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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-02-20 · 8 (20.2.1903) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
8 (20.2.1903)
Date
1903-02-20
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 118 Dr. Bloch's Wochsnschrrfi. Str. 8 König Carol über die rumänischen Juden. Die neueste Nummer des »Roumanian Bulletin" veröffentlicht einen Brief des Königs (damals noch Prinzen) Carol, den dieser am 18./30. August 1867 an Sir Moses Montefiore geschrieben hat. Dieser Brief lautet in der Uebersetzung folgendermaßen : »Herr Baron! Ich empfange Ihren Brief vom 27. August, von dem ich mit lebhaftem Interesse Kenntniß genommen habe. Wie ich Ihnen bereits persönlich mittheilen konnte, sind die Wünsche, welche Sie in Betreff Ihrer Glaubensgenossen hegen, schon erfüllt. Die Israeliten sind Gegenstand all meiner Sorge und derjenigen meiner Regierung und ich freue mich, daß Sie nach Rumänien gekommen sind, um sich davon zu überzeugen, daß die religiöse Verfolgung, von der Bosheit so viel Lärm gemacht hat, nicht existirt. Wenn Juden belästigt worden sind, waren das nur vereinzelte Zwischenfälle, für die meine Regierung nicht die Verantwortung übernehmen kann. Es wird mir stets ein Ehrenpunkt sein, Achtung vor der religiösen Freiheit zu sichern, und ich werde unermüdlich über die Ausführung der Gesetze wachen, welche die Israeliten beschützen, zusammen mit allen anderen Rumänen, mit Bezug auf ihre Person und ihr Eigenthum. Empfangen Sie, Herr Baron, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung. Charles/ Zu diesem Briefe bemerkt das »Roumanian Bulletin" mit Recht, daß er ein unangenehmes Licht wirft auf die »Hilflosigkeit eines constitutionellen Herrschers in den Händen gewissenloser Minister^, denn die Schilderung der damaligen Verhältnisse in Rumänien war ebenso unbegründet wie die Versprechungen illusorisch waren. — Das „Bulletin" theilt auch nachstehende Geschichte über die Behandlung jüdischer Hausirer durch den Präfecten von Bukarest mit. „Der Polizeipräfect von Bukarest verbot den Straßenverkauf von illustrirten Postkarten. Dieser Handel lag fast ausschließlich in den Händen jüdischer Hausirer. Am 16. Jänner suchte eine Deputation der Postkartenhändler den Präfecten auf, um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß dieses Verbot ungesetzlich sei, weil der § 20 des Gesetzes über das Hausirgewerbe ausdrücklich vorschreibt, daß Zeitungen und alle Drucksachen, einschließlich Bilder und Photographien, auf der Straße verkauft werden dürfen. Kaum hatte die Deputation bekannt gegeben, was sie wollte, als der Präfect Herr San Maria ausrief: „Ihr verlangt Unmögliches. Geht!" Der Führer der Deputation wendete ein: „Aber das Gesetz gibt uns Recht!" „Das Gesetz gibt Euch keinerlei Recht", lautete die ärgerliche Entgegnung. „Was sollen wir denn machen? Wir werden verhungern!" „Was Ihr thun sollt?" erwiderte der Präfect achselzuckend, „schießt Euch todt, wenn Ihr wollt, oder, wenn Euch das nicht paßt, so geht nach Paläst in a." Für ein solches Vorgehen ist jedenfalls die Regierung verantwortlich. Bezeichnend für die Zustände in Rumänien ist die Meldung des »Rumänischen Lloyd" vom 8. Februar 1903 unter dem Schlagwort: »Bauern zu Gunsten eines Juden": 24 Bauern der Gemeinde Belcesti haben die Zurücknahme des Auftrages zur Ausweisung des in ihrer Gemeinde lebenden Israeliten Jtzig Aron verlangt. Ferdmand Hassalle u«d btv geistigmoralische „Kassalleaismus". Von Dr. I. Niemirower-Jaffy. Graetz behandelte die Frage, ob und inwiefern Heine und Boerne der jüdischen Geschichte angehören; der Historiker der Juden muß sich auch die Frage vorlegen, ob und inwieweit Laffalle und Marx der Geschichte der Juden einzureihen sind. Daß das Judenthum, welches das Christenthum und den Islam erzeugt, die Scholastik durch Salomo Gabirol-Avieebron, die Philosophie durch Spinoza und die moderne Literatur und Cultur durch so viele Schriftsteller, Politiker, Künstler und Großunternehmer beeinflußt, auch den Socialismus, zu dem sich schon in den mosaischen Gesetzen und prophetischen Lehren Ansätze finden, wesentlich gefördert, ist außer Zweifel. Welche Rolle aber der jüdische Genius in der Gedankenwelt und im Willensreich der Bahnbrecher Marx und Laffalle hat, muß erst die Völkerpsychologie und die Geschichtswiffenschaft feststellen. Mehr jedenfalls als der abtrünnige Karl Marx gehört uns Ferdinand Laffalle. Dieser Geistesriese ist als Theoretiker beiweitem nicht so bedeutend wie Marx, als Mensch aber, als Repräsentantenfigur, als feffelnde Gestalt überragt er seinen Freund Marx. Sind auch die Theorien Lassalle's vielfach veraltet und für die socialdemokratische Partei unbrauchbar geworden, sein Persönlichkeitszauber kann nicht schwinden. Für die nichtsocialistische Welt vollends ist Laffalle die interessanteste Erscheinung, die auf dem Kampfplatze der Socialdemokcatie ihren Führerruhm behauptet, so daß auch liberale und sogar conservative Biographen dem Lassalle'schen Zauber nicht widerstehen konnten. Auch in jüdischen Kreisen beginnt man immer mehr die Größe dieses Helden zu betonen, wenn man auch selbstverständlich die Verantwortlichkeit für die problematischen Momente im Leben und Wirken Lassalle's ablehnt. Das Judenthum spricht selbst seine Synagogengrößen nicht heilig, umsoweniger weltliche, allzuweltliche Heroen. Das Judenthum treibt keinen Todtencultus selbst mit Denjenigen, die für dasselbe gelebt und gelitten, umsoweniger mit Denjenigen, die sich ihres Judenthums nicht immer bewußt gewesen. Allein, wir sind berechtigt, ja verpflichtet, Jüdisches im Nichtjüdischen, manchmal sogar im Antijüdischen zu suchen, alle Verzweigungen des jüdischen Geistes zu zeigen und alle Großen, die ihre Kraft durch bewußte oder unbewußte willkürliche oder unwillkürliche Berührung des Mutterbodens unseres Stammes erhalten, für uns feierlich und öffentlich in Anspruch zu nehmen. Freunde und Feinde Lassalle's haben es übrigens hervorgehoben, daß seine jüdische Abstammung ein wichtiges Moment seiner Entwicklung gewesen. Ob man unsere Stammestugenden oder unsere Erbfehler ihm zuschreibt, ob man, wie Eduard Bernstein, den Umstand hervorhebt, daß Laffalle sich zu oft seiner Abstammung entlasten wollte und eben darum es nicht vermochte, jedenfalls dürfte es von Jntereffe sein, den Lebensgang und Wirkungskreis Ferdinand Lassalle's vom jüdischen Standpunkte aus zu zeichnen. Der Mann, dem diese Zeilen gelten, wurde in Breslau 1825 geboren. Von seinem Vater wird berichtet, daß er auch in christlich-aristokratischer Gesellschaft in Aufrichtigkeit und mit einem gewissen Stolz seine Zugehörigkeit zum Judenthume betonte. Bon seiner Mutter wissen wir, daß sie am Sarge des todten Laffalle ausgerufen: »Jetzt gehört er mir" und daß sie die jüdisch-rituelle Form der Bestattung gewahrt wissen wollte. Es gibt aber auch Anzeichen, daß sie nicht nur ihren todten Sohn dem Judenthume erhalten wollte, sondern daß auch jüdisches Gefühl in ihrem Hause geherrscht. Aus dem Tagebuche Lassalle's als 15jähriger Schüler, welches Paul Lindau herausgegeben, quillt uns lebendiges Judenthum entgegen. Laffalle schreibt am 1. Februar 1840: »Ich bin einer der besten Juden, die es gibt, ohne auf das Ceremonialgesetz zu achten. Ich könnte, wie jener Jude in Bulver's »Leila", mein Leben wagen, die Juden aus ihrer jetzigen drückenden Lage zu reißen. Ich würde selbst das Schaffot nicht scheuen, könnte ich sie wieder zu einem geachteten Volke machen. O, wenn ich meinen kindischen Träumen nachhänge, so ist es immer mein Lieblings ideal, an der Spitze der Juden mit den Waffen in der Hand sie selbstständig zu machen/ Bar-Kochba und Abu-Jsa haben wohl als Jünglinge nicht mit mehr Feuer gesprochen und mit größerem Eifer von einer kriegerisch-meffianischen Mission geträumt. Die Mißhandlungen der Juden in Damaskus erpreßten ihm nicht blos Seufzer, sondern auch die bittere Anklage: »Feiges Volk, * Du verdienst kein besseres Los. Auch die Kraftworte entschlüpften ihm »Wieder die abgeschmackten Geschichten, daß die Juden Christenblut brauchten. Dieselbe Geschichte, wie in Damaskus, auch in Rhodos und Lemberg. Daß aber aus allen Winkeln der Erde man mit diesen Beschuldigungen hervortritt, scheint mir anzudeuten, daß die Zeit bald reif ist, in der wir in der That uns helfen werden. Aide toi et le ciel t’aidera. Die Würfel liegen, es kommt auf den Spieler an/ Daß er sich als den »Spieler" betrachtet und eine große Rolle für sich in diesem Befreiungskämpfe in Anspruch genommen, ist bei seinem schon als Knabe ausgeprägten Selbstbewußtsein natürlich. Seine großen Pläne und Hoffnungen veranlaßten ihn, im Jahre 184-1 den Kaufmannsberuf aufzugeben, dem er sich widmen sollte. Nachdem er 184-2 seine Maturitätsprüfung bestand, anfänglich Philologie, alsdann Philosophie studirte, faßte er den Entschluß, eine Arbeit über den Philo-

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