Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 20 (1903)
- Issue
- 5 (30.1.1903)
- Date
- 1903-01-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 5 Dr. Bloch's Wochsnschrifk. Sette 75 Sitten und Gebräuche so manches belehrende und ermahnende Wort gesprochen wurde, was jeden Juden, der in diesem Kronlande wohnt, nur mit Freuden erfüllen wird; Der Zweck dieser Zeilen ist, zu erwähnen, daß auch hier in Agram eine autonome orthodoxe Cultusgemeinde besteht, die mit jedem Tage an Mitgliederzatil zunimmt. Daß dem so ist, haben wir nur unserem frommen und von jüdischen Patriotismus beseelten Rabbiner Jacobi und unserem allgemein geachteten Cultusvorsteher Herrn Wilh. Engelsrath, wie auch Herrn Vice-Vorstand David Hochstädter zu verdanken. Wir haben hier täglich, Früh und Abend „Minjan"; jeden Abend wird zwischen dem Mincha- und Maariv-Gebet „Schir" gehalten, der „Almemor" steht in der Mitte, die Gebete werden ebenfalls nach althistorischer Sitte vorgetragen, und was würden Sie dazu sagen, wenn ich Ihnen berichte, daß diese kleine orthodoxe Gemeinde sogar eine „Mikwe" besitzt u. s. w. Leider ist noch die Seelenzahl etwas zu klein, uni ein eigenes Gotteshaus zu bauen, so werden jetzt die Gebete in einem gemietheten Local verrichtet, aber Dank dem eifrigen Bemühen unseres Rabbiners und unseres Cultusvorstandes schickt man sich eben jetzt an, ein eigenes Bethaus zu erbauen, wozu auch die ganze Gemeindevertretung mit Begeisterung alle mögliche Opfer bringen will, nur reichen leider, wie bereits gesagt, nicht die Mittel der Gemeinde dazu aus, um ein würdiges Gotteshaus hier erbauen zu können, und man wird gezwungen sein, an die milden Herzen unserer Glaubensgenossen zu appelliren. Doch hierüber das nächste Mal. E. Wrtm. Die Fremdenfrage in Rumänien. Im Lause des Winters sind in Rumänien mancherlei Kundgebungen veranstaltet worden, die der Welt beweisen sollten/ daß das Königreich an der unteren Donau mehr als je zuvor im Orient ein Element der Ordnung und für die Aufrechterhaltung des Friedens von größter Bedeutung ist. Die Zusammenkunft des Königs Carol mit dem Fürsten von Bulgarien, die Feierlichkeiten zur Erinnerung an die Heldenthaten der rumänischen Armee vor Plewna und die Anerkennung, welche Rumänien von allen Seiten zu Theil geworden ist, haben die Rumänen mit berechtigtem Stolze und berechtigter Genugthuung erfüllt. Trotzdem scheinen die führenden Männer des Volkes sich bedrückt zu fühlen, weil im Innern wie im Verkehr mit dem Auslande immer wieder eine Frage auftaucht, die zu lösen Niemand den Muth hat. Wir meinen die Frage wegen der Nicht-Ausführung des Artikel 44 des Berliner Vertrages, dessen Ausführung doch die Voraussetzung zur Anerkennung der Selbst- - ständigkeit Rumäniens war. Es nutzt den Rumänen nichts, wenn sie noch so oft erklären, daß die Frage wegen der Gleichstellung der rumänischen Juden mit den übrigen Rumänen eine rein innere Angelegenheit Rumäniens sei, es wird ihnen immer wieder von unparteiischer und selbst nahe befreundeter Seite vorgehalten, daß sie nicht früher zur Ruhe kommen werden, als bis sie ihren vor 23 Jahren übernommenen vertragsmäßigen Pflichten nachgekommen sind. Mannigfache Anzeichen deuten darauf hin, daß die Vorstellungen der amerikanischen Regierung und des Londoner Cabinets aus Anlaß des fremdenfeindlichen Handwerkergesetzes selbst auf diejenigen rumänischen Politiker, die bisher mit Entrüstung jede Einmischung von Außen zurückwiesen, Eindruck gemacht haben. Wenn auch die Nationalisten so thun, als ob sie sich um die Meinung der civilisirten Welt nicht zu kümmern brauchen, so haben doch alle verständigen Rumänen erkannt, daß sie in der einseitigen fremdenfeindlichen Gesetzgebung nicht weiter gehen können, ohne dem Lande selbst ernsten Schaden zu verursachen. Es ist den höchsten rumänischen Regierungspersonen von fremder amtlicher Seite aus den Kopf gesagt worden, daß das Handwerkergesetz ein barbarisches Gesetz sei und von allen civilisirten Nationen verurtheilt werde, daß man in keinem Lande des Westens den Handwerkern die Ausübung ihres Gewerbes untersagen oder einer arbeitsamen und intelligenten Bevölkerung, wie es die rumänischen Israeliten seien. Beschränkungen auferlegen werde. Verschiedene Führer der rumänischen Parteien haben gezeigt, daß sie eine Fortsetzung der bisherigen, gegen die rumänischen Juden gerichteten einschränkenden Gesetzgebung für unklug, wenn nicht für unmöglich halten, aber sie scheuen sich noch immer, die einzig wirksame Maßregel, nämlich die allgemeine und völlige Gleichstellung der rumänischen Juden mit den übrigen Rumänen, entsprechend der Bestimmungen des Berliner Vertrages, zu empfehlen und für die Annahme dieser Maßregel offen einzutreten. Den größten Widerstand leisten natürlich die Conservativen, aber auch unter ihnen finden sich bereits Leute, die an der Richtigkeit der bisher befolgten Politik zu zweifeln beginnen. Dabei kommen fie freilich, um Abhilfe zu schaffen, auf die seltsamsten Pläne. So hat jüngst die „Epoca*, das Blatt des Herrn Niku Filipesco, erklärt, daß die jüdische Frage ihre Schärfe verlieren würde, wenn die Zahl der Juden in Rumänien durch Auswanderung, die staatlich zu unterstützen wäre, um die Hälfte vermindert würde, worauf durch eine weitgehende Gesetzgebung die übrigen im Lande gebliebenen Juden befriedigt werden könnten. Ein absurder Gedanke, die Gewährung von Recht und Gerechtigkeit von einer bestimmten Zahl der Bevölkerung abhängig zu machen, denn es ist doch klar, daß 250.000 Juden — so groß ist etwa die Zahl der bei einer allgemeinen Naturalisation in Betracht kommenden Juden — unter einer Bevölkerung von 6 Millionen nicht so viel gefährlicher sein können als 125.000. Jedenfalls hängen der Mangel an Stabilität und die Corruption des rumänischen Beamtenthums, unter der die Bevölkerung, in erster Reihe eben die rechtlosen Juden zu leiden haben, nicht von der Zahl der im Lande lebenden Juden ab. Die Mißbräuche in der Verwaltung und die Fehler der Gesetzgebung, insbesondere in Betreff der Schulen und der Landwirthschaft, werden selbst von aufgeklärten Conservativen zugegeben. Der Einzige, der wenigstens in der Theorie offen für Recht und Gerechtigkeit auch gegenüber den rumänischen Juden eintritt, ist Herr Carp. weil er unbefangen genug ist die Fehler zu erkennen, die alle rumänischen Regierungen seit 20 Jahren gemacht haben. Auch er hat im Laufe dieser Zeit an der Spitze einer Regierung gestanden, allein dennoch keinen ernstlichen Versuch gemacht, die antisemitische Gesetzgebung des Landes zu ändern, wenn er auch während seiner Regierung die Tendenzen, welche von allen anderen Ministerien gepflegt worden sind, zu mildern versucht hat. Ec hat dabei freilich keine Unterstützung bei seinen eigenen Parteigenoffen gefunden. Herr Carp bedauert die Auswanderung der Juden, da fie das Land eines nützlichen Elementes der Arbeit und Production beraubt, und er theilt deshalb auch nicht die Ansicht seines Parteigenoffen Filipesco, der glaubt, daß durch eine Verminderung der Zahl der Juden ein Ausgleich herbeigeführt werden könnte. Unter solcher Umständen ist ein entschiedener Schritt zur Aenderung der bisherigen verfehlten Politik von den alten historischen Parteien Rumäniens nicht zu erwarten, zumal wenn sie. wie es auch die jetzige liberale Regierung thut, an den Urifinn einer auswärtigen Verschwörung zur Schädigung des rumänischen Credits glaubt und deshalb den Versuch macht, die heimischen Israeliten zu Kundgebungen gegen eine gerechte und darum der Regierung unangenehme Kritik seitens der auswärtigen Preffe zu veranlassen. Man wird doch in Bukarest nicht leugnen können, daß, wie günstig auch die budgetäre Lage durch die letzte gute Ernte und die Ersparnisse des Ministeriums Sturdza geworden ist, doch die ökonomische Lage keine Zeichen der Befferung aufweist. Kein neues Unternehmen ist entstanden, das zur Belebung des Handels und der Industrie beitragen könnte und auch die Krise im Baugewerbe ist noch nicht vorüber; das fremde Capital zeigt sich nach wie vor mißtrauisch, eben weil noch keine Aenderung in der fremdenfeindlichen Gesetzgebung eingetreten ist. Aus sich heraus aber kann der Rumäne, ohne Hilfe von Außen, die reichen Hilfsquellen des Landes nicht entwickeln, wie geduldig und opferbereit er auch sonst sein mag. Eine Befferung der Verhältniffe ist also nur von einem Preisgeben der bisherigen fremdenfeindlichen Politik zu erwarten. Das erkennen auch, wie wir gesehen haben, die maßgebenden Personen an, allein fie haben noch nicht den Muth, offen für eine Aenderung einzutreten, da sie fürchten, dadurch unpopulär zu werden. Sie suchen deshalb durch mehr oder weniger vage Versprechungen an die fremden Regierungen, welche Vorstellungen erhoben haben, und an die Banken, die das nothwendige Geld beschaffen sollen, Zeit zu gewinnen, allein es wäre die größte Thorheit. wenn man sich darauf einließe. Im Gegentheil sollten die Mittel, die man bisher benutzt hat, um die Rumänen zur Erkenntniß ihres Unrechtes und zur Erfüllung ihrer Pflicht zu bringen, in verstärktem Maße angewendet werden, bis die Ueberzeugung von der Unhaltbarkeit der bisherigen fremdenfeindlichen Gesetzgebung vollständig zum Durchbruch gelangt. Wenn die Führer der politischen Parteien nicht den Muth haben, offen für eine Aenderung der gegenwärtigen unhaltbaren Verhältnisse einzutreken. könnte vielleicht König Carol, der erst jüngst geäußert hat. .daß etwas geschehen müsse*, den Anstoß zu einem Systemwechsel geben, den bereits viele Rumänen für nothwendig halten und der sicher im eigenen Jntereffe Rumäniens läge.