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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-02-13 · 7 (13.2.1903) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
7 (13.2.1903)
Date
1903-02-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 96 Dr. Bloch's WochVNlÄrrift. Nr. 7 imter den Juden ei» verhältnißmäßig nur schwacher ist. Wer besitzt die Renten, die Prioritäten, die Acrien derOesterreichisch-ungarischen Bank, die Nordbahn-Actien u. s. w.? Vielleicht die Börseaner, von denen die meisten das Papier, mit dem sie handeln, noch nie in ihrem Leben gesehen haben? Man darf sich hier von einzelnen großen Namen, die für das große Ganze nicht entscheidend sind, nicht täuschen lassen. Abgesehen davon, daß zu einem großen Theile für alle diese Effecten das Ausland unser, d. h. Gesammt-Oesterreichs, Gläubiger ist — selbst von dem am stärksten im Jnlande claffirten Papier, der Papier-Rente, find nahezu 25, von den Goldwerthen ein ganz anderer Percentsatz im Ausanve — und gerade dort in England, Frankreich die Juden keine Rolle weder numerisch noch ökonomisch spielen, sind auch in Wien die wirklichen Besitzer aller dieser schönen Dinge selbst relativ viel weniger die Juden als die Massen der christlichen Wohlhabenden. Sehen wir doch die Reihen derer an, welche in der Oesterreichisch - ungarischen Bank ihre Depots haben, diese Schaar der eigentlichen rechten und echten Besitzer! Fragen wir doch die Notare, ob sie bei den Berlassenschaftsaufnahmen unter den jüdischen Erblassern viele Effecten finden? Bleibt das Gebiet des .Geschäftes". Nun, ich trete uns gewiß nicht nahe, wenn ich meine, daß gegenüber der allgemein bekannten Thatsache, daß bei dem Gros der Einkauf acceptirt, das Portefeuille und seit einigen Jahren selbst der Buchausstand belehnt wird, im Allgemeinen der jüdische Handelsstand nicht .reich" genannt werden kann. Und diesem theoretischen Calcul entspricht die Wirklichkeit. Der Jude in Wien ist nicht reich geworden, trotz der mühe- und sorgenvollen Arbeit von fünf Menschenaltern. Warum aber ist er's nicht geworden? Ganz einfach, weil er fast ausschließlich Händler war. Denn ich muß von vorneweg gleich behaupten, daß in gar keinem Wirthschaftsgebiete, das durch Prohibitivzölle gegen die übrige Welt so abgeschlossen wird, wie es Oesterreich seit Karl dem Sechsten und Maria Theresia bis nahezu auf unsere Tage geblieben ist, der Handel groß, bedeutend, der Handelsstand selbst reich werden kann. Das Prohibitivsystem schafft eine Industrie, das ist ja unstreitig, jedoch — und das ist ebenso unstreitig — nur mit Verzicht aus einen bedeutenden, mächtigen, reichen Handelsstand. In großem Maße entwicklungsfähig ist immer nur der auswärtige Handel und bei gesperrten Grenzen kann dieser nicht groß sein oder werden. So wie man nicht importiren kann, ohne mit exportirten Waaren zu bezahlen — so sorgt umgekehrt das Ausland durch Zolltarife, Kriegszölle, Handelsverträge dafür, daß uns auf die Dauer keine Waare abgenommen wird, die es nicht gleichfalls mit Import in unser Gebiet ausgleichen kann. Und für diesen meinen Satz weiß ich kein besseres und schlagenderes Beispiel, als eben die Wirtschaftsgeschichte Oesterreichs bietet. Denn auch unser Schutzzoll-System seit 1850 hat, weil es über den educatorischen und Schutzzweck hinausgeht, einen Prohibitiven Charakter. Dem entspricht auch durchaus das sehr verschiedene Maß, in welchem sich Handel und Industrie bei uns entwickelt haben. Unsere Industrie ist feit ihrer Gründung im 18. Jahrhundert, extensiv sowohl wie intensiv, in stetigem und entschiedenem Fortschritte begriffen. Der Wiener Handel aber bewegt sich, trotzdem alle Berhältniffe bei uns und rings um uns sich seit dieser Zeit auf das Einschneidendste geändert haben, principiell auch noch heute ganz in denselben Formen, in denselben Geleisen, wie vor diesem Zeiträume. Derselbe ist auch heute noch, nach einer Aera der Entwicklung auf fast allen Gebieten, der Hauptsache nach, nichts anderes, als ein provinzieller Zwischenhandel. Und nothwendigerweise haben auch die finanziellen Erfolge hüben wie driwen ganz verschieden sein müffen. Während seit hundert Jahren in unserer Industrie die kolossalsten Vermögen geschaffen worden find und noch immer in glänzender Weise geschaffen werden, Etablissements sich zu einer Ausdehnung und Bedeutung emporgeschwungen haben und noch immer anwachfen, daß Vermögen und Betrieb in denselben, selbst nach englischem Maßstabe gemessen, großartig genannt werden müssen, find die Resultate der Arbeit für die Zwischenhändler im Vergleiche mit den Erfolgen der Fabrikanten nicht nur kleiner — das wäre nicht auffallend — sondern geradezu verschwindend gewesen. In unserem Handel war nie der goldene Boden, auf dem die großen Besitze emporwachsen konnten. Innerhalb hundert Jahren, von denen mehr als die Hälfte von mir selbst schon vollbewußt miterlebt worden sind, weiß ich beispielsweise in dem ganzen Textil-Zwischenhandel nur ein einziges HauS, das ein Vermögen auch nur annähernd gleich jenen in der Industrie so zahlreich vorhandenen erworben hat, und auch dieses Haus ist, sobald eS eine solche Stufe erreicht hatte, aus den Reihen der Händler verschwunden. Der größte Textilhändler Oesterreichs, Ed. Jos. Dräsche, der erste Handelskammer-Präsident Wiens, schloß seine halbhundertjährige rastlose Thätigkeit mit einem Vermögen von wenigen Hunderttausenden. In jüngster Zeit ist ein Textilhaus, das mehr als hundert Jahre bestanden und während derselben nach gewöhnlichen Begriffen immer gut gearbeitet hat, nach dem Tode des letzten Eigenthümers liquidirt worden, das Resultat war für die Erben ein klägliches! Ganz allgemein kann man behaupten, daß unter unseren Kaufleuten die Capitalansammlung von je eine sehr geringe war. Bei jeder Krise hat sich das gezeigt. Ganz anders in England, Frankreich und zum großen Theile auch in Deutschland. Und woher dieser Unterschied? Derselbe ist nur sehr natürlich. Dort breitet sich die große scharfe impetuose Concurrenz fast nur im feindlichen Lande, auf fremdem Gebiete aus; mit Scheere und Elle, mit Musterkoffer und Nadel wird die Welt erobert. In Wien aber martern sich alle Kaufleute, die alten wie die neuetablirten, in dem engen Kundenkreise Inner - Oesterreichs ab und machen sich alle die verderblichste Concurrenz. Das kann immer nur auf Kosten eines genügenden Verdienstes und einer wesentlichen Vermehrung des Vermögens geschehen. Wir sind aber mit den Folgen des Prohibitivsystems für den Handel in Oesterreich noch keineswegs zu Ende. Durch diese fast ausnahmslose Beschränkung der österreichischen Kaufmannschaft auf die Versorgung des Consums der Provinz war nicht nur ein Mißverhältniß entstanden zwischen der großen Zahl derer, die sich zu diesem Handel drängten, drängen mußten, und der verhältnißmäßig beschränkten Zahl der Consumenten des Inlandes, sondern auch zwischen der relativ großen Anzahl dieser Zwischenhändler und dem immerhin doch nur kleinen Kreise, der großen Fabrikanten. Und da noch weiters diese Industriellen vor jeder auswärtigen Concurrenz geschützt waren, so hatten sie die Macht — und sie gebrauchten sie rücksichtslos — ihren Haupt-, den Ln Zros-Abnehmern, den jüdischen Wiener Engrvssisten, einen Preis zu dictiren, welcher diesen Letzteren nur eine solche Marge ließ, die kaum Regie, den theuren Escompte, das bedeutende Delkredere deckte. Mehr oder weniger waren diese jüdischen Zwischenhändler Wiens sozusagen die Hausknechte der großen nahezu ausschließlich christlichen Industriellen. Die Cosmanos, Neunkirchen, Schmidt, Liebig u. s. w. wurden immer fetter, ihre jüdischen Abnehmer blieben durchaus mager — die wenigsten derselben waren daher im Stande, schlechten Conjuncturen zu widerstehen, die Meisten sind, der Eine früher, der Andere später, zu Grunde gegangen. Man wird mir auch nicht einen der großen Wiener Abnehmer, zum Beispiel von Cosmanos, nennen, der nicht schlecht geendet hätte! Der Verlauf konnte auch gar nicht anders sein — die Ausbeutung war geradezu eine schonungslose! Was man heute als Preiscartelle bezeichnet und verurtheilt — das haben ohne diesen Namen die Prager Druckfabrikanten und die Reichenberger Orleans - Fabrikanten nach meiner Kenntniß — und wie viele Andere, die ich nicht gekannt — schon vor sechzig Jahren geübt. Und diese Mißverhältnisse zwischen Erzeuger und Händler wurden immer ärger. Zum mindesten hatten bis dahin diejenigen Grossisten, welche ihr Geschäft in den Artikeln der kleineren Erzeuger machten, eine verhältnißmäßig bessere Existenz gehabt, sich mehr oder weniger Vermögen erworben. Mit der fortschreitenden Concentrirung in der Industrie nun verschwanden ja diese Kleinen der Fabrikswelt immer mehr und mehr, und man stand mehr und mehr auch in jenen Artikeln nur wenigen Großen gegenüber. Ich will illustrationsweise nur ein Beispiel anführen. Hunderte von Webern hatten in der Wiener Vorstadt Umhängtücher — vom ordinärsten Baumwolltuch bis zum Longshawl — gewebt — wo sind diese? Verschwunden! Der Artikel ist trotz der Confection noch immer ein bedeutender, aber ein halbes Dutzend großer Erzeuger ist an ihre Stelle getreten. Bald aber hatten diese Großindustriellen noch dazu angefangen, diesen ihren eigenen Lu gros-Abnehmern nach verschiedenen Systemen und Methoden den guten creditfähigen Theil der Provinzkundfchaft abzusangen und hierdurch dem Zwischenhändler eine reelle Existenz ganz unmöglich zu machen. Alldem ungeachtet hat sich unser Wiener jüdischer Zwischenhandel noch lange, lange weiter fast ausschließlich in diesen ungünstigen Geleisen fortbewegt. Es gereicht mir aber zur großen Genugthuung, mit diesem Bilde meine Uebersicht nicht schließen zu müffen. Allmälig. namentlich seit ungefähr 30 Jahren, und in immer verstärktem Maße

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