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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-02-20 · 8 (20.2.1903) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
8 (20.2.1903)
Date
1903-02-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 120 Dr. Bloch's Wochvnfchrist. bildet, was man bis auf Nietzsche als sittlich gepriesen, verneinen sollten, so bleibt es doch wahr, daß es Uebermenschen gegeben, gibt und geben wird. Die paar Dutzend Dynastien, die in der Weltgeschichte herrschen, die ruhmgekrönten Helden der Schlachtfelder, die Glücklichen unter den Erfindern und Entdeckern, die erfolgreichen Philosophen und Schriftsteller, die Religionsstifter und die Hohepriester der verschiedenen Kirchen, die gewaltigen Staatsmänner und mächtigen Parteiführer, die weltbeherrschenden Milliardäre n. s. w. sind Uebermenschen verschiedener Art. Die Erkenntniß der Bedeutung des Uebermenschen findet sich sogar schon im Talmud, wo es heißt, daß um des Zadikwillen die ganze Welt existirt. Im Neuchassidismus vollends ist die »Theorie vom Uebermenschen" — auf den »Rabbi" angewendet — ganz eigenartig ausgebildet. Nun gilt es aber, sich Folgendes zu vergegenwärtigen: Der Uebermensch wird, er entwickelt sich; er wird zumeist nicht als Uebermensch geboren, sondern muß sich zu einem solchen emporarbeiten; durch den Kamps, durch das »Schwert", welches auch Lasialle in seinem Drama feiert. — Auch im Reiche des Uebermenschenthums herrscht der Wechsel »wer heute über" ist, kann morgen »unter" sein. Es gibt ferner, neben dem »Individuum Uebermensch" auch eine Gruppe, eine Partei, ein Volk, eine Classe als Uebermensch. Wer aber einer religiösen, nattonalen, politischen, socialen Gemeinschaft zum Uebermenscheuthum verhilft, kann zugleich der Aristokratte des Uebermenschenthums und der Demokratie der Menge, die er zum Siege geführt, angehören. Schwerer jedoch als das Problem Uebermensch und Massenmensch ist das Problem culturell-politischer Uebermensch und sinnlicher conventtoneller Untermensch. Die letztere Frage kostete Lasialle das Leben; er fiel bekanntlich als Opfer einer leidenschaftlichen Liebe im unmoralischen Duell, August 1864. Vielfach ist die Frage aufgeworfen worden, wie sich Lasialle entwickelt hätte, wenn er am Leben geblieben wäre. Eine beftiedigende Antwort läßt sich nicht geben, da bei der Entfaltung des Menschen die Imponderabilien des Charakters wesentlich mitspielen. Jedenfalls hätte er bei der Verwirklichung seines Ideals der Einheit Deutschlands eine nationale, pattiotische Rolle gehabt und bei der Einführung des allgemeinen Wahlrechts mitgewirkt. Ob er im Gefängnisse Zeit gründen hätte, sein philosophisches System auszuarbeiten, ob er nicht fürs Parlament viel zu wissenschaftlich wäre, ob seine starke Persönlichkeit neben Marx, Engels, Liebknecht, Bebel sich hätte beschränken können und ob er eine Revision des Socialismus vorgenommen hätte — was jetzt Bernstein versucht, läßt sich nicht genau bestimmen. Man darf jedoch in Bezug auf die Frage, wie er sich zum Judenthume gestellt hätte, die Behauptung wagen, daß ihn der Antisemitismus mit des Socialisten Moses Heß national-jüdischem Buche »Rom und Jerusalem" vielleicht befreundet und zu seinen Jugendträumen zurückgefübrt hätte. Jedenfalls mahnt uns dieser große Tobte des jüdischen Friedhofes zu Breslau, seine culturelle und moralische Lehre zu beherzigen. Der von Millionen Nichtjuden gefeierte Lassolle ruft uns zu: »Jeder Ueberzeugung gewährt die Geschichte Vergebung, nur nicht der Uederzeugungslosigkeit". Spinoza und Hamburg. Von Dr. Max Grunwald, Hamburg. Die Brücke von Spinoza zu Hamburg ist leichter geschlagen, als es auf den ersten Blick scheinen könnte. Wenn man einigen Biographen glauben darf, hat ihn ein Hamburger um ein hohes Glück gebracht. Sein Mitschüler, der reiche Kerkering aus Hamburg, bewarb sich danach um Clara Maria, die Tochter ihres gemeinsamen Lehrers van der Ende, Spinoza's erste und letzte Liebe. Sie schentte ihm, nachdem er vom Protestantismus zum katholischen Glauben übergetreten war, ihre Hand. Auerbach hat die ganze Episode bekanntlich in seinem »Spinoza", durch den übrigens auch Gabriel Riesier zuerst mit Spinoza bekannt geworden, zu einem Liebesroman ausgesponnen, fand er doch hierin eine der wenigen Handhaben, aus dem nüchternen Denker, der uns aus seinen Schriften als die verkörperte Logik entgegentritt, einen Romanhelden zu gestalten. In Wahrheit wirst den ganzen Bau die Entdeckung in Trümmer, daß Clara Maria 1696. also 19 Jahre nach des Philosophen Tode, erst zwölf Sommer zählte. Schwieriger löst sich eine andere Frage. Das Werk, durch daS Spinoza in den Augen seiner Mitwelt und zum großen Nr. 8Z Theil auch noch des folgenden Jahrhunderts sich selbst zum Erzketzer stempelt, der theologisch-politische Traetat, das Hauptwerk der älteren Bibelkritik, zeigt in vier Drucken auf seinem Titel neben der Jahreszahl 1670 Hamburg als Druckort, als Drucker: Heinrich Künrath, eine Angabe, der übrigens auch Lappenberg in seiner Geschichte des hamburgischen Buchdruckes ohne Bedenken gefolgt ist. Allein von Anfang an galt die Notiz als ein doppeltes Pseudonym für Amsterdam und Christoph Conrad. Bei der Gefährlichkeit des Buches hatte sich, so sagte man. der Drucker wohlweislich hinter dieser Maske verborgen. Auch spätere Kritiker glaubten, aus Druck und Papier auf Holland schließen zu dürfen. Nun will man sich aber in neuester Zeit bei dieser Auskunft nicht beruhigen. Wie, wenn, da man in Amsterdam einen Christoph Conrad bisher nicht gefunden hat, jene alte Angabe doch zu Recht bestünde? Allein auch in Hamburg läßt sich ein Drucker des Namens Künrath nicht ermitteln. Ein Hinrich Conrad, Bürzerssohn und Kaufmann, leistet nach einer Urkunde drs hiesigen Staatsarchivs am 8. Mai 1691 seinen Bürgereid, ist also schon aus chronologischen Gründen nicht in Betracht zu ziehen. Künrath könnte allerdings ein Pseudonym sein wie Thrasybulos, sein griechisches Aequivalent, beide als literarische Falschnamen geläufig. Vielleicht ist an einen der Amsterdamer Drucker und Buchhändler zu denken, die damals in Hamburg Filialen unterhielten. Kurzum adhuc sub judice lis est. Möglich, daß sich einst schärferem Auge des Pudels Kern enthüllt. Seine eigentliche Bedeutung für Spinoza und die Geschichte seiner Lehre gewinnt Hamburg erst nach des Philosophen Tode. Der theologisch-politische Tractat hatte mir seinen grundstürzenden Forderungen der Trennung von Staat und Kirche, der Behandlung der Bibel nach denselben Methoden, denen die Kritik jedes profanen Buches zu folgen hat, der scharfen Scheidung zwischen Religion und Kirche auf der ganzen Linie der religiös wie politisch maßgebenden Factoren einmüthige Entrüstung ausgelöst. Der Eindruck, den das verfehmte Buch hervorgerufen, spiegelt sich in zahlreichen Briefen aus der damaligen Gelehrtenwelt wieder, die aus dem Besitz Joh. Christoph Wolfis in den Besitz der Hamburger Stadtbibliothek übergegangen sind. Ja, eine der frühesten Spuren der Verbreitung dieses Tractates in Deutschland, aus dem Jahre 1673, bevor noch Spinoza allgemein als der Verfasser des anonym erschienenen Werkes bekannt war, fi'.det sich in einem dieser Briefe. (Volumen Fol. 101.) Im Jahre 1731 veröffentlichte der Abbe Fenelon zu Brüffel eine angebliche Widerlegung des Spinozismus von dem Grafen Boullainvilliers. Sehr bald wurde aber die antispinoziflische Gesinnung des Grafen in Zweifel gezogen. Die Art und Weise, wie er Spinoza angriff, ließ unschwer die Absicht erkennen, hinter gegnerischer Maske um so wirksamer für den verketzerten Denker zu werben. Zur völligen Gewißheit wird nun Boullainvilliers' Spinozismus durch eine Handschrift der hiesigen Stadtbibliothek (Cod. Phil. 333) erhoben. Sie enthält eine Arbeit des Grafen, die in Wahrheit nichts anderes als die »Ethik" Spinoza's darstellt. Nur ist die Form ausführlicher und volksthümlicher, die Methode inductiv. War auch in Berns' »Altar der Atheisten," Hamburg 1692 einer der frühesten Angriffe auf den Spinozismus von Hamburg ausgegangen, so haben doch die Schriften seiner eifrigsten Anhänger frühzeitig hier ihren Einzug gehalten. Joh. Georg Wächter, Lehrer der Philosophie in Berlin, hatte sich aus einem entschiedenen Gegner Spinoza's zu einen seiner ersten Verehrer gewandelt. Er preist ihn als das Ideal eines Weisen schon darum, weil er allein aus philosophischen Gründen die Göttlichkeit Christi und die Wahrheit seiner Lehre anerkannt habe. Von Wächter, der natürlich sogleich wegen seiner Hinneigung zum Spinozismus zum Atheisten gestempelt wurde, finden sich in der genannten Bibliothek handschriftlich zwei Werke theologisch-philosophischen Inhalts. Ließ sich die Stimme eines Privatmannes wie Wächter leichter überhören, so erregte umso größeres Aufsehen die Schrift eines Königlichen Secretärs in Berlin, die „Concordia rationis et fidei“ (»Die Uebereinstimmung von Vernunft und Glauben") von Friedrich Wilhelm Stosch, 1692, worin unter Bezugnahme auf Spinoza allen landläufigen Ansichten über Gott und die Welt geradezu ins Gesicht geschlagen wurde. Auf allen Kanzeln Berlins verkündete man den königlichen Befehl, daß, wer diese Schrift besitze oder auch nur von ihrem Besitze wisse, 500 Thaler Strafe zahlen, »wer es aber verkaufte, den Staubbesen bekommen" solle. In Hamburg findet sich diese von der Berliner Regierung

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