabenen welthistorischen Mission seines Stammes durchdrungene und stolze Jude altspanischer Abstammung, Don Daniel Morton, kommt als Schiffbrüchiger nach einem kleinen spanischen Orte, wo er Gloria kennen lernt und in Liebe für sie entbrennt. Sie wird Mutter eines Knaben und hiermit beginnt der tragische Conflict, hervorgerufen durch die Verschiedenheit der religiösen Bekenntnisse. Soll Gloria's Ehre wiederhergestellt werden, so muß Morton sie zum Weibe nehmen, und um dies möglich zu machen, zum Christenthume übertreten. Ein gewaltiger Sturm, gewaltiger als jener, der das Schiff scheitern machte, das ihn nach Spanien brachte, erschüttert seine Seele, er kämpft zwischen Liebe und Glaubenstreue, sein Inneres erhebt sich gegen den Abfall vom väterlichen Glauben wie das sturmgepeitschte Schiff aus dem Meere. „Wäre es möglich", schreit er in diesem fürchterlichen Seelenkampfe, „daß in meinem Kopfe der Gedanke Platz griffe, diesen meinen Gott zu verleugnen? — ihn zu verleugnen, um einen andern Glauben anzunehmen? — und welchen Glauben? .... in dessen Namen wir während achtzehn Jahrhunderten zerstreut, verfolgt, verbrannt und beschimpft worden find! .... „Und zu meinem Jehova sollte ich sagen: „Ich gehöre Di? nicht mehr!?" Wahrlich! Ich bin wie jener Knecht, den sein Herr auszeichnete, indem er ihm sein höchstes Vertrauen schenkte. „Und siehe, der undankbare Knecht beraubte seinen Herrn, floh aus seinem Hause, ging zum Feinde über und bat um Sold, seinen alten Herrn zu bekriegen." Das altspanische Marannenblut regt sich in ihm; er will zum Scheine Christ werden, um die Ehre Gloria's zu retten, sie und den Knaben zu besitzen und dann Spanien verlassen und auf einem toleranteren Boden im Bunde mit seiner Gattin und seinem Sohne den Glauben Israels laut bekennen. Dieses Vorhaben stört die herbeigeeilte Mutter Esther. Sie will nichts von einem Scheinübertritte zum Christenthume hören und weist den Plan von der Bekehrung Gloria's zum Judenthume entschieden zurück. „Täusche Dich doch nicht!" spricht sie zu ihrem Sohne, „kein Katholik bekehrt sich zu unserem schlichten Gesetze, das ohne Zauber und halbvergesien für Niemanden einen Reiz hat; ebensowenig aber auch zu Deinem vagen Theismus ohne Cultus und Gottesdienst, der ja an sich großartig sein mag, jedenfalls aber nur zur Vernunft spricht, für die Phantasie, das Herz und die Sinne jedoch stumm ist. Und wenn ich auch zugeben will, daß dieses Mädchen von der glühendsten Liebe für Dich beseelt ist, so verstehe ich doch noch lange nicht, daß es darum der Religion seiner Väter entsagen sollte, einer so lebendigen Religion, die man sieht, die man hört und die man spricht. Die unsrige und Dein abstracter Theismus sind dem hebräischen Idiome zu vergleichen, einer zwar herrlichen Sprache, die aber Niemand versteht . . . . Glaube doch nicht, daß Dein einfacher, schmuckloser Gott auf irgend Jemand eine Anziehungskraft ausübe! Das thut er ganz gewiß nicht! Eine Christin denkst Du zu überzeugen, ein Weib, das schon von der Wiege an in den Gekreuzigten verliebt ist! — Eher möchte ich glauben, daß nächstens die Sonne im Westen aufgeht!" Morton und Gloria gehen in diesem tragischen Kampfe unter! Um die beiden Hauptpersonen gruppiren sich Repräsentanten des Katholicismus in Spanien, von jener fanatischen Herzenshärte an, welche einen Juden ein Nachtquartier verweigert und einen Bettler veranlaßt, ein geschenktes Goldstück zurückzuweisen, weil es von einem Juden stammt, bis zu jenem liberalen katholischen Geiste, der zwar entsetzt zurückbebt vor dem Gedanken, ein Christ könnte den jüdischen Glauben annehmen, in der Praxis aber milder und menschlicher sich bethätigt. Aus der Anlage, Ausführung und Tendenz des ganzen Romanes erkennt man das edle Streben des Verfassers, der spanischen religiösen Intoleranz einen Spiegel vorzuhalten, der sie selbst mit Schaudern erfüllen must für die Juden und das Judenthum aber mit muthigem Herzen und aufgeklärtem Geiste einzutreten und so mitzuhelfen, daß eine neue Epoche der Toleranz und Aufklärung, der Versöhnung und der confessionellen Eintracht in Spanien beginne, wachse und erstarke. Er that dies nicht in einem gelehrten Werke, sondern in einem Romane, der in die weitesten gebildeten Kreise dringt. „Gloria" ist in zahlreichen Auflagen erschienen, hat also zahlreiche Leser und Leserinnen gefunden, und wird gewiß Tausende von Herzen versöhnlich und friedfertig gegen die Juden stimmen und für die große Idee der Menschenverbrüderung trotz aller confessionellen Verschiedenheit gewinnen. Damit lassen Sie mich für heute meine Epistel schließen, indem ich mir Vorbehalte, Ihnen recht bald die Fortsetzung meiner Reiseberichte zu senden. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Babel und Bibel. — Der Nimbus des auserwählten Volkes. — Präterirte Lehrer. — Weil er ein Jude ist. — Schrift st ellerball und „Leipziger Jllustrirte Zeitung".) In seiner bedeutenden Kundgebung über den vieldiscutirten Bortrag „Babel und Bibel" von Professor Delitzsch hat Kaiser Wilhelm wieder einmal gezeigt, mit welchem hohen fittlichen Ernste er allen die Menschheit bewegenden Problemen gegenübersteht, und aus jeder Zeile dieses Briefes spricht ein vornehmer philosophisch gebildeter Geist. Auf das Meritum des Gegenstandes, auf den wissenschaftlichen und culturhistorischen Werth der Entdeckungen, die Delitzsch gemacht zu haben glaubt, soll an dieser Stelle weiter nicht eingegangen werden. Die Erörterung des Themas in dieser Richtung muß ich gelehrteren und berufeneren Autoren überlasten. Hier sei nur des komischen Gehabens der Antisemitenpreste gedacht, die auch aus dem Briefe des deutschen Kaisers für den Antisemitismus Capital zu schlagen sucht. Sie klammert sich hiebei an diese Stelle des Briefes: „Und es schadet auch nichts, wenn dadurch viel vom Nimbus des auserwählten Volkes verloren geht." Das „Deutsche Bolksblatt" bemerkt hiezu: „Dieser Ausspruch wird Israel wohl am tiefsten schmerzen, denn unter diesem Nimbus fühlte es sich verborgen, hinter diesen Nimbus flüchtete es sich immer, wenn es sich bedroht glaubte oder sich für bedroht ausgeben konnte. Das wird Israel fürderhin nicht mehr viel nützen." Eine lappischere Auffassung besten, was in dem gedankenreichen Briefe des deutschen Kaisers steht, hätte vielleicht nicht einmal der Bielohlawek zustande gebracht. Ihre Albernheit ergibt sich schon aus der Lectüre des kaiserlichen Briefes selbst, den der Geist der Ehrerbietung vor der Bibel und vor der Gotteslehre des Judenthums durchweht. Vom Standpunkte des gesunden Menschenverstandes und von der historischen Forschung abstrahirt, könnte es ja, meiner unmaßgeblichen Meinung nach, gleichgiltig sein, ob die Idee des einigeinzigen Gottes autochthon im jüdischen Volke entstanden ist, oder ob es den göttlichen Gedanken von einem früheren Culturvolke, nach der Behauptung Delitzsch also von den Babyloniern, überkommen und dem Menschengeschlechte überliefert hätte. Das Verdienst des jüdischen Volkes um den Gottesglauben wäre darum nicht geringer, wenn es den Gedanken nicht geschaffen, sondern ihn blos überliefert und in seiner Reinheit erhalten hätte. Nicht um den Nimbus des auserwählten Volkes handelt es sich in der Wesenheit der Frage, sondern um den Nimbus des Glaubens an Gott, und daran will auch der deutsche Kaiser nicht gerüttelt wiffen. Was uns Juden betrifft

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