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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-02-20 · 8 (20.2.1903) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
8 (20.2.1903)
Date
1903-02-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 114 Dr Blmtz's WochsnschrM. S!r. 8 feststelleu wird, so mag er auch erforschen, ob Herr Kraus nach einem oder zwei Semestern seiner Universitäts-„Studien" sich ganz der Selbsthilfe seiner Autoignoranz in die Arme warf. Gelernt hat er also nichts. Dafür weiß er auch nichts. Und eben darum schreibt er über Alles, raisonnirt er über Alles, schimpft er über Alles: Gott und Menschen, Politik und ^Theater, Oekonomie und Literatur. Kein Gebiet ist seinem Unverständniß verschlossen. Nur das Ultramarin- Cartell hat er noch nicht beschimpft. Er will sich vermuthlich seinen Titel eines „Journalisten non xlns Ultramarin" wahren. Herr Kraus wird mir zürnen. Denn der Kalauer ist seine Domäne. Der Kalauer inmitten einer schwülstigen Sprache, die Metaphern sucht und Geschmacklosigkeiten findet, Bosheit mit Dreistigkeit, und Kühnheit mit Unanständigkeit verwechselt. Wenn ich nur wüßte, für wen der kleine Gerngroß sich so fürchterljff. austrengt! Denn von beschäftigungslosen Trafikantinnen, verschlafenen Kaffeehausbummlern und Herrn Kraus selbst abgesehen, liest doch heute kein Mensch mehr das Blättchen, das sicherlich dreimal zu viel im Monat erscheint. Warum gibt ihm denn kein guter Freund den Rath, das aussichtslose Geschäft aufzugeben und, wenn er schon just, statt in eine Handlung als Commis einzutreten, Zeitungsschreiber sein will, vorerst etwas Rechtes zu lernen? Bis auf Weiteres versöhnt mich allerdings mit dem kleinen Herrn Kraus die wahrhaft anerkennenswerthe Bescheidenheit, die er bei der Vergleichsverhandluug bekundet hat. Jeder Kläger in Ehrenbeleidigungshändeln kann sich an chm ein Beispiel nehmen. Er ist bei Festsetzung der seiner beleidigten Ehre gebührenden Satisfaction wirklich tief unter das Existenzminimum herabgegangen. Man lese nur das Protokoll und entscheide, ob man genügsamer sein kann. Herr Dr. Bloch erklärt, er könne dem Herrn Kraus nur daun persönliche Genugthuung geben, wenn auch dieser hinsichtlich seiner „Stellung" zum Judenthum eine hinreichende Erklärung abgibt, — Herr Kraus gibt rasch diese Erklärung ab; Dr. Bloch erklärt rundweg, daß er lieber den Vergleich scheitern lasse, ehe er, wenn auch nur in mildester Form, sein Bedauern ausspricht — Herr Kraus verzichtet und acceptirt in unergründlicher Friedfertigkeit eine Erklärung, wie sie in den Annalen der Jnjurienprocesse ohne Beispiel ist: ohne ein Wort des Bedauerns, ohne eine Silbe der Entschuldigung seitens des Angeklagten. Und um das Maß voll zu machen, verzichtet Herr Kraus sogar auch auf jede Buße, wie sie oft, um das Strafmoment zu markiren, vom Kläger gefordert wird, ja er verzichtet sogar auf den Ersatz der Proceß- und Vertretungskosten. Wahrlich, Herr Kraus hat mich entwaffnet. Ein Kläger, der so wohlfeil zu haben ist, muß selbst den grimmigsten Vertheidiger versöhnlich stimmen. A«» de« Geheimnisse« de» Tißa-Cßtarer Prorrsses. Vortrag von Karl Eötvös. Karl Eötvös, der populäre Redner, der illustre Schriftsteller und fesselnde Causeur hielt im Budapester Theresienstädter Aerztecasino vor leinem fast ausschließlich aus Aerzten bestehenden Auditorium einen hochinteressanten Bortrag über die medicinischen Streitfragen, die im Laufe desTißa-EßlärerProcesses aufgetaucht waren, welcher vor genau zwanzig Jahren die Gemächer der Bevölkerung des ganzen Landes aufwühlte, Classen, Confessionen und Stände als Feinde einander gegenüberstellte und das Bild, das er von seinem Kampfe mit den medicinischen Experten, den wissenschaftlichen Koryphäen Ungarns entwarf, wirkte geradezu dramatisch auf das Auditorium. Anwesend waren: die Professoren Bükay, Herzt, Elischer, Havass, Baron, Schächter, Haderern, Stern, Arthur Schwarz, Direktor Salgo, Dr. Friedrich, königl. Rath Dr. Sigmund Adler, Abgeordneter Ludwig Olay u. v. A. Bon stürmischen Eljenrufen begrüßt, betrat Karl Eötvös das Podium und begann seinen Bortrag. Das Thema, welches der Redner hier behandeln will, führt am besten den Titel: „Aus den Geheimnissen des großen Processes^. Redner hat aus dem Processe von Tißa-Eßlär jenes Material ausgewählt, welches mit der medicinischen Wissenschaft in nächster Verwandtschaft steht. Er will die Phasen des großen Proceffes schildern, dessen Zeuge er war und ' an dem er selbst mitgearbeitet hat. Eine der wichtigsten Fragen in diesem großen Processe war, ob jener Leichnam, welchen die Fluthen der Theiß herabgeschwemmt hatten, der Leichnam der verschwundenen Esther Solymosi sei oder nicht. Ich war, sagte Redner, der Ueberzeugung — und diese Ueberzeugung hatte ich nicht leichtsinnig gefaßt, ich bin aus Grund eingehender Erwägungen hiezu gelangt —, daß dieser Leichnam nur das verschwundene Mädchen sein könne. Nachdem aber dieser Leichnam keine Spur einer Verletzung auswies, so konnte von keinem Morde, noch weniger aber von jenem furchtbaren Blutmärchen die Rede sein, welches damals das ganze Land sozusagen hypnotisirt hatte. Die localen Vertreter der medicinischen Wissenschaft, ein alter Chirurgus und ein Student der Medicin stellten fest, daß die Verschwundene etwa 14-Jahre alt gewesen, der Leichnam aber einer wenigstens 18- bis 20jährigen Frau angehöre. Dieser strittige Punkt mußte ins Klare gebracht werden und deswegen beantragte Redner als Vertreter der Vertheidigung, daß behufs Aufhellung der Wahrheit die ersten medicinischen Capacitäten Ungarns befragt werden sollen. Der Gerichtshof gab diesem Ansuchen statt und delegirte drei hervorragende Capacitäten. Es waren dies der Professor der Anatomie an der Budapester Universität Goza Mihälko - v i c s, ein ausgezeichneter Gelehrter, dessen Werke seinen Namen verewigen werden, dann der Professor der pathologischen Anatomie S ch e u t h a u e r, ein Fanatiker seiner Wissenschaft, der ein hervorragender Gelehrter und dabei ein liebenswürdiger Mann war; der dritte Experte war der Professor der gerichtlichen Medicin Johann Belky, ein junger Mann, dessen klaren Blick und gerade Denkweise er hochschätzen lernte. Redner fand es nicht für nothwendig, sich diesen Herren vorzustellen, denn bei der damaligen aufgeregten Stimmung wäre es für die Experten keinesfalls angenehm gewesen, wenn in der Oeffentlichkeit bekannt geworden wäre, daß der Vertheidiger mit ihnen conferirt habe. Eine eigenthümliche Krankheit hat damals das ganze Land ergriffen, man nannte sie den Antisemitismus. (Heiterkeit.) Zum ersten Male sah er die Experten bei der Exhumirung der Leiche. Es war ein bitterkalter Wintertag im Deeember 1883. Der Wind peitschte den mit Regen vermischten Schnee über die Ebene und die Experten mußten ihre Untersuchung im Freien in dicken Winterkleidern, in Handschuhen und im herrschenden Halbdunkel vornehmen, was keinesfalls zur Gründlichkeit der Untersuchung beitrug. Die Experten stellten das Ersuchen, man solle ihnen den Leichnam behufs Ueberführung nach Budapest überlassen, dort werden sie einen geeigneten Platz und auch die Behelfe haben, um die Untersuchung gründlich durchführen zu können. Der Gerichtshof willfahrte aus unbekannten Gründen diesem Ersuchen nicht, und es wurde nur gestattet, einzelne Theile der Leiche abzuschneiden und diese wurden nach Budapest gesendet. Als die Leichentheile in Budapest ankamen, war er beim Auspacken selbst zugegen. Der Kasten, in welchem die Sendung ankam, wurde vom Diener des anatomischen Instituts geöffnet. Der Diener packte gleichmüthig die menschlichen Reste aus und warf sie auf einen Blechtisch. Beim Auspacken gerieth ihm eine Kalbsrippe in die Hand, welche er lachend zur Seite warf. Der brave Nyiregyhäzaer Gerichtsdiener, der die Einpackung besorgte, dachte sich gewiß, daß er die gelehrten Herren Professoren in Budapest mit einer Kalbsrippe an der Nase führen werde und diese den Thierknochen von den menschlichen Leichentheilen nicht unterscheiden werden können. Er vergaß, daß im Sectionssaale selbst der Diener die menschlichen Knochen so genau kennt, daß er jeden Betrug sofort bemerkt. Redner kümmert sich dann nicht weiter um die Untersuchung. Ein politisches Tagblatt, welches damals die Gemüther gegen die Juden hetzte, brachte jedoch Tag für Tag solche intime Details über den Fortgang der Untersuchung, welche das Blatt weder vom Nyiregyhäzaer Gerichte, noch von den Bertheidigern erfahren haben konnte. Um die Sache klarzustellen, begab er sich zum zweiten Male ins anatomische Institut und sprach bei Professor Mihälkovicz selbst vor. Während des Gesprächs brachte er die für ihn hochwichtige Frage vor, wie alt wohl der im Esonkafüzes gefundene Leichnam sein könne. Professor Mihälkovicz antwortete: Der gefundene Leichnam kann keineswegs die Leiche des ver-

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