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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-02-13 · 7 (13.2.1903) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
7 (13.2.1903)
Date
1903-02-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 7 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 105 fand, ein Schriftsystem. über das Herr Delitzsch selbst ein treffliches Bnch geschrieben hat. Seit dem sechsten Jahrtausend kamen semitische Einwanderer in die Euphrat- und Tigrisländer, und die Vereinigung dieser zuerst getrennt lebenden Stämme ergab, was Herr Delitzsch die babylonische Eivilisation nennt. Gegen das Ende des dritten Jahrtausends zog nach dem Westen aus Ur in Chaldäa eine große Persönlichkeit, die nach dem habylonischen Geschichtsschreiber Berosus auch bei den Chaldäern ein geachtetes Andenken hinterlassen hatte: Abraham, der zuerst, wie wir wissen, den Glauben an ein höchstes Wesen aussprach. Ob er diese Idee von früheren entlehnt, wissen wir nicht. Wenn die Mohammedaner Abraham als den ersten Muslim bezeichnen, so haben sie recht; auf jeden Fall ragt er hervor durch seinen Monotheismus, während die Babylonier stets Polytheisten waren und geblieben sind. Die roheste Naturgötterei und Vielgötzendienst waren bis auf die römische Zeit hinab die Religion der Affyro-Babylonier. Ganz absonderlich muß es Jedem Vorkommen, daß Delitzsch aus Iauva-El, das vielleicht gar nicht so gelesen wird, auf Jehova und dessen babylonischen Ursprung schließen will. Es mag ja einen elamitischen Gott Iauva gegeben haben, aber dieser Name ist wie Bel-El, Marduk-El einer der vielen Namen, die wir in den babylonischen Eigennamen finden, und die „Bel oder Merodach oder Aau ist Gott" zu übersetzen sind. Der schöne Name El-ittya, „Gott mit uns", findet sich vielfach auch in der polytheistischen Zeit; er beweist so wenig für den Monotheismus der Chaldäer wie die Namen Thukydides, Timotheus für den Monotheismus der Griechen.... Schließlich kommt der ganze Nachweis von dem sogenannten babylonischen Ursprung der jüdischen Cultur auf Folgendes hinaus: wir können beweisen, daß die Chaldäer die Nase mitten im Gesichte hatten, die Juden auch; also stammen die Nasen der Juden aus Babylon. Was aber den himmelweiten Abstand der babylonischen und jüdischen Cultur kennzeichnet, ist die Kluft, die sich in den Werken der Civilisation beider Gesittungen kundgibt. Mit Recht bemerkt ein protestantischer Schüler des Herrn Delitzsch, es genügen, um diesen Abstand zu kennzeichnen, einige in der' lutherischen Bibel fettgedruckte Stellen des Alten Testaments .... Was bleibt nun von Babel in der Bibel? Am Sonntag, den 20. August 587 (kein anderes Datum!) vor Christi Geburt hatten die Babylonier den salomonischen Tempel von Jerusalem verbrannt; ein großer Theil der Juden wurde nach Babel übergesührt. wo sie bis zur Freigabe durch Cyrus (538 vor Christo) blieben. Was nun von den alten Schriftwerken Israels noch gerettet war, wurde nach. der Rückkehr gesammelt, zu einem Ganzen überarbeitet, und so entstand der heutige Pentateuch und die übrigen vorexilischen Bücher des Alten Testaments in ihrer jetzigen Form. Vieles in diesen Büchern ist sehr alt; es ist abgeschmackt, behaupten zu wollen, daß nichts von alledem, was wir besitzen, hinaufgehen könne bis in die Zeit von Moses, der lesen und schreiben konnte und der um die Mitte des vierten Jahrtausends nach dem braven Pyramiden-Cheops. der auch hatte lesen und schreiben können, ernsten Studien in Egypten obgelegen war. Vor dem Exil mußte der egyptische Einfluß den chaldäischen aufwiegen; nach der Rückkehr aus Babylon überwog der Persiens und Babels, bis auf die neuere Zeit hinab, wo der babylonische Talmud entstand und gerade in dieser Gegend die jüdischen Hochschulen blühten. Nun tritt genau das Entgegengesetzte ein: einen großen Theil der technischen Ausdrücke in den juristischen Keilinschriften können wir nur aus dem Talmud erklären, der sie den Chaldäern entlehnt hatte. Das aber, was im Pentateuch entlehnt und wirklich und allein babylonisch ist, hat Herr Delitzsch nicht berührt. Es ist die sogenannte gemachte Chronologie der Genesis, und dieses chaldäische Geschenk vom Alter der Welt, das die Juden auf sechstausend Jahre reducirten, ist die schlimmste Gabe, die Chaldäa unserer Zeit geben konnte. Von der Bibel-Babel oder Babel-Bibel bleibt also sehr wenig übrig." Correspondenzen. Wien. (Gesellschaft für Sammlung und Conservirung vonKunst-und historischenDenkmälern des Judenthums.) Mittwoch den 18. Februar 1903, präcise halb 8 Uhr Abends, findet im Festsaale des Oesterreichischen Ingenieur- und Architekten-Bereines I., Eschenbachgaffe Nr. 9 folgender Vortrag statt: Schriftsteller M. A. Klausner—Berlin: „Sprache und Nationalität". Die geehrten Mitglieder der Gesellschaft wollen das Bezugsrecht auf Karten zu dieser Vorlesung entweder durch schriftliche Anmeldung sogleich ausüben oder die ihnen zukommenden Karten Samstag, 14. Februar, von 11—1 Uhr Mittags oder Sonntag, 15. Februar, von 10 bis 12 Uhr Vormittags und von 3 bis 6 Uhr Nachmittags und Montag, 16. Februar 1903, in der Znt von 3 bis 6 Uhr Nachmittags im Bureau der Gesellschaft (Museum für jüdische Alterthümer) I., Krugerstraße 8, Mezzanin, beheben. Ebenso können Karten durch Nichtmitglieder während der vor» stehend angegebenen Termine im Bureau der Gesellschaft entgegengenommen werden. Sämmtliche Karten find unentgeltlich. Der Eintritt zu diesem Vortrage kann nur gegen Vorweisung von Karten erfolgen. Während des Vortrages bleiben die Saatthüren geschloffen. — Voranzeige. Unsere Gesellschaft hat für die nächste Zeit folgende Veranstaltungen in Ausficht genommen : Architekt Max Fleischer: .Drei Meistersänger"; Baurath W. Stiaßny: .Das jüdische Museum"; Adolf von Sonnenthal: (Vorlesung über ein später bekannt zu gebendes Thema). Wir werden die Tage, an welchen die Vorträge stattfinden werden, rechtzeitig bekanntgeben, laden jedoch die Mitglieder der Gesellschaft ein. mit Rücksicht auf die zu gewärtigende rege Nachfrage die Ausübung des Bezugsrechtes auf Karten zu diesen Borträgen schon jetzt schriftlich im Bureau der Gesellschaft anmelden zu wollen. Wien. Am 2. Februar l. I. fand die Generalversammlung des israel. Bethausvereines „Beth Hachneteth" statt. Diese war zahlreicher besucht denn je. Ueber 80 Percent der Wahlberechtigten waren anwesend und erwies fich^das Wahllocal als fast zu klein. Den Borfitz führte Herr Dr. H. Straßer. Als Vertreter der Cultusgemeinde wohnte der Versammlung Herr Dr. Berger bei. Im Jahresberichte wurden die großen Verdienste der Herren Adler, Spiegel und Kris besonders hervorgehoben. Nach Erstattung des Rechenschaftsberichtes entspann sich eine lebhafte Debatte, an der sich mehrere Redner betheiligten. Unter Anderem wies Herr Isidor Tauber auf die Verdienste des Herrn Dr. L. Straßer hin, der seit 27 Jahren ununterbrochen der Bereinsleitung angehört und seit über 20 Jahren sein bestes Wiffen und Können als Obmann dem Verein widmet. Hierauf wurde dem Vorstände einstimmig das Vertrauen votirt. Herr Dr. Straßer empfiehlt die Wahl des Herrn S. Ornstein, in dem der Verein eine tüchtige Kraft gewinne, sowie der Herren S. O ch s, S. Gottlieb, I. Tauber, Schönfeld und S. Neuseld. Die Herren wurden auch mit über zwei Drittel Majorität gewählt. Herr Dr. Straßer erhielt alle 98 abgegebenen Sttmmen. Nach der Wahl richtet der Obmann eine Ansprache an den Vertreter der Cultusgemeinde, worin Herr Dr. Straßer erklärte, daß er und der Gesammtvorstand treue Anhänger der Cultusgemeinde seien. Dankend erwiderte Herr Dr. Berger und wünschte dem Verein fernerhin bestes Gedeihen. Nach einer stürmischen Acclamation der Gewählten konnte der Vorsitzende die Generalversammlung schließen. Wien. Herr Rabbiner W. S o r ist, nachdem er mehr als 50 Jahre, davon die letzten 18 Jahre in Wien, als Lehrer der Jugend und als Lehrer der Gemeinde verdienstvoll gewirkt hat, bei der Cultusgemeinde um seine Penfionirung eingeschritten. Der Vorstand der Cultusgemeinde konnte sich der Bitte des bewährten Seelsorgers und Lehrers, der infolge seines hohen Alters der Ruhe bedarf, nicht verschließen und hat, wenn auch mit Bedauern, dem Wunsche Folge gegeben. Die Uebernahme in den Ruhestand erfolgte unter schriftlicher Anerkennung der pflichteifrigen und segensreichen Thätigkeit des Seelsorgers. Zu der Abschiedsrede, welche Herr Rabbiner Sor Samstag den 31. v. M. vor seiner Gemeinde im Währinger Tempel hielt, hatte sich eine zahlreiche Zuhörerschaft eingefunden. Es waren erschienen: Der gesammte Bethausvorstand Währing, an der Spitze der Cultusvorsteher Emanuel Hoffmann, die Vorsteher der Wohlthätigkeits-Jnstitute. ferner der Bicepräfident der Cultusgemeinde Dr. Gustav Kohn, Cultusvorsteher Rosner, Cultusvorsteher Bezirksschulrath Dr. Spitzer, kaiserl. Rath Dr. Lieben, Secretariats-Adjunct Julius Braun u. v. A. In tiefer Rührung, welche auch die Andächtigen ergriff, verabschiedete sich der beliebte Seelsorger von seiner Gemeinde in einer Rede, welche fich durch geistvollen Inhalt, durch die Art des Bortrages und Herzlichkeit des Tones auszeichnete. Die Frische des Geistes, die Kraft der Stimme, welche der Redner bei diesem Anlaffe bekundete, machten es kaum glaublich, daß er von seiner Gemeinde Abschied nehme, um, dem Gebote des Alters folgend, in den Ruhestand zu treten. Wie wir hören, überfiedelt der scheidende Seelsorger zu seinen Kindern nach Budapest. Möge ihm das Glück ruhigen Genießens noch lange Jahre beschieden sein. Sonntag den 8. d. M. hat Rabbiner Sor im Präsidium der Cultusgemeinde Abschied genommen und hat bei diesem Anlaffe in Anwesenheit des Herrn Vertreters Dr. Steiner und des Cultusvorstehers Dr. Spitzer manche werthvolle Anregungen gegeben.

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