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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-02-20 · 8 (20.2.1903) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
8 (20.2.1903)
Date
1903-02-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8 Dr. Bloch's Wochenfthrifk. Sette 115 schwundenen Mädchens sein, denn die Knochen des Leichnams weisen ein höheres Alter auf, als welches einem 14 Jahre alten Mädchen zukommt. — Ist das Ihre endgiltige Ansicht? — Nein, antwortete der Professor, es ist noch nicht Alles untersucht worden und ich habe mit meinen Collegen noch nicht hierüber gesprochen. — Womit begründen Sie Ihre Ansicht, Herr Professor? fragte ich hierauf. Professor Milhälkovicz zeigte mir hierauf eine hölzerne Platte, auf welcher menschliche Knochen lagen. Sehen Sie, sagte der Professor, das sind die Knochen eines siebzehneinhalbjährigen Knaben. Vergleichen Sie diese mit den entsprechenden Knochen der Leiche und Sie werden sehen, daß die Knochen der Leiche noch entwickelter sind, als die des Knaben; bei der gefundenen Leiche sind die Knorpel der Epiphysen mehr verknöchert, als beim Knaben, die Mädchenleiche muß also älter sein. Der nun folgende Theil des Zwiegespräches, sagte der Vortragende, wird ewig in meinem Gedächtnisse haften. Ich habe mich viel mit Philosophie befaßt, habe Hegel und Darwin studirt, ich habe auch viel Menschen, viele Thiere, junge und alte, gesunde und kranke gesehen, und was ich gut angesehen habe, das habe ich mir auch gemerkt. Ich weiß also, daß die Entwicklung des Mannes von der des Weibes abweicht, ferner daß die Entwicklung bei jeder Raee und nach der Art der Ernährung verschieden ist und im gleichen Alter riesige Unterschiede ausweisen kann. Ein fünfzehn Jahre alter Körper kann leicht achtzehn Lebensjahre Vortäuschen, davon war ich in der Theorie überzeugt. Aber ich hatte auch einen anderen Grund, auf den Ausspruch des gelehrten Professors kein großes Gewicht zu legen. Im Laufe des Processes habe ich die volle, den Menschen ganz durchdringende Ueberzeugung gewonnen, daß der gefundene Leichnam ausschließlich nur jener der Esther Solymosi sei und in dieser Ueberzeugung ließ ich mich durch gar keine wissenschaftliche Beweisführung irre machen. Ich sagte daher dem Professor, meine Ueberzeugung sei eine andere, und wenn der Herr Professor sein Gutachten nach dieser Richtung hin abgibt, so werde ich drei Fragen vor dem Gerichte an ihn richten. (Ich kann mich noch erinnern, daß ich damals drei Fragen richtete, heute kann ich mich nur mehr an zwei dieser Fragen erinnern.) — Welches sind diese Fragen? fragte mich Mihälkovicz. — Ich werde den Herrn Professor fragen, ob Sie schon Gelegenheit hatten, das Knochengerüst eines vierzehnjährigen Mädchens zu sehen und zu dem Zwecke zu studiren, daß Sie dessen Alter feststtzllerr. — Nein ich habe es nicht gesehen. (Lebhafte Heiterkeit.) Die zweite Frage, die ich an ihn richtete, lautete: Ist das Gutachten, welches Sie bezüglich der Knochen abgegeben haben, auf analoge selbstuntersuchte Fälle gegründet oder wurde es auf Grund der Thatsachen der Wissenschaft und auf Grund der durchschnittlichen Knochenentwicklung abgegeben? Natürlich, auf Grund der allgemeinen wissenschaftlichen Thatsachen und der durchschnittlichen Entwicklung, war die Antwort des Professors. Ich sagte hierauf dem Professor: Wenn Sie die Leiche eines vierzehnjährigen Mädchens nicht gesehen haben, so sind Sie mit Ihrer Wissenschaft dort, wo ich es bin, denn ich habe einen solchen Leichnam auch nicht untersucht. Auf ihre zweite Antwort aber erkläre ich, daß nachdem es keinen Durchschnittsmenschen gibt, sondern nur Individuen, so kann in diesem Falle Ihr Gutachten kein Gewicht haben. Der gelehrte Professor stand wortlos vor mir. Minutenlang blickte er mich starr und unbeweglich mit seinen bebrillten Augen an. Die Gedanken arbeiteten mächtig in dem großen schönen Kopfe und er suchte die Tragweite meiner Erklärung zu ermessen. Er fühlte, daß von seinen Worten und seinem Entschlüsse das Leben und das Wohl vieler Tausende Menschen abhängen. Schließlich wendete er sich zu mir und fragte mich: Was würden Sie in unserer Lage thun? — Ich würde mich als Fachexperte nicht äußern, bis ich das Knochengerüst,eines vierzehnjährigen Mädchens nicht untersucht hätte. Haben Sie denn in Ihrem Museum keine solchen Knochen? Es klingt unglaublich, was ich hier sage, aber weder das Budapester, noch das berühmte Wiener, noch aber auch das Grazer anatomische Museum hatten, wie Umfragen ergaben, ein solches Knochengerüste. In Prag fand sich eines vor, und zwar bei Professor Toldt. Professor Scheuthauer beschrieb in genauester Weise die vorhandenen Knochen der Leiche und schickte die Beschreibung dem Professor Toldt mit der Bitte ein, er soll die Beschreibung mit dem Knochengerüst im Museum vergleichen und sagen, ob die Knochen einem vierzehnjährigen Mädchen angehören können oder nicht. Bald darauf kam die Antwort, welche dahin lautete, daß die Beschreibung bis auf die kleinsten Details mit dem im Prager Museum vorhandenen Knochengerüste des vierzehnjährigen Mädchens übereinstimme. Professor Mihälkovics aber war noch nicht beruhigt. Er sagte mir: Scheuthauer ist vielleicht oberflächlich vorgegangen, ich werde eine genauere wissenschaftliche Beschreibung fertigstellen. MihLlkovics zog sich hierauf für eine Woche vollständig zurück. Er lieferte eine wissenschaftliche Beschreibung der fraglichen Knochen, welche von den größten Gelehrten Europas als ein Meisterwerk der descriptiven Anatomie angestaunt wurde, und schickte dann diese Beschreibung Toldt ein. Dieser erklärte umgehend, diese genauere Beschreibung paffe noch besser auf das Knochengerüst des vierzehnjährigen Mädchens. Birchow in Berlin und Hoffmann in Wien bestätigten diesen Ausspruch und die Anerkennung für die ausgezeichnete Arbeit Mihälkovics'. Die Frage war daher zu meinen Gunsten entschieden und das günstige Gutachten der Aerzte trug wesentlich zu dem Erfolge bei. Redner richtet an die Anwesenden die Bitte, wenn vielleicht unter den hinterlaffenen Schriften Scheuthauer's oder MihLlkovics', oder vielleicht bei Dr. Toldt, der jetzt in Wien ist, der Briefwechsel vorhanden ist, welcher in dieser Angelegenheit geführt wurde, so würde er bitten, ihm diese Briefe, welche ein interessantes Licht auf die schwierigen, im Processe aufgetauchten medicinischen Fragen werfen, zu überlassen. Die medicinischen Streitfragen, welche er mit den Aerzten auszutragen hatte, haben noch eine eigenthümliche Folge gehabt. Der damalige österreichische Unterrichtsminister hatte wahrscheinlich von diesem interessanten Processe Kenntniß und er erließ kurz darauf einen Erlaß, in welchem er anordnet, daß die Juristen die gerichtliche Medicin eingehender studiren sollen, da sich die Kenntniß der gerichtlichen Medicin für die Advocaten sehr nützlich erwiesen hat. Der österreichische Unterrichtsminister meinte vielleicht, daß es in Ungarn gar so viele Advocaten gäbe, die gerichtliche Medicin studirt haben. Wenn der Minister gemeint hat, daß er, Eötvös, von der gerichtlichen Medicin etwas versteht, so irrte er sich, denn Redner hat sich mit diesem Gegenstand nur so weit befaßt, als er im Interesse der Angelegenheit es thun mußte. Redner beschäftigte sich ferner mit einer zweiten interessanten medicinischen Frage, welche bei der Ehumirung der Leiche auftauchte. Trotzdem, wie bereits erwähnt, die Exhumirung im Winter und bei Regen vorgenommen wurde, fand man die Leiche in vollständig trockenem Sande liegen, den man ohneweiters hätte als Streusand benützen können. Die Kopfhaut der Leiche war ganz eingetrocknet und mumificirt, das Fleisch im Gesicht und auf der Backe aber war verseift. Dieser Umstand fiel ihm auf, er war auch im Protokoll erwähnt, in ihrem Gutachten jedoch übergingen die Aerzte dies mit Stillschweigen. Gerade dieser Umstand aber schien ihm sehr wichtig, denn er folgerte hieraus mit Sicherheit auf die Identität der Leiche. Die Verseifung von Leichentheilen erfolgt nur, wenn diese wenigstens 50 Tage lang im Wasser liegen. Die Leiche der Esther Solymosi aber verschwand am 1. April und wurde am 20. Juni, also nach 79 Tagen in der Theiß aufgefunden und dann im Sandboden begraben. Redner wendete sich zu Professor Scheuthauer mit der Frage, warum die Experten sich über diesen Umstand nicht geäußert haben. Professor Scheuthauer erwiderte, daß Casper einen solchen Fall schon beschrieben habe. Der gelehrte Professor suchte auch die citirte Stelle auf, fand aber dort nur eine allgemeine Bemerkung, welche auf Hören-Sagen und nicht auf exacter Beobachtung beruhte. Als Vertheidiger hat Redner dann diesen Umstand zur Unterstützung seiner Ansichten zu benützen gewußt. Unter stürmischen Eljenrufen schloß sodann Redner seine hochinteressanten Ausführungen mit dem Hinweis darauf, daß der große Proceß in viele medicinische Fragen neues Licht gebracht. vielseits Forschungen und Untersuchungen angeregt habe. Der Proceß hat also auch für die Wissenschaft sein Gutes gehabt und er als einfacher Mitarbeiter habe nach Kräften mitgewirkt, um die Wahrheit zu Tage zu fördern. Nach der Vorlesung fand im Restaurant Klivenyi ein animirtes gemeinsames Souper statt, bei welchem der Abgeordnete Karl Eötvös in zahlreichen Trinkfprüchen als berühmter Vertheidiger und brillanter Causeur gefeiert wurde.

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