Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Rr. 8 Dr Blortz's Wochsnschrifl. Sette 119 sophen Herakleitos von Ephesus, welcher als der »Dunkle" bezeichnet wird, zu liefern. Das Kühne dieses Unternehmens zog diesen nach Großem strebenden Jüngling an. 1844 ging er in die Cultur-Metropole Paris, wo er sich mit Heinrich Heine befreundete. Heine, diese große Dichterindividualität, bewunderte die Kraftnatur Lassalle's. Dieser mächtige und prächtige Jüngling hatte schon im Jahre 1846 Gelegenheit, ritterliche Thaten als Retter der von ihren Gatten verfolgten Gräfin Hatzfeld zu vollbringen; er, der demokratische Jude, siegte über den übermüthigen Aristokraten. Als Känipfer bewährte er sich nicht nur in diesem Privatprocesse, in welchem auch so manche Schatten Lassalle's moralisches Feingefühl verdunkelten, sondern auch im Volkskampfe der Freiheit, im Jahre 1848 und heimste eine sechs - monatliche Gefängnißstrafe ein. Das von den Reactionären als »toll" bezeichnete Jahr 1848, welches in Wirklichkeit als »genial" gefeiert werden sollte, wies in Oesterreich und Deutschland viele jüdische Freiheitshelden auf: Fischhof, Goldmark, Jelineck, Frankel, Bauberger, Marks u. s. w.; keiner jedoch hat ein solches historisches Document zurückgelassen, das der sogenannten »Assiseu- Rede" Lassalle's ähnlich wäre. Diese Vertheidigungsrede athmet Persönlichkeit, ist der starke Ausdruck eines mächtigen Mannes, ist ein Freiheitssuperlativ einer großen Seele, ist die Thronrede eines Mannes, der aus eigener Kraft seine Mitmenschen gleichzeitig befreien und beherrschen kann. In der Führung des Hatzfeld-Procefies, in seiner Proceßrede, in seiner trotzigen Haltung im Gefängnisse, in der Zauberkraft, mit der er große Männer seiner Zeit umstrickte, zeigte er sich als bewundernswürdiger Mann des feurigen Wortes, der sichern und stolzen That und des fesielnden Verkehres; er tritt uns als hoffnungsvoller Candidat tzes »Uebermenschenthums" entgegen. Die vielen Uebermenschen aber, die Israels Stamm entsprossen, haben jedoch stets in der »Hingabe an die Menschheit" ihr Glück gesehen. Lassalle folgte auch in diesem Punkte der Lehre Heraklits, die er im Geiste Hegel's in seinem bedeutsamen Werke, das im Jahre 1857 erschien, ausgebildet. Georg Brandes hat eine Parallele zwischen Heraklit und Lassalle gezeigt, die besonders in Bezug auf die Würdigung des Ruhmes von großem Interesse ist. Nach Heraklit wählen »die Besten Eins statt Allem, den immerwährenden Ruhm der Sterblichen" und nach Laffalle ist der Ruhm in der That das Entgegengesetzte von Allem, das Entgegengesetzte gegen die Kategorie des unmittelbaren realen Seins überhaupt und seiner einzelnen Zwecke. Er ist Sein der Menschen in ihrem Nichtsein, eine Fortdauer im Untergang der sinnlichen Existenz selbst, er ist darum erreichte und wirklich gewordene Unendlichkeit des Menschen"! Seine Ruhmsucht war allerdings eine sehr lebendige, er wollte auch während des Lebens un st erblich sein und lechzte nach dem Beifall der Menge, allein wie Bernstein treffend bemerkt, tritt seine Vorliebe für den Lärm und Trommelschall der Ehre, für ihre Pauken und Trompeten mit einer Offenheit zu Tage, die in ihrer Naivetät etwas Versöhnendes hat. Seine Prahlereien vor Sophie von Solutzel und Helene von Rakowitza bilden die Kleinheit, vor der nach Lazarus' Ausspruch Größe nicht schützt, sind aber keineswegs kleinlich, sind vielmehr das Untermenschliche im Uebermenschen". Die Prahl- und Ehrsucht begleitet oft die Ruhmsucht als dunkle Schatten, und starke Persönlichkeiten haben oft die Schwäche, sich nicht mit ihrem Machtreichthum zu begnügen, sondern auch ein Scheinansehen bei den Kraftarmen zu erringen. Nur die Thorheit kann jedoch in der lauten Ehrsucht Lassalle's den Schlüssel seines Wesens sehen. Jedes Genie ist freilich ein L a b y r i n t h, in dem sich der Philister nicht zurechtfindet und als Ariadnefaden dient dem Durchschnittsmenschen das Alltägliche, das ihn mit dem Heros verbindet, das Niedere, das Beiden gemeinsam ist. Die Wiffenschaft wird jedoch nie die Achillesferse als das Wesentlichste im Wesen des Achilles betrachten, sondern nach dem Muster der Bibel den Helden mit seinen Fehlern schildern und trotz derselben verehren. Die Größe Laffalle's zeigt sich erst in seinen Lehren. Der nationalöconomische Lassallenismus ist allgemein bekannt und vielfach bestritten. Was er den Juden Rikarda und Marx wie Blank verdankt, was ihm der Staatssocialismus, der Kathedersocialismus schuldet, was wahr ist in seinem »ehernen Lohng-setz", was phantastisch in seinen Plänen, hat die Wiffenschaft längst erörtert. Seine Staatstheorie, nach welcher der Staat nicht blos die »Nachtwächterrolle" hat, die Gesellschaft vor Raub und Mord zu bewahren, sondern auch die Aufgabe, den wirthschaftlich schwächeren Claffen zu Hilfe zu eilen, erinnert an die prophetische Auffassung des Staates. Der politische Lassallenismus. welcher den Parlamentarismus anerkennt, für das allgemeine directe Wahlrecht agitirt, hat die deutsche Socialdemokratie groß gemacht und wirkt heute überall, besonders in der Jaures-Gruppe in Frankreich. Uns interesiirt aber mehr die culturelle Laffalle-Lehre, die in seinem Ideale »die Wissenschaft und die Arbeiter", in seinem Wunsche, die W i s s e n s ch a f i an das Volk zu bringen, iu seinen meisterhaft, populär-wissenschaftlichen Prcpagandaschriften zum Ausdrucke gelangt. Seine lehrreichen und packenden Vorträge, seine gedankenreichen und zündenden Vertheidigungsreden, seine polemischen Schriften sind großartige Leistungen der D e m okr ati sirun g der Wissenschaft. Meister der Philosophie in seinem »Heraklit", — 1858 der Rechtswissenschaft in seinem »System der erworbenen Rechte", — 1860 der literarischen Kritik, in seinem »Julian Schmidt", der Nationalöconomie, in seinem »Schulze-Delitzsch", 1862 war er auch ein Meister der Popularisirung der Wiffenschaft, in seinen Agitationsarbeiten. die Gemeingut der Arbeiterschaft 'geworden. Die Fähigkeit, den Schleier der Weisheit zu lüften, die Gelehrsamkeit in Bildung zu verwandeln, das Volk mit den Geheimnissen der Forscher vertraut zu machen, ist bekanntlichein Erbgut der Juden, welche im Alterthum das volksthümlichste Buch der Bücher, die Bibel, geschaffen, im Mittelalter Europa die Geistesschätze Asiens übermittelt und in der Neuzeit der Menschheit Popularphilosophen, Bolksschriftsteller, Professoren und Journalisten geliefert. Wir erweitern die Laffalle-Lehre zu dem Imperativ: Bringt die universelle und jüdische Wissenschaft an das jüdische Volk! Wie den kulturellen Lassallenismus auch Nicht-Socialisten anerkennen mögen, so auch den. m o r a l i s ch e n, der nach 3 Richtungen hin gefaßt werden kann. Laffalle, welcher die Arbeiterpartei in Deutschland gegründet und organisirt, — 1863 dem Classenkampf durch seine Reden und Schriften »Schwerter" geliehen, im Gerichtssaal, wie in der Volksversammlung mit erstaunlicher Unerschrockenheit gegen das Unrecht kämpfte, hatte zugleich die ethische Tendenz ausgesprochen und verfolgt, den Zorn des Volkes gegen ihm unangenehme Institutionen vor Ausschreitungen gegen die Vertreter dieser Institutionen zu bewahren. Denn nicht die Personen erzeugen die Zustände und sind für dieselben verantwortlich, sondern die Verhältnisse erzeugen und erziehen die Menschen. Er wollte es verhindern, daß beim Ausbruch einer Revolution sich solche Gewaltthaten wie während der großen französischen Revolution seitens der Massen wiederholen. Noch wichtiger ist sein ethischer Standpunkt in Bezug auf den Umstand, daß er den geistigen Factor in der Geschichte anerkennt. Woran der Marxismus krankt, ist die Uebertreibung der Wahrheit von der Tragweite des öconomischen, materiellen Factors in der Geschichte. Laffalle trägt den materiellen Momenten Rechnung, vernachlässigt aber nicht die geistigen Punkte, was in seinem Drama »Franz von Sickinkgen" 1859 zum Vorschein kommt. Dieser ethisch-historische Geschichtspunkt vereinigt sich eher mit der jüdischen Auffassung als ein craß materialistischer, pur ökonomischer, orthodox-marxistischer. Der dritte Punkt im ethischen Lassallenismus ist die Würdigung der Persönlichkeit. Wie Laffalle gern mit großen Persönlichkeiten in Berührung kam, wie er von der Größe der Ulrich von Hutten, Luther, Lessing, Fichte angezogen wurde, wie er sich der Macht seiner eigenen Persönlichkeit bewußt gewesen, so war für ihn der große Mann, der Heros, ein wichtiger Factor der Entwicklung. Zwar betonte er nach der Art Heraklit's, Hegel's und Marx' den Geschichtsproceß, allein er repräsentirte denselben gerne in einer starken Individualität, die in »ihres eigenen Banners Farbe gehüllt ist". In seiner sogenannten Seelenbeichte schreibt er, daß er als Jude dem ältesten Adel angehört, seiner Geburt nach den Bürgerlichen zugezählt wird, seinem Herzen nach aber dem Volke gehört. In Wirklichkeit vereinigte sich in ihm Aristokratie und Demokratie, gelangt in seinem Wesen das Problem der Verbindung von Genie und Masse zum Ausdruck. Freilich ist uns Vieles an ihm, wie fast an jeder ungewöhnlichen Persönlichkeit. Widerspruch. Räthsel, Frage. Mit Zuhilfenahme des Modeproblems vom Uebermenschen will ich es versuchen, die Möglichkeit der Ausgleichung des Gegensatzes zwischen Ausnahmemensch und Durchschnittsmensch darzustellen. Wenn wir auch die Frage »ob der Uebermensch jens its von Gut und Böse steht und einen Gegenpol zu dem