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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-02-06 · 6 (6.2.1903) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
6 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 6 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 93 los eingelöst. Doch hat der Schmerz, nicht so um den Verlust seines Geldes, als über die Verworfenheit seines Lieblingssohnes ihm ein jähes, vorzeitiges Ende bereitet. Rudolf mußte bei seiner Rückkehr davon gehört haben, und Reue und Selbstvorwürfe haben ihn zum Selbstmorde getrieben. Es geht ihm schlecht, Frau Eisner? fuhr Engelmann ganz unvermittelt fort, gewiß, sonst hätte mich der Herr Professor nicht kommen lasten/ »Ich vermag das so eigentlich nicht zu beurtheilen", antwortete Paula. »Unser Herr Primarius weiß jedoch, was er thut. Ich aber kann die Hoffnung auf Genesung nicht gänzlich aufgeben. Mir scheint sein Gemüthszustand bedenklicher zu sein, als sein körperlicher. Es liegt an Ihnen und den anderen Familiengliedern, ihm neue Lebenskraft einzuflößen. Ein freundliches Wort von Ihnen vermag bei ihm mehr als die kräftigste Medicin. Kargen Sie damit nicht. Bedenken Sie, daß er ein Opfer der Verführung gewesen ist. Niemand weiß, was er gethan hätte, wenn die Versuchung ihm nahe getreten wäre. Seien Sie edel und großmüthig!" »Eigentlich hat mir Irma die allergrößte Rücksichtslosigkeit zur Pflicht gemacht, hat mir aufgetragen, das Band der Verwandtschaft, das zwischen uns besteht, zu zerreißen. »Irma, das sieht ihr ähnlich/ murmelte Paula. Gleichzeitig erfaßte sie ein Ekel vor dieser unwürdigen Männergestalt neben sich, der sich seiner Frau zu Liebe verpflichtet glaubte, Bande der Verwandtschaft zu zerreißen. Das Gespräch der Beiden war im Flüstertöne geführt worden, damit sowohl Rudolf, wenn er inzwischen erwacht wäre, als auch seine beiden Leidensgefährten, welche in demselben Zimmer, wie er untergebracht waren, kein Wort davon hörten. Jetzt vernahm Paula's geübtes Ohr ein leises Stöhnen, woran sie erkannte, daß ihr Pflegling vom Schlummer erwacht sei. Sie winkte Engelmann mit der Hand, in seinem Versteck zu bleiben, und trat leisen Schrittes, wie es ihre Gewohnheit war, an Rudolf's Bett. Stillschweigend reichte sie dem Erwachten die Medicin. die er gierig schlürfte, dann sagte sie lächelnd: »Sie haben lange geschlafen, Herr Trebitsch/ »Lange und gut, und so schön geträumt. Rathen Sie einmal von wem, liebe Schwester?" Paula erröthete. Einen Moment gab sie sich dem beglückenden Gedanken hin, er würde ihren eigenen Namen nennen. Indessen faßte sie sich bald, sie mußte doch seine Frage beantworten. »Ich bin nicht glücklich im Errathen, Herr Trebitsch, aber lasten wir die schönen Träume, die doch immer nur Schäume sind und wie solche verfließen; kehren wir lieber zur schönen Wirklichkeit zurück/ Bei diesen Worten Paulas entfuhr dem Kranken ein tiefer Seufzer. Er konnte noch immer nicht viel sprechen, doch dieser Seufzer schien zu sagen: für mich Unglücklichen wird die Wirklichkeit niemals mehr schön werden. »Ich habe Ihnen eine Neuigkeit zu melden. Hinter jenem Ofenschirm wartet ein Besuch für Sie. Rathen Sie jetzt einmal, wer das wohl ist. Vielleicht sindffie glücklicher im Rathen als ich/ Tiefe Röthe flammte auf Rudolfs bleichem, intelligenten Gesichte auf. »Meine Mutter!" stammelte er verwirrt. »Dacht' ich's doch, daß Sie so rathen werden. Die kömmt später, bis Sie derart genesen sind, daß das Wiedersehen ohne gegenseitige Aufregung, dem Schreckbilde aller Aerzte und Pfleger, vor sich gehen kann. Nein, die Frau Mama nicht, jemand anderer ist hier, den Sie ebenfalls gerne sehen werden. Wenn Sie versprechen, ruhig zu sein, so rufe ich ihn. Also hübsch niedergelegt, die Hände vor sich auf die Decke, wie in der Schulbank die braven Kinder. Eins, zwei, drei, der Gast komme herbei/ Engelmann war hinter dem Ofenschirm hervorgetreten und näherte sich dem Bette. Rudolf konnte bei seinem Anblicke einen leisen Schrei nicht unterdrücken und bedeckte mit beiden Händen sein schamerglühtes Angesicht. Engelmann, von Natur weichen, vielleicht allzuweichen Gemüthes, sonst hätte er sich von seiner Frau nicht so leicht beherrschen lasten, Engelmann traten die Thränen in die Augen, als er die Jammergestalt erblickte, zu welcher sein ehemals so stolzer, stattlicher Schwager geworden war. Mitleidig reichte er ihm die Hand und sagte: »Sei aber ruhig jetzt, Rudl, gib mir die Hand. Oder bist Du mir böse?" »Ich Dir", sagte Rudolf, »oder umgekehrt". Jetzt mengte sich Paula ins Gespräch: »Kein Flennen, Herr Trebitsch, sonst darf während Ihrer ganzen Krankheit niemand mehr zu Ihnen, nicht einmal Ihre Mutter. Nicht wahr, Herr Engelmann!" »Gewiß, gewiß, Frau Eisner hat recht, Du mußt gescheidt sein und trachten, bald gesund zu werden. Die Irma läßt Dich schön grüßen, Rudi, was soll ich ihr von Dir bestellen?" Ein dankerfüllter Blick aus Paula's Augen für diese wohlthätige Rüge, traf den Sprecher. »Irma, wirklich, sie verzeiht mir? Dann ist Alles, Alles gut, wenn sie mir nicht grollt." Der ärztlichen Anordnung gemäß durfte Engelmann nicht lange bei seinem Schwager weilen. Mit dem Versprechen, bald mit der Mutter wiederzukommen, schied er. Patient und Pflegerin blieben wieder allein. Der Besuch seines Schwagers und deffen theilnahmsvollen Worte hatten in Rudolf die längst verschwundene Lebenslust wieder zurückgerufen, er war nach deffen Weggang sehr aufgeräumt und wendete sich an Paula mit der Frage: »Sie haben mich niemals darnach gefragt, welcher Umstand mir die Mordwaffe in die Hand gedrückt hat, find Sie so wenig neugierig?" »Neugierig wäre ich wohl, das heißt, ich nehme regen Antheil an Ihrem Schicksale, aber ich verschiebe jede Frage bis auf die Zeit Ihrer Reconvalescenz." »Glauben Sie denn wirklich, daß ich wieder gesund werde?" »Welche Frage, Sie Närrchen", antwortete Paula, indem sie sich zum Lächeln zwang, »das ist ja schon außer allem Zweifel, nur dürfen Sie sich Ihre Lage nicht selber verschlimmern." Es schien, baß Paula recht hätte. Bon dem Tage an, an dem ihn Engelmann besucht hatte, war bei Rudolf eine Wandlung zum Besseren eingetreten. Nach einigen Tagen schon räumte der Professor, der bis dahin sehr pessimistische Ansichten gehegt hatte, ein, daß sich der Kranke durchbringen könne. »Ja Jugend, sagte er, die dringt überall durch, die ist stark genug, selbst den Todesengel zu überwinden und ihm die Thüre zu weisen." Nunmehr fand es Paula an der Zeit, Frau Trebitsch von der Thatsache zu unterrichten, daß ihr Sohn im Sanatorium weile und sich unter ihrer Pflege sichtlich erhole. Sie sprach in diesem Briefe nicht einmal den Wunsch aus, daß Frau Trebitsch Hieherkommen möge. Einestheils fand sie dies nicht für nothwendig, andererseits fürchtete sie, daß sich Frau Trebitsch über eine solche Aufforderung, welche einen Zweifel in deren mütterliche Liebe involviren würde, beleidigen könnte. Wie Paula voraussetzte, so geschah es. Nach Empfang von Paula's Briefe war die alte Frau sofort zur Reise nach Prag entschloffen. Den ersten Zug, der von ihrer Heimat aus nach Prag abging, benützte sie. Ohne die in einem Krankenhause übliche Besuchsstunde abzuwarten, er. schien sie im Sanatorium. Nach einer kurzen Unterredung mit Paula, die ihr das Nothwendigste über die Erkrankung Rudolf's auf die schonendste Weise mitgetheilt hatte, trat die Matrone an das Krankenlager des Sohnes. Das Wiedersehen der Beiden war ein ergreifendes, batte aber keine schädlichen Folgen für den Kranken, noch auf den Gesundheitszustand seiner Mutter. Paula zog sich discret zurück und ließ die Beiden allein, um sich ungestört aussprechen zu können. Bald aber wurde Rudolf unruhig, als er seine treue Pflegerin nicht bei sich hatte. »Mama", sagte er, »wenn Du wüßtest, was mir diese junge Dame in der Zeit meiner Krankheit war. Sie hat nicht nur meinen Körper gepflegt, sondern auch meinen Geist aufgerichtet und mein Gemüth von den Schatten befreit, welche sich häufig darauf lagerten. Du mußt sie kennen, Mama!" »Du Närrchen, ich kenne sie ja länger als Du. Meine Idee war es doch, daß sie Krankenpflegerin werde, weil ihr jeder andere Beruf verschlossen schien." »Mama! Diese Idee hat Dir Gott selbst eingegeben, der haben wollte, daß Du in Deinen alten Tagen von dem Leide verschont bleibst, welches Dir mein selbstverschuldeter Tod zugefügt hätte. Denn ohne die Pflege und den Zuspruch dieser Dame hätte ich nicht leben können, nicht leben mögen." .Ei", meinte Frau Trebitsch lächelnd, »Du hast Deine lange Krankheit gut ausgenützt, um Dich in Deine Pflegerin zu verlieben." »Verlieben, Mama, ist nicht der richtige Ausdruck für das Gefühl, welches mir diese hochherzige Frau einflößt: Bewunderung und Hochachtung, und, wenn ich aufrichtig sein soll — Verehrung." (Fortsetzung folgt.)

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