Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-02-06 · 6 (6.2.1903) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
6 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021493-3021500--12432-3037026
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 82 Vr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 6 Wenn dagegen der Fortschritt der deutschen Kriminalistik sich gerade auf diejenigen Verbrechen bezieht, welche am meisten den Charakter der R o h h e i t, der G e m e i n h e i t, der B e st i a l i t ä t an sich tragen, so müffen wir bekennen, daß das Königreich Sachsen leider au diesen Verbrechen seinen vollen Antheil hat. In den Fällen des Widerstandes gegen die Staatsgewalt, der Beleidigung, der Körperverletzung, der Sachbeschädigung, in den Vergehen wider die persönliche Freiheit ist keine Verminderung eingetreten, und in der Zahl der Sittlichkeitsverbrechen steht Sachsen noch immer über dem Durchschnitte des Deutschen Reiches." „Und wollte Jemand noch weiter einen Einblick in die sittlichen Zustände unseres Volkes gewinnen, so brauchte er nur sein Ohr der Kirche zu leihen, wie sie unaufhörlich klagen muß über den Verfall des Familienlebens, über die Unbotmäßigkeit der Jugend, über die im Gefolge einer maßlosen Vergnügungssucht einbrechende Rohheit, Gemeinheit und Oberflächlichkeit, über die völlig ungenügende Ausgestaltung des kirchlichen Lebens in allen denjenigen Orten, welche ihr Wachsthum der jüngsten Zeit verdanken; brauchte nur die Klagen der Dienstherrschaften anzuhören, welche sich von Tag zu Tag eine größere Anmaßung der Dienstboten gefallen lassen müsien, brauchte nur sein Ohr den Unternehmern zu öffnen, wie sie ohne Aufhören über die wachsenden Ansprüche und die Unzuverlässigkeit ihrer Arbeiter klagen, und umgekehrt der Arbeiter, wie sie die heftigsten Vorwürfe gegen ihre habsüchtigen, tyrannischen und ungerechten Herren schleudern, brauchte nur einen Blick hineinzuwerfen in die Spalten unserer Tageblätter, welche von den Ankündigungen zahlloser Schankstätten und Tanzlocale wimmeln, welche in ihren Localnachrichten von nicyts zu erzählen wissen, als von den niedrigen Unterhaltungen der wie Pilze aus dem Boden aufschießenden Vereine und den faden oder unsittlichen Zerstreuungen der sogenannten Volksfeste, und ihren Jnseratentheil zum Abladeplatz von allerlei schlechten Scherzen heravwürdigen, brauchte nur diese täglich wiederholten, öffentlichen Ehrenerklärungen, aufgehobenen Verlobungen, widerlichen Streitereien zu verfolgen, und dann diese abscheulichen Rohheiten, diese aufgelösten Versammlungen, verbotenen Vereine, unterdrückten Druckschriften, anaestellten Haussuchungen! Brauchte endlich nur einmal in dieses tolle Treiben des Volkes selbst hineinzuschauen mit seinem geistlosen Spott, seinem buntscheckigen Vereinswesen, seiner zügellosen Sucht, unaufhörlich Feste anzustellen — wahrlich, dann wird er gestehen müssen, daß er von christlichem Ernst, sittlicher Tüchtigkeit, Selbstverleugnung und Begeisterung für das Große und Hohe wenig, dagegen von niedriger Gesinnung, Albernheit und sittlicher Verlotterung sehr viel zu sehen bekommt, und er mag sich bei diesen Beobachtungen höchstens mit der Erfahrung trösten, daß es gemeiniglich nur die Oberflächlichkeit, Prahlerei und Narrheit ist, welche sich so dreist an's Licht hervordrängt, während die Tugend sich bescheiden in der Verborgenheit hält." „Sind nun etwa diese sittlichen Gebrechen unseres Volkes indem ihm eigenthümlichen Wesen begründet? Sind sie. eine natürliche Aeußerung des sächsischen Volkscharakters? Wer das behauptet, der macht den Schöpfer verantwortlich für die Sünden seiner Geschöpfe und schreibt auf Rechnung des Allheiligen die zahllosen Leiden, welche aus unseren Thorheiten entspringen. Niemals kann irgend ein Laster aus dem besonderen Wesen eines Volkes unmittelbar erklärt werden: es mag vielleicht sein, daß die besonderen Eigenschaften seiner Natur gewissen Verirrungen vorzüglich zugeneigt sind, allein die Weisheit und Liebe des Allerhöchsten hat uns mit allen Waffen ausgerüstet, auch unseren gefährlichsten Feinden Widerstand zu leistcu. Wenn die gegenwärtige sittliche Signatur des sächsischen Volkes eine gewisse Charakterlosigkeit ist, die sich zuerst in dem Sichverlieren in allerlei niedrige, kleinliche und nichtige Dinge offenbart, welche im weiterenVerlaufe eine bedauerliche Verlotterung der Familienyrdnungen, eine rühmlose Unzuverlässigkeit in den Pflichten gegen Beruf, Kirche und Staat nach sich zieht, und welche am letzten @ttbe eine völlige Auflösung der sittlichen Kraft, Umsturzgedanken und Selbstvernichtung zur Folge hat, so müssen wir diese trauttgen Thatsachen vielmehr einer unrichtigen Erziehung zuschreiben, welche es nicht versteht, die edlen Eigenschaften des Menschen zu erwecken und seine schlimmen Neigungen zu bekämpfen." Neben diesen Erscheinungen, durch welche das antisemitische Königreich Sachsen sich auszeichnet, hat man Wahrnehmungen gemacht, die noch mehr zum Nachdenken geben. Eine dieser Wahrnehmungen, welche höchstes Erstaunen erregen, ist, daß das Heer in hohem Grade socialistisch verseucht sei, daß die monarchische Gesinnung in der Armee Manches zu wünschen übrig lasse und daß man einer verkappten Agitation gegen den Fahneneid auf der Spur sei. Eine Meldung der „Germania" vom 11. April 1894 lautete wörtlich: „Die Regierung habe an die Verwaltungsbehörden und Gemeindevorstände ein vettrauliches Circular ungefähr folgenden Inhalts gerichtet: Die sächsische Armee sei mit socialistischen Elementen mehr verseucht, als der Regierung lieb sei. Die monarchische Gesinnung lasse in der Armee Manches zu wünschen übrig. Einer verkappten Agitation gegen den Fahneneid sei man auf der Spur. Das Circular fordert zur Ueberwachung und Anzeige von des Socialismus verdächtigen Dienst- oder Stellungspflichtigen auf". Die „Germania" fragt ironisch, ob man die Socialisten in eigene Regimenter stecken oder sie gar aus der Armee ausschließen wolle; in letzterem Falle würden „bald die Recruten nicht langen". Wie, in einem Lande, in welchen den ethischen Gefühlen in einer solchen Weise Rechnung getragen wird, daß man sogar das Schächten verbietet, sollte das Bedürfniß nach einem Umsturz der Regierungs- und Gesellschaftsform vorhanden sein? Und das wird noch unbegreiflicher, wenn man erfährt, daß im Königreiche Sachsen alle jene Verhältnisse fehlen, welchen die Antisemiten sonst die ökonomische und sittliche Nothlage zuschreiben. Das Königreich Sachsen gehört zu jenen Landestheilen Deutschlands, welche die wenigsten jüdischen Bürger zählen, — auf 1000 Einwohner kaum ein einziger Jude. Beamtenschaft, vom Amtshauptmann bis hinunter zum Weichensteller, Briefträger, Trichinenbeschauer, Jrrenwärter, kein einziger Jude. Man erfuhr das von dem Regierungsblatte, der „Leipziger Zeitung", welche gelegentlich mit Genugthuung constatirte, daß Sachsen sich bis jetzt gegen die verderblichen Einflüsse des Judenthums vortrefflich zu schützen gewußt hat, daß kein Jude im sächsischen Staatsdienste und kein maßgebendes Geldinstitut in jüdischen Händen ist. „Praktischer Antisemitismus." „Alle Parteien, mit Ausnahme der radicalen, berathen jetzt antisemitische „Programme". Die sächsischen Conservativen haben es vorige Woche gethan, die ostpreußischen Conservativen sind ihnen gefolgt, die deutschconservative Partei im Reich will es heute thun, die „antisemitische Volkspartei" hat Anfangs dieser Woche getagt und selbst die nationalliberale Partei Sachsens hat am Sonntag einen Beschluß gefaßt, der unter feierlichem Protest gegen die antisemitische Bewegung nichts Anderes war, als eine, wenn auch noch so verschämte, antisemitische Resolution.^ .... ...... . ...... .. ... . ... „Sonderbar! Kein Staat in Deutschland hat sich bisher so trefflich gegen die verderblichen Einflüsse des Judenthums zu schützen gewußt, wie das Königreich Sachsen und keine Stadt in Sachsen wiederum so wirksam, wie unsere gute nationalliberale Stadt Leipzig. NichtEinJsraelit ist unseres Wissens im sächsischen Staatsdienste und keines der maßgebenden Geldinstitute von Leipzig ist in jüdischen Händen. Von der Uebermacht des jüdischen Capitals, die in der Reichshauptstadt jedes laute Wort gegen „unsere israelittsche Mitbürger" verbietet oder mindestens als besonders preiswerthe Heldenthat erscheinen läßt, ist in der Stadt Leipzig nirgends etwas zu spüren und die gesellschaftliche Rolle des Judenthums ist hier gleich Null. Und das Alles, ohne daß hier zu Lande früher eine antisemitische Bewegung nach der jetzigen lärmenden Art zu bemerken gewesen wäre." „Wie kommt Das? Man denke doch hierüber gefälligst ein wenig nach, um zu begreifen, daß es wirklich keines schriftlich formulirten „Programmes" bedarf, um sich des unberechtigten Einflusses eines kleinen Bruchtheiles der Bevölkerung auf das Ganze mit Erfolg zu erwehren, wenn man nur ernstlich will. Es gibt eben Gebiete, auf denen man mit ungeschriebenen Gesetzen weiter kommt, als mit noch so schön formulirten „Programmen". (Nr. 142 der „Leipziger-Zeitung", vom 22. Juni 1892.)" Und dennoch hochgradige socialistische Verseuchung. Und dennoch die Finanz-Excesse Leipziger, Dresdner und anderer sächsischer Bankinstitute, welche weit und breit Schrecken und Verwüstung verbreiteten! Und dennoch wie aus einer Broschüre über „Die Lage der ländlichen Arbeiter in Vorpommern und Rügen" von Pastor H. Wittenberg erhellt, unter der ländlichen Bevölkerung sittliche Zustände, deren Lectüre wie eine Serie Zola'scher Romancapitel berührt. In dieser Schrift: „Die Lage der ländlichen Arbeiter in Neuvorpommern und auf Rügen", sagt Pastor Wittenberg selber auf S. 9: Der liebenswürdige Jude, der es (d. h. das Ersparte der Arbeiter. D. Red.) in Verwahrung nimmt, ist hier Gott sei Dank noch ein Wesen aus dem Fabelland. Wie sieht es nun denn mit der Sittlichkeit dieses Landstriches aus, in dem der Jude „ein Wesen aus dem Fabelland" ist? Es heißt dort: „Der Hofgänger männlichen wie weiblichen Geschlechts ist sich sehr wohl bewußt, daß er dem Arbeiter unentbehrlich ist, und nützt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.