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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-02-06 · 6 (6.2.1903) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
6 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Sette 92 Nr. 6 Dr. Bloch's WochsnfchrM daß selbst der Kranke es verstand, und es in Zukunft vermied, ähnliche Fragen zu stellen, aus Furcht, seine teilnahmsvolle Pflegerin zu kränken. War Paula über die Persönlichkeit des Kranken nun sicher, so njar es eiri anderer Umstand noch, der ibr zu denken gab. Als ihr das erstemal von den Lippen des Fieberkranken der ihr, ach, so wohlbekannte Name Werner entgegentönte, da glaubte sie, nicht recht gehört oder verstanden zu haben. Jedoch der Name, den sie so haßte, daß sie es sich Geld und Mühe kosten ließ, ihn oblegen und ihren früheren Mädchennamen Eisner annehmen zu dürfen, dieser Name wiederholte sich sehr oft. Da mit einemmale hörte sie die von einem tiefen Seufzer begleiteten Worte des augenscheinlich Bewußtlosen: »Arme, arme Frau Werner, wie habe ich mich gegen sie Vergangen! Unglückliches, verleumdetes Weib!" Wie, er hatte sie erkannt, er, den sie niemals im Leben zuvor gesehen hatte, von dessen Leben und Thaten sie blos Unzusammenhängendes, Abgebrochenes aus dem Munde seiner Mutter erfahren hatte? Er wußte, daß es die unglückliche Paula Werner sei, welche als unermüdliche Pflegerin an seinem Bette saß, durch liebevolle Zusprache seine grausen Phantasien milderte und kürzte und in den wenigen lichten Stunde», die er hatte, es zu Wege brachte, den Verzweifelnden mit dem Leben und seiner Zukunft auszusöhnen. Wenn er sie kannte, warum hatte er sie niemals, wenn er bei Bewußtsein war, mit ihrem Namen angesprochen, sondern sie immer nur liebe Schwester genannt? Und warum schüttelte es ihn bei dem Namen Werner wie voll inner» Grausens und war es ihr immer ein Zeichen des heftigsten Deliriums, wenn in seinen Fieberphantasien der Name Werner vorkam? Der menschenfreundliche Primarius der Anstalt, welcher sich ungemein für den augenscheinlich sehr intelligenten Kranken interessirte, redete eines Tages Paula an, als sie sich zu kurzer Ruhe in ihr Stübchen begeben wollte. »So kann eS länger nicht bleiben. Ihr Einfluß hat auch auf den Kranken, den wir Ihrer Pflege anvertraut haben, sich voll bewährt, aber Sie reiben sich durch übergroße Anstrengung selber auf, ohne daß wir um einen Schritt weiter kommen. Das Fieber wuchert uns unter den Händen, und wenn es uns in der kürzesten Zeit nicht gelingt, es herabzukriegen, ist eine Katastrophe unvermeidlich. Die Heilung der Wunde würde normal fortschreiten, es ist aber ein inneres Leiden vorhanden, gegen das wir machtlos sind. Ich glaube, der Kranke will nicht leben, will nicht genesen. Es ist da ein wunder Punkt in seinem Leben, der ebenso der Heilung bedarf, wie die Schußwunde, die sich der Unselige beigebracht hat. Ich halte es für meine Pflicht, dessen Familie von der Sachlage zu verständigen. Diese Leute haben den Betrag für Pflege und alles Notwendige für ihn erlegt und auch gebeten, dem Kranken an nichts fehlen zu lassen und sie mit jeder Auslage zu belasten, aber um das Schicksal des Kranken hat sich noch Niemand gekümmert. Es mag dies in der Gepflogenheit des Juden liegen, Selbstmörder mit Verachtung zu behandeln. Oder wäre vielleicht doch Jemand bei ihm gewesen, Schwester Paula?" Diese hatte Mühe, die aufquellenden Thränen zu unterdrücken. »Niemand", sagte sie traurig. »Also, sehen Sie, daß ich Recht habe. Noch heute schreibe ich an seine Mutter." »Bitte, Herr Professor, nicht direct an diese, der Schreck würde sie tödten. Ich glaube selbst, daß sie entweder nichts von dem Vorfälle weiß oder daß sie selber krank ist, sonst hätte nichts diese vortreffliche Frau abgehalten, an's Krankenbett des Sohnes zu eilen. Bei der strengen Religiosität, von welcher sie beseelt ist, ist sie doch ganz frei von Vorurtheilen. Bitte, Herr Professor, von wem ist eigentlich das Geld für den Kranken eingegangen?" »Bon einem gewissen, nun habe ich gar den Namen vergessen, aus Dingsda, einem Landgute." »Engelmann aus N.", fiel ihm Paula in's Wort. »Ja, richtig! Was Sie nicht Alles können, Schwester Paula! Auch die Gedanken können Sie errathen. Sie sind eine veritable Zauberin!" »Ja, wenn ich zaubern könnte, Herr Professor, würde ich meine Macht zu allererst an unserem Patienten erproben, um ihm vollständige Genesung herzuzaubern." »Sie haben genug geleistet, meht, als ich überhaupt für möglich gehalten habe. Der junge Mann würde heute nicht mehr leben, wenn Ihre sanfte Hand und Ihr mildes Wort nicht besänftigend und beruhigend auf ihn gewirkt hätten. Nur nicht die Geduld verlieren, Schwester, der jetzige kraftlose Zustand kann nicht lange andauern, es muß bald eine Aenderung eintreten, so oder so." »So oder so", hatte er gesagt. Paula's Herz zog sich bei dem Gedanken krampfhaft zusammen, daß ein »So" eintreten könnte, wie es augenscheinlich der Professor erwartete. Was sollte aus ihr werden, wenn sie nicht an dem Bette des jungen Mannes sitzen, in seine fieberglänzenden oder halbgeschlvssenen Augen blicken sollte? An seine Fieberphantasien war sie derart gewöhnt geworden, wenn er ruhig mit offenen Augen dalag, oder in ruhigem Schlummer war. Wenn er aber, durch einen längeren Schlaf erquickt, zu ruhigem Bewußtsein erwachte und einige Dankesworte und kurze Fragen an sie richtete, so schien sie alles Leid zu vergessen, welches sie die ganzen Jahre her heimgesucht hatte. Wie wollte sie ihn pflegen, wenn er am Leben bliebe und sich sein Zustand besserte, schon um seiner Mutter willen, wie wollte sie ihm zureden, doch glücklich sein zu wollen. So schön malte sich es Paula aus, die Vermittlerin zwischen ihm und seiner Familie zu werden, ihn wenigstens mit feiner Mutter auszusöhnen. Wußte sie auch, daß sie ihm niemals etwas mehr sein konnte, als eine treue Freundin und aufrichtige Beratherin, so wollte sie doch Alles aufbieten, ihn mit seiner Familie und seinem grausamen Schicksale auszusöhnen. Drei Tage, nachdem der Professor jenen Brief an Engelmann geschrieben hatte, erschien Engelmann im Krankensaale. Paula war wie gewöhnlich anwesend und gerade um den bewußtlos Daliegenden bemüht. Stillschweigend bot sie dem Gaste einen Stuhl an und zeigte mit trauriger Miene auf Rudolf. Herr Engelmann, ich muß Sie im Interesse unseres Kranken bitten, mit mir dort hinter jenem Ofenschirm zu treten, denn noch immer weiß ich nicht, wie Herr Trebitsch den Anblick eines Bekannten oder gar Verwandten ertragen würde, und eine Verschärfung der ohnehin aufs Aeußerste gestiegenen Aufregung darf ich nicht zulassen. Er schläft jetzt, und ich glaube, daß ich mich jetzt auf ein Weilchen von ihm entfernen kann, auf so lange wenigstens, bis er erwacht, dann werde ich ihn behutsam auf Ihre Ankunft vorbereiten. Seit Jahren gewöhnt, sich willig und ohne Widerrede unter weiblichem Scepter zu beugen, nickte Engelmann zustimmend und ließ sich an der bezeichneten Stelle, Paula gegenüber, nieder. »Wie befindet sich die Frau Mama," frug Paula. »Weiß sie von der Erkrankung des Hohnes?" »Kein Wort," war die Antwort. »Sie glaubt ihn flüchtig, in weiter Ferne." »Ist dies auch richtig gehandelt?" warf Paula ein. »Ich gestehe es, daß der Zustand Ihres Schwagers ein ernster, sehr ernster ist. Wäre es nicht angezeigt, daß man die Mutter darauf vorbereite, ja, daß sie hieherkäme, entweder die letzte Lebenszeit des Armen zu verschönern — oder seine Genesung zu beschleunigen?" »Ich sehe, Sie wissen nicht, was vorgefallen ist, sonst würden Sie nicht derart sprechen." »Wie sollte ich dies nicht wissen, ich, die Pflegerin des Kranken? Ein Selbstmordversuch war es." »Natürlich, das weiß Jeder. Aber der Grund hiezu V »Ein Zerwürfniß mit seiner Familie war es, glaube ich", antwortete Paula. »Richtig, ein Zerwürfniß. Aber der Grund dieses Zerwürfnisses?" »Ich habe mich niemals in die Geheimnisse fremder Familien, also auch nicht in die der Ihren gedrängt", sagte Paula einfach. »Und doch haben Sie das Recht, Alles zu erfahren, dann urtheilen Sie, ob wir Mama von dem Vorfälle Mittheilung machen sollen. Rudolf hat auf den Namen seines Vaters falsche Wechsel ausgestellt und sie mit Hilfe eines gleichgesinnten Hallunken weiter begeben, ist dann mit diesem und dem derart erschwindelten Gelde flüchtig geworden. Der selige Schwiegervater hat, um von seinem Sohne Verderben abzuwenden und der Familie Schande zu ersparen, den größten Theil seines ihm nach der Versorgung seiner Töchter übrig gebliebenen Vermögens geopfert und hat die ihm präsentirten Wechsel anstands-

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