Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 7 (13.2.1903)
- Date
- 1903-02-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Veite 100 Dr. Blmh"s WochsnfthrM. nehmen Habitus, und sie thun auch offenbar ihr Möglichstes. Aber, meine Herren, nicht nur bedeutet alles, was diese Handvoll Exporteure hinausschicken, kaum einen Tropfen in dem fluchenden Meere des Welthandels — beträgt doch der ganze Antheil Oesterreichs am Welthandel: Ein- und Ausfuhr nur vier Percent, wie wenig entfällt dann auf die Jndustrialien — sondern ich muß es auch sehr bezweifeln, daß diese Art Export je zu entscheidender Bedeutung für unsere Industrie gelangen kann. Der von mir gethane Ausspruch hat so sehr den Schein der Anmaßung, daß ich suchen muß, ihn zu begründen. Ich möchte das kurz mit Folgendem : Was Exportiren ist, weiß natürlich — dem Wortsinne nach — jeder. Aber auch dem Wesen nach? Da kann man eben in verschiedenen Ländern sehr verschiedener Meinung sein, und ist es auch thatsächlich. Bei uns, das heißt in Oesterreich, verstand man unter .Export" in der Regel nichts anderes, als daß man — wie es heute nur noch die Franzosen thun, bei ihren Luxus- und Modeartikeln auch noch thun können — pure et simple die Muster der in unseren Ländern gangbaren Waaren wahllos zusammeurafft und diese an die Commiffionäre auf den fremden Plätzen oder durch einen eigenen Reisenden hinausschickte. Die Engländer sagten sich im Gegentheile, und zwar besonders in früherer Zeit: Es muß doch viel leichter sein, die in dem fremden Lande gebrauchten Artikel in unsere Erzeugung einzusühren, als umgekehrt die dortigen Consumenten an unser Erzeugniß erst zu gewöhnen. Lrgc>, sie studirten vor Allem genau den dortigen Verbrauch, und für diesen suchten sie dann die Artikel herzustellen. Hierfür wüßte ich Belege auf jeder Seite der Handelsgeschichte. Einer der ersten Artikel, den die frommen presbyterianischen Fabrikanten für China massenhaft fabricirten, waren die kleinen, dort gebrauchten metallenen Götzenbilder. Oder, um ein Beispiel aus dem österreichischen Außenhandel zu bringen: die englischen Wollwaaren - Fabrikanten fanden, als in den Sechziger - Jahren durch einen neuen Handelsvertrag der englischen Industrie für ihre Wollwaaren unsere Thore geöffnet wurden, bei uns als Haupt- Consumartikel Winterrockstoff?, glatt gestrichen oder in vliesartiger Imitation, von einer Dicke und Schwere, wie sie in England selbst, bei dem dortigen milderen Klima, gar nicht gebräuchlich waren. Flugs brachten sie aber diese unsere Stoffe in billiger Herstellung und täuschendem Aussehen als .Praesidents". Boys, Shipskings u. s. w. und schlugen unsere theuren besseren Artikel. Auf dieselbe Weise ging und geht im Ganzen und Großen auch der deutsche Fabrikant vor. Die erste — hauptsächlich eine Studienreise — macht nach meiner Beobachtung zumeist ein junger Ches oder zumindest ein solcher Angehöriger des Fabrikshauses, welcher die Erzeugung und Leistungsfähigkeit desselben genau kennt und im Stande ist, aus den auf dem fraglichen Platze schon gangbaren Artikeln sofort diejenigen herauszufinden, die sich für seine Fabrik eignen und mit denen er dann ein zweitesmal die dortige einheimische oder concurrirende fremde — wie oft die österreichische im Orient! — aus dem Felde schlägt. Dieser traditionell englischen, heute auch deutschen Methode gegenüber — wie haben nun in praxi wir Oesterreicher zu exportiren versucht? Ich möchte da meine lebendige Erfahrung sprechen laffen. Eines Hauses Schicksal, aus nächster Nähe beobachtet, hat mir sie gegeben. Bor nun nahezu 40 Jahren hatte sich ein gutes Haus des inländischen Ln xros-Zwischenhandels in der Textilbranche, veranlaßt durch die in diesem inländischen Textilhandel eigentlich nie günstig gewesenen Verhältniffe, entschlossen, seinen Provinzmit dem Exporthandel zu wechseln — Exporthaus zu werden. Der Suez-Canal war begonnen worden, man erwartete allgemein dort schon von dem Bau einen Aufschwung des Geschäftes — also auf nach Egypten! Was thaien nun die Herren? Sie kauften Alles, was sie, natürlich nach Wiener Geschäftsmilieu, für gut und preiswürdig hielten, alle möglichen Textilartikel, dann Wiener Leder-, Holz- und Broncewaaren, Möbel, Wäsche, Uhren, und schickten diesen ganzen Mischmasch nach dort. Auf diesem Platze war nun ein Theil der Artikel gar nicht, ein anderer Th eil nur in anderer Art hergestellt verkäuflich. Die hierdurch entstandenen Verluste zwangen das Haus, zu liquidiren. Ist nun diese Art, zu exportiren, oder die andere oben explicirte englisch-deutsche die richtige? Für die Beantwortung dieser Frage bietet intereffanterweise gerade die weitere Geschichte dieses selben österreichischen Versuches wieder ein ganz merkwürdiges Beispiel. Jener Angehörige des Hauses, dem die Aufgabe ward, die Liquidation in Egypten durchzuführen, fand in der bunten Masse von Waaren auch ein kleines Lager Herrenkleider. Er hatte von der Consection Nr. 7 und von Kleidern genug Begriff und Verständniß, um zu erkennen daß spcciell mit diesem Artikel auf dem dortigen Platze ein Geschäft zu machen wäre. Ohne viel Besinnen eröffnete er mit diesem Kleiderlager, anstatt dasselbe wie die andern Waaren mit Ach und Krach loszuschlagen, direct ein vorerst kleines, offenes Kleidermagazin. Aus diesem kleinen Laden ist ein Etablissement geworden, welches, ich will gerade nicht die Ziffer nennen, aber um eine sehr große Summe österreichische Kleider nach den verschiedenen Plätzen des Orients verschickt. Natürlich ist dieser von Oesterreich aus erste Unternehmer nicht allein geblieben. Bald sind von hier andere nicht weniger geschickte Concurrenten nachgekommen, die alle zu Häusern mit dem gleichen Absätze nach den gleichen Plätzen erwachsen sind. Der Wiener Export an Herrenkleidern — leider nur — nach diesem Orient beläuft sich heute auf eine Summe, die bei unserem geringen Exporte in Jndustrialien schwer ins Gewicht fällt. Wie war nun in verhältnißmäßig wenig Jahren dieses Anwachsen des Absatzes möglich geworden? Hatten die österreichischen Confectionäre zu Beginn doch für diesen ganzen Absatz blos die kleine Clientel ver dortigen europäischen Colonieen und mußte doch auch diese erst den bis dahin dort allein bestandenen französischen Magazinen weggenommen werden. Letzteres war weniger schwer und auch nicht die Hauptaufgabe. Diese bestand vielmehr darin, dem ungleich größeren Bedarfe der einheimischen Bevölkerung, innerhalb welcher damals die europäische Mode allgemach platzgriff, entgegenzukommen und diese Richtung durch das, was man brachte, zu unterstützen. Dieser Aufgabe hatten die französischen Magazine nicht Nachkommen können. Und warum nicht? Ganz einfach, weil sie eben nach der Tendenz des ganzen französischen Exportes nach Alexandrien und Cairo nichts anderes brachten und bringen wollten, als gerade und genau eben nur das, was und wie es in Paris getragen und erzeugt wurde. Die Egypter wollten aber damals diese europäischen Kleider in den Farben, an welche sie in der bisherigen orientalischen Tracht gewohnt waren: lay- und Himmelfarben, rosa und apfelgrün, blau und. gelb. Weiters wollten sie die Kleider auch im Schnitt durchaus ihren bisherigen Säcken und breiten faltigen Beinkleidern accommodirt wissen. Wir Oesterreicher hatten das sofort begriffen, ausgeführt und auf diese Weise nicht mit Flinten und"Kanonen, sondern mit Nadel und Bügeleisen Egypten und die Türkei erobert. Das ist wirklich .exportiren". Ich habe Ihnen hier ein Stück Geschichte unseres Exportes aus der Vergangenheit wiedergegeben. Wie geht man aber noch immer heute bei uns zu Werke? Da hat sich vor einigen Jahren in einem Geschäfte dieser Kleider-Export-Branche folgende Episode abgespielt: Der Exportverein schickt einen jungen Mann nach dem Cap. Derselbe kommt zu dem Chef dieses Hauses und verlangt eine Muster- Collection. Dieser erwidert ihm: .Sehen Sie, diese Versuche sind mir nicht neu; ich habe schon einmal gerade einem solchen Ausgesandten des Exportvereines eine solche große Collection nach Japan mitgegeben. Roß und Reiter sah ich niemals wieder. Keine Aufträge, keine Waare, kein Geld! Ein zweitesmal gab ich selbst einem jungen Manne, der nach Holländisch-Jndien ging, mit der gleichen Erfolglosigkeit eine solche Bemusterung mit. Jeder dieser Versuche kostete mich eine immerhin schon anständige Summe. Eine Collection Kleider ist keine Musterkarte, sondern eine Kiste Waare. Ein drittesmal möchte ich gescheidter sein. Haben Sie eine Idee von diesem Artikel?" — .Nicht die geringste!" — .Kennen Sie zumindestens die Stoffe!" — .Auch nicht!" — .Nun, ich will mir die Mühe geben, Sie soweit zu unterrichten, daß Sie im Stande sein werden, mir von dort aus genau zu relationiren, wann dort der Herbst, wann das Frühjahr geschäftlich beginnt, welche Stoffe dort im Winter, welche im Sommer getragen, wie, in welcher Fa^on die Kleider und zu welchen Preisen sie verlangt werden. Kommen Sie durch vier Wochen je einige Stunden in mein Magazin, ich werde mit Ihnen sämmtliche Stoffbücher der letzten Jahre durchgehen, Ihnen dann eine Stoff-Collection mitgeben, die Sie mit den dort gangbaren Stoffen vergleichen werden. Erst dann sind Sie im Stande, mir jene Angaben und Beschreibungen zu machen, nach denen ich eine Kleider-Collection zusammenstellen kann, die Ihnen für den dortigen Bedarf von Werth sein wird." Natürlich und sehr begreiflich ist der junge Herr gar nicht mehr gekommen. Wenn er jeden einzelnen der Hunderte von Artikeln, die er mitführt, erst studieren sollte, würde er wohl heute noch in Wien sitzen. Aus dem Bisherigen geht hervor, auf was es nach meiner Ansicht — natürlich kann ich mich ja irren — bei der Exportbestrebung hauptsächlich ankommt: Die Industrie jedes Landes