Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 5 (30.1.1903)
- Date
- 1903-01-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 76 Dr. Blvch's Wochvnschrifl. Nr. 8 Constantinopeler Briefe. I. In der Aera des Dampfrosses und der ElektricitäL dürfte es als höchst auffallend bezeichnet werden, daß so selten ein Echo vom jüdischen Gemeindeleben unserer Stadt nach Europa hinüberschallt, während man doch sonst, Dank der in erfreulicher Weise wachsenden Zahl der jüdischen Zeitungen, über das jüdische Leben und Weben, Wirken und Schaffen auch der entlegensten Gegenden, in denen unsere Glaubensgenossen wohnen, ziemlich au eom-aut ist. Ohne über die Ursachen hiervon auch nur ein Wort zu verlieren, will es Schreiber dieser Zeilen versuchen, in mehreren, mit gütiger Erlaubniß der löblichen Redaction, an dieser Stelle zu veröffentlichenden Briefen diese fühlbare Lücke möglichst auszusüllen. Den Anfang mache unsere Synagogengemeinde „Or- Tkorah-Askenazim“. Obgleich die jüngste, erst zwei Jahre alt, verdient sie wegen ihrer ersprießlichen Thätigkeit und segensreichen Wirksamkeit in erster Linie genannt zu werden. Ihr Dasein verdankt sie der Initiative einiger angesehener Herren, deren Verdienste um die deutschsprechenden Juden Constantinopels mit goldenen Lettern in den Annalen aller hiesigen Gemeinden und Vereine verzeichnet sind. Es sind dies die Herren: R. Hamburger, M. Packer, Henri G. Reisner, Jakob Schapirer, Hoflieferant Seiner Majestät des Sultans, Victor Schwarz, Dr. Wellisch und Andere, welche gegenwärtig noch an der Spitze der Synagogengemeinde stehen. Das Hauptprincip, um das es sich bei der Gründung derselben handelte, war die Anstellung eines deutschsprechenden geistigen Oberhauptes, das ein nothwendiges Desiderium der Stadt war. Daß sie damit einem allgemeinen Bedürfnisse unserer deutschsprechenden jüdischen Colonie nachgekommeu sind, beweist der warme Anklang, den ein von geuauuten Herren an alle Schichten der Bevölkerung gerichteter Appell gefunden hat, beweist die große Begeisterung mit welcher der gewählte Rabbiner Se. Ehrwürden Herr Dr. Marcus in seine Functionen eingeführt wurde, beweisen auch das stete Wachsen der Gemeinde, sowie die immer zunehmende Anzahl der Verehrer des Rabbiners. Derselbe wirkt nämlich weit über den engen Kreis seiner Gemeinde hinaus, so daß fest seiner Anstellung die Indolenz allmälig schwindet und frisches Leben auch in den übrigen Gemeinden am goldenen Horn pulstet. Daß es dabei nicht ohne Kämpfe abgehen konnte, ist bei der geringen und verschiedenartigen Bildung, die unter den hiesigen, aus allen Herren Ländern hier angesiedelten aschkenasischen Juden besteht, fast natürlich. Das zweifelsohne nützliche Unternehmen, das den Einen recht und billig war, brachte die Anderen in Harnisch, die Alle wie ein Manu dagegen kämpften. Aber die Wahrheit scheint zu siegen — man gewöhnt sich allmälig an die Thatsache, daß ein Rabbiner für eine regelrechte Gemeinde unentbehrlich sei. Was aber dieser jungen Gemeinde noch außerdem Glanz und Würde verleiht, ihr großen Erfolg und eine sichere Zickunft verspricht, ist die von ihr geleitete hebräische Lehranstalt „Or-Tliorah“, um welche uns manche Gemeinde beneiden dürfte. In dieser Schule, die von Herrn Hirschensohn, einer wohlbewährten Kraft, geleitet wird, ist nämlich Hebräisch als Unterrichtssprache eingesührt. Die Zöglinge erzielen. Dank der rationellen Unterrichtsmethode, fabelhafte Erfolge. Durch die eingeführte sephardische Aussprache, welche sowohl aus grammatischen Gründen als auch des Wohlklanges wegen den Vorzug bekam, zog diese Lehranstalt die Aufmerksamkeit auch der Sephardim auf sich, so daß der Großrabbiner das Ehrenpräsidium derselben übernommen uud ste letztens, Dank der Bestrebungen des für idealistische Zwecke unermüdlichen obbenannten Herrn Reisner, auch in Sr. Excellenz Jacques Bey de Leon den größten Würdenträger des türkischen Reiches unter den Juden eine kräftige Stütze gewonnen. Ein anderer Vorzug dieser Schule besteht darin, daß in derselben das Türkische regelrecht und systematisch betrieben wird und demnächst auch das Deutsche eingeführt werden soll, im Falle die vom Auslande in Aussicht gestellte Unterstützung sich bewahrheiten sollte. Die Spesen der Lehranstalt werden nur zum geringen Theile von Schulmitgliedern gedeckt, während der größte Theil durch einen alljährlich stattfindenden Ball herbeigeschafft werden muß. Hier sind es nun wiederum die obenerwähnten Herren, welche eine bewundernswerthe Thätigkeit entfalten. Erwähnt zu werden verdienen noch außerdem der jüngst zum ottomanischen Viceconsul zu Genua ernannte Herr Dr. Emil Rosenfeld, Herr Salomon Bey de Leon und Herr Vitali. Der diesjährige Ball fand am 17. d. M. in den weiten Räumen des „Pera-Palace" statt. Trotz des hierzulande seltenen Schneegestöbers, das sich gerade in jener Nacht eingestellt hatte, erfreute sich der Ball eines zahlreichen Besuches, worunter man auch die obersten Spitzen der Stadt bemerken konnte, u. A. den Statthalter von Pera, Se. Excellenz Fehim Pascha, Divisionsgeneral, Se. Excellenz Jacques Bey de Leon rc. Ein Ton frohlockender Stimmung und dankbarer Aufregung ging durch dieSäle als Letzterer die erfreuliche Nachricht überbrachte, daß Se. Majestät der Sultan geruht hätte, dem Ballcomite Ltq 50'— für die Schule zu überweisen. Tiefgerührten uud dankerfüllten Herzens vereinigten sich alle Anwesenden zum Gebete, und es war ein ergreifender und erhabener Augenblick, als der Tanzsaal sich plötzlich in eine Andachtsstätte verwandelte und Jud' und Christ und Muselman gemeinschaftlich für den hohen, von weitgehendster Toleranz und umfassendster Menschenliebe durchdrungenen Monarchen beteten. Const antinop el, 22. Jänner 1903. Leon Gezelter. London. (Lord Pirbri ghtz) Das kleine Dorf.Pirbright, nach welchem der verstorbene Baron Henry de Worms den Lordtitel führte, befindet sich im Aufruhr gegen den anglikanischen Pfarrherrn, weil dieser beim Tode des Lord Pirbright nicht geduldet hatte, daß die Kirchenglocken geläutet werden. Der Pfarrer mußte den Schutz der Polizei gegen die Feindseligkeiten der Gemeinde anrufen, und fand dort eine Volksversammlung statt, um sein Verhalten zu verurtheilen. Durch eine einstimmig beschlossene Resolution protestirte die Versammlung gegen das unchristliche Verhalten des Pfarrers dem verstorbenen Wohlthäter der Gemeinde gegenüber und forderte ihn auf, zu resigniren. Lord Pirbright, der seinerzeit ein eifriger Förderer jüdischer, religiöser und philanthropischer Gesellschaften gewesen, hatte kurz vor seinem Tode die schriftliche Verfügung erlassen, daß er nach christlichem Ritus zu bestatten sei. Wilna. (Späte Reue und Nemesis.) Großes Aufsehen erregt in allen Kreisen Podoliens der Selbstmord einer jungen Frau, Tochter des dortigen reichen, jüdischen Gutsbesitzers I. Diamant. Vor einigen Jahren verliebte sie sich in einem christlichen Gutsnachbar, was sie bewog, zum Christenthume überzutreten, um die Frau des Mannes ihrer Wahl werden zu können. Nach kurzer Ehe verschied jedoch der geliebte Mann uud sie blieb Witwe. Da lernte sie einen ehemaligen Glaubensgenossen kennen, in den sie sich sterblich verliebte und seinetwillen zum Judenthume zurückkehren wollte. Doch dieser wollte von der Renegatin um keinen Preis etwas wissen. Das verbitterte ihr Gemüth, sie empfand wohl späte Reue, den Glauben für ein vorübergehendes Liebesglück preisgegeben zu haben, sie wollte ihren Fehler gut machen, indem sie ihrer angestammten Religion in der Person eines schönen, jungen Vertreters derselben ihre Huldigung und Verehrung darbringen wollte, und nachdem diese zurückgewiesen wurde, sich aus Gram darüber eine Revolverkugel vor den Kopf schoß. Chicago. In allen Kreisen hat die Nachricht von dem Ableben des Professors Gabriel B amb er g e r, der vor Kurzem hier verschieden ist, aufrichtige Trauer hervorgerufen. Gabriel Bamberger wurde im Jahre 184-5 in der Ortschaft Angerod in Heffen-Darmstadt geboren. Seine Eltern schickten ihn zuerst auf das Rabbiner-Seminar in Breslau, da er aber für die Theologie wenig Neigung zeigte, siedelte er nach dem Gymnasium