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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-02-06 · 6 (6.2.1903) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
6 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 84 Dr. Blmh's Wochsnschrifk. Nr. 6 Das ist's denn auch, was schwere Bedenken gegen diese neueste communale Gründung wachrufen muß. Daß man damit vielleicht Tausenden von Dienstboten die Arbeit entziehen wird, was liegt den satten Herren im Wiener Gemeinderath daran? Wenn sie zum Schlagwort „Kauft nicht bei Juden" das andere „Dient nicht bei Juden" werden prakticiren, sie werden es nicht fühlen, wenn das Heer der Arbeitslosen vergrößert wird, oder wenn diejenigen, die man der ehrlichen Arbeit abspenstig macht, einen unehrlichen Erwerb zu suchen gezwungen sein werden! Bisher ist's nicht ausgesprochen worden, daß man es so treiben wird, aber nach den Antecedentien dieser Herren ist man zu dem Schluffe berechtigt, daß es so kommen wird, und man muß dessen . gewärtig sein, daß sie auch diese Gelegenheit sich schaffen oder benützen wollen, um ihrer Leidenschaft, dem Antisemitismus, zu fröhnen. Uns überraschen sie nicht. Wir trauen ihnen alles Böse zu. Weil wir sie kennen, warnen wir vor ihnen, nicht weil wir etwa Pessimisten sind. Und weil wir. daran denken, daß sie Böses im Schilde führen, müssen wir unsere Glaubensgenossen mahnen, daß sie sich rechtzeitig vorsehen. Wir sind nicht hilflos, wenn wir uns nur selber helfen. So wie wir uns gegen das städtische Arbeitsvermittlungsamt geholfen haben, welches sich jüdischer Arbeiter nicht annahm, so müssen und können wir uns gegen das städtische Dienstvermittlungsamt zur Wehr setzen, das zum „Dient nicht bei Juden" gezwungen werden wird. Und so wie der Verein für unentgeltliche Arbeitsvermittlung nicht blos materiell unermeßlichen Nutzen gebracht, sondern auch in hervorragendem Maße erziehlich gewirkt hat, so wird auch die mit demselben vereinigte Dienstvermittluug nach beiden Richtungen von großem Vortheil sein. Jetzt wird endlich auch die von der „Oesterreichischen Wochenschrift" durch weitblickende Männer und Frauen wiederholt angeregte Frage der Erziehung armer jüdischer Mädchen zu braven Dienstboten wieder actuell gemacht und, durch die Nothwendigkeit gedrängt, einer praktischen Lösung zugeführt werden. Da wird es sich denn auch zeigen, daß die Tausende armer Mädchen, die für Hungerlöhne schwere Arbeit verrichten müssen oder moralisch verkommen, weil man nicht rechtzeitig daran gedacht hat, sie arbeitsfähig zu machen, doch lieber zur ehrlichen häuslichen Dienstarbeit greifen werden, wenn man ihnen Unterricht und Gelegenheit bietet. Und wenn man nicht blos mit dem Verstände, sondern auch mit dem jüdischen Herzen daran gehen wird, jüdische Dienstmädchen heranzubilden, dann wird man nicht vergessen, daß man gleichzeitig für deren Versorgung in Krankheit und Alter, für deren sittliches Wohl und für deren Fortbildung Sorge tragen muß, und man wird eine über das ganze Reich sich ausdehnende Organisation schaffen, die die volle Gewähr des materiellen und moralischen Erfolges in sich tragen wird. Ist das geschehen — dann werden wir gern von den Wiener Gemeiuderäthen sagen: Seht, sie haben das Böse gewollt und haben das Gute geschaffen. Freilich nicht mit ihrem Willen! A. W i e n e r. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Aus den Kinderschuh st ationen. — Von denen, öte guten Herzens sind. — Antisemitische Toleranz im Lichte der Wahrheit. — Das Elberfelder System und das Wiener System. — Vom Armenrath Alsergrund. — Die Ritualmordlüge.) In der Festversammlung des Vereines „Kinderschutzstationen" theilte Herr Dr. Pattai mit, daß unter den mehreren hundert Schützlingen des Vereines 15 Kinder protestantischen und jüdischen Glaubens sich befinden. Hievon wurden 13 in Pflege der Kinderschutzstationen ausgenommen, während 2 in Folge der Angaben der eigenen Cultusgemeinde zurückgewiesen wurden. Daß mehr katholische Kinder in den Schutzstationen sind, als andersgläubige, rühre davon her, daß die Katholiken doch noch in der Ueberzahl sind. Es wäre interessant, zu wissen, wie viele von den ^andersgläubigen" Kindern, denen die Kinderschutzstationen ihre Pflege angedeihen ließen, protestantischen und wie viele jüdischen Glaubens sind. Einer präcisen Angabe darüber ist Herr Doctor Pattai offenbar absichtlich ausgewichen, obgleich es ihm doch sehr leicht gewesen wäre, die Ziffern mitzutheilen. Wenn durch die Aufnahme kleiner Reclamejudrn oder Ehrenjuden in der Obsorge des notorisch clericalen Vereines der Anschein erweckt werden sollte, daß die Kinderschutzstationen Kindern ohne Unterschied der Confession zugänglich sind, so geht aus den eigenen Angaben des Herrn Dr. Pattai hervor, daß die Fürsorge des Vereines nur zum allergeringsten Theile auf nichtkatholische, geschweige denn auf jüdische Kinder sich erstreckt. Nehmen wir an, daß von den 15 „andersgläubigen" Kindern nur ein einziges dem protestantischen und 14dem jüdischen Glauben angehören, so würde dies gegenüber der von Dr. Pattai angegebenen Gesammtzahl noch immer nicht dem Zahlenverhältnisse zwischen der christlichen und jüdischen Bevölkerung entsprechen. Wir haben aber allen Grund, zu vermuthen, daß es sich überhaupt nur um zwei jüdische Kinder handelt, um jene nämlich, die in Folge der Angaben der „eigenen Cultusgemeinde zurückgewiesen wurden". Anders ist nämlich die folgende, damit in Zusammenhang vorgebrachte Frage Dr. Pattai's nicht zu erklären: „Wer macht den Antisemitismus? Diejenigen, welche ohne den Unterschied des Volksstammes und des Glaubens arme, verlassene Kinder bei sich aufnehmen, oder diejenigen, welche sagen: „Lassen wir lieber die Kinder auf der Gaffe zu Grunde gehen, als daß sie eine christliche Erziehung erhalten". Daraus scheint uns klar hervorzugehen, daß die bewußten zwei Judenkinder nur unter der Bedingung ausgenommen wurden, daß sie eine christllche Erziehung erhalten, und dann erklärt es sich auch, daß sie „nach den Angaben der eigenen Cultusgemeinde" zurückgewiesen wurden. So darf aber, wenn von einer alle Menschen ohne Unterschied des Glaubens umfassenden Nächstenliebe die Rede sein soll, die Alternative nicht gestellt werden: Entweder aus der Straße zu Grunde gehen oder christliche Erziehung. Vielmehr ^soll man kein'einziges armes "Kind^ weder ein christliches noch ein jüdisches, zu Grunde gehen lassen, sondern sich seiner annehmen und jedes in seinem Glauben, sei es im christlichen oder im jüdischen, erziehen. Erklärt der Verein „Kinderschutzstationen" sich als eine nur für christliche Kinder berechnete Institution, so ist ja dagegen nichts zu sagen. Das Mäntelchen der interkonfessionellen Nächstenliebe zur Schau tragen und doch nur in einem einseitig eonfessionellen Sinne wirken, das ist jesuitische Methode. Dieser Beigeschmack von Jesuitismus haftet auch der in derselben Versammlung gehaltenen Rede des Magistratsdirectors Dr. Weißkirchner an, der unter Anderem sagte: „Es wird von einem Elberfelder System gesprochen. Erziehen wir die Bevölkerung zu dem Wiener System der Armenpflege, gegründet auf christliche Nächstenliebe und umfassend Alle, die guten Herzens sind." Die Nächstenliebe, Herr Dr. Weißkirchner, wie sie das 'Evangelium lehrt, ist aus der Religion des Judenthums in die neue Lehre hinübergenommen worden. Die Nächstenliebe in ihrer Reinheit ist im universellsten und edelsten Sinne menschlich. Die christliche Nächstenliebe, im Sinne des Evangeliums gedacht, ist mit dem Hasse und mit der Verfolgung Andersgläubiger unvereinbar, und es stellt die Verhöhnung eines erhabenen Gedankens dar, wenn ein Antisemit von christlicher Nächstenliebe spricht: „Alle, die guten Herzens sind." Gehören da der Ernst Schneider, der Gregorig und die ihnen verwandten Geister auch dazu? Den Glanzpunkt, wie in allen clericalen Versammlungen, bildete auch bei den Kinderschutzstationen eine Rede des Doctor Lueger, der unter Anderem sagte: „Wir nehmen den Anderen nicht ihre Religion, wir lassen uns aber auch die unsere nicht nehmen." Das ist nicht wahr, Herr Dr. Lueger! Indem Sie und Ihre Partei jüdische Mitbürger um ihres Glaubens willen in ihren bürgerlichen Rechten und in ihrer Existenz unterdrücken, stellen Sie dieselben vor die Wahl, entweder ihren Glauben zu verleugnen und zu verlaffen oder alle die schweren Nachtheile, die ihnen aus ihrem Glauben erwachsen, zu ertragen. Aller Spott und Hohn, alle Beschimpfungen und Verdächtigungen, alle Ungerechtigkeit und alle Zurücksetzung, die die antisemitische Parteiherrschaft den Juden bereitet, kennzeichnen die Humanität und die Toleranz, mit der da geflunkert wird, als Heuchelei.

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