Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 8 Dr. BLoch's Wochenschrift. «eite 117 nicht zu gewinnen war, sprach der Richter den Angeklagten frei. Nun führt der kleine Hans im „Deutschen Volksblatt" einen förmlichen Hexentanz auf und schildert die Zustände bei uns derart, daß einer ohneweiters im Gemeinderathssaale den Bürgermeister persönlich insultirende Zurufe machen darf, um dann mit der Ausrede zu kommen, er habe den Bürgermeister einer ganz anderen Stadt gemeint. Ganz unmerklich soll diese Entstellung des richtigen Sachverhaltes im Publicum die Meinung Hervorbringen, als dürfe man den Bürgermeister ungestraft beleidigen. Doch handelt es sich in dem gegebenen Falle nur um den kleinen Hans Arnold Schwer, auf den ein angeblich gefallener beleidigender Zuruf sich überhaupt gar nicht bezogen hat. Der antisemitische Fälscher benützt die Beliebtheit Lueger's in der Bevölkerung und die Empfindungen der Wiener für die Würde ihres Bürgermeisters dazu, um für sich selbst eine Reclame herauszuschlagen, und er thut das auf Kosten des Ansehens der Justiz, indem er den Richter, der den Gemeinderath Reumann freisprach, in bübischer Weise verhöhnt. Da muß denn doch wohl daran erinnert werden, daß Wien noch lange nicht so herabgekommen ist, daß eine V-rwechslunq des Bürgermeisters mit einem Hans Arnold Schwer in der Oeffentlichkeit platzgreifen dürfe. * * * Dem unlauteren Wettbewerb entgegenzutreten, die Moral im gewerblichen und geschäftlichen Leben hochzuhalten, das ist nach der Versicherung unserer Christlich-Socialen einer der wichtigsten Punkte ihres Parteiprogrammcs. Die Geschichte vom Cafe Rahnhof im IX. Bezirke ist eine lehrreiche und interessante Illustration hiefür. Die Frau Ceranke, die derzeitige Inhaberin des Kaffeehauses City in der Porzellangaffe, hat dem früheren Eigentümer desselben dessen Geschäft um eine sehr hohe Summe abgekauft, nachdem er ihr vorher die ehrenwörtliche Versicherung gegeben hatte, daß er kein neues Cafe in der Nähe errichten werde. Bald nachdem der Kauf abgeschlossen war, etablirte sich Herr Rahn am Schottenring, und nachdem er dieses Cafe verkauft hatte, errichtete er ein neues in der Porzellangoss''. Dieses unsaubere Vorgehen des Herrn Rahn war im Bezirk allgemein bekannt, und nun hat sich Folgendes ereignet. Solange ein fortschrittlicher Bezirksausschuß im IX. Bezirke seines Amt-s waltete, verweigerte man dem Herrn Rahn in Hinblick auf seine Wortbrüchigkeit gegenüber Frau Ceranke und weil es sich um einen entschieden unlauteren Wettbewerb handelte, die Conckssion. Kaum hatte ein christlich-socialer Bezirksausschuß die Macht im Bezirke erlangt, erhielt Herr Rahn die Concession zum Betriebe seines neuen Kaffeehauses, und nunmehr ist mittelst gerichtlichen Erkenntnisses festgestellt worden, daß Herr Rahn gegen Treu und Glauben gehandelt hatte, und er wurde in zweiter Instanz verurtheilt, das Kaffeehaus bei sonstiger Execution zu schließen und der Frau Ceranke den ihr zugefügten und erst festzustellenden Schaden zu ersetzen. Dieser geschäftliche Rechtsstreit ist nun für die Verhältnisse in Wien recht interessant. Er zeigt, wie es mit der Fürsorge der Christlich-Socialen für die gewerbliche Moral in Wahrheit beschaffen ist, und als ergötzliche Thatsache möchten wir dem noch hinzufügen, daß Herr Rahn, seitdem die Protection des christlich-socialen Bezirksausschusses ihn den Juden verdächtig machte, häufig als Gast in koscheren Restaurationen einkehrt, um seine nicht antisemitische Gesinnung ad oculos zu demonstriren. Der ganze Vorgang in seinen verschiedenen Wandlungen ist ein wahrhaft erheiterndes Bild unserer Aera der Gesinnungslumperei, zu der ein Theil der Wiener Bevölkerung förmlich erzogen wird. 18 e g r i m. Der wahre Sinn der Affaire Dreyfus. Aus dem Wuthgeschrei, mit welchem der nationalistische und antisemitische Janhagel innerhalb und außerhalb Frankreichs die Ankündigung, daß demnächst in der französischen Deputirtenkammer die Wahrheit über den. „Dreyfusproceß" in Rennes enthüllt werden soll, begrüßt, kann man wohl den Schluß ziehen, welch böses Gewiffen sie allesammt haben, welche Furcht sie vor der Wahrheit ergreift. Daß unsere „Bluthunde von Polna" am meisten schreien, am lautesten bellen, ist begreiflich. Für sie wird ja auch einmal der Tag des Gerichts, der Tag der Wahrheit kommen, an dem es sich zeigen wird, daß, wo immer die antisemitische Moral operirt, Recht und Gerechtigkeit unterdrückt werden. Und wird einmal in einem Erdenwinkel der Schleier fortgezogen, durch welchen die Blendung bisher erfolgreich betrieben werden konnte, wird das Lügengewebe zerriffen, mit welchem man ein ganzes Volk, nein, eine ganze Welt in Jrrthum erhalten konnte, werden die Machinationen aufgedeckt, mit denen man das Gerichtsverfahren zu einer Farce machte, werden dir Fäden bloßgelegt, mit denen die Marionettenspieler die Comödie leiteten, und werden endlich die Personen entlarvt, in deren Interesse der ganze Spuk inscenirt wurde — dann wird man vielleicht finden, daß ein bis dahin unsichtbares Band sich um alle diese Affairen schlang, daß ein gewiffer Zusammenhang, und wäre es auch nur ein geistig verwandter, zwischen Paris, Rennes, Könitz, Polna u. s. w. besteht und daß alle diese Affairen, wenn auch nicht von denselben Personen geschmiedet, doch zu demselben Zwecke betrieben wurden — in majorem gloriam! Ob die Autoren bewußte oder unbewußte Werkzeuge, bloße Handlanger einer höheren Macht waren, wird wohl erst durch spätere Untersuchungen festgestellt werden können, vorerst mag es genügen, wenn wieder ein Stück des Dramas aufgeklärt wird, das vom Capitän Dreyfus nur den Namen erborgt, in Wahrheit aber ein Stück Weltgeschichte ist. ein Stück der geheimen Geschichte der im Verborgenen wirkenden Mächte, welche den Geschicken der Völker und Staaten ihren Weg weifen wollen. Es stand schon damals, als Zola's sensationeller Schrei: „Ich klage an" die Wett erzittern machte, fest, daß unerhörte Fälschungen begangen worden find, und der Proceß von Rennes verstärkte nur die Ueberzeugung, daß dieselben Faktoren, die beim Kriegsgerichte in Paris, beim Proceffe Zola's im Gerichte und auf der Straße, in Rennes beim Mordanfall auf den Bertheidiger Labori, sowie im Gerichtssaale gegen den Angeklagten thätig waren, nicht die Person des Dreyfus allein treffen wollten, sondern weiterreichende Ziele sich zur Aufgabe gestellt halten. Hätte es sich nur um die Person des Capitän Dreyfus gehandelt, wäre ein Apparat von solchem Umfange, wie er hier zur Anwendung gelangte, nicht aufgeboten worden. Hätte es sich wirklich um einen begangenen Hochverrath gehandelt, er wäre ja in Frankreich weder der erste noch der letzte gewesen, so hätte man nicht nothwendig gehabt, die Bolksleidenschaften aufzustacheln, das ganze Gerichtswesen Frankreichs zu compromittiren, die höchsten Officiere der Armee bloßzustellen. Auch die unerhörten, ja unmenschlichen Grausamkeiten, mit denen man - en unglücklichen Capitän verfolgte und aus der Welt schaffen wollte, um seine Rechtfertigung unmöglich zu machen, zu verhindern, daß seine Unschuld an das Tageslicht komme, die geheimen Ziele, die man durch seine Verfolgung erreichen zu können glaubte, bloßgelegt werden, wären durch einen Hochverrath, wenn er ihn begangen hätte, nicht gerechtfertigt gewesen. Sie konnten nur „Mittel zum Zweck" sein, Mittel, nicht nur ihn als den unbequemsten Zeugen zu verderben, sondern auch Mittel, um das Volk unaufhörlich in dem Wahne zu bestärken, den man durch die falsche Anklage wider Dreyfus Hervorrufen wollte. So kunstvoll das Gebäude aufgerichtet war, es ist moralisch schon zusammengebrochen, als Zola's Wort seine Säulen umblies, wie der Ton der Drometten Josuas die Mauern von Jericho wanken machte. Das Trifolium Trarieux, Scheurer-Kestner und Zola kämpfte heldenmäßig gegen Lüge, Meineid, Niedertracht und Gewaltthätigkeit — aber den endlichen Sieg der Gerechtigkeit konnte es nicht erreichen. Nun tritt ein neuer Kämpfer auf den Plan: Jaures. Es handelt sich nicht um die Rettung eines Unschuldigen, überhaupt nicht um ein Individuum, nicht um eine Anklage gegen die verbrecherischen Richter und ihre Drahtzieher; es handelt sich um Recht und Gerechtigkeit, es handelt sich darum, zu zeigen, daß es ehrliche Männer in Frankreich gibt, die auf ihrem Lande und Volke die Schmach begangenen Unrechts nicht wollen lasten laffen; es gilt, zu zeigen, daß die Ungerechtigkeit nicht blos ein Ausfluß persönlicher Gehäffigkeit oder Unfähigkeit, sondern die Wirkung eines corrupten und corrumpirenden Systems war, und es gilt, dieses System zu entwurzeln und für die Zukunft unmöglich zu machen, um die Atmosphäre Frankreichs von dem giftigen Dunste zu befreien, der sich über Land und Volk gelagert und Moral und Rechtsbewußtsein getrübt hat. Das ist der Sinn der jetzigen „Campagne Dreyfus" in Frankreich, und Diejenigen, die die Enthüllungen zu fürchten haben, zittern, und ihre Angst drückt sich in ihrem Wuthgeschrei aus, und in ihrem Lärm stimmen Diejenigen ein, die ein gleich schlechtes Gewiffen haben, wie sie! A. Wiener.