Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 8 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gette 116 Dr. Vloch's Wochsnschrifk. Nr. 8 Proselyte« im I«druth«m. Die gediegenen und vom wärmsten jüdischen Gefühle getragenen Artikel, welche im December (5., 12., 26.) verwichenen Jahres in vorliegender Zeitschrift von dem gelehrten M. Friedländer erschienen und die Besprechung zweier jüngst erschienener Werke von Harnack und Boufset über die , Diaspora der Hellenen" zum Gegenstände hatten, dürften noch Jedermann in lebhafter Erinnerung sein, und es sei uns gestattet, auf den Kernpunkt derselben zurückzukommen. Friedländer polemisirt nämlich an mehreren Stellen gegen die Behauptung des genannten Gelehrten daß bei aller Anerkennung der Verdienste der hellenischen Diaspora um die Ausbreitung der jüdischen Lehren unter den Heiden dennoch eine empfindliche Lücke geblieben sei welche erst vomChristerthum ausgefüllt wurde' Die jüdische Missionspredigt — so behaupten Harnack und' Bouffet — habe den Proselyten, wenigstens in der ersten Generation, nicht als einen wahren Sohn Abrahams anerkannt und sein Rang vor Gott blieb ein untergeordneter. (Siehe Nr. 52, S. 845.) Aehnliches behauptet auch Renan mit Berufung auf Mischna und Talmud. (Leben Jesu, 1. deutsche Ausgabe, S. 56, Anm. 4.) Derartige Schlüsse aber, welche leider nur allzu oft zur Herabsetzung des Judenthums gezogen werden, sind immer sehr bedenktich und wenigstens ernste christliche Forscher, wie die Genannten, sollten sich von ihnen zu befreien suchen. So lange aber dies nicht in vollem Maße der Fall ist, ist die höchste Wachsamkeit von jüdischer Seite geboten und Herr Friedländer hat sich mit seiner objektiven Besprechung den Dank seiner Glaubensbrüder und aller Freunde der Wahrheit verdient. Hier nun sei bezüglich der Stellung des Proselyien im Judenihume auf die claffische Aeußerung eines Mannes verwi.sen, der bei Freund und Feind gewiß als im vollsten Sinne maßgebend anerkannt sein dürfte. Wir meinen Moses ben Maimuni, den gewaltigen Codificator des Talmud, den ebenso treuen Juden als unerschrockenen Denker. Ein Proselyte hatte sich mit der unzweifelhaft interessanten Frage an Maimuni, gewendet wie er es mit denjenigen Stellen im Gebete zu halten habe, welche auf die jüdische Abstammung Bezug haben und daher auf seinen Lippen ohne jedwede Berechtigung wären. Deutlicher: ob ein Proselyte das Recht habe, die Erzväter auch als die Semigen zu nennen, ob auch er danken dürfe mit den Worten: „der du uns auserwählt hast von allen Völkern", oder: .für das Land, das du unfern Vätern gegeben" u. s. w. Maimuni antwortet: .Du hast das Recht und die Pflicht, alle Gebete mit unverändertem Wortlaute zu verrichten, wie jeder Jude, der es auch nach seiner Abstammung ist. Denn — so lautet die Begründung — Abraham hat die Menschen alle belehrt und sie in der Anbetung des einig-einzigen Gottes unterrichtet, wie es in der Schrift (Genesis 18, 19) heißt: .Denn ich liebe ihn, weil er befehlen wird seinen Söhnen und seinem Hause nach ihm, daß sie halten den Weg des Ewigen, zu thun Gerechtigkeit und Recht. ..." Daraus folgt, — sagt Maimuni — daß Abraham Vater seiner Nachkommen sei, welche auf seinen Weg wandeln, aber auch Vater aller derer, die seine Jünger werden, oder der Proselyten, auch dürfen Letztere im Gebete sprechen: .Du hast unsere Väter auS Egypten befreit und ihnen das gelobte Land gegeben" und alles Aehnliche. Zur Bekräftigung seiner Entscheidung beruft sich Maimuni auch auf Jesaias (56, 3) und auf den palästinensischen Talmud (Fr. Bikkurim 1, 4). In einem andern Antwortschreiben an denselben Proselyten findet sich, daß wir nach dem Wortlaute der Schrift dem Proselyten eine größere und innigere Anhänglichkeit schulden als selbst den Eltern und den Propheten, denn es heißt .liebet den Fremden" gleichwie .lieben sollst du deinen Gott mit ganzem Herzen und ganzer Seele". Beide Briefe in den Responsen Maimuni's eä. Lichtenberg Nr. 158 und 160.) Wir haben den Worten des unsterblichen Meisters der Synagoge nichts hinzuzusügen; jeder fromme Jude unserer Zeit weiß und fühlt es, was er nach dem Gesagten über die Racen- Auffassung des Judenthuws zu halten hat, wenn sie in noch so vornehmer Hülle der Wissenschaftlichkeit sich uns präsentirt. Nur noch Eines möchten wir über die jüdisch-ehrliche und objektive Denkweise Maimuni's anführen, umsomehr, da es sich gleichfalls in dem angeführten zweiten Schreiben findet. Maimuni äußert sich über die Frage, ob die Anhänger Muhammeds als Götzenanbeter zu betrachten sind, mit Rücksicht auf gewisse bei ihnen bestehende culturelle Gebräuche. Maimuni's Antwort ist eine entschieden verneinende, da jene Gebräuche wohl einen götzendienerischen Ursprung haben, aber von den Muhammedanern nicht im alten Sinne geübt werden. Und wenn die Muhammedaner — so fährt er fort — uns in ihrer Verlogenheit vorwerfen, wir nähmen an, Gott hätte einen Sohn, so dürfen wir ihnen nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, denn es heißt, im Munde unseres Propheten (Zefanja 3, 9) .Israels Ueberrest soll kein Unrecht üben, keine Lüge reden; es werde nicht gefunden in ihrem Munde eine Zunge der Falschheit". Dr. I. S t e i n h e r z Rabbiner in Szskerfejervär. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (AntisemitischeGerechtigkeit. — Von einem kleinen Streber. — Im Zeichen des Antisemitismus.) Die Antisemiten aller Länder beanspruchen von der Justiz, daß sie ihnen jederzeit als gefügiges Werkzeug diene. Jüdische Angeklagte müssen verurtheilt werden, mag auch nicht der Schatten eines Beweises gegen sie vorliegen, und noch heute können sich die antisemitischen Fälscher nicht darüber beruhigen, daß die Juden, die in Tisza-Eszlar des Mädchenmordes und in Xanten des Knabenmordes fälschlich beschuldigt wurden, trotz ihrer bewiesenen Unschuld fceigesprochen wurden. Dagegen verlangen sie jederzeit die Freisprechung antisemitischer Spitzbuben, deren Verbrechen klar vor aller Welt zu Tage liegen. Die neuesten Enthüllungen in der Affaire Dreyfus haben den Antisemiten förmlich den Athem benommen. Der socialistische Deputirte Jaures behauptet und erbietet sich, es zu beweisen, daß auch dem zweiten Kriegsgericht in Rennes gefälschte Documente in das Berathungszimmer geschmuggelt worden. sind, und daß diese Falsificationen zur neuerlichen Verurtheilung des Dreyfus geführt haben. Herr Jauras ist kein Jude, das Judenthum hat auf ihn keinen Einfluß, und es steht nicht in der Macht des Judenthums, Thatsachen aus der Welt zu schaffen oder Thatsachen zu erfinden. Die Ueberzeugung von der Unschuld des Capitäns Dreyfus ist nicht blos festgewurzelt bei seinen jüdischen Glaubensgenossen, sondern bei den Gerechten der ganzen Erde. Seine Einkerkerung und seine Deportation war ein Justizmord, und daß er auch in der neuerlichen Gerichtsverhandlung nicht rehabilitirt wurde, ist allerdings nur durch unterirdische Einflüsse zu erklären. Fälschungen haben die erste Verurtheilung herbeigeführt, und darum kommt uns die Mittheilung Jaures' nicht überraschend, daß auch im zweiten Processe Dreyfus falsche Hände im Spiel waren. Nun lesen wir täglich die wüthendsten Angriffe auf die Juden, aber wir werden uns zu trösten wissen, wenn Jaures' Enthüllungen der gerechten Sache nicht zum Siege verhelfen sollten. Nicht auf das persönliche Schicksal Dreyfus' kommt es heute an. Für uns Juden ist sein Name ein Symbol, weil seine Verurtheilung um jeden Preis herbeigeführt werden sollte, nicht weil er schuldig, sondern weil er ein Jude ist. * * * Hans Arnoldchen Schwer fühlt sich ebenfalls als das Opfer eines Justizirrthums und unternimmt es, seine klägliche Figur zum Mittelpunkte einer Campagne gegen einen österreichischen Richter zu machen. Da> hat vor Kurzem im Gemeinderath Herr Reumann einer Gruppe von Gemeinderäthen, die mit erhobenen Fäusten auf ihn eindrangen, eine Beschimpfung zugerufen. Er zielte auf keine bestimmte Person ab, sondern wollte damit das Benehmen Derjenigen kennzeichnen, die Alle gegen Einen losgingen. Kein einziger jener Gemeinderäthe, die sich durch den Zuruf des Reumann getroffen fühlen konnten, hat darauf reagirt, und nur der kleine Hans Arnold Schwer, bemüht, von sich reden zu machen, capricirte sich darauf, daß mit dem Zuruf „Feige Ludern!" auch er gemeint gewesen sei. Herr Reumann erklärte, er habe nicht den Hans Arnold Schwer gemeint, den er in der Gruppe der auf ihn einstürmenden Personen gar nicht gesehen habe, und da ans der Verhandlung ein bestimmter Anhaltspunkt darüber, daß Reumann den Schwer beleidigen wollte,