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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-02-27 · 9 (27.2.1903) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
9 (27.2.1903)
Date
1903-02-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Lette 130 Dr Vloch's Wochsnfchrifl. «t. 9 1492 wurden die Juden vertrieben, allein die Scheiterhaufen loderten trotzdem bis in das 18. Jahrhundert hinein. Bei jeder freudigen Gelegenheit wurden Autodafes veranstaltet; ob die Königin von einem Prinzen entbunden, ob eine königliche Prinzessin ihre Vermählung feierte, immer wurden dem lieben Gott Menschenopfer dargebracht, Juden, die von ihrem Glauben, von ihrer Ueberzeugung nicht lassen wollten. „Es war kein echtes Fest für die Madrider, wenn nicht die Flammen eines Scheiterhaufens lichterloh gen Himmel schlugen." Karl II. z. B. hat mit allerhöchst eigener Hand den Feuerstoß angezüydet, auf dem 18 Juden und 9 Christen wegen Ketzerei verbrannten. Eine französische Dame, die gerade damals in Madrid weilte und dieser „göttlichen Comödie" beizuwohnen Gelegenheit hatte, erzählt in ihren Memoiren*): „Die Entschlossenheit, mit welcher die Juden die Strafe erlitten, erregte allgemeine Bewunderung. Mehrere stürzten sich selbst in die Flammen, andere ließen sich erst die Hände, dann die Füße abbrennen und ertrugen Alles mit einer Ruhe, welche selbst den König erschütterte und ihn bedauern ließ, daß so feste Seelen, Menschen solcher Energie nicht das Glaubenslicht in sich aufnehmen wollten." „Mau muß ja nicht glauben, daß ein so strenges Beispiel ini Staude wäre, die Juden zu bekehren; sie werden nicht im Geringsten davon gerührt, es gibt selbst in Madrid eine beträchtliche Zahl, welche als solche bekannt sind und die man in ihren Stellungen als Finanzbeamte läßt, ohne sie zu beunruhigen " Die hervorragenden Politiker und geistigen Führer des Landes bemühten sich, das Volk wiederum für freie Ideen zu erziehen, die Gewalt des Clericalismus zu bekämpfen als die Urquelle alles Unhells, welches Spanien betroffen. Unter den Dichtern, welche diesen Kampf mit wunderbarem Genie und den unerschöpflichen Hilfsmitteln ihres Geistes führen, ragt hervor der Historiker Don Benito Perez G a l d o s, dessen Dramen, welche alle der Idee der Geistesfreiheit und Toleranz dienen, in alle Sprachen der Welt übertragen worden, deren Aufführungen sich immer zu Parteischlachten gestalten und den Bischöfen so unangenehm sind, daß sie wiederholt beim König und bei den Ministern ein Verbot derselben forderten. Das neueste Erzeugniß des genialen Schriftstellers ist der Roman „Narvaez", der zweite Band der vierten Serie der „Epis odios Nationale s", der seit Kurzem im Buchhandel aufliegt. In den „Episodios", die nun 32 Bände umfassen (es sind im Ganzen 40 in Aussicht genommen), hat Galdos die sociale und politische Geschichte Spaniens im neunzehnten Jahrhundert mit gewissenhafter Treue und in künstlerischer Beleuchtung wiedergespiegelt. „Episodios" ist das Geschichtsbuch des spanischen Volkes, das sich daran ergötzt und belehrt und zur Gewissensfreiheit erzogen wird, denn Galdos ist ein nimmermüder Vorkämpfer der Aufklärung, der mit kühner Hand an vielen tiefeingewurzelten Vorurthellen rüttelt. In einer Abhandlung über den historischen Roman sagt der große Kritiker Menendez Pelayo, die „Episodios Nationales" hätten einen neuen Glanz verbreitet über ein literarisches Genre, das dem Untergang geweiht zu sein schien. Sie seien eine der glücklichsten Schöpfungen der spanischen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts; in Hütten und Palästen gelesen, hätten sie vielen, die vorher nichts davon wußten, die wahre Geschichte offenbart; niemanden hätten sie geschadet, allen aber Gemüthserholung verschafft. Eines seiner ersten Werke hat aber Galdos der gerechten Würdigung des Judeuthums gewidmet, und es scheint mir nicht unwichtig, auf dieses ältere hervorragende Werk die Aufmerksamkeit Ihrer Leser neuerdings zu lenken. Im Jahre 1876 erschien von ihm in Madrid der Roman „Gloria", der den spanischen Literarhistoriker Don *) Madame d’Aulnoy, memoires de la cour d’Espagne II. 55 ff. angeführt im Schristchen: „Ein Feiertag in Madrid", Berlin 1859. Armando Palacio Valdos so begeisterte, daß er den Verfasser desselben den Messias der spanischen Belletristik nennt und dann pathetisch ausruft: „Alle haben wir unsere literarischen Erzeugnisse auf dem Boden ausgebreitet, daß sie dem Verfasser der „Gloria" als Teppich dienten, und wie Palmenzweige unsere Federn gesenkt!" Galdos hat ein hohes und schwieriges Ziel sich vorgesteckt: gegen die Wahnvorstellungen und Ungerechtigkeiten der spanischen Gesellschaft in socialer und religiöser Beziehung zu kämpfen. In dem Romane „Gloria" hat er den Muth, die Gegensätze zwischen Judenthum und Christcnthum, den fanatischen Abscheu spanischer Herzen vor Allem, was an Juden und Judenthum erinnert, zur Grundlage seiner Erzählung auf spanischem Boden zu machen und die Contraste mit seinem erleuchteten Geiste zu entwickeln und zu Ende zu führen. „Gloria" fesselt und hält in Spannung fast auf jeder Seite, ergreift alle Fibern des Lesers, wühlt die Tiefen seiner Seele auf und nöthigt ihn zur Parteinahme und zu entschiedenem Urtheile. Die Hauptpersonen des Romaues sind: Gloria, ein in der strengsten katholischen Gläubigkeit erzogenes, schwärmerisches, spanisches Mädchen, und Daniel Morton, ein Hamburger Jude spanischer Herkunft, dessen Vater Moses und dessen Mutter Esther Spinoza in London wohnen, wo das Hauptgeschäft des steinreichen Hauses sich befindet. Die Grundsätze, in denen der Held unseres Romanes erzogen wurde, bezeichnet er selbst mit folgenden Worten: „Den Glauben hat man mehr meinem Gewissen als meiner Phantasie eingeflößt, indem man nur wenig zu den Sinnen, desto mehr aber zur Seele redete. Zudem prägten meine Eltern und meine Lehrer mir den Gedanken ein, daß es unsere Religion war, durch die der Welt die erhabenen Grundsätze geoffenbart wurden, die sie heute noch regieren, und welche durch die Aenderungen, die sie an einem denkwürdigen Tage erlitten, ihren Werth durchaus nicht eingebüßt haben. Man lehrte mich ein Gesetz lieben, das alles Gute und Wahre in sich schließt. Und in der That, keine einzige moralische Wahrheit besitzt die Welt, die nicht auch in unseren Büchern geschrieben stände! Aber trotz dieser Behauptung bin ich doch nicht so fanatisch, zu glauben, daß außerhalb unseres Gesetzes Alles Verderbtheit, Lüge und Sittenlosigkeit sei, wie es hier zu glauben Styl ist. Nein! Auch ich gebe in Manchem nach und sage, daß die moralischen Vorschriften, nach denen wir uns richten, ganz dieselben sind, die auch die Seele des Christen, die auch die gesammte denkende Menschheit leiten." Daniel Morton zeigt sich auch im Laufe der Erzählung hochherzig und wohlthätig gegen jeden Menschen ohne Unterschied der Confession. Auf den rationalistischen Einwand, daß er ebenso gut Christ sein könnte, da er doch die jüdische Moral nicht über die christliche stelle, antwortet er: „Sie steht aber über ihr durch ihr Alter und durch ihre Einfachheit. Ich bin fest überzeugt, daß Alles, was Gott dem Menschen geoffenbart hat, in unserem Gesetze steht; alles Uebrige ist ja nur menschliche Zuthat!" „Den Glauben Israels abschwören! Uns diesem unversöhnlichen Feinde überliefern, der seit achtzehn Jahrhunderten uns beleidigt, uns anspeit, uns ohrfeigt; der uns aus dem Lande getrieben, uns lebendig verbrannt, uns aus allen ehrenwerthen Unternehmungen ausgestoßen, uns alle Thüren verrammelt, uns von allen anständigen Berufsarten ausgeschlossen hat, während er uns nur die niedrigste von allen, den Schacher und Wucher, zugestand; der uns mit den gröbsten Beschimpfungen überhäuft, uns. wie etwas Unreines aussondert von Allem, was man etwa Brüderlichkeit nennen könnte, ja uns sogar den Genuß der natürlichen Rechte verweigert!" Auf die katholische Bemerkung, daß eine Behandlung, welche bereits achtzehnhundert Jahre dauert, als eine wohl-

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