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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1903-01-30 · 5 (30.1.1903) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
20 (1903)
Issue
5 (30.1.1903)
Date
1903-01-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 5 Seite 71 Dr. Bloch's WochrnfttzrM verschwindende Minoritäten unter der Masse der umwohnenden Nationen. Beiden war das spröde und vornehme Verhalten gegen das Ausland nothwendig, weil sie in der Abwehr des' Fremden und der Vertheidigung ihrer Eigenart sich ihrer selbst bewußt und stark geworden sind. Beide haben in ihrer Absonderung etwas zu Stande gebracht, das an innerer Bedeutung über ihre nationale Selbstständigkeit weit hinaus reicht; beide haben uns ein Erbe Hinterlassen von solchem Werth, daß sich noch heute die Völker darnach unterscheiden, wie weit es ihnen gelungen ist, dasselbe sich anzueignen, einen Schatz für die Menschheit, welcher verschüttet, vergessen, als abgethan weggeworfen, aber immer wieder hervorgezogen ist und immer neue Lebens- und Segenskraft bewährt hat." Auf die Hellenen mit ihrer künstlerischen Vielseitigkeit übergehend, findet Curtius, daß bei ihnen die reine Gottesidee wie eine verblaßte Erinnerung aus dem Vaterhause, eine inhaltseere Vorstellung gewesen sei, und bemerkt alsdann: „Dies wendet unfern Blick auf das andere der beiden Völker, das einzige neben den Hellenen berechtigte, sich mit stolzem Selbstgefühl der Menschenwelt gegenüber zu stellen, das geschichtliche Gegenbild der Hellenen. Was diesen fehlt, ist hier der Kern des Volksthums, das allein Sichere und Unbedingte. Hier ist kein Umhertasten und Suchen nach dem unbekannten Gotte, sondern ein Erfassen der Menschen durch die Gottheit; hier sind keine nebelhaften Ahnungen, sondern Thatsachen, kräftige Zeugnisse, und zwar nicht einzelne Lichtblitze, die wie Wetterleuchten die Nacht durchkreuzen, sondern ein in großem Zusammenhänge aus einfachen Grundlagen immer voller und inhaltsreicher sich gestaltender Bund zwischen Gott und den Menschen mit persönlicher Gegenseitigkeit, in welchem das ganze Leben des Volkes aufgeht. . . . Was hier vorliegt, ist etwas so Eigenartiges, daß es sich aus dem Entwicklungsproceß eines sich selbst überlassenen Volkes nicht erklären läßt, und je weitere Umschau der Wissenschaft gestattet ist, um so mehr Analogien finden wir zwar, aber nichts, was als eine genügende Vorstufe angesehen werden könnte. Zweitens: Was hier zu Stande gekommen ist, erst als ausschließlicher Besitz eines Volkes, dann, wie die Bildung von Hellas, das enge Gefäß sprengend und vereinigt und vervollkommt, wie ein Lebensstrom in alle Welt hinaus fluthend — das ist die Grundlage aller höheren Gotteserkenntniß, die noch heute auf Erden zu finden ist; das ist neben Wissenschaft und Kunst, in denen wir den Hellenen folgen, die zweite weltbewegende Macht, und die ganze Entwicklung menschlicher Bildung hängt davon ab, wie sich die beiden Mächte zu einander verhalten." Indem er die Schlüsse aus diesen geschichtlichen Beobachtungen zieht, spricht der gefeierte Historiker mit einer Gluth von der Macht des Glaubens, welche die religiös Empfindenden aller Confessionen wohlthuend berühren muß und von den Skeptikern und Stürmern beherzigt werden sollte: „Dem Menschenherzen ist das Bedürfniß eingepflanzt, seines Gottes gewiß zu sein, und es ist eine Kraft vorhanden, ihn persönlich zu ergreifen. Es ist eine Kraft, durch welche die höchsten Leistungen, deren Vas menschliche Wesen fähig ist, zu Stande gekommen sind, die vollständige Ueberwindung der materiellen Welt, die freudigste Hingabe von Gut und Blut, der höchste Triumph des freien Menschengeistes; es ist die Kraft, in welcher Gefühl, Erkenntniß und That am vollkommensten sich durchdringen, die Kraft des Glaubens. Wie arm wäre die Menschengeschichte, wenn ihr das Heldenthum fehlte, das in dieser Kraft wurzelt! Jeder Forscher geht ihren Spuren emsig nach, die Kunst kennt keine höhere Aufgabe, als ihr Wirken darzustellen; sie ist die Quelle der reinsten Poesie, und für unser Leben sollte sie etwas Gleichgiltiges sein, in uns sollte sie fehlen können, ohne daß ein Mangel an humaner Ausbildung fühlbar würde, eine Schwäche, ein wesentliches Unvermögen? Das kann ich nicht glauben, so gern man auch die Sache umkehrt, so häufig es auch Vorkommen mag, daß, um in einem Gleichnisse zu reden, ein Adler, dem die Schwungfeder erlahmt ist, seine Genossen zu überreden sucht, daß es das allein Vernünftige sei, Schritt für Schritt auf festem Boden einherzugehen, anstatt mit keckem Selbstvertrauen in die Höhe zu fliegen." Wilhelm v. Humboldt über die Audeu- Gmauripatio«. Wilhelm v. Humboldt hat als preußischer Unterrichts- Minister Gelegenheit gehabt, zu der Reform der bürgerlichen Verhältnisse der Juden Stellung zu nehmen. Diese Stellungnahme erfolgte in einem Gutachten, welches durch Bruno Gebhardt*) zum erstenmale in voller Ausführlichkeit mitgetheilt wird. Veranlaßt ist dasselbe durch eine von dem Kanzler von Schrötter ausgearbeitete „Constitution", welche, von der Anschauung ausgehend, daß die spärlichen, bis dahin seit Mitte der Achtziger-Jahre des vorigen Jahrhunderts den Juden in Preußen gewährten Menschenrechte zu Mißständen Anlaß gegeben hätten, eine Neuordnung mit der Tendenz anstrebte, „die Juden mit der Zeit zu nützlichen Staatsbürgern zu machen". Diese Constitution wurde nach Schrötter's Ausscheiden durch den Minister des Innern v. Dohna den verschiedenen Behörden zur Begutachtung vorgelegt und gelangte so auch an Humboldt, dem sie Anlaß zu einer umfassenden und umfangreichen Abhandlung bot. lieber Tendenz und Inhalt dieses interessanten, bedeutsamen Actenstückes geben die Ausführungen Gebhardt's (S. 313 ff.), die wir folgen lassen, klare und erschöpfende Auskunft: »Die gegenwärtige Lage der Juden unter uns", so beginnt er seine Denkschrift, .welche aufzuheben das große Problem jeder Gesetzgebung über die Nation ist, gründet sich auf Ursachen und steht mit Umständen in Verbindung, auf welche wesentlich und radical zu wirken außer der Macht jedes einzelnen Staates liegt. Drei Merkmale zeichnen, vorzüglich in ihrer Verbindung, die Juden von allen Völkern des Alterthums aus: ein ursprünglich nomadisches, aber auch nachher noch oft, bald aus Noth, bald freiwillig, herumwanderndes und nicht selten fremder Herrschaft unterworfenes Leben; eine kirchlich-politische Berfaffung, in welcher die Religion fast ganz als Null aufging; und ein System der durch ein äußeres und zwar (wodurch sich die religiöse Berfaffung als politisch charakterisirt) nur beim männlichen Geschlecht anzubringendes Zeichen bekundeter Absonderung selbst von denjenigen, in deren Mitte sie lebten. Diese drei Eigenschaften verschmolzen in dem eigentlich alle Weltbegebenheiten leitenden und in sich nie ganz zu entziffernden Nationalcharakter, der bei den Juden vorzüglich in altväterlicher Beharrlichkeit an der Urfitte und merkwürdiger Kraft passiven Widerstandes besteht, und verbunden mit den christlichen Ideen, nach denen Judenthum und Christenthum von der einen Seite als zu einer Claffe gehörig, von der anderen als in zwei entgegengesetzte, gespaltene angesehen werden, und wodurch das damals schon sehr unbedeutende lüdische Volk eine unverhältnißmäßige Wichtigkeit erhielt, haben die Juden zu dem gemacht, was sie jetzt noch unter uns find. Ihre Lage ist daher eine kirchlich-welthistorische und so merkwürdige Erscheinung, daß bereits von gewiß nicht schlechten Köpfen gezweifelt worden ist, ob fie sich überhaupt auf blos menschliche Weise erklären lasse." Humboldt beantwortet die Frage nach den Mitteln der Umwandlung dieser Lage in Beziehung auf jene drei Hauptursachen mit den Vorschlägen: Verschmelzung, Zertrümmerung ihrer kirchlichen Form und Ansiedelung. Allerdings meint er, solange diese Mittel nur von einem einzelnen Staate versucht werden, wirkt die Verschmelzung nie kräftig genug, und in den religiösen Ideen wird der Contrast zwischen Christen und Juden nothwendig fortdauern, bis man überall aufhört, sich das Christenthum auf der untergeordneten Stufe des Gegensatzes zum Judenthum zu denken. Die Gesetzgebung eines einzelnen Staates wird diese Schwierigkeiten nie ganz überwinden, doch ist jede unleugbar in *) Wilhelm v. Humboldt als Staatsmann. Von Bruno Gebhardt. Erster Band. Bis zum Ausgange des Prager Congreffes. Stuttgart 1696, Cotta.; «

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