Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 7 (13.2.1903)
- Date
- 1903-02-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 7 Br. Bloch's Wochenschrift. «eite 103 Die Hu irgersnoth unter de« russischen Juden. Im jüdischen Ghetto in Rußland, das unter dem Namen „Niederlaffungsgebiet" bekannt ist, hat die öconomische Nothlage der russischen Inden erschreckende Dimensionen angenommen. Diese Thatsache wird bereits von den officiellen Preßorganen der russischen Regierung rückhaltlos bestätigt. Zusammengepfercht in den Städten des Niederlassungsgebietes, von jedweder Theilnahme an den öffentlichen Arbeiten ausgeschlossen, von allen Erwerbsquellen ferngehalten, von einem Netz von Beschränkungen und Verboten umgarnt, beginnen die jüdischen Volksmassen im Niederlassungsgebiete den Boden unter den Füßen zu verlieren. Und nicht einmal die bewährte jüdische Wohlthätigkeit vermag trotz der äußersten Anspannung all ihrer Kräfte die immer wachsende Nothlage der Juden im Niederlassungsgebiete im geringsten zu lindern. War die öconomische Lage der Juden im Niederlaffungsgebiete bis jetzt unhaltbar und verzweifelt, so hat sie sich in der letzten Zeit derart verschlechtert, daß ihr bereits Menschenleben zum Opfer zu fallen beginnen. . . . Und ein russischer Publicist charakterisirt die gegenwärtige Nothlage der Juden im Niederlassungsgebiete mit folgenden satirischen, aber unendlich wehmüthigen Worten : „Die Juden im Niederlassungsgebiete, denen man die Fähigkeit zuschreibt, die speciell für sie geschaffenen Gesetze nicht einzuhalten oder sie zu umgehen, haben nunmehr auch aus der scheinbar völlig aussichtslosen Lage im Niederlaffungsgebiete einen Ausweg gefunden. Die grimmige Kälte benutzend, entziehen sich einige Juden sammt ihren Kindern dieser Lage durch den Tod des Erfrierens, andere wieder benutzen die herrschende Arbeitslosigkeit, um des Hungertodes zu sterben... ." Aus diesen satirischen Worten, die ein russischer satirischer Publicist beim Anblick des im Niederlaffungsgebiete herrschenden Jammers und Elends niedergeschrieben hatte, erfuhr man aber, daß im Niederlassungsgebiete erschreckende öconomische Zustände eingerissen sind. Bald ist es der Mangel an Nahrung, bald der Mangel an Heizmaterial, welcher jüdische Menschenleben im Niederlassungsgebiete vernichtet. ... Eine richtige Vorstellung von dem Umfange der im jüdischen Niederlaffungsgebiete herrschenden Nothlage haben aber erst die Berichte der officiellen Preßorgane der russischen Regierung geweckt. Man weiß, wie ungern die officiellen Blätter in Rußland, über abnormale Erscheinungen im socialen Leben des Czarenreiches berichten. Auf die große Hungersnoth in Samara hatte seinerzeit erst Graf Leo Tolstoi die russische Gesellschaft aufmerksam gemacht und dadurch die officiellen Kreise genöthigt, Mittel zur Linderung der Noth zu ergreifen. Welche Zustände also müssen im jüdischen Niederlassungsgebiete gegenwärtig herrschen, wenn officielle russische Preßorgane ohne Zwang von Außen dieser Zuständen Artikel widmen, Aufrufe erlassen und den Untergang von Menschen infolge von Hunger und Kälte constatiren! Im Gouvernement Kownv zum Beispiel hat sich die Noth der Juden derart verschärft, daß die officiellen „Kowenskija Gubernskija Wjedomosti" sich genöthigt sahen, in einer Extraausgabe folgenden Aufruf zu erlassen: „Das unter dem Ehrenvorsitze des Gouverneurs von Kowno stehende Comite zur Hilfeleistung an die Nothleidenden ist nicht mehr in der Lage, die unter den Nothleidenden herrschende erschreckende Armuth zu lindern. Das Comitß appellirt deshalb an alle Einwohner von Kowno, Geld und warme Kleider zu spenden, weil die täglich immer zunehmende Nothlage das Leben der Nothleidenden unmöglich macht. Und was der officielle Aufruf verschweigt, das berichten andere russische Blätter. In einem Briefe des in Wilna erscheinenden rein russischen Blattes „Sjevero Sapabnoje Kraj („Nordwest-Gebiet") lesen wir über die Lage der Juden im Niederlassungsgebiet Folgendes: „Im ganzen Niederlassungsgebiet ertönt jetzt der verzweifelte Ruf: „Brot, Brot!" Tausende und Tausende jüdischer Familien sind dem Hunger preisgegeben, weil die industrielle Krise in den letzten Jahren alle Erwerbsquellen vernichtet hat, welche den Hunger der Unglücklichen einigermaßen stillten." Diese Hungersnoth der Juden im Niederlaffungsgebiete hat sich mit der grimmigen Kälte des jetzigen Winters vereint um die trostlose Lage der russischen Juden im Niederlaffungsgebiete noch trostloser zu gestalten. Das halbamtliche Blatt „Sjewero Sapadnoje Slowno" meldet aus Kowno, daß dort dieser Tage eine alte Jüdin und ihre Tochter in ihrer Wohnung erfroren ausgefunden wurden.... Und derselbe ruffische satirische Publicist hat vollkommen Recht, wenn er erklärt: „Im Niederlaffungsgebiete sind keine „Lebensbedingungen", sondern „Aussterbebedingungen" vorhanden. Innerhalb der städtischen Mauern hermetisch eingeschlosien, find die Juden von dem riesigen Gebiete der Landwirthschast völlig abgeschnitten, während im Niederlaffungsgebiete selbst ihnen der Zutritt zu irgend welchen staatlichen, städtischen und ständischen Erwerbsquellen völlig unterbunden ist." Unter solchen Umständen ist es begreiflich, warum die Kräfte der Juden im Niederlaffungsgebiete zu erlabmen beginnen. Das Uebel ist zu groß, als daß man es im Niederlaffungsgebiete selbst mit einigem Erfolge bekämpfen könnte. . . . Die große Armuth, welche im jüdischen Niederlaffungsgebiete herrscht, hat das Bedürfniß nach Errichtung von Vorschuß- und Darlehenscaffen mächtig geweckt. Das Ministerium des Innern wurde von Gesuchen um Erlaubniß zur Gründung solcher Hilfscaffen förmlich überschwemmt. Nunmehr hat das Ministerium eine Verordnung über die Modalitäten erlaffen, unter denen die Erlaubniß zur Eröffnung von Hilfscaffen im jüdischen Niederlaffungsgebiete überhaupt ertheilt werden könnte. Darnach muffen folgende Forderungen des Ministeriums erfüllt werden: 1. Zwei Drittel der Mitglieder der Verwaltung und des Rathes der Hilfscaffen müffen aus Christen bestehen. 2. Vorsitzende der Verwaltungen und Curatoren der Borschußcaffen dürfen nur Christen sein. 3. Die Vorschußcaffe darf nur Immobilien belehnen, welche sich in den Mauern der Stadt befinden. . . . Aber alle drei Forderungen des Ministeriums find sehr schwer, in vielen Fällen sogar ganz unmöglich zu erfüllen. Im jüdischen Niederlaffungsgebiete find viele Gemeinden vorhanden, welche fast ausschließlich aus Juden bestehen, zwei Drittel von Christen in der Verwaltung einer Hilfscaffe sind nicht immer möglich zu beschaffen. . . . Auch die Forderung, nur Immobilien städtischer Einwohner zu belehnen, ist eine Schmälerung der Intentionen der Begründer der Hilfscaffen, welche dahin gehen, allen Nothleidenden unter gewiffen Modalitäten Darlehen zu gewähren. Der Streit um Sidet und Kabel. Unmittelbar nachdem Delitzsch in Anwesenheit des Kaisers in seinem bekannten Bortrag seine kühnen Behauptungen über die Bibel vorgetragen, hat ein zweiter Forscher Profeffor Hilp r e ch t. welcher jahrelang an den babylonischen Ausgrabungen und an der Entzifferung der gefundenen Thontafeln thätig war. in öffentlichen Borträgen Delitzsch' Hypothesen auf das Entschiedenste bekämpft. „In den Vieltausenden von Thontafeln, die ich aus dem Boden Babyloniens im Laufe von nunmehr 14 Jahren geholt habe," so etwa sprach er sich aus, „habe ich nichts gefunden, was auf einen babylonischen Monotheismus hindeuten könnte." Profeffor Hilprecht hat 21 Culturschichten übereinander gefunden, darin ganze Bibliotheken und 53.000 Thontafeln u. s. w. Profeffor Delitzsch hat die Ruinen und Ausgrabungsfelder Babyloniens vor einem Jahre zum erstenmale gesehen. Profeffor Hilprecht kennt sie seit 14 Jahren und steht im Begriff, seine fünfte Expedition im größten Stile dorthin zu unternehmen. Darum muß das Urtheil Hilprecht's doch wohl schwerer wiegen, als das Delitzsch'. Profeffor Hilprecht schloß mit den Worten: „Diese ganze babylonische Nation ist schlafen gegangen mit dem Bekenntniß auf den sterbenden Lippen: Unsere Götter find todt! Und aus diesem Leichenfeld voll Modergeruch und Ruinentrümmern sollte Israel sich seine reine monotheistische Gottesanschauung geholt, auf diesen Bankerott einer Götter- und Culturwelt gewissermaßen einen faulen Wechsel gezogen haben?! „Höre Israel, der Ewige, Dein Gott, ist ein einziger Gott!" Und es heißt auch: „Es schläft und schlummert nimmer der Hüter Israels." Auf Grund meiner vierzehnjährigen Arbeit auf den Ruinenfeldern Babylons gestehe ich es hier an öffentlicher Stelle, daß ich mich zu einer radical anderen Auffaffung bekenne, wie die vor einigen Tagen zum Ausdruck gebrachte." Herr Profeffor Friedrich Delitzsch sandte darauf der „Täglichen Rundschau" folgende Erklärung: „In den Berichten über meinen Vortrag „Babel und Bibel, Fortsetzung" findet sich mehrfach ein doppeltes Mißverständniß, welches richtig zu stellen meine Pflicht ist. 1. „Die Hand aufs Herz! Wir haben außer der Gottesoffenbarung, die wir ein jeder in uns, in unserem Gewissen tragen, eine persönliche, unmittelbare Gottesoffenbarung von Sinai, bis auf diesen Tag behandelt." So lauteten meine