Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 6 (6.2.1903)
- Date
- 1903-02-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Dr. Bloch's Wochenschrift. fette 89 Nokitzan. Welch schlimme Früchte der immer mehr überhandnehmende religiöse Jndifferentismus unter uns Juden zeitigt, davon liefert nachstehender Fall ein eclatantes Beispiel: Leopold Stein, Kaufmann und Liqueurfabrikant in Mauth (Cultussprengel Rokitzan), verweigerte die Zahlung der vorgeschriebenen Cultussteuer, weil angeblich der Cultusvorstand sich geweigert habe, den Religionslehrer behufs Ertheilung des Religionsunterrichtes nach Mauth zu entsenden und Elfterer infolge dessen gezwungen war, seine Kinder nach Prag in die Schule zu geben, weshalb er auch die Cultusgemeinde auf einen Schadenersatz von 120 X klagte, gleichzeitig drohend, daß er, falls er sachfällig würde, aus der jüdischen Religionsgenossenschaft austreten werde. Bei der beim hiesigen Bezirksgerichte durchgeführten Verhandlung wies der verhandelnde Richter auf den Widerspruch zwischen dem Verlangen nach Ertheilung des Religionsunterrichtes an seine Kinder und der ausgesprochenen Drohung des Austrittes aus der Religionsgemeinschaft hin. Thatsächlich hat Leopold Stein nun seinen Austritt aus der jüdischen Religionsgenossenschaft vollzogen. Czernowitz. (Ehrungen.) In der jüngst abgehaltenen Plenarsitzung unseres Cultusrathes ward demselben eine seltene Ueberraschung zu Theil. Ein Mitglied desselben überreichte nämlich zu Beginn dieser Sitzung dem Vorsitzenden eine Eingabe an die Cultusgemeinde-Repräsentanz mit einem Ansuchen, welches eine besondere Ehrung für unseren hochverdienten Abgeordneten Herrn Dr. Benno Straucher bezweckt. Aus dem Inhalte des anmit bekannt gegebenen Ansuchens wird sofort die Art dieser Ehrung klar: Löblicher Cultusrathl Am 25. April 1903 werden es 20 Jahre, seitdem die jüdische Bevölkerung der Landeshauptstadt Czernowitz den Herrn Dr. Benno Straucher. Landes« und Gerichtsadvocat in Czernowitz, Reichsraths- und Landtagsabgeordneter der Stadt Czernowitz rc., in den Cultusrath gewählt hat. Die Verdienste, welche Herr Dr. Benno Straucher in Ausübung des Mandates als Cultusrath beziehungsweise als Cultusvorstand und als V i c e p r ä s i d e n t der Cultusgemeinde während dieser langen Zeit durch die Unterstützung, Wahrung und Förderung der jüdischen Interessen sich erworben hat, sind wohl allgemein bekannt. Es hat sich nun ein Counts gebildet, welches aus den unterfertigten Mitgliedern der Czernowitzer Judengemeinde besteht, um dem Wunsche des weitaus größeren Theiles der jüdischen Bevölkerung der Landeshauptstadt Czernowitz, dem Herrn Dr. Benno Straucher wenigstens einen kleinen Theil der Dankesschuld für dessen erwähnte Verdienste abzustatten, Rechnung zu tragen. Das gefertigte Comits hat nun beschlossen, aus Anlaß des zwanzigjährigen Jubiläums des Herrn Dr. Benno Straucher als Mitglied des Cultusrathes ein von einem akademischen Maler angefertigtes Bild des Jubilars in entsprechend würdiger Ausstattung in dem S i tz u n g s s a a l e der israelitischen Cultusgemeinde, in dem der Gefeierte eine von so großen Erfolgen gesegnete Thätigkeit entfaltet hat, anzubringen und am 26. April 1903 feierlich zu enthüllen. Das gefertigte Comits erlaubt sich daher einen löblichen Cultusrath zu bitten, die Anbringung des erwähnten Bildes in dem Sitzungssaale der israelitischen Cultusgemeinde sowie die feierliche Enthüllung desselben in diesem Saale zu gestatten. Der Obmann-Stellvertreter: Der Obmann: Dr. Adolf Leiter, Moritz Birkenthal, Landes- und Gerichtsadvocat. städt. Oberingenieur. Mitglieder des Comitss: Der Schriftführer: Der Cassier: Marcus Schmölzer. Elias Kampel macher. S a l o m o n G r o n i ch rc. rc. Unter allseitigem Beifalle gab der Cultusrath ungesäumt seine Bereitwilligkeit kund, das Bildniß unseres verehrten Vice-Präsidenten Herrn Dr. Benno Straucher im Sitzungssaals der Cultusgemeinde anbringen zu lassen. In derselben Plenarsitzung beging unsere Gemeinde-Repräsentanz noch eine erwähnenswerthe Ehrung. Sie beglückwünschte nämlich den Secretär der Cultusgemeinde Herrn Meschulem Schiffer anläßlich des Jubiläums seiner 40jährigen Thätigkeit in dieser Cultusgemeinde und sprach ihm für seine mühevollen und gewissenhaften Dienstleistungen die besondere Anerkennung aus. Agram. Der Secretär der hiesigen Cultusgemeinde, Herr Max Kirschner, trat dieser Tage nach Zvjähriger Wirksamkeit in Agram — welcher eine 10jährige in andern Gemeinden vorangegangen war -- im Alter von 78 Jahren bei voller geistiger und körperlicher Frische in den wohlverdienten Ruhestand. Die Agramer Cultusgemeinde zeichnete den Senior ihres Beamtenkörpers, in Würdigung feinet probaten Tüchtigkeit, seiner stets belobten Pflichttreue und seines unermüdlichen Fleißes, bei dieser Gelegenheit mehrfach aus. Sie gewährte ihm einen Ruhegehalt in der Höhe seiner Secretärgage, übersandte ihm ein äußerst schmeichelhaftes Pensions-Tecret und ließ ihn einer besonderen Ehrung theilhaftig werden, indem ihm der Gemeinde- Präsident Herr Ingenieur Josef Sieben schein über Beschluß des Ausschusses ein prachtvoll ausgestattetes, in Worten wärmster Anerkennung abgefaßtes Ehrendiplom in feierlicher Weise überreichte. Der altruffische Lehrereongreß für die jüdischen Lehrer. Am 15. Jänner trat in Moskau ein altruffischer Lehrercongreß zusammen, zu dem 600 Vertreter aus allen Gegenden des weiten Czarenreiches erschienen sind. Unter den Delegirten befanden sich angesehene Professoren, berühmte Aerzte und gefeierte Rechtsanwälte. Die jüdischen Lehrer konnten sich an dem Congreß nicht in gewünschter Anzahl betheiligen, da sie als Juden Moskau nicht betreten dürfen. Nur einige wenige Auserwählte konnten die Erlaubniß des Ministers des Innern erlangen, für die Dauer des Congreffes sich in Moskau aufhalten zu dürfen. Dennoch ist es diesen wenigen Juden gelungen, in Moskau einen glänzenden Triumph zu feiern und durch ihre gewaltige Beredtfamkeit den Congreß mit sich derartig fortzureißen, daß er mit großer Majorität einige Resolutionen zu Gunsten der jüdischen Lehrer gefaßt hat. In erster Reihe gelang es den Herren Jglitzki und Kagan, die als Vertreter des füdruffifchen jüdischen Lehrerbundes auf dem Congreß erschienen waren, letztern zur Annahme einer Resolution zu Gunsten einer Pensionsberechtigung der jüdischen Lehrer zu bewegen. Seit 1844 müffen sich die in den von der Regierung aus den Karobkageldern unterhaltenen jüdischen Volksschulen angestellten jüdischen Lehrer alljährlich einen zweipercentigen Gehaltsabzug zu Gunsten einer Lehrer-Pensionscaffe gefallen laffen, ohne daß das versprochene Lehrer-Pensionsgesetz bisher auch nur berathen wurde. Eine zweite Resolution des Congreffes fordert die Regierung auf, den jüdischen Lehrern den unbeschränkten Aufenthalt in ganz Rußland zu gestatten. Das Lehrerhandwerk, argumentirte der Congreß in der Motivirung seiner diesbezüglichen Resolution, ist nicht minder anstrengend und ehrenvoll, wie jedes andere Handwerk, deffen Besitz und Ausübung jedem Juden den Zutritt in das Innere Rußlands gestattet. Ferner würde diese vom Congreß empfohlene Maßregel die Lage des unter den ruffischen Juden überhandnehmenden Lehrerproletariats verbessern helfen. Gibt es doch jetzt allein in Odeffa 80 stellenlose jüdische Volksschullehrer. Endlich würde diese Maßregel es den kleineren jüdischen Gemeinden außerhalb des Anfiedelungsrayons ermöglichen, ihren Kindern eine jüdische wie allgemeine Bolksschulbildung zu gewähren. Es bleibt nunmehr abzuwarten, wie die ruffische Regierung sich zu diesen philosemitifchen Resolutionen des altruffischen Lehrertages in Moskau stellen wird. London. (Zur Katastrophe in der Irrenanstalt zu Colney Hatch.) Viele Tagesblätter (darunter auch die Berliner „Vossische Zeitung") haben die alarmirende Nachricht gebracht, daß die Katastrophe von Colney Hatch sich in der „jüdischen Abtheilung" abgespielt hat. Wie aber die Londoner „Jewish Chronicle" mittheilt, gibt es in der Irrenanstalt von Colney Hatch überhaupt keine besondere jüdische Abtheilung. Nur eine koschere Küche und ein eigener jüdischer Speiseraum find vorhanden, während die jüdischen Patienten gemeinschaftlich mit den übrigen Insassen der Anstalt untergebracht find. Unter den 52 Opfern der Katastrophe befindet fich zufälligerweise kein einziger Jude. London. (Errichtung eines jüdischen Auswanderungsbureaus.) Ein langjähriger Wunsch der gesammten jüdischen Intelligenz dürfte binnen Kurzem zur Verwirklichung gelangen. Seit Jahren fordern alle einsichtsvollen Männer im Judenthum die Schaffung einer Organis ation zum Schutze der jüdischen Auswanderer, welche alljährlich in der Stärke von 100.000 Seelen ihre östliche Heimat verlaffen, um in fernen Ländern ein neues Asyl zu suchen. Auf dem weiten Weg von dem Heimatsstädtchen bis zum Bestimmungsorte find diese unsere armen Brüder und Schwestern den schlimmsten Unbillen preisgegeben. Sie werden von den verschiedensten Behörden malträtirt und von gewiffenlosen Agenten und sonstigen beruss- "f>-.