Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 7 (13.2.1903)
- Date
- 1903-02-13
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021501--12462-3037057- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 7 Dr. Vloch's Wochsnschrift. Sette 111 sicht auf mich oder meinen Sohn, noch durch Rücksicht auf Ihre Zukunft, welche ich, selbst wenn Sie Nein sagen, sicher stellen werde — aus Dankbarkeit. Wenn Sie aber glauben, meinen Sohn lieben zu können, trotzdem was vorgefallen ist. s o lieben, um an seinem Herzen alles frühere Leid vergessen zu können, dann sagen Sie ein,Ja!" und ich werde kommen, nur mein liebes Töchterchen zu holen. Ihre mütterliche Freundin Rahel Trebitsch. Ja, ja und tausendmal ja! jubelte Paula und noch ganz berauscht von dem Glücke, welches ihr der Brief von Mutter und Sohn bereitet hatte, setzte sie sich an ihr kleines Tischchen, um denselben zu beantworten. Ganz ohne Prüderie erklärte sie, daß sie Rudolf aus vollstem Herzen liebe und ihm ein treues ergebenes Weib sein wolle in Freud und Leid, sowie seiner Mutter eine liebevolle dankerfüllle Tochter und Pflegerin. Dann fügte sie hinzu: Das Glück macht versöhnlich. Ich verzichte auf die Rache an dem, dessen Namen ich niemals mehr aussprechen, niemals mehr hören möchte, an den ich niemals mehr erinnert werden mag. Habe ich doch ohnehin die drei R erlangt, nach denen ich mich fast krankhaft sehnte: Rechtfertigung bei Euch und allen Gutgesinnten. Ruhe unter Deinem Schutze und endlich das dritte R, Dich, geliebter Rudolf! — — Die Einwendungen Jrma's wurden nicht beachtet und als Rudolf vollständig hergestellt war und sich mit Hilfe der Mutter und des Schwagers Eagelmann eine Existenz gegründet hatte, die es ihm ermöglichte, eine Familie zu erhalten, wurden Anstalten zu seiner Vermählung mit Paula getroffen. Kurz vor der Hochzeit reiste das Brautpaar in Begleitung Mamas in die Heimat Paula's, um dem sinnigen Gebrauche gemäß vor dem bedeutungsvollen Tage die Gräber der Eltern zu besuchen. Nicht mehr zagend wie damals, voll von verhalt; ner Bitterkeit näherte sich Paula dem Grabe ihres Mütterchens; fast jubelnd klangen ihre Worte, die sie rief: Hörst Du mich, mein theueres Mütterchen dort oben m Deinen lichten Höhen? Ich bin glücklich geworden, ganz glücklich. Nicht mehr zaudere ich, Dein Grab zu besuchen, aus Furcht, es durch meine Klagen zu entweihen und Deinen Frieden zu stören, denn ich bin glück' lich, glücklich, glücklich! _ Literatur. Reiseskizzen aus Rumänien. Von Dr. Hugo Ganz (81 154 S.) Berlin 1903. Verlag von H. S. Hermann. Wer dieses kleine und doch inhalts- und lehrreiche Buch zur Hand nimmt, wird kaum im Stande sein, sich davon zu trennen, ehe er es zu Ende gelesen hat. Und wer es zu Ende gelesen, wird es mit Vergnügen und Nutzen noch einmal lesen. In fesselnder Darstellung, die in jeder Zeile Zeugniß gibt von dem ebenso umfassenden als eindringlichen Blicke des objectiv denkenden Verfassers, gewinnen wir eine genaue Kenntniß vom Lande und seinen verschiedenen Bevölkerungsschichten, seinen politischen Parteien, seinen Staatsmännern und den eigentlichen Triebfedern ihres Thuns, seinen Finanzen und seinen wirthschaftlichen Verhältnissen überhaupt. Kaum dürfte Jemand in der Lage und im Stande sein, selbst bei jahrelangem Aufenthalte im Lande, sich eine so umfassende Kenntniß aller Verhältnisse zu verschaffen, wie es dem Verfasser gelungen ist. Er versteht es aber auch, die Kenntniß, die er gewonnen, in klarer und angenehmer Darstellung dem Leser zu vermitteln. Man müßte das ganze Buch abschreiben, wollte man besonders interessante Stellen anführen. Der Aufgabe unseres Blattes entsprechend, können wir uns jedoch nicht versagen, Einiges von dem wörtlich zu citiren, was er über untere Glaubensgenoffen in Rumänien und das furchtbare Schicksal, das über sie verhängt wurde, sagt. Auch da fällt uns die Wahl schwer. Wir müssen Jedem, der sich gründlich darüber belehren will, rathen, das Buch selbst zu lesen. Wir find überzeugt, daß uns jeder Leser, der unserem Rathe folgt, dankbar sein wird. Aufs Gerathewohl wollen wir jedoch, gewissermaßen als kleine Probe der Darstellung, eine Stelle dieses Buches anführen. Auf Seite 132 ff heißt es: „Das rumänische Volk ist im Ganzen und Großen vom Antisemitismus frei und muß erst dazu erzogen werden, sich an dem Boycott gegen jüdische Kaufleute und Handwerker zu betheiligen. Die regierende Claffe jedoch kennt kein Erbarmen und arbeitet rückfichtslos an der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung". „Auch in dieser Claffe ist von eigentlichem confeffionellen oder nationalem Hasse nichts zu verspüren. Die Judenverfolgung ist eine rein wirthschaftlich-politische. Man muß bedenken, daß die regierende Claffe in Rumänien, bei der völligen Apathie der Bauernschaft, im Gar.zen aus sechzig bis achtzigtausend Familien besteht, daß diese sich in alle besseren Positionen theilen und dabei sich ihrer landesüblichen Laster, der Faulheit, Bestechlichkeit und Unsolidität, sehr wohl bewußt sind. So lange Europa die rumänischen Finanzen immer wieder nachfüllt, denken die glücklich Soutenirten auch gar nicht daran, sich das Leben sauer werden zu laffen. Nun drängt da eine jüdische Bevölkerung von gleichfalls fünfzig- bis sechzigtausend Familien an die Pforte der behaglichen Existenz. Der Jude ist nüchtern, fleißig und auch an Redlichkeit der übrigen Balkanbevölkerung weit überlegen. D i es e undequemt Concurrenz muß also abgehalten werden. Die Verweigerung der polnischen Rechte allein genügt dazu nicht, das wäre nur ein Aufschub, denn eine wirthichaftlich kräftige Claffe erzwingt sich immer auch den Zugang zu den politischen Rechten. Die Juden müssen ganz ausgerottet, aus dem Lande hinausgehungert werden. Erst dann ist diese Mischung von Armeniern, Griechen, Kutzowalachen, Zigeunern und Rumänen, aus welchen sich die regierende Claffe zusammensetzt, davor ficher, von überlegenen Concurrenten aus ihren Positionen hinausgeworfen zu werden. Rechtsgefühl darf man bei diesem Balkankehricht nicht suchen, auch Wahrheitsliebe nicht. Rumänien ist ein Staat, in dem das verworfene Element der Bevölkerung das Heft in den Händen hat, ein Element» das vor gar keinem Verbrechen zurückscheut. Gelegentlich, namentlich wenn sich wieder ein Beoürfniß nach europäischen Anleihen herausstellt und man die Financiers, unter denen es doch viele Juden gibt, ein wenig beschwichtigen will, werden Toleranzcomöoien aufgeführt, oder die im Lande lebenden Juden gezwungen, gegen wahrheitsgetreue Schilderungen ihrer Lage in oer ausländischen Presse zu protestiren. Im Lande aber bleibt Alles beim Alten und ein Metier nach dem anderen wird als Monopol für die Bollbürger in Anspruch genommen, so daß den Juden wirklich nichts übrig bleibt, als zu verhungern. Diese Abschlachtung auf trockenem Wege ist zwar die größte Nichtswürdigkeit, die sich denken läßt; von dieser Claffe ist aber Anderes gar nicht zu erwarten, und jede Hoffnung auf eine Aenderung ist als gänzlich illusorisch abzuweisen. Die Berliner Congreßmächte könnten zwar den Schein einer Aenderung erzwingen, aber man würde ein paar kleine Krawalle gegen die Juden inseeniren und dann fich hinter der sogenannten öffentlichen Meinung gegen jede Reform verschanzen. In Rumänien schießt man zwar auf die hungernden Bauern, wenn sie einmal unbequem werden, aber wenn es fich um die Juden handelt, genügt jeder Haufen bezahlter Schreier, um deu Regierenden den Borwand zu liefern, weiter zu verweigern, was sie gar nicht zugestehen wollen. So wird der Jude, ganz wie der Bauer, weiter Militärdienste leisten und Steuern zahlen, aber ganz wie der Bauer von allen Rechten, nicht wie oieser nur faktisch, sondern auch rechtlich ausgeschlossen sein. Er darf außerhalb der Städte keinen Grundbesitz erwerben, in keiner Landgemeinde wohnen, in Bälde auch kein Handwerk mehr treiben, sobald es einem Rumänen beliebt, ihn zu verdrängen. Das Alles nicht, weil er Jude ist, bewahre, in Rumänien gilt jede Religion als gleichberechtigt; sondern weil er, obgleich im Lande geboren, obgleich er dem Lande unter der Waffe gedient hat und keinem anderen Staate angehört, „Fremder" ist. Das Staatsbürgerrecht kann er aber nicht erlangen, denn die regierende Claffe hält eifersüchtig daran fest, daß jedes einzelne Gesuch um Naturalisation vor die Kammer gebracht und dort durch Ballotage angenommen oder verworfen werde. Ein Gesetz, das genau die Bedingungen vorschreibt, die zu erfüllen find vor der aber eo ipso erfolgenden Aufnahme in den Staatsbürgerverband, gibt es nicht, weil ein solches Gesetz gar nicht auszudenken wäre, das nicht mit einem Schlage wenigstens vielen Tausenden der unbequemen Juden die Staatsbürgerrechte verschaffen würde. Nur Derjenige ist im Stande, die Naturalisation zu erlangen, der persönlich die Mehrheit der Kammermitglieder auf seine Seite zu bringen versteht und seit 25 Jahren find nicht mehr als einige hundert Naturalisationen erfolgt. Wenn trotzdem die Berliner Congreßmächte sich diese freche Verhöhnung ihrer Bestimmungen gefallen laffen und gegen die kaltblütigen Massenmorde nicht Einspruch erheben, so liegt das daran, daß man dem Könige keine Unannehmlichkeiten machen will, diesem