Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 7 (13.2.1903)
- Date
- 1903-02-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 7 Sr» Nlvch Ä WvchrNschLifr» Seite 107 Bruder-Verein und Israel. Frauen-Verein, erstreckt. Einen Rabbiner kann leider diese Gemeinde derzeit noch nicht anstellen, da ihr hiezu die nöthigen Mittel fehlen. Es legt sich hier wohl ein gewisser Marcus den Titel eines Rabbiners bei, dieser ist aber nicht als solcher, sondern auf dem Concurswege als Lehrer für unsere Deutsch-israel. Schule berufen und aus hier nicht näher zu erörternden Gründen vom Schulrathe nach kurzer Zeit entlasten worden. WennderZweck der Correspondenzaus Constantinopeldahin gerichtet war, neben der Reclame auch noch an den Wohlthätigkeitssinn unserer Glaubensgenossen wegen Geldunterstützungen zu appelliren, so kann der unterfertigte Vorstand nicht genug davor warnen, da es bei den hiesigen eigenartigen Verhältnissen sehr leicht ist, sich jeden beliebigen Titel beizulegen, sowie Synagogengemeinden zu gründen. Dazu genügt, ohne an irgendwelche Formalitäten gebunden zu sein, ein Zimmer zu miethen und darin zu beten. Und damit ist die Synagogengemeinde gebildet. Unter diesem Titel bestehen bereits die sogenannten Kertscher-, Glaser-, Bukarester-, Schneider- und Knöpperische Synagogengemeinden. Die in der erwähnten Correspondenz gepriesene Synagogengemeinde zählt zu derselben Kategorie. Seit ihrem kurzen Bestände bat sie schon einige Male ihren Namen gewechselt. Sie hat schon „Or-Thora", „Achdus", „Societe de bienfaisance germano israelite" gehlißen. Im Interesse der edlen Spender und um jedem Mißbrauch vorzubeugen, hält es der Unterzeichnete Vorstand für angebracht, den Wohlthätern nahezulegen, bei jedem aus der Mitte der hiesigen deutschsprechenden Juden ausgehenden Aufruf um etwaige Unterstützungen nach der Nothwendigkeit derselben bei dem hiesigen k. k. österr.-ungar. Consulat oder bei dem Unterzeichneten Vorstand Erkundigungen einziehen zu wollen. Für die freundliche Aufnahme dieser Zuschrift in die nächste Nummer Ihres geschätzten Blattes im Vorhinein dankend, zeichnen mit vorzüglicher Hochachtung für die »Deutsch-Oesterr. Israel. Cultusgemeinde: der Secretär: der Präsident: S. Springer Dr. Hoffmann. Gesehen zur Beglaubigung der obenstehend?n Unterschrift des Herrn Dr. Hoffmann, Präsident der hiesigen „Deutsch- Oesterr. Israel. Cultusgemeinde, sowie des beigedruckten Gemeindesiegels. Constantinopel, 9. Februar 1803. Vom k. k. österr.-ungar. Consulate Lazarus. S1. Petersburg, 8. Februar 1903. Der weithin bekannte Philanthrop Baron Horaz Günzburg beging heute die Feier seines 70. Geburtstages. Schon vor Monaten hatten sich in den meisten Städten Rußlands — im Ganzen 130 — Comites gebildet, um diese Feier zu einer großartigen Kundgebung von Seiten aller jüdischen Glaubensgenossen zu gestalten. Wo gibt es im weiten Czarenreiche irgend eine humanitäre Institution, die Baron Günzburg nicht gegründet oder gefördert hätte? Volksschulen und Talmud-Thora-Anstalten, Schulen für Handwerker, Armen- und Krankenhäuser, Synagogen — sie alle verdanken ihm zum großen Theile ihre Entstehung, alle aber ihr Gedeihen. Ueberdies zählen alle nur nennenswerthen Gesellschaften, die wissenschaftliche, künstlerische, überhaupt culturklle Ziele verfolgen, den Genannten zu ihrem werkthätigen Mitglied?. Die Feierlichkeiten, welche schon am Samstag den 7. d. M. begonnen hatten und Sonntag den ganzen Tag dauerten, waren eine so glänzende Manifestation allgemeinen Dankes und allseitiger Verehrung, wie sie beispiellos dasteht, und legten ein beredtes Zeugniß ab für die unvergänglichen Verdienste, die sich Baron Horaz Günzburg um unsere Glaubensbrüder in Rußland erworben hat. Nicht allein Juden nahmen an ihnen Theil. Alle Schichten der Gesellschaft hatten ihre Vertreter entsendet, um dem hochverdienten Manne ihre Verehrung zu bezeugen. Am Samstag ward die Feier mit einem solennen Gottesdienste im neuen Tempel eröffnet und in einem Prunksaale daselbst, dem Alexander-Saale — so genannt nach Czar Alexander II. und Festversammlungen dienend — das lebensgroße Porträt des Jubilars, von Meisterhand angefertigt, enthüllt. Im Tempel hielten der Oberrabbiner von St. Petersburg. Drabkin, und der von Moskau, Dr. Mass, ein Redner von glänzender Begabung, Festreden. Aus zahlreichen Städten Rußlands waren die Rabbiner und Cultusvorsteher herbeigeeilt, um dem allverehrten Jubelgreis die Glückwünsche ihrer Gemeinden zu überbringen. Auch Christen wohnten dem Gottesdienste bei, u. A. der Direktor-des kais. Conservatoriums, SenatorTscheremiffinoff. und der Bice-Director der kaiserl. Bibliothek, Stassow. — Am Nachmittag fand in der von Baron H. Günzburg gestifteten Waisenanstalt, in der die Zöglinge für den Handwerkerstand erzogen werden, eine Feier statt, bei welcher hebräische und russische Chöre meisterhaft vorgetragen wurden. Sonntag begann schon am frühen Morgen der Empfang von Deputationen in der Wohnung des Jubilars. Sie alle aufzuzählen, ist rein unmöglich, von ihnen sei nur eine Abordnung der Börsekammer unter Führung des Präsidenten Prosorcff erwähnt. Gegen 11 Uhr erschien Finanzminister Witte und überbrachte im Namen des Czars die Insignien des Annenordens I. Classe. Baron Günzburg besitzt unter zahlreichen anderen Orden schon von früher her den ruffischen Stanislausorden I. Elaste, ist wirklicher Staatsrath mit dem Titel „Excellenz". Der Minister theilte mit, Czar Nicolaus II. habe erklärt, er freue sich, dem vielverdienten Manne auch seinerseits ein besonderes Zeichen seiner Anerkennung zu geben. Da im Hause nicht alle angemeldeten Vertretungen von Städten und Corporation«» empfangen werden konnten, hatte die Direction des Conservatoriums den Concertsaal zur Verfügung gestellt, wo sich um halb 2 Uhr Nachmittag alle Abordnungen und ein geladenes Publicum einfanden und den herrlichen Saal und die Galerie bis aus das letzte Plätzchen füllten. Das Podium war in eine mit Teppichen und Blumen reich geschmückte Estrade umgewandelt und im Fond ein Ehrenplatz für den Jubilar errichtet. Links von diesem waren Stühle für seine Familienmitglieder aufgestellt. Hinter der großen Orgel war der Tempelchor postirt. In den vordersten Reihen des Parquetts sah man die glänzenden, mit Ordens- Sternen und Bändern reich geschmückten Uniformen von Generalen und hohen Staatswürdenträgern, und weithin bis auf die letzten Bänke saßen Damen und Herren aus der besten Gesellschaft. Als Baron Horaz Günzburg, gefolgt von der glänz-nden Schaar seiner Kinder und Enkel, den Saal betrat, erhob sich ein nicht endenwollender Applaus, von rauschenden Orgelklängen begleitet. Der Jubilar ließ sich auf den Ehrenplatz nieder, ihm zu Seiten der Präsident des St. Petersburger Festcomites, Warschawski, und der Präsident der „Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung und Aufklärung in Rußland", Halperin. Auf den Stühlen nahmen die sechs Söhne des Jubilars, eine Tochter — Frau Mathilde v. Gutmann aus Wien —, die Schwiegertöchter und Enkel Platz. Der Tempelchor executirte einen Hymnus und Herr Warschawski eröffnet« die Fcstversammlung mit einer kurzen Ansprache. Als er hervorhob, daß Minist, r Witte heute persönlich dem Jubilar den hohen Orden überbrachte, erhob sich ein unbeschreiblicher Jubel. Chor und Orgel intonirten die russische Hymne, di; Alle stehend größtentheils mitsangen. Nun begann der Aufruf der Deputationen durch das unermüdliche Comitsmitglied Feinberg, die, etwa 60 an Zahl, nach einander die Estrade bestiegen, durch ihre Sprecher den Jubilar beglückwünschten und reichverzierte Adressen überreichten, die, in rustischer oder hebräischer Sprache abgefaßt, auch verlesen wurden. Aus der Zahl dieser Abordnungen seien nur einige erwähnt. Zuerst sprach der ehemalige Minister für Bolksaufklärung und gegenwärtige Staatssecretär. Geheimrath Saburvff als Bicepräsident des Comitss der „Russischen Gesellschaft zum Schutze der Frauen" und verlas ein von der Präsidentin dieses Comites. der Prinzessen Helene von Sachsen-Altenburg, an den Jubilar gerichtetes Schreiben. Saburvff sprach auch im Namen des »Hauses der Barmherzigkeit". Für die Gesellschaft der Musikfreunde erschienen u. A. die Direktoren Bernhard und Tscheremiffinoff, General Kui und der auch in Wien bekannte Violinvirtuose, Professor am Petersburger Conservatorium, Leop. v. Auer. GrafMuffin-Puschkin sp-ach im Namen von vier Gesellschaften, Bildhauer Ginzburg. ein Schüler Antokolski's, im Namen der Gesellschaft der bildenden Künstler, Frau Nitschaieff für die »Oours 8uperieur8 pour femmes"; es erschienen ferner Abordnungen der Gesellschaft der Aerzte und der Studenten und Studentinnen der verschiedenen Hochschulen. Baron Günzburg hielt allen Deputationen drei Stunden lang wacker Stand und antwortete jeder in liebenswürdigen, geistreichen Worten. Und als er zum Schluffe nochmals Allen zusammen seinen Dank abstattete und unter Anderem sagte, er hörte, daß sich der Antisemitismus auch in die ruffische Gesellschaft einschleiche, ein Blick aber auf so viele illustre Vertreter dieser Gesellschaft ihn belehre, daß dies nicht wahr sei, da erhob sich, besonders auf Seite der christlichen Gäste ein rauschender, minutenlanger Applaus. Es seien zum Schluffe noch aus der schier unendlichen Zrhl der Depeschen die der Gräfin Adlerberg, der Witwe des Ministers Alexanders II., Kowalewski, des Staatssekretärs des Ministers Witte und des Wiener Ober-