Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 6 (6.2.1903)
- Date
- 1903-02-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021493-3021500--12431-3037025- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
»r. 6 Dr. Bloch S Iahrgarrs XX Centralvrgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. -Ak A. k. Postfparraffrn-Amt Clearing-Verkehr Nr. 610.976. Ledsrtion und Ndministratwr» Wir« IX/1, Verggalfe Nr. 39. Talephon Nr. 14.847. Wie«, 6. Fekrnar 1908. ~H' Erscheint jeden Freitag. —->>- - Brief-Adreffe: Wien, IX/1» Berggasse 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. *= »rrugsPrri» für Oesterreich Halbjährig 8 Krone«. Einzelexemplare 50 Helle«. Für'» Xsatoib: Halbjährig 10 Krone». Ganzjährig 30 » Anzeigen: Die 4mal gespalte« Detitzeile 24 Helle«. M- Jnhalt: Leitartikel: Germanische Sittlichkeit im antisemitischen Königreich Sachsen. — Die Wiener communale Dienstvermittlung. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Verurteilung wegen der Ritualmord-Lüge. — Wilhelm von Humboldt über die Juden-Emancipation. — Correspondenzen: Wien, Reichenberg, Horazdowitz, Klattau, Pilsen, Rokitzan, Czernowitz. Der altrussische Lehrercongreß für die jüdischen Lehrer. London, New-Dork. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien, Brünn, Haag, London. — Feuilleton: Drei R. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Germanische Sittlichkeit im antisemitische« Königreich Sachse«. . Die Tragödie im sächsischen Königshause droht nach deutlichen Anzeichen einen katastrophalen Charakter anzunehmen für die sächsische Dynastie und die Selbstständigkeit des Königreiches. Die Absicht des Kronprinzen, auf die Thronfolge zu verzichten, wurde officiös in Abrede gestellt, bildet aber trotzdem den Gegenstand ernstester Erwägungen und wird sich früher oder später in Folge der Ehe-Irrungen der Kronprinzessin als unvermeidlich Herausstellen. Sachsen hat sich aber seit je im Deutschen Reiche ausgezeichnet durch sein vorzüglich antisemitisches Regime. Es ist eine eigentümliche Erscheinung, daß gerade in Sachsen, dem Lande, das eine sehr kleine Zahl von Juden besitzt (etwas über 9000), die Wiege des Antisemitismus gestanden hat. Trotzdem der sächsische Racenantisemitismus den Cultus des reinen Arier- und Germanenthums wieder geweckt hat, ist das Land selber sittlich das tiefstehendste in ganz Deutschland, der beste Beweis, daß der Verfall der Sittlichkeit direct im Zusammenhang steht mit dem Judenhaß, wie ihn die Antisemiten propagiren. Eine Broschüre des Diakonus in Waldenburg, Guido Wächter, betitelt: „Die sociale Gefahr in Sachsen". (Glauchau 1837, bei Arno Peschke) gibt ein geradezu trostloses Bild von den Zuständen in Sachsen. Wächter schreibt (S. 2 ff.) „Die Statistik der Volkssittlichkeit liefert uns in der That den Beweis, daß unser Volk gerade an seinen heiligsten Besitzthümern die schmerzlichste Einbuße erlitten hat. Mit Recht führt das Evangelische Landesconsistorium in seinen amtlichen Kundmachungen über die sittlichen Zustände des Landes die ungeheuere Zahl der S e l b st m o r d e vor Allem auf die Zerstörung des inneren, religiösen Haltes zurück. Der Selbstmord bildet einen dunklen Punkt im Leben des sächsischen Volkes. Die Statistik desselben hat uns unter allen Völkern der Erde einen Vorrang eingeräumt, wie er trauriger nicht gedacht werden kann. Es macht den Eindruck der Erschlaffung aller sittlichen Kräfte, der Greisenhaftigkeit, der Verzweiflung an sich selber, wenn in einem Volke gerade dieses Laster epidemisch geworden ist. Und welcherlei äußere Umstände man auch angeführt haben mag, um jenen unheimlichen Wahn der Selbstvernichtung zu erklären, sie sind doch nicht im Stande, den dunklen Schatten, der dadurch auf unser Angesicht fällt, auch nur um einen Gedanken heller zu machen. Birgt nicht Rheinland und Westfalen eine ebenso lebhafte Industrie wie das Königreich Sachsen? Nähren diese Länder nicht eine ebenso dichtgedrängte Bevölkerung, wie unsere heimatlichen Fluren? Und gerade in jenen westlichen Provinzen des deutschen Landes steht die Selbstmordziffer auf einer sehr niedrigen Stufe; ein deutlicher Beweis, das es zwischen hoch gesteigerter Industrie und zahlreicher Bevölkerung einerseits und dem Selbstmord andererseits keinen nachweisbaren Zusammenhang gibt." „Ebensowenig läßt sich mit den angeführten äußeren Umständen die große Zahl der unehelichen Kinder erklären, welche dem Königreich Sachsen ebenfalls einen wenig rühmlichen Vorrang vor den meisten anderen deutschen Ländern einräumt. Welch ein trauriges Zeichen von dem Verfall der sittlichen Zucht und Ehrbarkeit, von der Lockerung der Familienbande und der Zerstörung der häuslichen Ordnung, und zugleich welch beschämendes Zeugniß für die Charakterlosigkeit und Unritterlichkeit der männlichen Jugend, wenn von hundert geborenen Kindern nicht weniger denn zwölf oder dreizehn der Wohlthat eines geordneten, ehrenhaften Familienlebens entbehren müssen. Hat es eine Zeit lang geschienen, als ob in diesem Punkte der Volkssittlichkeit eine Besserung eintreten sollte, so ist diese Hoffnung durch die Erfahrungen der jüngsten Zeit wieder zu Nichte geworden. Und wenn etwa jemand zur Entschuldigung des gerügten Lasters abermals geltend machen wollte, daß dasselbe durch die Lockerung der Familienbande und den allzufreien Verkehr der Geschlechter, wie er mit der fortschreitenden Fabriksindustrie verbunden sei, nothwendig hätte herbeigeführt werden müssen, so genügt es schon, darauf aufmerksam zu machen, daß es gerade die landwirthschaftlichen Districte sind, in welchen die meisten unehelichen Kinder geboren werden, während die vorrückende Industrie den geschilderten Uebelstand im Gegentheil mehr und mehr zu verdrängen scheint." „Ein sehr lehrreiches Licht fällt auch durch die Ziffer der gerichtlich anhängig gemachten Klagen auf Ehescheidung auf das Familienleben eines Volkes. Leider fehlen uns hier die zum Vergleich mtt anderen Ländern nothwendigen Zahlen; wir lesen nur, daß z. B. in Kaffel auf 29.340 Einwohner im Jahre 1882 eine Ehescheidung gekommen ist, in Bamberg auf 25.550 Einwohner, in Köln auf 20.935 Einwohner, während in Dresden schon auf 3077 eine solche entfällt. Die sächsische Hauptstadt wird in dieser Beziehung nur von derjenigen Preußens übertroffen." „Es ist bekanntlich nichts heikler, als auf Grund von statistischen Unterlagen Urtheile über den sittlichen Zustand eines Volkes zu fällen. So könnte z. B. Jemand behaupten, daß wir gerade hier in Sachsen im Gegensatz zu anderen Ländern uns in einem höchst erfreulichen, sittlichen Aufschwünge befinden. Er könnte darauf Hinweisen, daß im Königreiche Sachsen die Verurtheilungen seit 1883 beständig abgenommen haben. Allein diese Verminderung betrifft hauptsächlich die Verbrechen gegen das Eigenthum, welche wir mit Recht als eine natürliche Folge des wachsenden Volkswohlstandes ansehen können.