Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 7 (13.2.1903)
- Date
- 1903-02-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 7 Di. Vloch's Wochenschrift. Seite SS hat sich uns eine wesentlich andere, bessere Perspective eröffnet. Der Handel selbst ist allerdings nicht beffer geworden, aber ein Theil der jüdischen Händler wurde vernünftig, schlug eine andere Richtung ein. Zuerst .begannen Viele von diesen Letzteren auf den verschiedensten Gebieten, statt einzig fertiges Ganzfabrikat zu kaufen, selbstzu„manipuliren". — Sie wiffen Alle, meine Herren, was darunter zu verstehen: Fabriciren in fremden Etablissements, in Färbereien, Druckereien, Appreturen Anderer. Schon auf diese Weise hatte die eigene Idee und die selbstständige Erfindung einen ungleich größeren Wirkungskreis, war die Waare nicht mehr eine so durchaus declarirte, die Möglichkeit eines besseren reellen Profites größer. Ein Theil dieses Gebietes ist die „Confection" in allen ihren mannigfachen Abstufungen und Verzweigungen durchaus eine Schöpfung jüdischer Händler. Ich war beispielsweise Tuchhändler, die Wäsche-, Schirm- und Cravattenerzeuger, die Pelzconfectionisten waren bei Beginn dieser Wandlung alle vormals Händler mit den verschiedenen Rohstoffen gewesen, die sie heute verarbeiten. Doch waren Manipulation und Confection nur Uebergangsstadien. Aus den „Manipulanten" sind große Weber und Drucker geworden, allüberall hat sich unter den Juden die Lust geregt, unter die „Fabrikanten" zu gehen. Da wird aus einem Hasenhaarhändler einer der größten Hutfabrikanten des Continents, aus einem Holzhändler ein Fabrikant von gebogenen — aus einem Eisenhändler ein solcher von eisernen Möbeln, dort wieder aus einem Sackverleiher ein Juteweber und -Spinner und so fort und fort. Man kann ruhig sagen, eine Aera jüdischer Industrie, eine Zeit jüdischer Fabrikanten tritt mehr und mehr in die Erscheinung, bestimmt, eine neue Epoche in der ökonomischen Geschichte der österreichischen Juden zu statuiren. Diese Entwicklung sieht sich förmlich wie eine Flucht der besseren Elemente aus dem Handel an. Allerdings ganz fremd war ja auch früher die Industrie den Juden nicht gewesen. Einer der größten Monturtuch-Fabrikanten während der Franzosenkriege war Beit Ehrenstam aus Proßnitz. Schon im ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts fangen gleichfalls in Proßnitz die jüdischen Krämer und Marktfieranten, die Väter der Bak, Singer, Zweig u. s. w., an, in Wien neben ihrem Textilkram Garn zu kaufen, theilen dasselbe zu Hause aus, um die theueren Wiener Barchent, die melirten, die Pique, die Mode, in billiger Waare dem Massenconsum zugänglich zu machen, legen auf diese Weise den Grund zu der später so groß gewordenen, heute allerdings durch die beffer zahlende „Schneiderei" verdrängten Proßnitzer Barchentweberei; wandeln kleine Boskowitzer Juden, welche durch den Handel in Wolle und Handgespinnst zu einigem Vermögen gekommen waren, die ganze Handspinnerei in eine mechanische um, errichten moderne „Spinnereien"; beginnen hart vor den Thoren des den Juden damals noch verpönten Brünn die Butschowitzer jüdischen Kleinhändler Wollwaare zu weben und machen später Brünn selbst zu dem, was es geworden ist. Und so zählte man auch an manchen sonstigen Orten Böhmens und Mährens, auch in Wien einzelne Grupven jüdischer Fabrikanten. Immer waren es aber damals nur Einzelbestrebungen ohne allgemeine Tendenz. Sehen wir aber heute, welch ganz anderer großer Theil von dem reichen industriellen Leben unseres Oesterreich überhaupt auf uns Juden entfällt. Und constatiren wir nur ungescheut, daß die Juden auf diesem neuen Gebiete, und zwar in allen Zweigen in ganz Oesterreich Erfolge erzielt haben, die bei dem bloßen Händlerthum nicht gut denkbar gewesen wären. Uns hier aber interesfirt speciell die große Veränderung, welche sich nach dieser Richtung in Wien selbst, in den Vorstädten und Vororten vollzogen hat. Da draußen ist gleichsam eine neue Wiener Judenschaft entstanden, welche in noch mancher anderer Richtung nicht unwesentlich von dem jüdischen reinen Händlerthum verschieden ist und auch in politischer Hinsicht für die Zukunft des Wiener Judenthums von günstig entscheidendem Einflüsse sein wird. Welche sind nun die Lehren, die wir aus dieser gewiß nur skizzenhaften Zeichnung unserer commerciellen Vergangenheit ziehen können? Pro primo ergibt sich, daß. wenn wir Juden eine unserer Energie, unserer Befähigung entsprechende Rolle einnehmen wollen, wir uns durchaus mehr dieser industriellen Richtung widmen müssen. Machen wir uns von der bisherigen Tradition, fast ausschließlich Händler zu sein, mehr und mehr los. In der heutigen Wirthschaft, bei dem fortwährenden Näherrücken des Fabrikanten an den Consumenten, convenirt es schon vom ganz allgemeinen, um wie viel mehr speciell uns, von dem Standpunkte jüdischen Wohlstandes aus, daß sich ein immer größerer und größerer Theil unserer besseren intelligenteren Geschäftskreise der Industrie zuwendet. Natürlich — nicht alle unsere jüdischen Väter haben die Gelegenheit, ihre Jungens in der eigentlichen Industrie unterzubringen, und ebensowenig haben alle jungen Leute die Eignung für dieselbe. Aber es steht heute dem Fabriksgeschäfte gleichsam vorgelagert noch ein anderes großes Gebiet zur Verfügung. Ich habe es immer ganz gut begriffen, daß unsere Juden eine Scheu gehabt, ihre Söhne in die zünftige Lehre des vormaligen Handwerkes zu geben. Aber unser Kleingewerbe ist heute zu einem großen Theile in einer ganz modernen Entwicklung, die für uns Juden sehr gut paßt; und ganz vorzügliche, gut gepflasterte Wege führen in dieses „moderne Handwerk". Geben wir unsere Söhne, die sich zum Studiren nicht qualificiren — woraus keinem Kinde ein Vorwurf zu machen ist — statt als Lehrlinge in einen größeren oder kleineren Kramladen, in eine der vielen niederen wie höheren Gewerbeschulen, und wenn er taugt, ist seine Laufbahn gemacht. Aus allen diesen Instituten sind zahlreiche prächtige Existenzen hervorgegangen. Der Junge wird, wenn er gewöhnlicher Factur ist, ein geschickter moderner Handwerker, d. h. nichtblos mit zünftig technischer Routine, sondern mit Geschmack und geschäftlichem Blick; wenn er Talent hat, wird aus ihm auf praktischem Wege ein Techniker, ein Elektriker, ein Chemiker u. s. w. Ist dieser Weg nicht sehr jenem vorzuziehen, den die Söhne unserer Mittelclaffen heute meist gehen: drei Jahre Handeslehrling, sieben bis acht Jahre Commis, dann eine unberechtigte Etablirung in irgend einem Artikel als Detaillist oder als kleiner Engroffrst mit Hilfe oder in Anwartschaft einer Mitgift — eine Anwartschaft früher oder später auf die Verbindung mit dcm „Creditoren-Verein". Aber selbst innerhalb jenes, selbstverständlich immer größeren Kreises, welcher beim Handel verbleiben wird, empfiehlt sich eine große Diversion. Ich muß mir hier gestatten, über daS Gebiet des fpecielljüdischen Geschäftes hinauszugreifen! Und zwar denke ich, mit ihrer Zustimmung. Besitzt doch jeder von uns die wirthschaftliche Einsicht, daß unsere, der Juden Wohlfahrt durchaus und ganz verknüpft ist mit der steigenden Kaufkraft der Gesammtheit, daS heißt mit der steigenden Prosperität der gesummten Bevölkerung. Und wenn ich nun von diesem Standpunkte aus frage: was fehlt uns ökonomisch in Oesterreich, so kann über die Antwort kein Zweifel sein. Heute ist unsere Handelsbilanz nur in den Jahren activ, in denen wir einen Export in Cerealien haben. Und hierdurch sind wir in doppelt schlechter Lage. Erstens kann ein Land, welches nicht von seinem Fleiße, sondern von Sonne und Regen abhängt, sich nie dauernd Wohlbefinden, ist immer Krisen unterworfen; und zweitens muß ein solches Land im Wettbewerb immer gegen die anderen Länder Zurückbleiben, weil wohl die Bodenproduction eine Grenze, nämlich am Boden, hat,nicht aber die Industrie. Welche wirthschaftliche Nothwendigkeit drängt sich uns hier gebieterisch auf? Wir müssen, und zwar normal, beständig zu einem reicheren Export in Jndustrialien gelangen. Diesem Bestreben stehen bei uns außerordentliche Schwierigkeiten entgegen. Unseren Kleinen fehlen zu dieser Anstrengung Begabung und Mittel, unseren Großen vollständig die Lust. Dazu geht es Letzteren unter dem hohen Schutzzölle viel zu gut, sie fi ld zu sehr saturirt. Ist es ihnen doch um so viel bequemer, leichter, durch Cartelle den einheimischen Consumenten und Producenten der Halbfabrikate schonungslos auszubeuten! Das jämmerliche Verhalten unserer Großen gegenüber den vielfachen Anregungen zum Exporte welche vor einigen Jqhren geschehen, hat ja diese ihre Stimmung gezeigt. Hier wäre nun für das Talent die Energie, die Zähigkeit unserer jüdischen Kaufleute ein großes, schwach bebautes, fast offenes Gebiet! Wir Wiener Juden stehen nämlich hier von einer — ich bitte Sie, meine Herren, um Entschuldigung — höheren Warte aus betrachtet, heute in ganz merkwürdiger Weise einer analogen Situation gegenüber, wie jene jüdischen Provinzkaufleute, die nach der von mir in meinem ersten Artikel gegebenen Schilderung um die Mitte des 18. bis Anfang des 19. Jahrhunderts die Schöpfer des Ln gros- Zwifchenhandels in Wien gewesen find. Der letztere war ein nothwendiges Bedürfniß geworden, diese kleinen Juden haben die Lücke gesehen, begriffen, ausgefüllt. Genau so erblicken wir jetzt vor uns eine andere Lücke, sozusagen ein deutliches Loch: den fehlenden großen Exporthandel in Jndustrieerzeugniffen. Ich Will sofort selbst den Einwand anführen, der zur Hand liegt: „Wir haben ja „Exporteure", und diese find Juden". Gewiß, und diese Herren find durchaus Kaufleute von intelligentem kaufmännisch vor-