Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 7 (13.2.1903)
- Date
- 1903-02-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 7 Dr. Bloch's Wochenfthrist' Seite 101 muß zum Export erzogen, angeleitet, fest geführt werden. Daist eben die Aufgabe des Exporteurs allüberall, gewiß aber dort, wo der Industrielle selbst wie bei uns zu fett und darum zu faul dazu ist. Können nun jene unsere Wiener Exporteure — denen ich damit gar nicht nahetreten will — dieser educatorischen Aufgabe entsprechen? Kaum! Sie verfahren alle in der Weise, die ich Ihnen vorher als jene des Exportvereines geschildert. Sie packen einem jungen Manne eine Waggonladung Koffer, von denen jeder einer anderen Branche entstammt, mit einer Unmaffe von Artikeln, von denen allen zusammen er nichts versteht. Der englische Exporteur, der »Commiffionär", ist ein kaufmännisches Wesen, das von der Art unserer Wiener Exporteure ganz verschieden ist. In Manchester oder Leeds macht der eine Commiffionär ganz allein in Wollwaaren, nicht auch in Glas und Eisen, in Belfast der andere nur in Jute oder Leinen und in Birmingham nur in Metall. Eine Olla Potrida wie bei unseren Wiener Exporteuren kennt er durchaus nicht, er ist auch als Commiffionär Specialist und ist hierdurch auch im Stande, Vieles von dem zu leisten, was ich oben in dem Gebühren eines expvrtirenden deutschen Fabrikanten geschildert. Auch er kennt den Artikel fast genau so, wie der Erzeuger, er lernt selbst fortwährend auf dem fremden Gebiete und lehrt seinerseits dem Fabrikanten Vieles, er erzieht ihn thatsächlich und wirklich. Das find alles Dinge, die Exporteure nach österreichischem System nicht thun können, und darum muß eben das System geändert werden. Wir müssen Exporteure erziehen, welche das Ausfuhrgeschäft individualisiren, specialisiren. Wenn ich nicht irre, hat bisher einzig die Gablonzer Industrie solche echte Exporteure. Dieses System müßte aber ein allgemeines werden. Jeder einzelne unter den Exporteuren muß durch Intensität innerhalb seines einzelnen Zweiges diesen heben, in Summe wird dann der ganze Export in Jndustrialien zu einer ganz anderen Höhe anwachsen. Allerdings kommen wir etwas spät auf den Plan. In England hat sich durch die Nothwendigkeit, die neu erworbenen nordamerikanischen Colonien mit den unentbehrlichen gewerblichen Erzeugnissen der Heimat zu versehen,'außerordentlich frühzeitig der Exporteur als specieller Beruf innerhalb des Kaufmannsstandes herausbilden müssen. Der englische. Tuchmacher, Strumpfwirker und Messerschmied des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts war dieser doppelten Thätigkeit und Anstrengung noch viel weniger gewachsen, als heute der österreichische Erzeuger. Es bestand die Lücke dieses Vermittlers, sie füllte sich aus, und je mehr diese Institution wuchs, desto mehr wuchs auch ihre Specialisirung bis zu dem heute erreichten Grade. Wir Oesterreicher können dasselbe — aber ich arrogire innerhalb Oesterreichs diese Miffion für uns Jude», weil, meine ich, innerhalb dieses Reiches der Unterschied in kaufmännischer Potenz zwischen Juden und Nichtjuden heute nicht kleiner ist als im 18. Jahrhundert, der Zeit, in welcher, wie ich in meinem ersten Bortrage dargelegt, kleine Provinzjuden den En gros-Handel in Wien schaffen mußten. In den letzten Decennien haben sich aus unseren Kreisen in Wien viele und nicht gerade schlechte Elemente, abgeschreckt von der maßlosen Concurrenz und den hierdurch bedingten geringen finanziellen Resultaten im Engros-Gesckäfte, dem Detail-Geschäfte zugewendet. Ich will hier nur beiläufig miterwähnen, daß vielleicht nichts so sehr beigetragen hat, den Antisemitismus in Wien zu wecken, ihn so compact, so undurchdringlich zu machen, als dieses Auftauchen der Juden in einem Geschäftskreise, innerhalb dessen der jüdische Geschäftsmann der Gesammtbevölkerung bis dahin ganz unbekannt und ungewohnt gewesen war. Aber hiervon — als auch thatsächlich für uns schließlich nicht maßgebend — ganz abgesehen, frage ich: wären diese Kräfte auf jener Linie des auswärtigen Handels nicht besser, nicht gesünder und erfolgreicher zu verwerthen gewesen? Ich stelle daher als zweite Conclusion den Satz auf. daß wir versuchen, unsere für den Handel bestimmten jungen Leute in diese Richtung des Exporthandels zu bringen. Und zwar beginnen wir damit, daß wir unsere Jungens exportiren — wie selten geschieht das jetzt! Fragen Sie doch am Quai von Thüre zu Thüre, welche Chefs ihre Söhne hinausschicken, und Sie werden eine beschämende Antwort erhalten. Aendern wir das, laffen wir von nun an unsere Söhne draußen ihre Schule machen und das Gelernte dann hier in lebendiges Geschäft umsetzen. Ob der Junge draußen bleibt oder zurückkommt, wirer ein Pionnier österreichischer Waare werden. Erzeugnisse, Artikel, die wir Oesterreicher exportiren können, haben wir genug. Wie groß ist der Export Deutschlands! Nun, meine Herren, in einer ganzen Reihe von Jndustrieen stehen wir hinter Deutschland nicht zurück — worin wir zurückstehen, außerordentlich zurück sind, das ist der kaufmännische rege Geist, die Fähigkeit des rastlosen Vertriebes. Die elastischesten Beispiele hierfür kann ich wieder aus der Confection bringen. Die deutsche in Herrenkleidern — von der an erster Stelle stehenden Berliner Damenkleider-Confection sehe ich hier ganz ab — ist qualitativ gegen die unsere, um mich trivial auszudrücken, ein Schund. Im Oriente, auf den wir österreichische Confectionäre uns, leider, ausschließlich beschränken, nach unseren Verhältnissen beschränken müssen, wagen die Deutschen auch nicht einmal den Versuch einer Concurrenz. Aber dorthin, wo wir nicht sind, das heißt fast in die ganze Welt, verkaufen sie vielemal so viel als die Türkei, der Balkan und Egypten, d. h. unsere nahezu alleinigen Abnehmer aufnebmen können. Noch bezeichnender ist folgende ganz merkwürdige Thatsache. Unser ganzer Export in Herrenkleidern geschieht fast ausnahmslos durch Confectionäre, welche ihre Waare nicht nur erzeugen, sondern um dieselbe abzusetzen, in eigenen kostspieligen Detail-Magazinen dort an die letzte Hand verkaufen müssen. Das ist eine Anomalie, die sonst in keinem Lande der Welt zu finden, aber bei uns durch den Mangel an Exporteuren unerläßlich geworden! Was uns Juden der Gegenwart noththut, ist nicht, daß wir »interessant" bleiben — die Interessanten, das find die Unglücklichen, die Schwächlichen — sondern daß wir über das österreichische Normalmaß hinaus uns »tüchtig" zeigen und bewähren. Ohne Noth. gegen unseren Willen hat man uns Juden als eine singuläre specielle Schichte innerhalb der Bevölkerung hingestellt! Sei es! Acceptiren wir diese Specialstellung! Aber nur in einem einzigen Sinne! Bilden wir eine Aristokratie des Könnens, die einzig berechtigte auf wirthschaftlichem Gebiete. Drängen wir uns mit an die Spitze der industriellen Bewegung — werden wir Juden die österreichischen Exporteure Kat exochen! Große Vermögen können nur in der Industrie, nur im auswärtigen Handel geschaffen werden. Aber wir sorgen, wenn wir diese Richtung einschlagen, Vermögen von Bedeutung erwerben wollen, nicht nur für uns, den Tbeil — wir sorgen hierdurch nicht weniger für die Gesammtheit. Wir kölitten unseren Gegnern nicht besser begegnen, als wenn wir durch solche Leistungen unsere Nothwendigkeit, unsere Unentbehrlichkeit für das Ganze documentiren. Und das rechte Heil liegt schließlich und letztlich immer in dem Streben für die wirthschaftliche Gesammtheit, nach dem Worte des Dichters: „Immer strebe zum Ganzen, und kannst Du selber ein Ganzes nicht Werden — als dienendes Glied schließ' an ein Ganzes Dich an!" Die Droreß-Sache der jüdische« Colonialbank gegen Dr. Äloch's „Oesterr. Wochenschrift". Diese Proceß-Sache hat ihren Abschluß inhaltlich der nachstehenden Protokoll-Erklärung gefunden: Pr. V. Protokoll vom '10. Februar 1903, ausgenommen beiu/k. k. Landesgerichte in Strafsachen/Wien, Abth. V. Gegenwärtige: Beginn 10 Uhr. K. k. O.-L.-G.-R. Schwab Rpt. Dr. Lechner. Es erscheinen Herr Dr. Gustav Harpner als Vertreter der Privatankläger, weiters Herr Dr. Josef Bloch in Begleitung seines Bertheidigers Herrn Dr. Hermann Fialla. Der Vorsitzende der für den 21. Februar 1903 anberaumten Schwurgerichtsverhandlung in der Ehrenbeleidigungs-Sache der Jüdischen Colonialbank gegen Dr. Josef Bloch, O.-L.-G.-R. Schwab, richtet an den Letzteren die Frage, ob er bereit sei, die vorliegende Strafsache außergerichtlich auszutragen. ^Herr Dr. Bloch erklärt hierauf, daß er bei der Reproduction der in der Nummer 23 des Mainzer »Israelit" vom 20. März 1902 erschienenen Kritik der Bilanz der zionistischen Colonialbank in der Nummer 14 seines Blattes vom 4. April 1902 in keiner Weise beabsichtigte, die persönliche Ehre der an der Verwaltung und Leitung dieser Bank betheiligten Persönlichkeiten antasten oder der Gebahrung dieser Bank nahetreten zu wollen. Er verweist darauf, daß die »Oesterreichische Wochenschrift" spontan sowohl die von der Jüdischen Colonialbank an die Redaction des Mainzer »Israelit" gerichtete Berichtigung, und