Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 6 (6.2.1903)
- Date
- 1903-02-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 91 Feuilleton. Drei R. Novelle von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) Einst saß sie wieder allein in ihrem kleinen, in drr Nähe der Krankensäle gelegenen Stübchen, in ihren nicht sehr angenehmen Rückerinnerungen versunken. Der Eintritt des Primarius erweckte sie aus diesen Gedanken. „Sie verzeihen, Schwester Paula, wenn ich Ihre kurze Ruhezeit unterbreche und in einem dringenden Falle Ihre Hilfe erbitte. Fühlen Sie sich kräftig genug, die Pflege eines schwer Leidenden zu übernehmen und uns bei der nothwendig gewordenen Operation zu unterstützen?" „Gewiß, Herr Professor, wenn ich Ihnen oder irgend einem Leidenden einen Dienst erweisen kann, so geschieht es mit größtem Vergnügen." „Wissen Sie, Schwester, mit diesem Falle hat es ein eigenes Bewandtniß. Es ist uns heute ein schwerkranker junger Mann eingebracht worden, der sich bei einem Selbstmordversuche eine schwere Verletzung zugezogen hat. Der Sitz der Kugel, vrrmuthlich in der Lungengegend, muß eruirt werden, dann erst kann zur Entfernung derselben geschcitten werden. DieseOperation ist nicht leicht und nicht ungefährlich, jedoch nicht Dieses ist es, was mir Ihre Beihilfe wünschenswerth macht, trotzdem ich weiß, daß Ihnen heute Erholung und Ruhe zu gönnen wäre, sondern ein anderer Umstand. Der junge Mann ist über das Mißlingen seines Selbstmordversuches ganz verzweifelt, geberdet sich wie rasend, trotzdem oder vielleicht weil er weiß, daß ihn nur vollständige Ruhe retten kann. Die wachhabende Schwester darf ihn keinen Augenblick verlassen, denn sonst würde er sich den Verband herabreißen. Dieser unglückliche junge Mann bedarf nebst der Hand des Arztes und der Pflegerin einer freundlichen Behandlung, eines trostreichen und ermuthigenden Zuspruches. Dazu eben habe ich Sie ausersehen. -Wollen Sie?" Paula legte ihre schmale weiße Hand in die ausgestreckte des Professors und sagte: „Wenn Jemand, der seit Jahren hart an der Grenze des Selbstmordes vorbeigeschritten ist und nur durch eine zufällige Entschließung abgehalten wurde, die Scheidemauer zwischen dem Diesseits und dem Jenseits zu durchbrechen, wenn eine solche Person das Recht hat, Jemanden, der diese Scheidewand mit fester Hand niederreißen wollte, mit seinem Moralisireu zu behelligen, dann will ich der Seelenarzt dieses jungen Mannes werden." „Und Sie werden Erfolg haben, liebe Schwester, das kann ich Ihnen verbürgen, doch vorerst gilt es, einen physischen Erfolg an dem ungeberdigen Patienten zu erringen, bevor an einen psychischen gedacht werden kann." Die Operation war glücklich beendet und Schwester Paula nahm ihren Sitz am Krankenbette des von einer tiefen Ohnmacht umfangenen Kranken ein, um den sich eben der Prof.ssor eifrig bemühte und zwar mit bestem Erfolge. Immer regelmäßiger und tiefer wurden die Athemzüge des Patienten, immer kräftiger der Herzschlag, bis er endlich zur Freude des Professors und Paula's die Augen aufschlug, um sie aber gleich wieder schaudernd zu schließen. Der Professor war befriedigt. „Das Auge ist helle", sagte er zu Paula. „Bevor Fieber eintritt, müsien Sie das Vertrau n des Kranken errungen haben, sonst haben Sie mit ihm einen schweren Stand und werden seiner nicht mächtig. Sprechen darf er nicht, kein Wort, hören Sie, kein einziges! Auch Sie nicht viel. Ihre Hand und Ihre Augen müssen vorderhand das ihrige thun. Sie bleiben also am Posten, mein tapferer Assistent. In einer Stunde komme ich wieder Nachsehen. Sollten Sie meine Gegenwart vorher für nothwendig erachten, so losten Sie mich rufen." Vrrständnißvoll nickte Paula. Als der Professor weggegangen war. betrachtete sie aufmerksam das Gesicht des Schlüters. Es kam ihr so seltsam bekannt vor. Wo hatte sie diese Züge schon gesehen, und zwar gesehen in einem ebenfalls leidenden, wenn nicht gar bewußtlosem Zustande? Paula faßte sich am Kopfe, schloß die Augen, um, dem wirklichen Leben entrückt, ihren Erinnerungen zu Hilfe zu kommen. Doch umsonst war alles Nachdenken! Sie hatte diesen jungen Mann noch niemals gesehen, ihre aufgeregte Phantasie hatte ihr nur eine Aehnlichkeit mit irgend Jemand, den sie einmal gesehen, vorgezaubert. Der Kranke regte sich und griff, vielleicht ganz unwillkürlich, nach dem Verbände, wie um ihn zu entfernen. Der Weisung des Professors eingedenk, ergriff Paula diese Hand, welche sie leicht drückte und in der ihren behielt. Der Kranke schlug die Augen auf und blickte sie fragend au. „Wo bin stöhnte er. „Bei guten Freunden, welche Ihr Bestes wollen, welchks vorderhand in ganz ruhigem Verhalten besteht." Der Patient wollte sprechen, doch Paula kam ihm zuvor. „Kein Wort, bitte. Ich habe die Verantwortung für Ihre Heilung übernommen und es wäre für meine Fürsorge schlecht gedankt, wenn Sie mir die übernommene Verpflichtung erschwerten. Der Kranke, wir wollen ihn mit seinem Namen Rudolf nennen, blickte die Sprecherin an. Aus ihren stahlblauen Augen strahlte ihm eine solche Welt voll Mitgefühl, aber auch voll Energie entgegen, welche gesonnen waren, ihren Willen durchzusetzen. Der Gedanke, von dieser schönen, mildthätigen Frau bewacht und behütet zu werden, hatte für den Kranken etwas unendlich Beruhigendes. Es kam ihm vor, als wäre er ein Kind noch und läge, wie einst, schwer krank darnieder und seine Mutter saß an seinem Bette, und sie sagte, wie leise vor sich hin die Worte: „Der Engel, der mich behütet hatte vor allem Bösen, der erhalte und segne mir diesen Knaben." Und jedesmal, wenn diese Mutter an seinem Krankenlager saß, so überkam ihn ein so wohliges Gefühl der Sicherheit, daß er seine Schmerzen vergaß und mit keinem seiner von ihm so beneideten Kameraden getauscht hätte, welche lachend und spielend fich im Garten tummelten. Es ist so gut, krank zu sein, wenn eia liebes Mütterchen am Bette sitzt und auf uns blickt, wenn ihre weiche Hand liebkosend über unsere fieberheiße Stirne streicht. Dies ungefähr waren Rudolfs Gedanken in den wenigen fieberfreien Stunden seiner Krankheit. Die Stelle der Mutter nahm für ihn seine freundliche unermüdliche Pflegerin ein. Aber nicht lange dauerte bei dem Kranken diese ruhige zuversichtliche Stimmung. D»n wenigen fieberfreien Stunden folgten viele solche, wo der Kranke sich unruhig auf seinem Lager wälzte und von den gräßlichsten Fieberphantasien gequält wurde. Es gab vielleicht kein Verbrechen, vom Vatermorde angefangen bis auf einfache Verleumdung, dessen er sich in diesem Zustande nicht beschuldigte. Den Vater hatte er gemordet, die Mutter zu Tode gekränkt, falsche Wechsel ausgestellt, gestohlen, betrogen, Eheleute von einander getrennt, die Unschuld verfolgt und noch allerhand andere Verbrechen verübt. Ueber die Persönlichkeit ihres Pfleglings war Paula schon längst außer ollem Zweifel. Ein Blick auf die über seinem Bette angebrachte Tafel sagte ihr den Namen desselben, erklärte ihr auch, warum ihr sein Gesicht so seltsam bekannt vorkam, trotzdem sie wußte, daß sie ihn niemals vorher gesehen hatte. Auf dieser schwarzen Tafel stand mit Kreide geschrieben der Namen: Rudolf Trebitsch. Es konnte nur der Sohn ihrer gütigen Wohlthäterin sein, um welchen sich diese so unglücklich gefühlt hatte, daß sie an dem Grabe ihres Mannes, vom Schmerze überwältigt, ohnmächtig wurde, und in diesem leidenden Zustande, in welchem sie Paula hatte kennen gelernt, glich sie so vollständig ihrem Sohne, daß Paula das rege Interesse, das sie für diesen hegte, erklärlich fand. Jetzt verstand Paula auch die Selbstvocwürfe. welche sich der junge Mann machte, ahnte auch den Grund seines Selbstmordversuches. Was ihr aber unerklärlich blieb, das war der Umstand, daß Niemand von seiner ganzen Verwandtschaft sich um den Schwerkcauken kümmerte. Daß es Irma nicht thun würde, das war schließlich vorauszufehen. und Engelmann war bei seinen sonst trefflichen Eigenschaften solch ein Schwächling, daß auch von ihm kein Besuch zu dem Kranken zu erwarten war. Aber die Mutter, und solch' eine Mutter? Wo blieb die Alles verzeihende. Alles umfassende Mutterliebe, wenn nach diesem zwischen Leben und Tod schwebenden jungen Mann nicht einmal die Mutter frug? In den wenigen lichten Momenten, welche Rudolf jetzt hatte, war seine erste Frage, ob ihn Niemand besucht, Niemand sich nach ihm erkundigt hätte. Wie gerne würde sie ihm dann von seiner guten, auch ihr so theuern Mutter erzählt haben, daß sie hier war. daß sie wiederkommen wolle; jedoch widerstrebte es ihrer offenen Natur, eine offenbare Unwahrheit zu sagen, und das Kopffchütteln, das als Antwort erfolgte, war ein so trauriges.