Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 9 (27.2.1903)
- Date
- 1903-02-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 9 Dr. Bloch’s Iahraan- XX WkmW Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. Wien, 37. Felnmnr 1S03. Erscheint jeden Freitag. -fr- Brief-Adresse: Wien, IX/t» Berggasse 38. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. A. K. Pofifparrassrn-Amt Clearing - Verkehr!! Ar. 610.976. Lcdsrtion und Administratioin Wien IX/1, Berggalle Nr 39. r»,6pkon Nr. 14.847. Brprgsprei» für Srürrrrtch Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'« An»l«md: Halbjährig IO Krone». Ganzjährig 20 » Anzeigen - Die<malgespaltene Belitzeile 24 Heller. Inhalt r Leitartikel: Ein Brief aus Spanien. — VomJahrmarkt deSLebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Die antisemitischen Vertheidiger Rumäniens. Kurt Breysig, Professor der Geschichte an der Berliner Universität. Ein jüdischer Lebensretter. Ein wichtiger hebräischer Papyrus. — Eorrespondenzen:Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Eultusgemeinde Wien. Verein zur unentgeltlichen Verpsiegung jüdischer Brustleidender auf dem Lande. Das Testament eines jüdischen Philanthropen. Der israelitische ungarische Literaturverein. Kuttenberg, Neuwied, Berlin, Bucarest. Das russische Judenthum vor dem öconomischen Zusammenbruch. Petersburg. Aus den Geheimnissen der russischen Eensur. Eonstantinopel. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Ehewra-Kadischa in Wien. Wien, Linz, Prag Horazdiowitz, Tabor, Tachau. — Feuilleton: Wajomer Mosche. Die vierte Dimension. — Brieflasten. — Inserate. Gin Kries ans Spanien. Madrid, am 2. Februar. Seit mehreren Monaten befinde ich mich in diesem Lande, in welchem einst das jüdische Volk eine herrliche Blüthezeit der Cultur durchlebt, in Wissenschaft und Dichtung unsterbliche Meisterwerke geschaffen, jede Stadt, ja jeder Platz Erinnerungen an die verflossene Größe Spaniens und an die Leidens- und Ruhmesschicksale des Judenthums weckt. Madrid ist mein ständiger Aufenthalt, allein geschäftlicher Beruf führt mich in die verschiedensten Theile des Landes, Gelegenheit in Fülle bietet sich mir zu Wahrnehmungen und Beobachtungen, von welchen ich voraussetzen darf, daß sie von allgemeinem Werthe sind und auch die geschätzten Leser der „Oesterr. Wochenschrift" interessiren werden. Die Wahrheit des Dichterwortes von der unerbittlich strafenden Richterthätigkeit der Weltgeschichte kommt nirgends so zu lebendigem Bewußtsein als auf spanischem Boden. Seit dem unglücklichen Ausgang des kubanischen Krieges trägt bereits jeder Spanier in sich das Bewußtsein, daß sein Volk nur mehr eine Vergangenheit repräseutirt und einer düsteren Zukunft entgegeneilt. Pessimismus ist die vorherrschende Stimmung des Spaniers geworden, er hat den Glauben an sich nahezu gänzlich eingebüßt und von dem sprichwörtlichen spanischen Stolz verschwinden allmälig die Spuren. Die Parteien stehen im erbitterten Kampfe einander gegenüber, einzelne Landestheile suchen sich vom Ganzen loszureißen, es hat offenbar weder einen Reiz noch ein Interesse, Theile des spanischen Staates zu bilden. Aehnlich etwa, wie in einzelnen Gegenden Oesterreichs der Ruf „Los von Rom", so ist in manchen Provinzen Spaniens ein beliebtes Schlagwort: „Los von Madrid". Dunkle Gerüchte durchschwirren die Luft, phantastische Erzählungen von angeblich versuchten und mißglückten Attentaten gegen den jungen unglücklichen König werden geheimnißvoll colportirt. Ein officielles Dementi bleibt natürlich nicht aus. Bald heißt es, es war ein Zufall, eine unangenehme Verwechslung, bald wiederum, der angebliche Attentäter wäre ein loyaler Bürger gewesen, welcher dem König seine Verehrung und Treue bezeigen wollte. Die Ausstandsbewegung nimmt nicht minder immer größere Dimensionen an. Jüngst ward aus Cadix gemeldet, daß dort die Arsenalarbeiter und die Bäckergehilfen in den Ausstand traten. Die Eisenbahnbediensteten dürften sich ihnen anschließen. Das Madrider Blatt ,,El Liberal" weift darauf hin, daß ein Geist des Protestes, der sogar mit Rebellion drohe, nicht blos in Catalonien, sondern auch in Castilien, in Andalusien und Galicien, also in den verschiedensten Provinzen Spanien-, sich bemerkbar mache. Zugleich wird auf den vielfach herrschenden Nothstand hingewiesen. In den spanischen Gewässern von Ferrol wurde ein fischfangtreibender französischer Dampfer von galicischen Fischern angegriffen und beraubt. Der „Liberal" erblickt auch in diesem Vorgänge ein Symptom, wodurch das Elend der Bevölkerung erhärtet werde, so daß es sich durchaus nicht blos um einen Act der Nothwehr gegen fremde Concurrenz handle. Die revolutionären Ideen greifen aber immer mehr um sich, nur verhält sich die republikanische Partei ziemlich ruhig, der große Kampf, der ausgefochten werden muß, ist der gegen die unerträglich gewordene geistliche Gewalt, der man überall die Schuld an dem Unglücke des Landes beimißt. Ein hervorragender Politiker, mit dem ich gelegentlich eines Besuches im alten Cordoba zusammenkam und eine lange Unterredung pflegte, sagte mir rundweg: „Die Austreibung der Juden rächt sich bitter an uns, wir haben eine Blutschuld auf uns geladen, welche nie hinreichend gesühnt werden kann." Wiederholt bin ich dieser Anschauung begegnet.Jn den jüngstenDecennien hat man wiederholt officiell versucht, die Juden zur Wiedereinwanderung nach Spanien zu veranlassen. Ein Parlamentsmitglied, Lopez Lapoya, hat sich, wie die Leser der „Oesterr. Wochenschrift" sich wohl erinnern dürsten, mit einem derartigen Schreiben an die Redaction dieses Blattes gewendet und der Briefwechsel zwischen dem genannten Abgeordneten und Herrn Dr. Bloch ist mir noch lebhaft im Gedächtniß. All diese Versuche, selbst officielle Schritte der Regierung, blieben ohne Resultat. Die Juden mißtrauen offenbar dem spanischen Volkscharakter, und das ist wohl die Ursache, daß keine größeren jüdischen Niederlassungen hier stattfinden. Das spanische Volk wurde Jahrhunderte hindurch zum Religionshaß erzogen, ja geradezu dressirt.